https://doi.org/10.82486/sp.2025.10.343

Europäische Kulturhauptstadt Nova Gorica und Görz/Gorizia/Gorica

Eine grenzenlose Grenzstadt

Im Jahr 2025 stehen Mittel- und Südosteuropa, diesmal genau genommen der Alpen-Adria-Raum, erneut im Mittelpunkt des Programms „Kulturhauptstadt Europas“: Das slowenische Nova Gorica und das italienische Gorizia in der Region Friaul-Julisch Venetien tragen den Titel gemeinsam, neben dem sächsischen Chemnitz. 

Die beiden Städte bilden zwei separate, jedoch miteinander eng verbundene Einheiten an der slowenisch-italienischen Grenze. Ihre Geschichte von politischen Umbrüchen, Grenzziehung und Aufteilung steht emblematisch für die Zäsuren im 20. Jahrhundert in dieser historischen Grenzregion. Zusätzlich zur quer über den Bahnhofsvorplatz verlaufenden Staatsgrenze, die zwar immer noch existiert, aber seit Sloweniens Beitritt zur Europäischen Union am 1. Mai 2004 und dem Schengen-Raum am 21. Dezember 2007 eine immer kleiner werdende Rolle spielt, liegt die Stadt auch an der Grenze verschiedener Kulturkreise und Sprachräume: italienisch, slowenisch und historisch auch deutsch. Um die unwiderrufliche politische Aufteilung wenigstens symbolisch zu überbrücken, bewirbt sich Nova Gorica mit Gorizia als „die grenzenlose Kulturhauptstadt Europas“ unter Verwendung des Mottos „GO!2025– Grenzen überwinden“. 

Das am Fluss Isonzo/Soča liegende Gorizia war seit dem Spätmittelalter Sitz der Grafen von Görz, bevor sie im Jahr 1500 unter die Herrschaft der Habsburger gelangte. Bis zum Zerfall der Habsburgermonarchie war Görz – abgesehen von den Jahren 1809 bis 1814, als es durch die napoleonische Eroberung zu Frankreichs Illyrischen Provinzen, und im Anschluss daran zum Königreich Illyrien gehörte – Hauptstadt der Gefürsteten Grafschaft Görz und Gradisca, die ab 1849 unter verschiedenen Namen und in unterschiedlichen Konstellationen als Kronland fungierte (ab 1861 als Gefürstete Grafschaft Görz und Gradisca, Triest und Istrien, später als Österreichisch(-illirisch)es Küstenland). Im Ersten Weltkrieg wurde die Umgebung der Stadt durch die Isonzoschlachten zum Kriegsschauplatz. Auch Görz selbst wurde stark zerstört, als es zwischen die Fronten Italiens und Österreich-Ungarns geriet. Am Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Stadt Anfang November 1918 vom Königreich Italien besetzt und 1919 infolge des Friedens von Saint-Germain annektiert. 

Die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zog einen weiteren tiefen Einschnitt nach sich: Der nordöstliche Teil der Stadt wurde 1947 abgetrennt und in die Sozialistische (Teil-)Republik Slowenien der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien eingegliedert. Daraus entstand auf slowenischer Seite eine neue Stadt, Nova Gorica (Neu-Görz). 

Auf exemplarische Weise zeigt eine Gedenktafel die verflochtene Natur verschiedener frühneuzeitlicher Einflüsse im Görzer Grenzraum, die auf dem Haus von Volchero [Volker] degli Ungrischpach (erbaut 1441) angebracht wurde und daran erinnert, dass im Jahr 1653 der slowenische protestantische Reformator und Bibelübersetzer, der heute als „der slowenische Luther“ und als „Vater der slowenischen Schriftsprache“ bekannte Primož Trubar/Primus Truber (1508–1586), der später im Exil im Heiligen Römischen Reich lebte, in der Stadt gleich in drei verschiedenen Sprachen – auf Deutsch, Slowenisch und Italienisch – predigte.1

