Zu der Einladung, einen Text für die Zeitschrift SPIEGELUNGEN zu schreiben, kam ich über eine Veranstaltung bei der Leipziger Buchmesse im März 2024. Es war die von Vivian Perkovic moderierte und vom Goethe-Institut mitorganisierte Diskussion unter dem Titel Die Freiheit der Worte, bei der neben mir auch der deutsche Schriftsteller Lukas Rietzschel und der ungarische Schriftsteller und Professor Gábor Schein beteiligt waren. Letzterer arbeitet mit der Redaktion der SPIEGELUNGEN zusammen und hat mir am nächsten Tag vorgeschlagen, diesen Text zu dem ziemlich frei konturierten Thema „unabhängiges Theater“ in Polen zu schreiben. Warum ich mit der Geschichte weit aushole und die Genese des Textes samt Einladung schildern will? Woher die Idee kommt, dass jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt über ein bestimmtes Thema schreiben sollte, scheint mir sehr wichtig zu sein. Es ist nicht nur für den Kontext von Bedeutung, sondern auch für die Perspektive, aus der geschrieben wird. Wer bekommt die Möglichkeit, sich zu etwas zu äußern und warum? Was bedeutet es für die Leserschaft, dass sie zu einem gewissen Thema gerade die Ansichten dieser und nicht einer anderen Person bekommt? Und wozu verpflichtet eine schreibende Person die Position, aus der sie schreibt? Wie auch: Wovon ist sie durch eben diese Position abhängig?
Wenn ich gefragt werde, wer ich bin, sage ich nicht als Allererstes, dass ich eine weiße Frau aus Polen bin. Wobei es sicher falsch ist, weil diese Merkmale meine Erfahrungen und Perspektive bedeutend prägen. Heutzutage verstehen wir uns jedenfalls viel lieber über die berufliche Tätigkeit. Oder wollen uns lieber durch dieses Prisma betrachten. Schließlich können wir ja dieses Bild bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Wo wir geboren wurden und was für ein Körper uns bei der Lotterie zugeordnet wurde, und ob damit Privilegien oder überhaupt keine Vorteile einhergehen, liegt außer unserer Kontrolle und passt deswegen nicht zum modernen Konzept der Welt und des Lebensstils, dem viele Menschen folgen möchten. Mich inklusive. Dass ich zum Beispiel aus Osteuropa komme, bekomme ich meistens erst so richtig zu spüren, wenn ich in Westeuropa unterwegs bin. Wenn ich im Alltag gefragt werde, wer ich bin, nenne ich also eher einige meiner ausgeübten Berufe, meistens an erster Stelle: Übersetzerin von Theatertexten und Theatermacherin. Ich bin in Polen geboren und lebe auch mein ganzes Leben lang in meinem Herkunftsland, arbeite aber regelmäßig auch in Deutschland und habe mich diesem Land durch die Arbeit mit der deutschen Sprache beruflich verschrieben. Und dies ist auch die Position, aus der ich betrachte, denke und berichte. Dieses Dazwischenstehen erlaubt mir eine vergleichende Perspektive und eine gewisse Distanz beim Betrachten der Erscheinungen auf beiden Seiten der Grenze. Oder zumindest erhoffe ich es mir. Andererseits distanziere ich mich einigermaßen durch diese mobile Position und verliere ab und zu die genauere Einsicht in manche Angelegenheiten. Was mir auch bewusst ist.
