Mit „Mein innerer Schwarzwald“ ist das zweite Prosawerk von Sigrid Katharina Eismann erschienen. Ein „Roman“, wie das Cover behauptet, ist er ebenso wenig wie das vorangegangene Buch, „Das Paprikaraumschiff“, das 2020 ebenfalls im Ulmer Verlag danube books erschienen ist. Doch das tut dem Lesegenuss keinen Abbruch. Auf ihre sehr spezifische Art geht die in Temeswar (rum. Timişoara) geborene und nun in Offenbach lebende Autorin auch im neuen Text historischen Spuren nach und verwebt sie mit eigenen, sehr subjektiven Gedanken und Assoziationen.
Ausgangspunkt ihrer Recherchen im Schwarzwald ist die Entdeckung, dass auch in ihrer Familiengeschichte eine Spur zu den „Salpeterern“ im Hotzenwald führt, die wegen ihres rebellischen Verhaltens gegen die habsburgische Obrigkeit zwangsweise ins Banat deportiert worden sind. Im Gegensatz zu den meisten Auswanderern, die der Werbung des Kaisers folgten und sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf den weiten Weg ins Ungarland machten, waren diese speziellen Schwarzwälder Verbannte am Ende der Welt.
Die Arbeit der „Salpeterer“ war wertvoll, denn aus dem Salpeter wurde das Schießpulver hergestellt. Sie waren einst in den Hotzenwald geholt worden, um den dichten Wald zu roden. Dafür erhielten sie einen kaiserlichen Freibrief, der sie von Abgaben befreite, aber wiederholt vom benachbarten Kloster Sankt Blasien missachtet wurde, was zu Rebellionen der Salpeterer führte.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Familie des Salpeterers Hannes, seine Frau Malvinaa und die Kinder Johanna und Pederle. Ihr idyllisches Heim auf dem „Apfelberg“ mit Kätzchen und der Kuh „Berthala“ wird beschrieben und auch die „Greis“, die heilkundige Frau aus dem Dorf. Wieder sind die Salpeterer unzufrieden, weil ihr verbrieftes Recht auf Unabhängigkeit ihnen vom Abt des nahegelegenen Klosters Sankt Blasien streitig gemacht wird. Schon eine Generation davor, das verrät ein der Handlung vorangestelltes Kapitel, war ein Auflehnungsversuch gescheitert, Salpeter-Hans Albiez wurde verhaftet und durch seinen Tod im Gefängnis zum Märtyrer der Revoluzzer.
Unter diesen Vorzeichen steht nun die Versammlung der Salpeterer auf dem Apfelberg. Doch es zeigt sich wieder: „Revoluzzern isch gefährlich“ (S. 54), und so findet sich die Familie alsbald unvermittelt in einem Wagen wieder, um nach Wien und danach „ins Ungarland“ deportiert zu werden. In Wien treffen sie im Gefängnis auf Gelsine, „das zerbrechliche Wesen zwischen Kind und Frau“ (S. 61), die von der Sittenpolizei aufgegriffen und wegen unsittlichen Verhaltens für den „Wasserschub“ ins Banat vorgesehen wurde. Damit verknüpft die Autorin die Fäden zweier Gruppen, die nicht freiwillig ins Banat gelangt sind und zu einer „Minderheit in der Minderheit“ wurden: „Tes sin kenni von uns“ (S. 100), taxieren sie die bereits Angesiedelten in den Dörfern, wo sie „auf Abstand“ zu den Kolonisten und auf mehrere Ortschaften verteilt in Rekasch (rum. Recaş), Beschenowa (rum. Dudeştii Noi) oder Freidorf angesiedelt werden.
Der weitere Fortgang der Geschichte wird teils aus der Perspektive Malvinaas erzählt, die ihrem Heimweh in Briefen an die „Greis“ Ausdruck verleiht, von der sie offenbar nie eine Antwort bekommt. Teils erschließt sie sich aber im Rückblick nach neun Generationen. Sigrid Eismanns Alter Ego „Marie“ erfährt von ihrem Großvater in den 1970er-Jahren von den Hotzen, dem „zähen Menschenschlag“ in der Familie. Es ist eine Zeit, wo die Menschen im Banat einer Diktatur ausgesetzt sind, da erhält die Erzählung von den „Meistern des Protests“ gegen die Willkür der Kaiserin bei den zuhörenden Kindern einen schaurigen Beigeschmack. „Unglaublich, niederträchtig“ (S. 113) findet Marie das Schicksal der verbannten Hotzenwälder. Doch der Vorschlag der Cousins, auch zu „protestieren“ (S. 112) gegen die Vorschriften der Diktatur, wird vom Ota barsch zurückgewiesen.
