RETROSPEKTIVE 2017

 

 

DAS BEINAHE EROTISCHE GEFÜHL DES DICHTERS“

Bericht über die Verleihung des Spiegelungen-Preises für Lyrik 2017 an Lothar Quinkenstein, Kristiane Kondrat und Nora Iuga

Der erstmals vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) ausgeschriebene Spiegelungen-Preis für Lyrik wurde am 6. Dezember 2017 in München verliehen. Die Preisträgerinnen und Preisträger nahmen die Auszeichnungen im Rahmen einer Festveranstaltung im Münchner Lyrik Kabinett entgegen. Den Hauptpreis der Jury erhielt der in Berlin wirkende Lyriker und Essayist Lothar Quinkenstein für seinen poetischen Zyklus Die Brücke aus Papier. Der Publikumspreis ging an die in Augsburg lebende Schriftstellerin Kristiane Kondrat, die mit ihrem Text Ufer die meisten Stimmen der zur Abstimmung aufgerufenen Online-Öffentlichkeit für sich verbuchen konnte. Der Sonderpreis der Redaktion wurde der rumänischen Dichterin und Übersetzerin Nora Iuga für ihr Lebenswerk zuerkannt.

Rezitiert wurden die ausgezeichneten Gedichte von der Schauspielerin Nike Maria Vassil, ein Hörerlebnis, das für das Publikum, aber ebenso die Autorinnen und Autoren, faszinierend und mitunter überraschend war. Die musikalische Abendgestaltung oblag der Pianistin Pikria Lursmanashvili, die mit ihren Darbietungen zu einer stimmungsvollen Atmosphäre beitrug. Durch den Abend führte der Koordinator des Spiegelungen-Preises, Klaus Hübner.

Der Direktor des IKGS, Florian Kührer-Wielach, wies in seiner Begrüßung ebenso auf Idee und Ansinnen des Spiegelungen-Preises wie auf die maßgebliche Unterstützung, die der Ausschreibung von Seiten der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien, Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB, und des Lyrik Kabinetts München zuteilwurde.

Als Laudatorin für den mit 750 Euro dotierten Publikumspreis zeichnete die Literaturwissenschaftlerin Christina Rossi das Gedicht Ufer von Kristiane Kondrat als ein sprachliches Gefüge nach, das Trennlinien in poetisch einleuchtender Weise artikuliert – etwa die „Grenze zwischen Sprechen und Nicht-Sprechen“. Rossi verwies auf die Perspektiven und Identifikationsangebote, die der Text bereithält, und räsonierte über den Effekt, den der Text beim Publikum bewirken konnte. Kristiane Kondrat freute sich in ihren Dankesworten nicht zuletzt über die Online-Leser, die sie mit ihrem Text überzeugen konnte.

Die Lyrikerin und Philosophin Mara-Daria Cojocaru verortete in ihrer Laudatio das Schaffen Lothar Quinkensteins, dem Träger des mit 1.500 Euro dotierten Hauptpreises, in der lyrischen Tradition Mitteleuropas – einem Mitteleuropa, das sich allerdings zuweilen „ziemlich breit“ mache. Tastend und zugleich sehr präzise trat die Laudatorin in für die Zuhörerschaft reizvoller Weise mit Quinkensteins Texten in Dialog. Quinkenstein zeigte sich in seiner Dankesrede zwar aus „allen Wolken gefallen“, gab aber spürbar munter und erfreut Einblick in sein Schaffen: Das Schreiben bedeute immer auch eine Fortsetzung des Lesens, so der Dichter. Indem er literarische Bezüge aufzeigte, die für sein poetisches Gestalten wichtig sind, ermöglichte Quinkenstein dem Publikum eine spannende Kontextualisierung seiner Texte.

Den mit 3.000 Euro dotierten Sonderpreis der Redaktion erhielt die rumänische Dichterin und Übersetzerin Nora Iuga für ihr Lebenswerk. Ein langjähriger Weggefährte Iugas, der in Hermannstadt (rum. Sibiu) wirkende Autor Joachim Wittstock, beschrieb in seiner Laudatio das Schaffen Iugas im Spannungsbogen zwischen dem Genuss der Öffentlichkeit und dem notwendigen Rückzug in die Einsamkeit. Nora Iuga bedankte sich in einer kraftvollen, verspielten und stellenweise trickreichen Rede für die Auszeichnung, indem sie etwa eine finanzielle Würdigung für das „beinahe erotische Gefühl des Dichters, der wie besessen, wie unter Narkose, sein Gedicht schreibt“ mit einem Augenzwinkern als durchaus unnötig ausgab.

Nach der Übergabe der Urkunden hielt die Jury eine Überraschung für die drei Preisträger bereit: Mithilfe des Projekts „Memory of Mankind“ werden ihre Gedichte nämlich wortwörtlich in Stein verewigt und auf Keramikplatten in einer Salzmine im österreichischen Hallstadt verwahrt. Auf diese Weise könne verhindert werden, dass sie wie 99,9 Prozent der antiken Texte in Vergessenheit gerieten, wie der Initiator des Projekts, Martin Kunze, betonte.

Der Moderator leitete schließlich zum informellen Teil des Abends über und wies auf die aktuelle Ausgabe der Spiegelungen hin, in der alle prämierten Gedichte auch in Druckform zu finden sind. Dass Lyrik über ihre Kunstform hinaus Dialogangebote bereithält, wurde beim anschließenden Gedankenaustausch, kulinarisch grundiert von Spezialitäten aus dem Donau-Karpaten-Raum, sichtbar.

Rückfragen und weitere Informationen:
Dr. Klaus Hübner, Koordinator des Spiegelungen-Preises: huebner@ikgs.de
Dr. Florian Kührer-Wielach, Herausgeber der Spiegelungenkuehrer@ikgs.de

Bilder der Veranstaltung stellen wir Ihnen gerne auf Anfrage zur Verfügung.


Programm

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Ausschreibung