Und als diese Person mit eben dieser Perspektive wurde ich in den letzten Jahren zu ganz vielen Veranstaltungen in Deutschland eingeladen, bei denen es um Freiheit der Kultur, um den rechten Druck, unter dem die Kulturschaffenden wirken, und um dessen Folgen für die Kulturlandschaft wie auch um die Zensurversuche seitens der Politik und Abwehrstrategien ging. In den acht Jahren, in denen die rechtskonservative Partei PiS¹ in Polen an der Macht war, habe ich auf unterschiedlichsten Podien erzählt, wie die jahrelang aufgebaute Kulturlandschaft von den neuen Entscheidungsträgerinnen Stück für Stück abgebaut wurde. Ich ging darauf ein, wie die rechten Politikerinnen kompetente Menschen aus ihren Posten entließen und mit neuen erfahrungs- und kompetenzlosen, aber ideologietreuen Parteigenossen oder mit deren Verwandten ersetzten; wie sie damit ganze Theaterhäuser beinahe liquidierten, weil nach so einem Intendanzwechsel nach und nach die meisten Künstlerinnen und Mitarbeiterinnen kündigten. Ich behandelte die Fragen, wie sie die Institutionen der Kulturdiplomatie zerstörten und versuchten, eine ideologietreue und traditionell-konservativ orientierte polnische Kultur im Ausland zu fördern und wie sie versuchten, neue Kultureliten zu etablieren, die ihre Ideologie des in ihrem Sinne verstandenen Patriotismus und der Treue der katholischen Kirche gegenüber unterstützen würden. Und tatsächlich fanden sie einige Akteurinnen, die solche Kulturerzeugnisse produzierten, die jedenfalls bezüglich der künstlerischen Qualität viel zu wünschen übrigließen. Ich erörterte, wie sie schwarze Listen mit Namen zusammenstellten, auf denen Kulturschaffende standen, die keine Unterstützung vom Staat und keine Beschäftigung an öffentlichen Institutionen hätten bekommen sollen. Und wie sie keine Zensur im klassischen Sinne einführen mussten, weil es heutzutage ausreicht, die Kultur von Geldquellen abzuschneiden, um ganz viele Dinge zu verhindern. Oder weil es auch ausreichen kann, Angst zu säen: Angst um den eigenen Posten, Angst um die Kürzungen bei den nächsten Haushaltentscheidungen, Angst um die eigene ökonomische Existenz, Angst um die Existenz der Mitarbeitenden, für die man Verantwortung trägt. Ich bin bei diesen Gesprächen fast jedes Mal nach Zensur gefragt worden. Und ich hatte sehr oft das Gefühl, dass das Verständnis, welches immer noch vorherrscht, ein für die Situation in meinem Land oder sogar in unserer Region veraltetes ist. Eine Zensur im klassischen Sinn gab es im Polen der PiS-Regierung nicht. Und darauf haben sich die Regierenden auch immer sehr gerne berufen. Es habe ja Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst gegeben, die Kultureinrichtungen seien ja unabhängig gewesen, hieß es. Und ja, theoretisch hätte es stimmen können. In der Praxis mussten jedoch die Leiterinnen der Kulturinstitutionen und diverser Projekte in Betracht ziehen, dass ihre Schritte Konsequenzen haben können. Und so eine Stimmung führt schnell zur Selbstzensur, wenn die eine oder andere Intendanz sich dessen bewusst ist, bei der Einladung jener Künstlerin oder jenes Künstlers damit rechnen zu müssen, bei der nächsten Finanzplanung leer auszugehen oder ihre Posten zu verlieren oder so starke Kürzungen zu bekommen, dass sie einige Mitarbeitende entlassen muss. Es sind selbstverständlich keine einfachen Entscheidungen – insbesondere, wenn nicht nur die eigene Existenz auf dem Spiel steht.