Abb. 1: Gedenktafel an dem Haus, in dem der slowenische protestantische Reformator und „Vater der slowenischen Literatur“, Primus Truber 1563 in drei Sprachen predigte 
Foto: © Angela Ilić 

Auch wenn die protestantische Reformation in Görz und seiner Umgebung auf italienischer sowie auf slowenischer Seite einige Spuren hinterlassen hat, wurde die Stadt später vor allem als Sitz eines römisch-katholischen Erzbistums weit über die eigenen Grenzen hinaus bekannt. Die Erzdiözese Görz entstand am 6. Juli 1751, als das historische, bereits in der Spätantike gegründete Patriarchat von Aquileia aufgelöst und dessen Gebiet zwischen Görz (auf habsburgischem Territorium) und Udine (unter venezianischer Herrschaft) aufgeteilt wurde. 

Während der Regierung des Kaisers Joseph II. wurde die Diözese mit dem angrenzenden Gradisca/Gradiška vereint und dem Erzbistum Laibach/Ljubljana unterstellt; für die Dauer von drei Jahren wurde der Bischofssitz nach Gradisca verlegt. Später als Bistum von Görz-Gradisca bezeichnet, wurde es 1830 erneut zum Erzbistum erhoben, mit Zuständigkeit für die Bistümer von Laibach, Triest/Trieste/Trst & Koper/Capodistria/Kopar, Pula/Pola/Pulj sowie Krk/Veglia. Jakob Missia (1838–1902, Erzbischof von Görz 1898–1902), ab 1884 Laibacher Bischof, ab 1898 Erzbischof von Görz und seit 1899 der erste Slowene mit Kardinalwürde, war – vor allem wegen seines politischen Engagements noch in Laibach – unter den liberalen Slowenen seines ethnisch-sprachlich gemischten Bistums nicht besonders beliebt. Die Haltung der slowenischen Gläubigen hatte Auswirkungen, denn sie stellten in neun von insgesamt 16 Dekanaten des Erzbistums die absolute Mehrheit.2 Die nationalen Spannungen machten sich nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie spürbar. Sie brachten langfristige Änderungen in den kirchlichen Strukturen, so dass das Bistum Triest als einziges Suffraganbistum erhalten blieb.3 

Die religiöse Landschaft war wie im Erzbistum so auch in der Stadt Görz relativ homogen: Neben einer absoluten Mehrheit der römisch-katholischen Gläubigen mit 99,49 Prozent gab es nur statistisch sehr kleine evangelische und jüdische Minderheiten in der Region Görz-Gradisca. Diese hinterließen jedoch auch materielle Spuren in der Stadt, die heute am besten am Beispiel der 1756 errichteten Synagoge und der 1864 eingeweihten evangelischen (heute evangelisch-methodistischen) Kirche abzulesen sind. 

Die sprachliche Diversität der Bevölkerung in Görz war deutlich größer. Laut den Ergebnissen der letzten Volkszählung in der Habsburgermonarchie im Jahr 1910 war die Mehrheit der Stadtbewohner italienischsprachig (50,57 Prozent), gefolgt von den Slowenischsprachigen (36,84 Prozent), den Deutschsprachigen (11,05 Prozent) sowie von Serbisch- und/oder Kroatisch-Sprechenden (0,27 Prozent).4

Abb. 2: Gorizia – Görz – Gorica, Piazza Grande (heute Piazza della Vittoria), 1913 
Quelle: Österreichische Nationalbibliothek, Ansichtskarten Online, Signatur: AKON_AK093_479 

Während das italienische Gorizia nach der Aufteilung den historischen Stadtkern mit der darüber thronenden Festung/Castello di Gorizia weitgehend behielt, wurde auf slowenischer Seite ein neuer Stadtkern angelegt. Die Stadt entstand auf der Basis bereits existierender Siedlungen sowie durch den Aufbau einer Planstadt nach Entwurf des Stadtplaners und Architekten Edvard Ravnikar (1907–1993), der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg an der Stadtplanung von Laibach arbeitete. Der urbanistische Plan für Nova Gorica führte zu einem erhöhten Zuzug und dadurch zu einem deutlichen Bevölkerungswachstum. Seit 1995 ist Nova Gorica eine Universitätsstadt und fungiert als regionales Zentrum. 

