Der historische Zeitstrahl kann nicht objektiv sein. Die lineare Entwicklung der Zeit in eine vielleicht prognostizierbare, aber weitgehend unbekannte Zukunft aus einer als »vergangen« betrachteten Vergangenheit ist eine grundlegende Fiktion, der die Geschichtsschreibung in Bibliotheken mit historischen Darstellungen immer entgegenarbeitet. Seit dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah sind über 80 Jahre vergangen, es wurden neue Staaten gegründet und einige sind wieder vergangen, viele der Überlebenden und der Täter und Täterinnen sind gestorben, andere Probleme sind in den Vordergrund getreten, das neue Jahrtausend hat begonnen … Aber diese nicht zu leugnenden Abläufe in der Zeit hegen Geschichte nicht ein, objektivieren nicht die tiefen Gräben zwischen oft nur wenige Jahre oder gar Monate auseinander liegenden Ereignissen, zwischen den räumlichen Disparitäten, zwischen ideologischen Bewertungen und Perspektiven, zwischen Generationen und Kulturen. Von daher rückt die Shoah auf dem Zeitstrahl objektiv weiter zurück, aber je mehr darüber an Wissen gewonnen werden kann, desto mehr wird die beunruhigende Gegenwart der Erinnerung selbst zum Gegenstand der Reflexion. Darüber hinaus bringt jedes neue Zeugnis, jedes neue Dokument, jede neu publizierte Erinnerung plötzlich aufs Neue eine Anknüpfung an die furchtbare Gegenwart des vor 80 Jahren Geschehenen. So kann aus der unmittelbaren heutigen Gegenwart ein Buch eine neue Perspektive eröffnen, die das Grausame des Geschehens in neues, bisher unbekanntes Licht taucht. Dies trifft auf Yvonne Livays Die Frau mit der Lotosblume in vielfacher Weise zu.
Yvonne Livay wurde in Zürich als Tochter einer Polin und eines aus Polen stammenden Schneiders geboren, zog mit ihrem israelischen Ehemann, der aus einer bereits vor dem Ersten Weltkrieg nach Palästina ausgewanderten Familie rumänischer Juden aus Moinești kommt, nach Israel, wo sie als Musiktherapeutin, Künstlerin und Dichterin hervortrat. Sie gehörte als jüngste Lyrikerin zu dem Kreis LYRIS deutschsprachiger Autoren und Autorinnen, zu denen unter anderem Paul Celans Jugendfreundin Ilana Shmueli oder der allmählich in seiner Bedeutung als Dichter ein Echo findende Manfred Winkler gehörten.
In Livays Familie hatte sich eine Schachtel erhalten, die sie erst nach dem Tod der Mutter zu öffnen und sich mit den darin enthaltenen Briefen auseinanderzusetzen wagte. »Die graue Schachtel, klein und unscheinbar, 7 cm hoch, 12 cm breit und 19 cm lang, wie die Knopfschachteln im Schneideratelier meines Vaters. Seit ich mich erinnern kann, lag sie verpackt und schwer zugänglich unter einem blauschwarzen Fotoalbum versteckt, hinter einem Berg von Tischtüchern. Von Zeit zu Zeit sprach meine Mutter von der Schachtel, dass darin Nachrichten wären aus Polen.« (S. 19) Dieses Behältnis verbirgt Briefe, die die Mutter von ihren Verwandten nach 1939 erhielt – Briefe aus dem Ghetto der damals kleinen Stadt Dąbrowa bei Kattowitz (pl. Katowice), nicht weit von Auschwitz (pl. Oświęcim). Die Mutter war in die unvorhersehbare Situation geraten, dass sie wegen eines Besuchs bei einer Tante in der Schweiz in der sich als rettende Insel erweisenden Eidgenossenschaft verbleiben konnte, während ihre Mutter, Schwestern und deren Ehemänner und Kinder durch den Fortgang des Krieges und die von den Deutschen ins Werk gesetzte Vernichtung des europäischen Judentums zusehends in eine verzweifelte, lebensbedrohliche Lage gerieten. Und sie schrieben wegen der Zensur verdeckte, aber immer dringlicher werdende Briefe an die Tochter bzw. Schwester in der Schweiz, um sie zur Rettung zu veranlassen. Nur diese Briefe sind erhalten – ein Korpus von persönlichen Familiendokumenten als furchtbarer Spiegel der Shoah.