Am 15. Oktober 2023 haben die polnischen Bürgerinnen wieder gewählt. Die Wahlprognosen waren bezüglich des Ausgangs bis zum allerletzten Moment nicht klar. Klar war nur: Wenn die PiS noch eine weitere Amtszeit gewonnen hätte, hätte sie das ganze Justizsystem zerlegt und unter eigener Kontrolle ein neues undemokratisches Konstrukt geschaffen. Sie hätte die Verfassung umgeschrieben und das Wahlsystem wahrscheinlich so umgebaut, dass sie nie wieder irgendwelche Wahlen hätte verlieren müssen, und es wahrscheinlich auch dazu instrumentalisiert, Polen in einigen Jahren aus der Europäischen Union hinauszuführen oder mindestens die Kluft zwischen der EU und der Republik Polen so zu vertiefen, dass Zusammenarbeit und Unterstützung nicht mehr möglich gewesen wären. Dazu ist es nicht gekommen. Im Oktober 2023 sind so viele polnische Bürgerinnen an die Wahlurnen gegangen wie noch nie in der Geschichte Polens nach der Wende. Die Wahlbeteiligung betrug fast 75 Prozent, ein Rekordergebnis. Die Schlangen vor den Wahllokalen waren so lang, dass in vielen Städten die Wartezeiten mehrere Stunden betrugen. Ich selbst habe in einer Botschaft in Griechenland gewählt, wo ich gerade auf einer Recherchereise war, und musste sogar dort drei Stunden warten, um ins Lokal zu kommen. Und beim Anblick dieser Schlange und der Tourist*innen, die ihren Urlaub unterbrochen haben, um eine politische Entscheidung treffen zu können, wurde mir langsam klar: Es wird sich doch etwas ändern. Die Partei PiS hat letztlich die meisten Stimmen bekommen, aber nicht so viele, dass sie imstande gewesen wäre, die Regierung allein zu bilden. Alle anderen Parteien haben solidarisch die Möglichkeit, eine Koalition mit der PiS einzugehen, abgelehnt. Und so konnte am 13. Dezember 2023, paradoxerweise am Jahrestag der Verhängung des Kriegsrechts in Polen durch die kommunistische Regierung im Jahre 1981, die neue Koalition die Macht übernehmen. Die Sitzungen des polnischen Sejms in der neuen Zusammensetzung und die Vereidigung der neuen Regierung wurden von Millionen Menschen im Streaming verfolgt und sogar live im ausverkauften Warschauer Kino gezeigt.
Ich hätte nicht erwartet, weiterhin Einladungen zu deutschen Podien zum Thema „Unabhängigkeit der Kultur und rechter Druck“ zu erhalten. Dies ist jedoch weiterhin der Fall. Die Diskussionen sind ähnlich, nur gibt es eine gewisse Verschiebung. Es geht vielmehr darum, wie polnische Kulturschaffende diese düstere achtjährige Periode überstanden haben und wie man nach einer solchen Phase zur Normalität zurückkehrt. Die Präsenz der Rechten in Deutschland wird immer stärker, die Tendenz sieht man ja seit vielen Jahren, und es war auch vorauszusehen, in welchem Tempo und in welche Richtung sie sich entwickeln würden. Dass es aber nun auch offene Ohren für die Perspektive aus Osteuropa und den Willen gibt, aus den Erfahrungen der anderen zu lernen, freut mich ungemein. Dazu kommt auch ein winziges Gefühl der Schadenfreude, für die ich mich auch ernsthaft schäme: Nach 20 Jahren Erfahrungen mit deutsch-polnischen Projekten, Beziehungen, Partnerschaften, Allianzen, Begegnungen habe ich einiges an Westsplaining erlebt. Und es war nicht immer leicht, dieses auf sich zu nehmen. Daher, ja, ich schäme mich für diesen Gedanken und habe Freude am Eastsplaining, welches ich jetzt auch betreiben kann. Aber verstecke es nicht, bekenne mich schuldig, um ehrlich von dem Kontext und den Umständen, die solche Überlegungen und Diskussionen begleiten können, zu sprechen. Und das Angenehme an dem Mal-splaine-ich-auch-was hat richtig kurze Beine und bringt nur einen kurzfristigen Satisfaktionsschuss, ein bisschen wie Zucker. Dazu kommt, dass dies alles nicht so simpel ist. Was in Polen funktioniert hat, wird nicht unbedingt in der Slowakei oder in Deutschland erfolgreich sein. In jeder Gesellschaft sind die Brennpunkte und die Grenzen woanders. In jeder Gesellschaft ist das Protestpotential anders zu managen. Uns haben unterschiedliche Geschichten geprägt, und wir müssen demzufolge auf andere Gefahren aufpassen. Am Abend vor der Diskussion auf der Buchmesse, die ich eingangs erwähnt habe, habe ich bei einem deutschen Nachrichtensender einen Experten gehört, der ungefähr meinte: „Demokratie retten lernen, Stichwort Polen“, und da dachte ich sofort: Interessant, aber so simpel ist das nicht. Die erste Frage an mich bei den Diskussionen, zu denen ich nun eingeladen werde, geht jetzt oft in die Richtung: Wie sollen wir das machen? Und ich antworte immer: Ich werde keine goldene Lösung liefern, das kann ich leider nicht tun. Aber zuhören und aus unseren Erfahrungen lernen, das könnt ihr, das wird sicher nicht schaden.
