Anlässlich des sich am 27. Oktober 2022 zum 100. Mal jährenden Geburtstags des aus der Bukowina stammenden israelischen Dichters, Übersetzers, Bildhauers und Malers Manfred Winkler organisierte das Franz Rosenzweig Minerva Forschungszentrum an der Hebräischen Universität Jerusalem in Kooperation mit der Victoria Universität Wellington und dem IKGS eine internationale und multidisziplinär angelegte Tagung, die von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert wurde. An der Veranstaltung, die am 29. und 30. November 2022 in Jerusalem stattfand, nahmen auch Wegbegleiter von Winkler teil, die den wissenschaftlichen Austausch mit persönlichen Berichten bereicherten. Es wurden bisherige Forschungsbemühungen gebündelt und gleichzeitig neue Perspektiven für künftige Auseinandersetzungen mit Winklers Werk und dessen weiteren literarischen, historischen und kulturgeschichtlichen Kontexten aufgezeigt. Indem Winklers Schaffen an aktuelle Forschungsansätze im Bereich einer transkulturell operierenden Literaturwissenschaft und der sich neu profilierenden German-Hebrew Studies angebunden wurde, konnte sein lyrisch vernetztes, mehrsprachiges Werk neu gelesen und seine bisher weniger beachteten Tätigkeiten als Übersetzer, Bildhauer und Maler neubewertet werden.
Die Tagung eröffneten Amir Engel, Leiter des Deutschen Departments an der Hebräischen Universität Jerusalem, und Jan Kühne vom Franz Rosenzweig Minerva Forschungszentrum. Engel bezeichnete Winklers Werk als ein überzeugendes Beispiel für den »Sieg der Kreativität, wenn sich Material und Geist verbinden und die Kunst zur Mystik wird«. Kühne lobte Winklers unerbittlich ehrliche Auseinandersetzung mit den Grundfragen der Conditio humana, die an John Donnes Aussage »I am involved in mankind« erinnert.
Der Impulsvortrag des Hauptredners Hannan Hever von der Yale Universität verortete Winklers Lyrik in der hebräischen Literaturgeschichte und ging auf die Pionierleistung des Lyrikers in der Erschaffung einer »kleinen Literatur« in Israel ein. Zugleich wies er auf Winklers Bemühung, einen pluralistischen literarischen Raum zu schaffen, die sich gegen den hegemonialen zionistischen Blick stellte. Michal Ben-Chorin (Bar-Ilan-Universität) ging aufgrund Winklers Übersetzungen von hebräischer Lyrik ins Deutsche der Frage nach, wie das Problem Sprache und die damit verbundene traumatische Erinnerung bei den muttersprachlich deutsch aufgewachsenen Lyrikerinnen und Lyrikern, die vor der Judenverfolgung im Hitler-Regime nach Palästina/Israel geflüchtet sind oder als Überlebende der Schoah den Weg ins »Altneuland« gefunden haben, reflektiert und gestaltet wird. Jan Kühne widmete sich den Selbstübersetzungen Winklers, die von verzögerten, fast wortgetreuen Übertragungen zu simultanen und komplementären Selbstübersetzungen, ja sogar zu kontrastierenden Bearbeitungen reichen.
Die Sektion Individualität und Entwicklung eröffnete Monica Tempian, Herausgeberin von Winklers mehrsprachigem lyrischen Werk, Initiatorin der Tagung und zusammen mit Kühne für die Organisation zuständig. Sie umriss die aktuelle Quellenlage und Forschungsdesiderata und zeigte anhand einer Reihe von Fassungsvergleichen, dass die Genese der aus rhythmisch-lexischen Beziehungen und Assoziationen fortgesponnen Dichtung Winklers erstens durch den sprachlichen Klang der Wörter sowie Vorlagen aus der Musik bestimmt war; zweitens durch visuelle Elemente, plastische Eindrücke aus der Lebenswelt oder aus der bildenden Kunst. In Anknüpfung an diese Überlegungen widmete sich Hans-Jürgen Schrader in seinem Vortrag der Frage, ob der Lyriker Manfred Winkler »ein Stückemacher« oder »ein Inspirierter« war. Im Unterschied zu den meisten Autoren des 20. Jahrhunderts, die sich der Konzeption eines dem eigenen Willen unterworfenen, verstandesgeleiteten Konstruierens von Literatur anschließen, sah Schrader die aus einer Kultur bruchloser Klassik-Verehrung herkommenden jüdischen Dichter der Bukowina an den alten Inspirationstopos anknüpfen und sich auch in der Moderne eher an den neoromantischen Strömungen des Symbolismus orientieren. Von Werkgenese, über poetologische Fragen, führte die Diskussion weiter zu Fragen der Rezeption und der Relevanz von Dichtung über den Holocaust im 21. Jahrhundert. Die Forscherin Young-Ae Chon erläuterte in ihrem Vortrag »Lyrik in Konfrontationen. Grenzgänge der poetischen Sprache«, dass die Motivation zur Auseinandersetzung mit Winklers Lyrik in Südkorea dem Respekt vor dem Erlittenen wie dem Drang nach Selbstläuterung entspringt. Abgerundet wurde der erste Tag durch die Sektion, die sich dem Dialog von Manfred Winkler und Paul Celan widmete. Petro Rychlo und Hiroaki Sekiguchi referierten über die Rezeption von Paul Celan in Winklers Lyrik und führten überzeugend vor, wie das dichterische Werk dieses ausgesprochenen Poeta doctus durch zahlreiche kulturelle Chiffren und Codes geprägt ist, wobei ein Großteil der Anspielungen, biographischen Hinweise, Widmungen, Zitate, Paraphrasen, Variationen einzelner Bilder und Motive auf Paul Celan bezogen sind.
