https://doi.org/10.82486/sp.2023.12.1111

Herbstfäden

I

Zeit der Falter und Wespen
der Äpfel und ersten Nebel
somewhere between summer and fall
und ja, das Fallen ist sichtbar
von Früchten und Blättern
während die Fäden sich spinnen
ins Helle Taube Transzendente
und weiter
zum Strand von Odessa
ans Asowsche Meer
in Schützengräben
verrohte Wäldchen
zum Himmel der keine Gnade kennt
vermint die Felder des Donbass
und Verlass auf nichts
fliegt das Gras auf
explodierst du mit
geht die Sonne in Deckung
kreisen Drohnen
und feinfaserige Laute
werden zum Knall
durchgebrannte Sicherungen
allüberall
ein Aufwachen mit Bleigewicht
an den Beinen
das ausgedünnte Leben
hält Ausschau
zwischen Rauchwolken
und Leichensäcken
da: ein Vogelschrei!
nichts deutet auf Kohärenz
im wirren Dickicht
die Lichtflecken schrumpfen
die Farben zögern
statt Leuchtkäfern ein Panzerwrack
und fieberndes Warten
was wird? was kommt?
ein tektonischer Rutsch
zum Besseren?
sonnenbrillenlos das Los
in limbo
ohne Honig und Wein
nur ein Fitzelchen Hoffnung
ragt heraus
wie kobaltblaue Fäden
aus etwas längst Geheiltem

II

Die Astern sind im Zustand der Neurose
knallig bunt
und sehen nur sich selbst
der Himmel feiert transzendente Bläue
die eingekeilten Wünsche rufen: Jetzt!
denn Abschied naht
bald schleicht das Licht
sich aus Gardinen Büschen
was hochkant war
versinkt in Beeten
Sümpfen
und kein Gebet hält stand
Dauer löst sich auf wie Intervalle
auf lauten Sohlen
rollt der Panzer
raubt den Kindern den Verstand
Provinzbahnhöfe rotten vor sich hin
die Motten aber fliegen aberrant
es riecht nach Friedhof
süssem Tand
ein bisschen Marmelade
am Wegrand Fenchel Klee
und keiner fragt
wie Weinen geht
wie Kapitulation
und was es heisst
den eignen Schatten totzuprügeln
die Blumen zeichnen Diagramme
das genügt
genügt es wirklich
wenn die Kehle brennt?
blühen krümeln
überstehen
was fallen muss
das fällt

III

Wo anonym die Äpfel liegen
kommen Fuchs und Pferd
Hunger im Gesicht
der verwilderte Garten
das verlassene Haus
Malwen wie Phantomschmerz
ein entstellter Brunnen
Nattern drumherum
und eine Rose
lose rot
es war einmal ein Glück
zwischen frisch gemähtem Gras
gefütterten Mündern
und stillen Nächten
zwischen Johannisbeerstauden
Brotgeruch und Salbei
vorbei
viel Schlaf ist liegen geblieben
es rieseln Bilder vergangener Tage
irgendwo hin
zerstreutes Einerlei