Es ist so eine Sache mit Roxana und Camil über all die Jahre hinweg. Zusammen hält sie vor allem ihr gemeinsames Lachen, bis daraus mehr wird. Lachen über jeden Anlass und vor allem auch dann, wenn keiner vorliegt. Das Mädchen kommt schon als Kind jährlich in die Karpaten, ins ruhige Bușteni, wo die Eisenbahner wohnen und es eine große Papierfabrik gibt, abseits vom Trubel in Sinaia und Predeal. Großmutter und ihre Schwester – Nachkommen des Chefarchitekten der Fabrik – hatten sich hier nach der Wende „ein uriges Haus aus Lehm bauen lassen“ (S. 12), wo die Protagonistin jeden ihrer Sommer verbrachte. In ihrem alljährlichen Kommen und Gehen wird sie selbst schon Teil der Kleinstadt in den Karpaten. „Im Sommer empfingen die beiden Damen ständig Besuch im Garten, zwischen Bohnenranken, Liebstöckel und dem rosa blühenden Phlox. Meist tauchten Sommerfrischler aus Bukarest auf oder Freunde auf der Durchreise, immer öfter auch Nachbarn von der Straße, etwa Flori und Aurel oder die schöne Frau Helman, die alle nur ‚Isaura‘ nannten.“ (S. 12) Es ist über lange Strecken des kurzen Romans das Leben in diesen entspannten und lässigen Sommertagen, das die Anekdoten und Geschichten der Handlung aneinanderreiht, alles in einem an französische oder italienische Sommer- und Strandfilme erinnernden Ton und aus der Perspektive der lässigen Heldin dargestellt. Jede Person hat ihre Geschichten, die schöne Frau Helman mit ihrem Spitznamen bietet Gelegenheit, auf die ganz Rumänien nach der Wende in ihren Bann ziehende Telenovela aus Brasilien von der Sklavin Isaura einzugehen, deren tägliche Folgen keinesfalls verpasst werden durften und die mitunter tief in das Gemütsleben der Bewohnerinnen und Bewohner eindrangen. Dann war da auch noch Madame Smara, „eine feine Dame aus Bukarest“ (S. 23), die irgendwann durch ihr Sommerhaus einen Baum wachsen lässt. Skurril mögen manche wirken, aber das ist nun mal der Unterschied von Stadt und Land, auffallende äußerliche Eigenheiten treten als scheinbar festgelegte auf und werden von der Erzählerin lakonisch-ironisch kommentiert. Sei es die hamsternde Familie des in den Freundeskreis eintretenden Radu mit den Gänsen und dem Bruder in Italien, seien es das Bauernpaar Flori und Aurel, der aber eigentlich der frühere Direktor der Papierfabrik ist und dessen Fest nur für die Sommergäste zu Streit über die Vergangenheit führt, der mit dem Ruf „Bitte keine Politik am Tisch“ (S. 79) beendet wird. Oder die plötzliche Erinnerung an eine in den unergründlichen Fächern des Gedächtnisses fast vergessene Spielgefährtin, die in gewisser Weise für jene Bewohner der Eisenbahnersiedlung steht, die nicht an den Sommervergnügen teilhaben.
Dana Grigorcea wäre nicht die versierte Autorin, die sie ist, wenn da nicht mehr verborgen wäre, wenn es nicht auch Brüche und Friktionen gäbe. Und erzählerisch sind es mindestens zwei, die von der Sommerballade in Bușteni wegführen. Denn der Roman beginnt mit einem kurzen Prolog, in dem zu erfahren ist, dass Camil in Spanien gestorben ist. Und danach folgt ein kursiv gesetzter Einschub, in dem von einer Schriftstellerin die Rede ist, die sich offensichtlich auf einer Lesetour mit dem französischen Musiker Thierry befindet und gerade mit dem Zug in Stuttgart ankommt. Diese aktualisierenden Einschübe unterbrechen immer wieder die Erzählung von den vergangenen Sommern in Bușteni zugunsten einer Einsicht in das Leben der Autorin auf Tournee, die sie bis nach Paris führt. Und diese Einschübe besitzen ihre eigene Dynamik, so dass zwischen Sommerballade und Blick der Autorin auf ihren Text erzählerisch vermittelt wird. Denn in der Tat ist die reisende Schriftstellerin die Autorin der Geschichten von Camil und Roxana und kommentiert gelegentlich das von ihr selbst Geschriebene. Aber emotional packender als diese Befindlichkeiten der fiktiven Autorin sind die Geschehnisse in den Sommern im längst in ein Traumreich überführten Bușteni im Prahova-Tal. Andererseits lässt die Ebene der Gegenwart und ihre Distanzierung vom traumhaften Tal durch den Hinweis, dass dies nur eine auf Lesereisen vermarktete Geschichte eines Romans sei, Raum für eigene Spekulationen über das, was wir da lesen und wie sein Verhältnis zu Gedächtnis und Realität sein könnte.
Die solcherart verschachtelte Struktur des Romans, der am Schluss noch durch einen Epilog einer Figur aus dem Sommermärchen eine weitere, sehr überraschende Drehung auf der Spirale der Perspektiven hinzugefügt wird, die hier – „Spoileralarm“ – nicht näher beschrieben werden soll, kann auch weitere erzählerische und sprachliche Spitzen im weichen Fluss der Sommerballade aufweisen. Fast schon Cărtărescu- oder Doina Ruști-ähnlich tauchen unheimliche Räume auf oder werden detailliert weniger angenehme Einblicke in die menschliche und tierische Natur vermittelt. Aber auch sprachlich fallen einige Besonderheiten auf, die den Fluss der Erzählung mitunter zwar nicht anhalten, aber doch einen kleinen Wirbel wie um einen Stein verursachen können. Schon das oben zitierte neugebaute Haus als „urig“ zu bezeichnen, lässt stutzen. Steht „urig“ ansonsten nicht eher für etwas Altes, sehr Eigenwilliges, Originelles, das kaum einem Neubau zugedacht wird – auch wenn er aus Lehm ist. Oder handelt es sich eher um eine in schweizerischer Sprachumgebung gebräuchliche Bezeichnung? Später ist im Roman dann nur von einem Umbau eines älteren Hauses die Sprache. (S. 95) Weitere auffallende Gebrauchsweisen von Vokabeln sind etwa „Querung“ des Flusses (S. 8), „kommunistische Unterstützung“ (S. 11; für die Tatsache, dass die erwähnte Papierfabrik vor der Wende ein staatliches Unternehmen war!), „Halbbeuge“ (S. 73), „gediegene“ Ferien (S. 13) oder die Hora als „Kreistanz“. (S. 130)
Es ist also angebracht, den ‚kleinen‘ Roman aufmerksam für seine zahlreichen Finessen und Stolpersteine zu lesen, was am besten vielleicht bei einer tastenden zweiten Lektüre geschieht. Dann wird deutlich, wie intensiv durchgearbeitet diese Sommerballade ihre dichte Stickerei der Erinnerung erzeugt, in der sich manche verborgene Trouvaille finden lässt. Dazu zählen nicht nur die präzisen Beobachtungen der Alltäglichkeit dieses Sommerlebens, sondern auch die Schilderung von Roxanas und Camils Liebesnacht oder die raffinierte Streuung von kleinen, meist ironischen Andeutungen auf die Realität des Landlebens und manches mehr.
Dana Grigorcea: Tanzende Frau, Blauer Hahn. Roman. München: Penguin 2026. 156 S