Seit 1962 heißt der Hauptplatz der westslowakischen Stadt Trentschin (sk. Trenčín) »Mierové námestie« – »Friedensplatz«. Im Mittelalter war er einfach der »Ring«, der »Hauptplatz« oder auf Ungarisch der »Főtér«. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts hatte er, je nach Konjunktur, mehrfach Politiker-Namen getragen: den des ungarischen Obergespans Gyula Szalavszky, des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš G. Masaryk, des slowakischen Autonomisten Andrej Hlinka und schließlich des sowjetischen Diktators Josef Stalin. Mehrere Städte in der kommunistischen Tschechoslowakei hatten »Friedensplätze«, von denen manche nach 1989 wieder umbenannt wurden. In der slowakischen Hauptstadt Bratislava sprechen gleichwohl noch viele ältere Bewohner vom umgangssprachlich verkürzten »Mierko«, wenn sie den heutigen Hodžovo námestie meinen, der an den Pastor und Dichter Michal Miloslav Hodža erinnert.
Im Zentrum der Trentschiner Altstadt ist der Friede bis heute Namensgeber geblieben. Das liegt mit Sicherheit nicht an einem nostalgischen Festhalten an der sozialistischen Nomenklatur. Vielmehr war Trentschin Schauplatz eines historischen Ereignisses, das vor Jahrhunderten tatsächlich den Weg zu einer friedensstiftenden zwischenstaatlichen Vereinbarung geebnet hat. Seit 2015 ist Trentschin daher auch Mitglied eines lockeren europäischen Städtebundes der »Friedensstädte«, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Idee des Friedens im Bewusstsein zu halten und zu verbreiten.

Der Vertrag von Trentschin wurde am 24. August 1335 zwischen Gesandten der Könige Johann von Luxemburg (Böhmen), Kasimir (Polen) und Karl Robert (Ungarn) vereinbart. Schauplatz der Verhandlungen war die hoch über der Stadt emporragende Burg, die damals noch nicht ihre volle Größe erreicht hatte, aber bereits weithin sichtbar das Tal der Waag (sk. Váh) dominierte. Die Übereinkunft bewirkte, dass die meisten von piastischen Herrschern regierten schlesischen Teilherzogtümer der Lehnshoheit der böhmischen Wenzelskrone unterstellt wurden, während das böhmische Herrscherhaus auf dynastische Ansprüche auf den polnischen Königsthron verzichtete. Diese Aspirationen hatten sich aus der Ehe Johanns mit der letzten Přemyslidin Elisabeth (»Eliška«) ergeben.
Allerdings ließ sich Johann seinen Verzicht durch eine ansehnliche Geldzahlung leichter machen. Er erwarb dafür die Souveränität über Breslau (pl. Wrocław), Glogau (pl. Głogów) und elf weitere schlesische Herzogtümer, nicht jedoch über Schweidnitz (pl. Świdnica), Jauer (pl. Jawor) und Münsterberg (pl. Ziębice). Im November 1335 begegneten sich die drei Könige Böhmens, Polens und Ungarns persönlich in Visegrád und vereinbarten eine politisch-militärische Allianz gegen die Habsburger. Auch wenn der polnische König Kasimir erst am 9. März 1339 das Bündnis ratifizierte – es ist in der Geschichtsschreibung für alle Zeiten als »Vertrag von Trentschin« oder »Friede von Trentschin« festgeschrieben worden. Als Karl IV. den böhmischen Thron bestiegen hatte und zudem zum römischen Kaiser gekrönt worden war, bestätigte er 1348 im Vertrag von Namslau (pl. Namysłów) die Verpflichtungen seines Vaters gegenüber den Nachbarn. Immerhin hatte der Friede in Zentraleuropa einige Jahrzehnte lang Bestand und machte die Stadt an der Waag weit über ihr engeres Einzugsgebiet hinaus bekannt.
