Pierre Pachet
Pierre Pachet (1937–2016) war ein französischer Schriftsteller und Literaturkritiker, dessen vielschichtiges Werk es in Deutschland noch zu entdecken gilt. Nach Studien über Baudelaire, über den Schlaf und das Träumen, das Tagebuchschreiben sowie über Literatur aus Osteuropa wurde er bekannt durch sein Buch Autobiographie de mon père (1987), in dem er – aus der Ich-Perspektive – die Lebensgeschichte seines in Tiraspol (in der heutigen Republik Moldau) geborenen und vor dem Ersten Weltkrieg aus Odessa nach Frankreich eingewanderten jüdischen Vaters Simkha Opatchevsky schildert. Mit diesem und seinen folgenden autobiografisch-essayistischen Büchern wurde er in Frankreich zum Vorbild einer neuen introspektiven Literatur (Emmanuel Carrère zählt u. a. zu seinen Bewunderern).
In den Conversations à Jassy, die im Zuge eines Aufenthalts in der Stadt im Jahr 1996 entstanden, begibt sich Pachet auf die Suche nach dem Herkunftsland seines Vaters und auf die Spuren der Welt der Juden aus der Bukowina und Bessarabien, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Die titelgebenden Gespräche, die er mit Freunden und Bekannten an verschiedenen Orten der Stadt führt, kreisen sowohl um deren bedeutende jüdische Geschichte als auch um die kommunistische Zeit und das Verhältnis der Rumänen zur gerade aufgelösten Sowjetunion. Stets geht es dabei um die Frage, wie die Vergangenheit in der Gegenwart weiterwirkt, in der Stadt spürbar ist. Mit der Beschreibung von Straßenhunden, Betonbauten und Zentralheizungen entsteht zugleich das Porträt einer Stadt, die einst, ähnlich wie Karl Schlögel bezüglich Czernowitz und Lemberg hervorgehoben hat, ein Zentrum Mitteleuropas war, ehe sich der Eiserne Vorhang davor senkte.