Ein weiteres Puzzleteil der Familiengeschichte findet sich im Kleideratelier der „Omitzi“ in der Fabrikstadt, wo Marie nach der Schule verweilt und sich von der Omitzi die Geschichte der „Wienertant“ erzählen lässt − das Wienerkind, das „mitten am Tag entführt, verführt, von ihren Lieben abgeschoben“ (S. 73) worden ist – das Schicksal der Gelsine.
Ausgangspunkt der Recherchen im Hotzenwald ist allerdings die „Martatant“, die die Verwandtschaft mit ihren Erzählungen beim Weihnachtsessen auf die Spuren der Ahnengalerie setzt: in den „inneren Schwarzwald, den dunklen Tann“. (S. 13) Die Geschichte der Recherche wird in die Erzählung integriert, sie erhält dadurch einen dokumentarischen Charakter. Durch das Vorwort von Hubert Matt-Wildmatt wird die Perspektive des Schwarzwälder Heimatforschers eingebracht. Matt-Wildmatt berichtet von seinen Reisen ins Banat in den 1970er-Jahren auf der Suche nach ausgewanderten Familienmitgliedern in Saderlach (rum. Zădăreni), dem einzigen Banater Dorf, das ausschließlich von alemannisch sprechenden Schwarzwäldern besiedelt wurde und wo sich der Dialekt über die Jahrhunderte bewahrt hatte. Dabei stieß er auch auf die Recherchen des NBZ-Redakteurs Jakob Vorberger aus Freidorf zu den Verbannten aus dem Hotzenwald, die dann ebenfalls Teil seiner Forschung wurden. Durch den Kontakt Matt-Wildmatts mit Sigrid Eismann wurde der Erinnerungsteppich der Salpeterergeschichte nun von beiden Seiten mit neuen Facetten bereichert. „Der Freigeist überlebt, ihre Geschichte schreit nach Aufschreiben“ (S. 153), lautet die Bilanz von Sigrid Eismann in einem der beiden erläuternden Nachworte.
Die berührende Handlung rückt einen Teil der Banater Geschichte in den Vordergrund, der in den gängigen Narrativen eher unter den Tisch gekehrt wird: die Zwangsdeportation von unliebsamen Menschen durch das Habsburger Kaiserreich ins entlegene Banat, ans „Ende der Welt“, wo sie zumindest nichts Gefährliches anrichten konnten. Durch den bewussten Perspektivwechsel erreicht Sigrid Katharina Eismann vollkommen beabsichtigt die Gegenüberstellung von unbotmäßigem Verhalten gegen Kirche und Kaiser mit dem mehr oder weniger unterdrückten Rebellentum gegen die kommunistische Diktatur – die geschlossene Flucht der Dolatzer (rum. Dolaţ) Kirchweihgesellschaft wird ebenso thematisiert wie die persönliche Übergabe eines Briefs mit Ausreiseanliegen an den Diktator Ceaușescu.
Die Texte bestechen mit den für Sigrid Eismann typischen einprägsamen Sprachbildern – auch wenn „polentagelb“ vielleicht etwas zu oft bemüht wird. Für die authentische Stimmung sorgen ganze Passagen im Hotzenwälder Dialekt, Hubert Matt-Wildmatt hat sie übertragen. Einsprengsel aus dem Banatschwäbischen und Temeswarerischen sind selbstverständlich in den entsprechenden Kapiteln auch vorhanden. Zur Sicherheit sorgt ein Glossar am Ende des Buches für sprachliche (aber auch historische) Aufklärung. Und schließlich kommt auch noch die Lyrikerin Sigrid Katharina Eismann zu Wort mit einer Hommage auf die „Brandtinte im Hotzenwald“.
Insgesamt ein packender, vergnüglicher Text, der für so manche neue Sichtweise auf vermeintlich Altbekanntes sorgt. Allerdings sollte er nicht mit einem dokumentarischen Geschichtswerk verwechselt werden, die Erwähnung der Drina auf der Deportationsroute lässt jedenfalls erstaunt aufhorchen. Es geht hier sehr anschaulich um die Erlebnisse von Menschen − um Heimweh, um Sehnsucht, um Unterdrückung und Ungerechtigkeit – wie im richtigen Leben eben und über Regionen und Generationen hinweg.
Sigrid Katharina Eismann: Mein innerer Schwarzwald. Roman. Ulm: danube books 2025. 164 S.