Die einander auf vortreffliche Weise ergänzenden Vorträge in den multidisziplinären Sektionen des zweiten Tages stießen im Publikum auf sehr starke Resonanz. Die erkenntnisreichen Überlegungen von Andrei Corbea-Hoișie zum Bukowiner »Exzeptionalismus« haben den Vortrag von Florian Kührer-Wielach über Europas Südosten als dritten Raum in der Erinnerung eingeleitet und untermauert. Die Ausführungen zu Manfred Winklers Beitrag zur Herstellung eines kollektiven Gedächtnisses und seines Einsatzes als »cultural translator« im besten Sinne und als »Epochenverschlepper« führten zu anregenden Gesprächen und wurden von Markus Bauer und András Balogh konkret an einer Reihe von Dichtungen illustriert, in denen Erinnerung und Gedächtnis als poetisches Movens fungieren.
Die Nachmittagsrunde der Vorträge brachte Winklers Praxis und Leistung als bildender Künstler in den Fokus sowie den Aspekt der Intermedialität in der Literatur und visuellen Kunst. Enikő Dácz ging auf Manfred Winklers Wege zwischen den Künsten ein und wies darauf hin, dass die intermedialen Grenzgänge im Kontext der Winklerschen Lyrik durch »Celan-Seile« gesichert sind und häufig auf visuelle Eindrücke in den Werken von Vincent van Gogh und Marc Chagall zurückzuführen sind. Anschließend präsentierte Ariel Hirschfeld eine detaillierte Analyse der Skulpturen Winklers. Er ging auf ihre Vitalität, Spiritualität und Gemeinschaftssinn ein und argumentierte überzeugend, dass Winklers bildnerische Kunst an Schillers poetische Naivität anknüpft, die sich befreiend auf den Schaffensprozess auswirkt und eine gewisse Ambiguität erzeugt, die sich mit dem Begriff »scheue Monumentalität« erfassen lässt.
Die zweisprachige Lesung aus dem Jubiläumsband »Noch hör ich deine Schritte«, herausgegeben von Monica Tempian und Jan Kühne im Frankfurter Verlag Edition Faust (2022), und eine Auswahl von englischen Übersetzungen neuseeländischer Doktorandinnen rundeten die Tagung ab. Der sehr gut besuchte Abend im Jerusalemer Goethe-Institut bot die Gelegenheit, im Gespräch mit dem Schweizer Literaturwissenschaftler und Winkler-Experten Hans-Jürgen Schrader sowie der preisgekrönten israelisch-schweizerischen Künstlerin Yvonne Livay, die zuletzt den Jerusalemer LYRIS-Dichterkreis leitete, das Leben und Werk Manfred Winklers schlaglichtartig auch für ein breiteres Publikum zu beleuchten.
Die Veranstaltung hat ihr Ziel, das facettenreiche Werk des vielfältigen Künstlers neu in den Blick zu nehmen, um dabei seine einzigartige Leistung als Vermittler zwischen europäischen und orientalischen Sprachen und Kulturen zu beleuchten und zugleich der Frage nach dem Fortleben der ost- und mitteleuropäischen Kulturmitgift in Israel nachzugehen, erreicht. Die Ergebnisse der Tagung werden 2024 in einem Sonderheft der Zeitschrift Naharaim des Franz Rosenzweig Minerva Forschungszentrums veröffentlicht.