Adagio
Wo am Morgen noch Hunderte kleine
Welten waren, herrscht ein abendliches Grau,
das an Formlosigkeit nicht zu übertreffen ist.
Ein alter Freund, der sich erinnert hat, dass auch ich
Optimist bin, kommt vorbei, um mit mir
ein paar Manhattan zu trinken. Ich stamme aus einer
romantischen Familie, die glaubt, wenn die Wahrheit
immer stimmt, muss etwas mit ihr nicht
in Ordnung sein. Jeden Vormittag sitze ich
im Café und verbreite für all jene Gerüchte, die ohne
Gerüchte nicht leben können. Ich wurde schon
des Öfteren gewarnt, meine rechte Hand könnte eine
Katastrophe auslösen, wenn ich nicht winke.
Ich überlasse das Sagen den Dichtern, auf mich kommt
es sowieso nicht an. Im Traum brauche ich mehr Welt
zum Atmen, und in letzter Zeit erscheint immer
ein Pferd, das der Frühling vergessen hat, grün
anzustreichen, und das sich deshalb selbst grün anstreicht.
In der Kindheit habe ich schöne Schauerstunden
in den Bergen erlebt, und ich glaube, wer nicht
mindestens sieben Mal dem Tod in die Augen gesehen hat,
hat keine Ahnung vom Leben. Es wäre an der Zeit,
wieder einmal zu beweisen, dass Nichtstun jede Art
von Zerstörung vermeidet. Die Züge kommen zu spät,
das Vertrauen kommt zu früh, und die Liebe steigert sich
von einer Weltfremdheit in die andere. Und was
ich sicher weiß, ist, dass vieles, das gar nicht existiert,
wie Gott etwa, eine Menge in Bewegung setzt.
13. Elegie
Wer mich sehen möchte,
muss durch meine Augen wie durch
ein Fenster in mein Innen kriechen.
Dort irgendwo muss ich sein.
Er kann mir helfen, nachzusehen in den vielen
Koffern, wie viele Heimaten ich schon
verschenkt habe und wie viele noch
geblieben sind. Immer öfter denke ich nach, welche
Romanfigur ich sein könnte,
wenn ich eine Romanfigur sein müsste.
Auf dem Bahnsteig warten ungeduldig Illusionen,
dass endlich die erwartete Illusion einfährt.
Jeder wäre gern eine Erinnerung
im Tagebuch eines andern,
und wie jeden Morgen
muss auch am Abend die Welt überredet werden,
nicht in ein schwarzes Loch zu fallen.
Ich habe Angst, nach jedem dritten Gong
im Traum die Identität wechseln zu müssen.
Wie drei junge Norweger stehen am Ortseingang
drei Birken und beraten sich.
Versehentlich wurden bei der Planung der Zukunft
zwei Richtungen vergessen.
Es ist März. Und wie immer will mehr
aus meinem Innen nach Außen als vom Außen
in mein Innen. Ich bin wohl jemand,
in den sich jeder zweite Zweifel verliebt.
Und seit jemand auf mich wartet, sieht die Straße
ganz anders aus,
in der jemand auf mich wartet.
17. Elegie
Da wäre sicher etwas dran,
wenn jemand sagte, der Morgen ist
ein Euphemismus. Doch niemand sagt etwas.
Wir haben uns schon daran gewöhnt,
dass es immer die andern sind und nicht wir.
Es ist nicht unser Gefühl von Sommer,
es sind immer unsere
unverständlichen Worte im Schlaf,
vor denen die Träume sich erschrecken.
Und immer, wenn wir etwas zeichnen,
zeichnen wir unsere Seele, ohne es zu wissen.
Wir sind nicht imstande, richtig zu zweifeln,
wir sind nicht imstande, richtig nicht zu zweifeln.
Manchmal hängen von der einen
Seite des Tisches zur andern
Fliederzweige als Angebot der Versöhnung,
und manchmal schiebt die Zeit mich
vor sich her, als hätte ich
den Status eines Geduldeten.
Es ist ein großes Gedränge in der Welt,
die toten Sprachen müssen den lebendigen Platz machen.