Besucher, die heute nach Trentschin kommen, werden mit einer anderen, weitaus romantischeren Geschichte vertraut gemacht – die allerdings dem Reich der Fantasie entsprungen ist. Im 15. Jahrhundert unternahmen die aufstrebenden Osmanen mehrere Vorstöße gegen Zentraleuropa und kamen bei ihren kriegerischen Zügen auch bis ins damalige Oberungarn. Nach der Legende gelang es einem Trentschiner Burgherrn, eine vornehme und hübsche Türkin namens Fatima gefangen zu nehmen und auf der Burg einzusperren. Sie war die Verlobte eines osmanischen Anführers mit dem Namen Omar, der sich alsbald nach Trentschin begab, um dort Fatimas Freilassung zu erwirken. Der Burgherr habe ein steinernes Herz besessen, sagt die Legende, und sich geweigert, diesem Ansinnen nachzukommen. Er stellte Omar eine Bedingung: Erst dann würde er Fatima zurückbekommen, wenn es ihm gelänge, in den Burgfelsen einen wasserführenden Brunnen zu schlagen. Omar und sein Gefolge machten sich an die Arbeit, unermüdlich und unablässig. Drei Jahre lang sollen sie den harten Felsen bearbeitet haben. Schließlich gelang es, aus dem tiefen Schacht mit einem Kübel Wasser zu schöpfen. Der Burgherr musste sich an seine Zusage halten und Fatima freilassen. Omar reichte ihm das erste Glas Wasser und sprach zu ihm: »Hier hast Du Wasser, doch ein Herz hast Du nicht«.
Die Legende ist vermutlich erst im 19. Jahrhundert im Geist der Romantik entstanden und dürfte einer der wenigen Texte in Zentraleuropa sein, in dem osmanische Protagonisten in einem positiven Licht erscheinen. Die Geschichte von Omar und Fatima wurde von dem Schriftsteller Alois von Mednyánszky 1829 in seinen Erzählungen, Sagen und Legenden aus Ungarns Vorzeit festgehalten. Der Reiseschriftsteller John Paget verfasste 1839 in seinem Buch Hungary and Transylvania eine englischsprachige Fassung von ihr. Im slowakischen Kontext fand sie bei Karol Štúr (einem Bruder des »nationalen Erweckers« Ľudovít Štúr) im Jahre 1844 in dessen Sammlung Povesti [Erzählungen] ein Echo. Damit war der Popularisierung dieses orientalistischen Motivs der Weg geebnet. In Trentschin gelten seither Omar und Fatima als die Verkörperung der reinen, aufrichtigen Liebe.


Ein exklusives Restaurant, auf halbem Weg von der Altstadt zur Trentschiner Burg, heißt »Fatima«, ein Kaffeehaus am weitläufigen Mierové námestie hingegen »Omar«. Touristen bekommen den Burgbrunnen unter der Bezeichnung »Studňa lásky« – Brunnen der Liebe – gezeigt. Um der Wahrheit gerecht zu werden, darf nicht unerwähnt bleiben, dass der Brunnenschacht nicht bis zum Grundwasser hinunterreicht, sondern Regenwasser sammelt. Ein naives Gemälde von Omar und Fatima hängt in der Burgschänke, in der auch entsprechende Souvenirs erworben werden können. 1935 verarbeitete der slowakische Schriftsteller Jožo Nižnánsky die Legende von Omar und Fatima in seinem historischen Roman, von der auch eine Trickfilm-Verarbeitung aus den frühen 1940er-Jahren existiert. Das städtische Theater von Trentschin brachte 2024 unter der Regie von Karol Rédli ein gleichlautendes Musical auf die Bühne, dessen Libretto – nach Nižnánskys Literaturvorlage – von Zuzana Mišáková-Moravčíková und die Musik von Ján Ančic stammten.
Friede und Liebe – zwei gute Botschaften einer mittelgroßen westslowakischen Stadt, die sich in diesem Jahr mit dem finnischen Oulu den Titel »Europäische Kulturhauptstadt« teilt.