Mit wenigen Erläuterungen zeigt Livay die vorgegebenen Zensurformulierungen (»wir sind gesund« oder »es geht uns gut«), die umschlagen können in »Arbeit erhalten« für Deportation in ein Arbeitslager oder »Medikament« für »Ausreisegenehmigung«. In diesen Briefen finden keine Diskussionen über die Weltlage statt, hier wird nicht die Kriegsentwicklung debattiert, hier wird nur versucht, ein unscheinbares Familienleben von Schneiderinnen an der schlesischen Grenze durch das Medium der zensierten Briefe aufrechtzuerhalten. Die in der Schweiz gebliebene Tochter bzw. Schwester heiratet und wird Mutter der Autorin Yvonne – Ereignisse, die in der von Frauen dominierten Familie unter normalen Umständen als einschneidende und freudigste gefeiert worden wären, unter den gegebenen furchtbaren Umständen aber nur in Briefen ihr Echo finden können. Zugleich übernehmen die Briefe nicht nur die Fortsetzung des Familienlebens, sondern stellen Versuche dar, die in der Schweiz Gerettete zu Interventionen für die in Polen im Ghetto gefangenen Mutter und Schwestern zu veranlassen – ohne glückliches Ergebnis.
Mit Fortgang der Briefe vollzieht die Nachfahrin und Autorin Yvonne Livay das furchtbare Erleben ihrer Cousinen und Tanten nach. Und sie erfährt zum ersten Mal, was ihre Mutter verschwiegen hatte: dass in Polen eine weitere Cousine geboren worden war, die ebenfalls ermordet wurde. (Wobei offenbleibt, ob eine in Jerusalem lebende Frau möglicherweise nicht gerade diese Cousine ist, die auf ungewöhnliche Weise überlebt hätte.) Keine der Frauen und nur einer der beiden Ehemänner überlebte. »Ein einigermaßen normales Weiterleben nach dieser Schreckensnachricht wäre für meine Mutter kaum möglich gewesen, hätte sie nicht ihre eigene Familie gehabt. Noch heute höre ich die Stimme meiner Mutter und ihre täglichen Beschreibungen des Schicksals ihrer auf grauenvolle Weise ermordeten Familie. Die Verzweiflung meiner Mutter muss grenzenlos gewesen sein.« (S. 180) Auch weil der überlebende Ehemann der Schwester Manka der Mutter in der Schweiz später Vorwürfe machen wird, sie hätte nicht genug für die Rettung der Familie in Polen getan.
Dieser Einblick in ein Nahverhältnis (Alexander Kluge) der Shoah in einer Familie in Schlesien wird in einem zweiten Teil des Bandes erweitert auf die Beziehung der Mutter zu einem Schweizer Maler und später auch um die Entwicklung der Autorin und ihrer Auseinandersetzung mit dieser Familiengeschichte. An Ermanno Boller schreibt die Mutter über Jahre hinweg auch während des Krieges und lässt sich von ihm mehrfach malen, darunter das titelgebende Gemälde. Die anhaltende Dauer dieser Beziehung deutet Livay als eine der verschiedenen Reaktionen auf das Trauma der ermordeten Familie in Polen und die zu keinem Erfolg führenden Rettungsversuche. So wird sichtbar, wie die Ermordung der Familie durch die Deutschen auch lange nach dem Krieg noch ihre Folgen im Familienleben in der Schweiz, in Israel, den USA hat. Und die Autorin schildert eindringlich, wie diese »Geschichte« auf sie selbst wirkte, wie sie in Kontakt mit in den USA lebenden Verwandten kommt und wie das Interesse der Enkel in Israel an dieser sehr gegenwärtigen »Geschichte« ihr selbst neue Perspektiven eröffnet. Nicht zuletzt ist es die künstlerische Kreativität in Bildhauerei, Malerei und Dichtung, die Anteil hat an Livays Auseinandersetzung mit den historischen wie auch familiären Folgen, die durch den von Nazi-Deutschland verübten Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas ausgelöst wurden. Eine Reihe von Abbildungen zeigen nicht nur Familienfotos, die Briefe, sondern auch künstlerische Werke der Autorin – und das titelgebende Gemälde mit der Lotosblume.
Livays Buch erinnert in seinem Rekurs auf das Medium Familienbriefe an Martin Doerrys 2002 erschienenen Bestseller Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 bis1944, in dem die von dem früheren Bundesjustizminister Gerhard Jahn nachgelassenen Briefe der Geschwister an ihre Mutter im Arbeitslager und später in Auschwitz ein Licht auf eine Familie werfen, in der die jüdische Mutter, während der Ehemann und die Kinder evangelisch sind, plötzlich in Lebensgefahr gerät und ermordet wird – unter tätiger Mithilfe der deutschen Nazi-Bürokraten. In Livays Buch lesen wir, wie unversehens die polnische Familie nur noch in zunehmend verzweifelten Briefen in die Schweiz auf ihre Situation aufmerksam machen kann – und welche Folgen diese Briefe bei der Mutter und bei der Tochter Yvonne haben. Es zeigt sich die nachhallend belastende Wirkung der Shoa, ein Nichtvergehen historisch vergangener Ereignisse und ihr oft verborgen bleibender Einfluss auf die Gegenwart.