Der Albanologe, Übersetzer und Lyriker Florian Kienzle hat ein merkwürdiges Buch vorgelegt. Eine wissenschaftliche Studie im strengen Sinne ist es im Grunde nicht. Nur ansatzweise ist es eine allgemein historische oder literaturgeschichtliche Abhandlung. Am ehesten könnte man vielleicht von einer reichhaltigen landeskundlichen Skizze sprechen, oder von einer chronologisch voranschreitenden, oft eigenwillig kommentierten gigantischen Material- und Zitatensammlung. Ein sympathisch subjektiver Duktus und eine gewisse, nicht immer nachvollziehbar motivierte Sprunghaftigkeit kennzeichnen das für Laien aufschlussreiche und auch für Albanien-Experten informative Werk, das sich der Darstellung deutschsprachiger Wahrnehmungen des in Zentraleuropa lange Zeit weitgehend unbekannten Landes in den letzten hundert Jahren widmet. Florian Kienzle befasst sich mit der deutschsprachigen Albanienwahrnehmung ab 1924 (als Reisezeitpunkt) beziehungsweise 1930 (als Publikationsjahr) bis hin zum Einsetzen des heutigen Tourismusbooms, das sich ungefähr auf das Jahr 2015 festlegen lasse. Ziel seiner Arbeit ist es, „ein Mosaik des Albanienbildes zusammenzusetzen“. (S. 39) Was das Lesepublikum betrifft, wird ein gewisses Maß an Wissen um die Geografie und Geschichte Albaniens vorausgesetzt, und elementare Kenntnisse der albanischen Sprache können der Lektüre nicht schaden. Es gibt historische und aktuelle Schwarz-Weiß- und Farbfotos in diesem Buch sowie eine ausführliche Liste weiterführender Literatur. Eine Landkarte fehlt leider.
Zwar gebe es, so Kienzle, durchaus deutschsprachige Gegenwartsautoren, in deren Texten Albanien vorkommt, etwa Robert Menasse oder Michael Roes, und zudem werde man bisweilen bei auch heute nicht ganz unbekannten Autoren des frühen 20. Jahrhunderts fündig, zum Beispiel bei Karl Otten und Joseph Roth. Einen bis in die Gegenwart „entscheidenden Anteil an der deutschsprachigen Albanienwahrnehmung“ schreibt der Autor allerdings Karl May (1842–1912) zu, insbesondere dessen bis in die 1980er-Jahre hinein viel gelesenen Romanen Durch das Land der Skipetaren und Der Schut. (S. 11) Ins gängige „Karl-May-Bashing“ (S. 12) möchte Kienzle nicht einstimmen, auch wenn es sicher richtig sei, dass Mays Schmöker „Stereotypen verfestigt“ (S. 12) hätten, etwa dass westliche Reisende den Einheimischen grundsätzlich überlegen seien und dass interkulturelle Begegnungen stets auf eine Konfrontation von Gut und Böse hinauslaufen würden. „Aber haben Karl Mays Bücher seinerzeit nicht auch einen Horizont eröffnet und die Lesenden an Orte entführt, an die sie niemals selbst reisen konnten?“ (S. 13) Jedenfalls führe die May-Lektüre „nicht automatisch zu einer Voreingenommenheit gegenüber anderen Kulturen […] Karl May als Ursache für alle sich im Umlauf befindlichen vorgeprägten Bilder verantwortlich zu machen, ist sozusagen zu viel der Ehre“. (S. 14f.) Wie dem auch sei: Der umstrittene und oft belächelte sächsische Skandalautor bleibe für die Wahrnehmung Albaniens im deutschsprachigen Raum bis in die jüngste Vergangenheit hinein „maßgeblich“. (S. 34)
Um sein „Mosaik“ zu gestalten, muss der Autor natürlich ins Detail gehen und sich in heute kaum noch beachtete, nicht unbedingt literarische Albanien-Publikationen vertiefen, etwa in die Schriften des Botanikers Friedrich Markgraf, des Malers und Grafikers Hans Troschel, des Reiseschriftstellers Friedrich Wallisch oder des Ethnologen Hugo Adolf Bernatzik. Sie alle verwenden, wie Karl May auch, das Unwort „Skipetaren“ oder gar „Schkipetaren“, sie alle schildern subjektive und sehr heterogene Reiseimpressionen, und sie alle halten mit Urteilen und Meinungen nicht hinterm Berg. „Als Land der Extreme scheint Albanien extreme Bewertungen auszulösen – damals wie später.“ (S. 81) Sehr verdienstvoll ist Kienzles wenn auch etwas unsystematischer Überblick über das zunehmend politischer werdende deutschsprachige Albanienbild in Schriften aus der NS-Zeit.