Das Aufeinandertreffen von verschiedenen Kulturen und Einflüssen ist in Gorizia und in Nova Gorica auch heute evident. Das Stadtbild der Altstadt in Görz vermittelt eine Mischung von Eindrücken, in der eine typische zentraleuropäische, späthabsburgische Architektur auf mediterranes Flair trifft. Materielles und immaterielles Kulturerbe sind präsent und prägend für die deutsche, italienische und slowenische Geschichte. Diese Tatsache wird auch durch das bunte und mehrsprachige Kulturhauptstadtprogramm bestätigt. Denn Veranstaltungen zum Kulturhauptstadtjahr finden nicht nur in den beiden Städten, sondern auch in ihrem Umland statt und reichen bis nach Triest, wo mehrere Ausstellungen organisiert werden. 

Die SPIEGELUNGEN werden Nova Gorica und Gorizia 2025 mit großer Aufmerksamkeit begleiten und wie gewohnt Spuren und Verbindungen zum deutschsprachigen Raum in der Geschichte und Gegenwart der beiden Städte präsentieren. Im ersten, unter den für die beiden Hefte im Jahr 2025 geplanten Beiträgen beschäftigt sich Tobias Weger in seinem neuesten Text in der Rubrik „Südosteuropäische Spuren in Bayern“ mit den vielfältigen historischen Verbindungen zwischen Bayern und Görz, vor allem mit Blick auf das Mittelalter sowie auf den Ersten Weltkrieg. 

Ich lade Sie ein, dieses Jahr in Gedanken – oder vielleicht auch physisch – nach Görz zu fahren und sich von dieser charmanten Stadt und ihrer faszinierenden Geschichte bewegen zu lassen. 

  1. Zu Trubers Bedeutung für Slowenien und zu seiner aktuellen Wahrnehmung in der slowenischen Gesellschaft vgl. Angela Ilić: Primus Trubers Erbe. Ein Rückblick auf das Reformationsjubiläum in Slowenien. In: Blickwechsel. Journal für deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa 6 (2018), S. 52 sowie Angela Ilić. Luka Ilić: Primus Truber und die Anfänge der lutherischen Kirche in Slowenien. In: Ost–West. Europäische Perspektiven (2017) H. 2, S. 116–123, auch online verfügbar unter < https://www.owep.de/artikel/1104-primus-truber-und-anfaenge-lutherischen-kirche-in-slowenien>, 21.3.2025.  ↩︎
  2. Zum religiösen Leben im Görzer Erzbistum im Ersten Weltkrieg vgl. Renato Podbersič ml.: Versko življenje v Gorici med prvo svetovno vojno [Das religiöse Leben in Gorizia während des Ersten Weltkriegs]. In: Studia Historica Slovenica 9 (2009) H 2–3, S. 517–542. ↩︎
  3. Zu den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf das Görzer Erzbistum vgl. France Martin Dolinar: Zwischen Erwartung und politischer Realität. Die Bischöfe der Kirchenprovinz Görz während des Ersten Weltkrieges und danach. In: Angela Ilić u. a. (Hgg.): Blick ins Ungewisse. Visionen und Utopien im Donau-Karpaten-Raum. 1917 und danach. Regensburg 2019, S. 117–152. ↩︎
  4. Allerdings wurden nur die „anwesenden österreichischen Staatsangehörigen“ gezählt. Österreichische Statistik Neue Folge, 1910–1915 (1912) H. 1, S. 63. ↩︎