Ein junger Mann liegt lässig im Gras, die Haare nach hinten gekämmt, im Mund ein Zigarillo, die Augen in der gleißenden Sonne leicht zusammengekniffen. Über dem weißen Hemd trägt er ein modisches Karosakko. Der Steg, der die beiden Träger seiner Lederhose miteinander verbindet, ist mit einem springenden Hirsch und zwei Edelweiß bestickt. Eine Symbiose von Tradition und Moderne, aber auch Eleganz und Lebensfreude drückt die Fotografie aus.
Mit diesem stark vergrößerten Bild empfängt das Schlossmuseum im oberbayerischen Murnau die Besucher zu einer biografischen Ausstellung im Dachgeschoss. Sie ist einem der prominentesten ehemaligen Bewohner des Marktes Murnau am Staffelsee gewidmet: dem Schriftsteller Ödön von Horváth (1901–1938). Zu der ästhetisch ansprechenden und zugleich informativen Präsentation gehören eine Zeittafel, Fotografien, Dokumente, Zitate und Zeitungsausschnitte sowie Hörstationen. In den Jahren 1923 bis 1933 war Murnau der Lebensmittelpunkt des jungen Schriftstellers; während dieses Jahrzehnts schrieb er Bühnenwerke, Essays, Kurzgeschichten und Romane, bis er unter dem Druck der Nationalsozialisten aus Bayern fliehen musste. Ödön von Horváth war die Personifikation eines zentraleuropäischen Menschen; doch im Unterschied zu dem zwanzig Jahre älteren Stefan Zweig (1881–1942) betrauerte er nicht die „Welt von Gestern“, sondern wandte sich der politischen und sozialen Bedrohung seiner Gegenwart zu und kommentierte sie auf vielfache Weise. Seine kosmopolitische Einstellung formulierte er unter anderem im Jahr 1929. Das nachfolgende Zitat stammt aus einem Beitrag für die Zeitschrift Der Querschnitt und ist auch in der Murnauer Ausstellung neben der erwähnten Zeittafel wiedergegeben:
Sie fragen mich nach meiner Heimat, ich antworte: ich wurde in Fiume geboren, bin in Belgrad, Budapest, Preßburg, Wien und München aufgewachsen und habe einen ungarischen Paß – aber „Heimat“? Kenn’ ich nicht. Ich bin eine typisch altösterreichisch-ungarische Mischung: magyarisch, kroatisch, deutsch, tschechisch – mein Name ist magyarisch, meine Muttersprache ist deutsch. Ich spreche weitaus am besten Deutsch, schreibe nunmehr nur Deutsch, gehöre also dem deutschen Kulturkreis an, dem deutschen Volke. Allerdings: der Begriff „Vaterland“, nationalistisch gefälscht, ist mir fremd. Mein Vaterland ist das Volk.
Also, wie gesagt: ich habe keine Heimat und leide natürlich nicht darunter, sondern freue mich meiner Heimatlosigkeit, denn sie befreit mich von einer unnötigen Sentimentalität. Ich kenne aber reichlich Landschaften, Städte und Zimmer, wo ich mich zu Hause fühle, ich habe auch Kindheitserinnerungen und liebe sie, wie jeder andere. Die guten und die bösen. Ich sehe die Straßen und Plätze in den verschiedenen Städten, auf denen ich gespielt habe, oder über die ich zur Schule ging. Ich erkenne die Eisenbahn wieder, die Rodelhügel, die Wälder, die Kirchen, in denen man mich zwang, den heiligen Leib des Herrn zu empfangen – ich erinnere mich auch noch meiner ersten Liebe: das war während des Weltkrieges in einem stillen Gäßchen, da holte mich in Budapest eine Frau in ihre Vierzimmerwohnung, es dämmerte bereits, die Frau war keine Prostituierte, aber ihr Mann stand im Feld, ich glaube in Galizien und wollte mal wieder geliebt werden.