Interessant ist, dass es in der frühen DDR, allerdings nur bis zum politischen Bruch im Jahr 1961, eine gewisse Neugier auf Albanien gab. Die dort veröffentlichten Bücher hätten einerseits zahlreiche Klischees aus der NS-Zeit weiter kolportiert, andererseits aber doch differenziertere Albanienbilder transportiert. Es sei „ein spürbares Interesse der DDR an Albanien erkennbar, das natürlich auch politisch motiviert war, wichtiger aber: Einzelne Autoren […] wollen der deutschen Bevölkerung die albanische Kultur zugänglich machen, jenseits politischer Indoktrination“. (S. 92) Um dies zu belegen, analysiert der Verfasser einschlägige und weitgehend „heute noch lesenswerte“ (S. 121) Bücher von Maximilian Lambertz, Herbert Ziergiebel, Gerhard Kleinlein, Kurt Rückmann und anderen. „Die Krönung der Albanienrezeption in der DDR war gewiss der beeindruckende, großformatige Albanien-Bildband des seinerzeit sehr bekannten Fotografen Gerhard Kiesling (1922–2016) aus dem Jahr 1959.“ (S. 111) Auch der 1954 in Kinos und im Fernsehen der DDR gezeigte imposante Spielfilm Skanderbeg – Ritter der Berge wird nicht vernachlässigt. Ein besonderes Augenmerk, was die 1950er-Jahre angeht, gilt den Schriften des Wiener Journalisten Kurt Seliger, der nach zwei Reisen durch das stalinistische Reich des Enver Hoxha 1958 sein Buch Albanien. Land der Adlersöhne veröffentlichte. Und in der jungen Bundesrepublik? „Festzuhalten ist insbesondere, dass sich Menschen in der DDR mit Hilfe der dortigen Publikationen ein mehr oder weniger scharfes Bild Albaniens machen konnten. In der BRD hingegen ist eher von einem Null-Bild zu sprechen, da dort in den 50ern keine nennenswerte Veröffentlichung zum derzeitigen Albanien erschien.“ (S. 121) Wenn überhaupt, komme Albanien nur in kriegsverherrlichenden und geschichtsverzerrenden Berichten wie Landser, Karst und Skipetaren von Hermann Frank (1957) vor. „Nur äußerst selten richtete sich der Blick im Westen auf die Gegenwart […]; er war diametral dem in der DDR entgegengesetzt.“ (S. 124)
1959 hatte Nikita Chruschtschow Albanien besucht, ein Jahr später zeichnete sich schon der dann 1961 vollzogene Bruch mit der Sowjetunion ab – und kurz darauf die politische Hinwendung zur Volksrepublik China. Der Journalist Harry Hamm schrieb Anfang der 1960er-Jahre sein Buch Rebellen gegen Moskau, Rolf Italiaander gab 1970 den Band Albanien – Vorposten Chinas heraus, und fortan waren die wenigen deutschsprachigen Publikationen über Albanien weitgehend von der (Welt-)Politik geprägt und beruhten kaum noch auf empirischen Reisebeobachtungen. „Die Meinung, es sei überaus gefährlich, in Albanien zu reisen, war zu allen Zeiten dominant.“ (S. 131) Die Isolation des Landes, die auch in Alexander Kulpoks Werk Europas letztes Geheimnis – Albanien (1981) beklagt werde, bilde auch den „roten Faden“ von Paul Lendvais Buch Das einsame Albanien von 1985. (S. 140) Da war das Albanien-Interesse der dem Hoxha-Regime meist wohlgesonnenen westdeutschen Linken im Umfeld der 1971 gegründeten „Deutsch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft“ längst wieder abgeflaut. Es ist sehr verdienstvoll, dass Kienzle auch dieses K-Gruppen-Schrifttum der 1970er- und 1980er-Jahre genauer unter die Lupe nimmt – und kaum ein gutes Haar an ihm lässt, ebensowenig wie an Luise Rinsers die Figur des großen Führers (darunter auch Enver Hoxhas) verherrlichendem und dennoch viel gelesenem Nordkoreanischen Tagebuch (1983). „Eine gewisse Verblendung bei den Westdeutschen, die sich in den 1970er und 80er Jahren aus politischen Gründen für Albanien interessierten, ist nicht zu bestreiten.“ (S. 183)
Die großen „Wandlungen aller Art“ seit 1991 (S. 185) untersucht Kienzles Schlusskapitel. „Das wohl einprägendste Bild zur Zeit der politischen Wende in Albanien war […] nicht der Sturz der Statue Enver Hoxhas im Februar 1991, sondern der überfüllte Frachter Vlora, der im August 1991 vom albanischen Durrẻs zum italienischen Bari übersetzte.“ (S. 188f.) Zugespitzt lasse sich sagen, „dass nicht die Repression, sondern die Armut zum Sturz des Regimes führte“. (S. 245) Die gewaltigen sozialen Verschiebungen im Lande, Auswanderung, Korruption, Mafia, Betonierung und Vermüllung, Auto-Verrücktheit, Tourismus – alles kommt in diesem Schlusskapitel vor, selbst wenn es dazu kaum nennenswerte Publikationen gibt. Kienzles Fazit: In der Wahrnehmung des Landes von außen dominierten „meist vorurteilsbeladene Bilder, die sich beharrlich bis in die jüngste Vergangenheit hinein hielten“. (S. 217) Die seit dem 19. Jahrhundert immer wieder zu beobachtende „exotisierende Sichtweise“ (S. 225) inklusive der These, das faszinierende Albanien sei das rückständigste Land Europas, wandle sich nur langsam. Die gleichmacherische Außensicht, die man seit den Romanen Karl Mays kenne, sei noch immer präsenter als eine differenzierte Innensicht. Dem Wunsch des Verfassers, das möge sich rasch ändern, kann man sich nur anschließen.