https://doi.org/10.82486/sp.2026.06.2251

Das Leben ist ein Sprachereignis. Zsuzsanna Gahse wird 80

Wie immer man »Dame« definieren mag: Sie ist eine. Eine stets die Contenance bewahrende, charmante, elegante, witzige, kluge und belesene Frau, die nicht in irgendeinem Elfenbeinturm wohnt, sondern in Müllheim im Thurgau. Und im Hier und Jetzt. Eine Künstlerin, die seit mehr als 40 Jahren ungemein produktiv ist. Eine die herkömmlichen Grenzen der Gattungen souverän ignorierende Schriftstellerin, und eine begnadete Übersetzerin aus dem Ungarischen noch dazu. 

© Privat

Geboren wurde Zsuzsanna Gahse in Budapest. Nach den oft beschriebenen Ereignissen von 1956 emigrierte ihre Familie nach Wien. »Ein unvergessliches Erlebnis war es, ins Deutsche vorzupreschen. Wie in eine Wolke ging ich in die Sprache hinein, und diese Wolke riss immer mehr auf, und dann konnte ich in der neuen Sprache frei herumspazieren … Aber das Aufreißen der Wolken hört nie auf«.1 Bald nach der Gymnasialzeit ging Zsuzsanna Gahse nach Deutschland. Und gelangte, mit diversen Zwischenstationen, irgendwann nach Württemberg. Das Feuilleton der Stuttgarter Zeitung bot ihrem Schreiben ein Forum, Hannelore und Heinz Schlaffer machten ihr Mut. 1983 erschien Zero, vom kongenialen Lektor Hansjörg Graf im damals noch existierenden List Verlag betreut und sogleich von bekannten Kritikern hoch gelobt. Zsuzsanna Gahse bekam den Aspekte-Literaturpreis des ZDF und war plötzlich eine allseits bewunderte und begehrte Nachwuchs-Schriftstellerin. Ihre Prosatexte, die von Liebe und Einsamkeit, von Leichtigkeit und Melancholie, oft auch von Heimatlosigkeit und Heimatsuche handeln und auf ganz ungewöhnliche Art und Weise Szenen des Alltags schildern, sind keine im Sinne des 19. Jahrhunderts runden, abgeschlossenen Geschichten. Eher Entwürfe. Die Autorin hat ganz besonders die Literatur der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts studiert und peu à peu ihren eigenen Schreibstil entwickelt – einfache Handlungen, einfache Syntax und meist auch einfaches Vokabular, fragmentarische, mehrfach gebrochene Gebilde. Wird sie nach ihren Vorbildern befragt, stellt sie Boccaccio, Cervantes, E.T.A. Hoffmann oder Federico García Lorca heraus – und vor allen Gertrude Stein, die »Mutter der Moderne«, hinter deren Schreibstil man nicht mehr zurückgehen könne. Mit diesem literarischen Selbstverständnis schreibt man keine Bestseller. Doch genau damit entstehen Prosatexte höchster Qualität, die ästhetisch auf der Höhe der Zeit sind. Die Erzählung Berganza zum Beispiel (1984) oder die in Stadt, Land, Fluss versammelten Geschichten (1988), die Passepartout-Prosa (1994) oder der Kellnerroman (1996), der ebenso wenig ein umfangreicher Roman ist wie Oh, Roman (2007). Oder Siebenundsiebzig Geschwister (2017), ein bunter Teppich voller Vielfalt, Spiel und Sprachlust: »Es geht auch anders, / aber so geht es auch«.2

Nein, richtig dicke Bücher gibt es von Zsuzsanna Gahse nicht. »Nie werde ich tausend Seiten schreiben, um etwas zu begründen. Über nichts möchte ich tausend Seiten schreiben«. Ihre Bücher sind kurz und gut. Zum Beispiel Instabile Texte, zu zweit (2005), wo besonders deutlich wird, dass das Alltagsgeschehen für sie grundsätzlich ein Sprachereignis ist. Offenkundig wird das auch in ihren Donauwürfeln (2010). Donau plus Würfel, eine zuvor noch nie gehörte Kombination: Zehn Silben mal zehn Zeilen bilden ein Quadrat, zehn Quadrate einen Würfel, und aus 27 solchen Sprachwürfeln besteht diese Hommage an den mächtigen Strom. Ein Sprachfeuerwerk. Interpretieren muss man ihre Werke nicht unbedingt. »Was ich damit sagen will? Damit? Ich will nur sagen, was ich sage, man braucht das nicht zu deuten«.3 Lesen aber muss man sie. Als sie 2006 den Adelbert-von-Chamisso-Preis bekam, hat Péter Esterházy, von dem sie wichtige Texte übersetzt hatte, eine vielbeachtete Laudatio gehalten. Und man hat sie für eines ihrer besten Prosawerke ausgezeichnet: durch und durch. Müllheim / Thur in drei Kapiteln (2004). Ein luftiger Durchgangsort ist ihr in hochreflektierten Sprachmäandern und Prosagirlanden geschildertes Müllheim, ein Ort, in dem sich Alltag und Literatur gegenseitig spiegeln und Lokales plötzlich zu Globalem wird. Auch Spielbeginn, ihr jüngstes Werk, erzählt von ihrer grenzenlosen Liebe zur Sprache. Genauer: zu den Sprachen. Sprachen als Obsession, oder, wie es eine ihrer Figuren ausdrückt: »Am liebsten würde ich die Sprachen aufessen, ich liebe sie, ich habe ein Verhältnis mit ihnen, sodass ich sie verschlingen muss. Tausendfältig sind sie, trotzdem will ich alle fassen, schnappen und gleich verschlingen.«4

Leicht zugänglich ist Spielbeginn nicht, wie die meisten der über dreißig Bücher dieser außergewöhnlichen Autorin. Man muss sich schon konzentriert einlassen auf ihre spannenden und spielerischen Sprachexperimente. Dann allerdings wird man reich belohnt. Spielbeginn könnte womöglich ihr letztes Buch sein, hat Zsuzsanna Gahse 2025 öffentlich geäußert. Man beachte den Konjunktiv! Am 27. Juni 2026 wurde die Künstlerin 80 Jahre alt. Gratulation und Glückwunsch! 

  1. Jedes Wort ist eine Übersetzung …«. Werkstattgespräch mit Klaus Hübner. In: Schweizer Monat 1020, Oktober 2014, S. 88. ↩︎
  2. Zsuzsanna Gahse: Siebenundsiebzig Geschwister. Wien 2017, S. 75. ↩︎
  3. Zsuzsanna Gahse: Südsudelbuch. Wien 2012, S. 142. ↩︎
  4. Zsuzsanna Gahse: Spielbeginn. Verrutschungen. Wien 2025, S. 27. ↩︎