Meine Generation, die in der großen Zeit ihre Stimme mutierte, kennt das alte Oesterreich-Ungarn nur vom Hörensagen, jene Vorkriegsdoppelmonarchie, mit ihren zweidutzend Nationen, mit borniertestem Lokalpatriotismus neben resignierter Selbstironie, mit ihrer uralten Kultur, ihren Analphabeten, ihrem absolutistischen Feudalismus, ihrer spießbürgerlichen Romantik, spanischer Etikette und gemütlicher Verkommenheit […].

Autorin der Ausstellung ist eine gebürtige Murnauerin, die sich bereits frühzeitig als Literaturwissenschaftlerin mit dem Werk Ödön von Horváths auseinandergesetzt hat. Elisabeth Tworek ist vielen Münchnern noch als Leiterin der Monacensia-Bibliothek in den Jahren 1994 bis 2018 bekannt. Heute gehört sie unter anderem dem Marktgemeinderat von Murnau an und setzt sich für die Kulturgeschichte dieses besonderen Ortes ein, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein Magnet für Kulturschaffende unterschiedlichster Herkunft war. 1908 erwarben Gabriele Münter (1877–1962) und ihr damaliger Partner Wassily Kandinsky (1866–1944) ein kleines Haus am Ortsrand; ihre Freunde Alexej von Jawlensky (1865–1941) und Marianne von Werefkin (1860–1938) sowie weitere Mitglieder der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ ließen sich ebenfalls von dem malerischen Marktort, dem Murnauer Moos und der oberbayerischen Bergwelt inspirieren. Gabriele Münter sollte 1931 mit Ödön von Horváth in Kontakt kommen. Das Murnauer Schlossmuseum zeigt in der Münter-Abteilung eine Porträtstudie des jungen Schriftstellers, mit roter Jacke, lässig nach vorne gebeugt und der Künstlerin aufmerksam zugewandt.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam die Familie Horváth auf einer Ausflugsfahrt von München ins Voralpenland nach Murnau. Edmund von Horváth (1874–1950), ein erfolgreicher Diplomat und Geschäftsmann, und seine Frau Maria (1882–1959) ließen 1921–1924 an der Bahnhofstraße eine Villa errichten. Diese wurde von der Familie im Sommer gerne als Refugium genutzt und für den Sohn Ödön, der sich als Autor zu etablieren begann, in den 1920er-Jahren zum Hauptwohnsitz. Auch sein Bruder Lajos von Horváth (1903–1968), der sich als Illustrator und Grafiker einen Namen machte, lebte überwiegend dort.
Ödön unternahm von der Villa aus gerne Bergtouren und Wanderungen. Mit Empathie und Humor zugleich beobachtete er während langer Aufenthalte in bayerischen Wirtshäusern und Biergärten das Verhalten und die Sprache der Menschen, ihre Einstellungen und ihre Sorgen. Er besuchte Aufführungen mundartlicher Theaterstücke und identifizierte sich zunehmend mit Bayern – selbst dann, wenn er sich in Berlin mit seinem Verleger oder mit Schriftstellerkollegen traf. Deshalb war es für ihn nur konsequent, 1927 die deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen. Er wäre sogar bereit gewesen, dafür seine ungarische aufzugeben. Die Murnauer Ausstellung dokumentiert mit einer Reproduktion der originalen Akte diesen letztlich gescheiterten Versuch; der örtliche Gemeinderat lehnte das Gesuch Ödön von Horváths mehrheitlich ab.