Am 6. Dezember 2024 habe ich an einem Panel im Literarischen Colloquium in Berlin (LCB) im Rahmen der Veranstaltung „Wie werden wir uns erinnern?“ teilgenommen, bei der es um die Kulturpolitik ging, die von den neurechten Parteien als ein immer „interessanteres“ Feld der Einflussnahme erkannt wird, und um die Frage, wie die Kulturschaffenden, bei dieser Veranstaltung insbesondere die Literaturakteur*innen, darauf vorbereitet sind. Neben drei Workshops (unter Leitung von Radikalen Töchtern, Torsten Hoffmann und Dominik Renneke) gab es auch Diskussionen, und eine davon war den internationalen Perspektiven und Erfahrungen gewidmet. Neben mir waren der ungarische Dichter Mátyás Dunajcsik und der slowakische Theatermacher Mário Drgoňa auf dem Podium. Moderiert wurde die Diskussion von Lara Sielmann. Die Veranstaltung fiel gerade in die Zeit zwischen der Ankündigung der Kürzungen im Berliner Kulturetat wie auch der Einsparungen auf Bundesebene und dem letztendlichen Beschluss des Berliner Senats, tatsächlich drei Milliarden Euro einzusparen.
Damit auch in die Zeit der Demonstrationen und Proteste. Und da sind wir wieder beim Thema Geld und was für eine erfolgreiche Waffe es darstellt. Und dies kommt ja nicht mal von den rechten Parteien. In der Zeit, wo in Deutschland mit jedem Schritt der AfD in Richtung mehr Power gebangt wird, schaffen es andere Parteien, einen Schritt in Richtung Totsparen der Kulturszene zu machen. Als ob sie es den Rechten einfacher machen möchten, als ob sie ihnen schon den Weg glatt und schön vorbereiten wollten. Ein sehr falscher Schritt, der übrigens vor allem für die freie Szene ein harter Schlag ist. So hat sich unsere Diskussion ziemlich schnell von Berichten, wie es in Ungarn und in der Slowakei vor sich geht und was für Schwierigkeiten in Polen zu überwinden waren, zu den Fragen, wie man gegen jede Art von Druck seitens der Politik kämpfen kann. Eigentlich gegen jede Politik, die die Kultur unter Druck setzt. Und seien wir ehrlich: Die meisten tun es. Das Fazit von uns allen war: Widerstand hat Sinn. Und zwar immer und jede Form des Widerstands. Und es gibt ganz unterschiedliche Formen, aus denen sich eigentlich alle eine Möglichkeit auswählen können. Auf Straßendemos zu gehen, wofür ich sehr stark plädiert habe, weil dies in Polen tatsächlich eine enorme Kraft entwickelt hatte, ist nicht für alle eine Option, wie der Kollege aus Ungarn betonte. Es gibt jedoch immer die Möglichkeit, so einen Protest zu unterstützen, sei es im Organisatorischen oder in der Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben von der Kraft der Solidarität gesprochen, die starke Netzwerke entstehen lässt, ohne die kein Kampf zu gewinnen ist, und auch darüber, was es bedeutet, die Ausdauer dafür zu finden, und wann der Punkt ist zu sagen: Ich kann nicht mehr, ich wandere aus. Ein wichtiges Argument für Proteste war auch die Frage der Sichtbarkeit. Was gesehen wird, kann nicht mehr ungesehen gemacht werden. Widerstand hat auch dann Sinn, wenn manche Entscheidungen schon gefallen sind und es scheint, man könne nichts mehr machen. Das stimmt aber nicht, denn solange wir das Thema aufgreifen und immer wieder an der Oberfläche kratzen, ist es nicht vorbei, und wir machen es den Entscheidungsträger*innen schwer, einfach