Und höre ich deine Schritte
in der Küche, weiß ich, vieles ist nicht so,
wie ich denke. Ich muss Sätze finden,
die lang genug sind, um dich zu erreichen, und kurz genug,
um nicht über das Ziel hinauszuschießen.
18. Elegie
Ich kenne gut diese Tage, an denen
pünktlich nichts kommt. Es nieselt schon
seit Tagen, und man schläft lieber, als nichts
zu tun. Man schiebt selbst die Liebe
hinaus auf ein Später, das nie kommen wird.
In der linken Hand ist ein Zittern
zu spüren, als zerrte an ihr Paganini.
Jemand ruft jemanden mit dünner Stimme,
als wäre die Trauer beim Trauern verunglückt.
Man ist so lustlos, dass selbst den Träumen
die Lust vergeht, zu kommen. Und wir sind überzeugt,
dass an solchen Tage die Märchen
entstanden sind. Nachts so gegen drei
bitten mich die Dinge, ich möge sie aus den
Vorurteilen befreien und in neue Zusammenhänge
stellen. Und draußen nieselt es, eine metaphysische
Arroganz spielt jeden Morgen das Lied vom Tod,
und wieder kommt pünktlich nichts.
24. Elegie
Der Herbst rollt die Blätter ein,
als wollte er die Zeit in kleine Pakete
packen und verschicken.
Gegen Mittag hat die Sonne Haare und Lippen
von der jungen Brigitte Bardot,
und unsereins kann nur sagen, Chapeau,
denke ich, während ich an den Zaun pinkle.
Wir hätten noch viel von Gott zu lernen
und er von uns, glaubt ein Mönch
im Park, ich glaube das nicht.
Erst dann wirst du zu dir finden, sagt der Meister,
wenn dir Hören und Sehen vergeht.
Die Weiden spielen Panflöte,
und im Grundwasser tanzen die Toten.
Nach dem Gottesdienst meinen alle
am Stammtisch, wenn es einen Robin Hood
unter ihnen gäbe, würden alle ihm bedingungslos folgen.
Der Nachmittag schmückt sich
mit fremden Federn, und die Kormorane segnen
mit ihrem Dünnschiss die ganze Gegend.
Das Nebenan ist die Metapher für Komplizenschaft
und hat aus meinen Notizblock die Worte
Flipflops, Gaunerei und B-Ebene übernommen.
Vielleicht müsste noch etwas Wehmut
in die ganzen Zusammenhänge. Oder?
26. Elegie
Besonders im Herbst habe ich
von vielem, selbst wenn es nie
begonnen hat, den Eindruck, es ginge mit ihm zu Ende.
Alles kann in die Irre führen, nur die Musik nicht.
Die Beweise, die ich dafür hatte,
sind mir bei den vielen Umzügen abhanden gekommen.
Jeder Sturm, dachte ich als Kind, sei eine
heftige Erkältung Gottes.
Wenn ich erwache, hänge ich noch eine Weile
am seidenen Faden dessen, was ich geträumt habe.
Hauptsache, es tut sich etwas,
sage ich immer, wenn eine Vase zerbricht oder
ein Stück Dachrinne herunterfällt.
Die beste Verständigung am Morgen ist das Schweigen.
Bei meiner Joggingtour diskutiere ich
am Kiosk mit Besserwissern über Nichtstuer.
Jeder Augenblick reicht einem andern
Augenblick etwas, das uns verborgen bleibt,
und ich starre auf einen Flecken an der Wand
wie jemand, der auf einen Flecken an der Wand starrt.
Ein alter Mann schiebt abwesend
seinen Besen auf dem Gehsteig hin und her
und redet mit der guten alten Zeit.
Ein Schutzengel versucht, zwischen die Gedenktage
auch eine kurze Pause einzuschieben,
es gelingt ihm nicht.
Die Vorsehung wünscht sich
ein genaueres Hinsehen von der Sehnsucht,
was auch Schostakowitsch von der Musik verlangte.
Einmal schlich sich so ein komisches Gefühl unter meinen
Regenschirm und blieb für immer.