Seine alltäglichen Beobachtungen hielt der Autor in zahlreichen Notizbüchern, aber auch auf Geschäftspapieren fest. Diese Aufzeichnungen flossen in seine Theaterstücke, Essays, Reportagen und Romane ein. Für die Komödie Zur schönen Aussicht (1926) diente ein etwas zwielichtiger Murnauer Beherbergungsbetrieb als reales Vorbild. Das Stück Die Bergbahn (1929) beruht auf tatsächlichen Schwierigkeiten und Arbeitskonflikten beim Bau der Zugspitzbahn. Die Italienische Nacht (1931) thematisiert die Uneinigkeit von Nazigegnern im Angesicht des immer stärker werdenden Nationalsozialismus. Dessen Aufstieg in Murnau hat Ödön von Horváth aus nächster Nähe miterlebt; er schreckte auch nicht vor der direkten Konfrontation mit der NSDAP zurück, was ihm erhebliche Probleme bereitete. Auch in sein Hauptwerk, den 1937 bereits im Exil veröffentlichten Roman Jugend ohne Gott, fanden Vorkommnisse und Persönlichkeiten aus den Murnauer Jahren Verwendung. Er ist aus der Perspektive eines jungen Lehrers geschrieben, der mit Engagement versucht, der zunehmenden Indoktrination und Verrohung seiner Schüler entgegenzuwirken.
Spätestens mit der Verleihung des renommierten Kleist-Preises im Jahr 1931 geriet Horváth ins Visier rechtsextremer Aktivisten und der NSDAP. Im gleichen Jahr sagte er vor Gericht aus, nachdem er Augenzeuge eines Überfalls von SA-Leuten auf eine antifaschistische Versammlung in Murnau geworden war, und belastete damit die NS-Anhänger schwer. Am 10. Februar 1933 kam es im Murnauer Hotel „Post“ zum Eklat, als der Autor dort wie gewohnt im Gastraum sein Bier trank. Im Radio wurde eine Hitler-Rede übertragen; Ödön von Horváth, der sich durch die Propaganda provoziert fühlte, bat eine Kellnerin, das Gerät abzustellen. Als die Parteiorgane intervenierten, floh der Autor – zunächst in die Wohnung seiner Eltern nach München, dann über die Grenze nach Österreich. Es begann eine Odyssee durch halb Europa, die ihn schließlich nach Paris führte. Dort endete sein junges Leben, nur wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs: Während eines schweren Gewitters wurde er beim Gang über die Champs-Élysées am 1. Juni 1938 von einem herabstürzenden Ast tödlich getroffen. Er wurde zunächst in Paris beigesetzt; seit 1988 ruhen seine sterblichen Reste im Familiengrab auf dem Heiligenstädter Friedhof in Wien.

In Murnau selbst hatte man in der Nachkriegszeit Ödön von Horváth lange Zeit vergessen oder verdrängt. Die literaturwissenschaftlichen Forschungen Elisabeth Tworeks und die ansprechende Ausstellung im Schlossmuseum haben den inzwischen weltweit bekannten Schriftsteller wieder ins lokale Bewusstsein der Marktbewohner und der zahlreichen Touristen gerückt und ihn damit an dem Ort, an dem er sich am wohlsten gefühlt hatte, rehabilitiert. In Murnau hat die Ödön-von-Horváth-Gesellschaft e. V. ihren Sitz, die alle drei Jahre (zuletzt 2025) die Murnauer Horváth-Tage veranstaltet und den Ödön-von-Horváth-Preis verleiht. Ein „Horváth-Rundweg“ erschließt Literaturinteressierten anhand von Zitaten und Erläuterungen Orte in Murnau, die in Werke des Schriftstellers eingegangen sind. Außerdem ruhen auf dem örtlichen Friedhof die mütterliche Großmutter Marie Přehnal (1851–1938) und der Onkel Josef („Pepi“) Přehnal (1875–1929) – unmittelbar neben dem Grab Gabriele Münters. Die Horváth-Villa an der Bahnhofstraße ist indes nicht erhalten geblieben: Sie fiel in den 1970er-Jahren der Abrissbirne zum Opfer.
Ödön von Horváth war ein aufmerksamer und kritischer Beobachter seiner Zeit, die geprägt war vom Aufstieg der NS-Bewegung und deren politischer Machtergreifung. Gerade seine „politischen“ Texte sind von einer überraschenden Zeitlosigkeit und können daher auch in der heutigen Zeit noch für die Gefahren menschenverachtenden Denkens und Handelns sensibilisieren. „Vernunft und Aufrichtigkeit“ – an diesen beiden Werten machte er selbst sein Schreiben fest.