darüber hinwegzugehen und zum nächsten Punkt überzugehen, als ob es Business as usual wäre. Das lebendige Interesse des Publikums vor Ort im Saal des LCB wie auch die Gespräche danach und die Nachwirkung in Form von Mails und Nachrichten mit weiteren Fragen und Bitten um Beispiele zeigte mir, wie wichtig es ist, von konkreten Fällen zu erzählen, in welchen die Angriffe auf die Unabhängigkeit der Kultur auf eine bestimmte Art und Weise abgewehrt wurden. Ich habe das Gefühl, das ist im Moment das Beste und Notwendigste, was ich einer deutschsprachigen Leserschaft zu bieten habe. Schließlich war es ja so, dass mir und anderen die Unterstützung und das Interesse seitens der deutschen Kulturszene in den acht Jahren geholfen haben, dranzubleiben und weiterzumachen, last but not least auch in finanzieller Hinsicht. Durch diese Unterstützung konnte ich persönlich meine eigene Unabhängigkeit bewahren. Nun ist es an der Zeit, zurückzuzahlen.
Bevor wir aber weitergehen, möchte ich kurz anhalten und darüber nachdenken, was dieser Begriff unabhängiges Theater eigentlich bedeutet und welche Problematiken er mit sich bringt. Und was heißt unabhängiges Theater, von dem ich eigentlich hätte schreiben sollen und immer wieder vom Thema abschweife, vielleicht, weil ich an die Existenz eines solchen nicht glauben kann. Schließlich leben wir in keinem Vakuum, es gibt immer eine Abhängigkeit, wenn keine politische, dann eine finanzielle, wenn nicht von öffentlichen Geldgeberinnen, dann vom Sponsoring oder Kartenverkauf, von räumlichen und zeitlichen Möglichkeiten, von Ressourcen und menschlichen Kapazitäten. Im Deutschen sprechen wir von der freien Szene, wenn wir eine sehr dichte und in sich auch sehr differenzierte Theaterlandschaft meinen. Die soll im Gegensatz zu den von den Kommunen und Ländern abhängigen Theaterhäusern „frei“ sein. Aber wovon ist sie eigentlich frei? Ist sie von finanziellem Druck frei? Ist sie von den Entscheidungen der Geldgeberinnen und der Politik frei? Ist sie frei von kapitalistischen Strukturen? Oder vielleicht soll ich eher fragen: Wozu ist sie frei? Ist sie tatsächlich von all dem unabhängig? Wie wir dies im Polnischen heutzutage nennen würden, also niezależna, wie auch im Englischen der Begriff eher als independent theatre funktioniert. Irgendeine Abhängigkeit gibt es immer. Es ist eher die Frage, welchen Teil der Unabhängigkeit wir zu welchem Zeitpunkt priorisieren wollen und was daraus folgt. Was man dadurch gewinnt und welche neuen Abhängigkeiten sich daraus ergeben. Ich möchte zwei Beispiele aus der Zeit der PiS-Regierung schildern, wie polnische Theater auf die Einflussnahme in Form von Intendanzwechseln reagierten. Jedes der beiden Häuser wehrte sich auf seine eigene Art und Weise. Was den beiden Fällen aber gemeinsam ist, sind Bündnisse, die die Ensembles eingegangen sind; im ersten Fall war es ein Bündnis mit dem Publikum und im zweiten mit den Regisseuren.
Das Teatr Polski in Breslau/Wrocław war unter der Intendanz (2006–2016) von Krzysztof Mieszkowski, der aktuell Politiker und Parlamentsabgeordneter ist, eines der führenden Theaterhäuser in Polen und die künstlerische Visitenkarte der Stadt. Mit Inszenierungen unter der Regie von Krystian Lupa, Monika Strzępka und Jan Klata war es bei allen Theaterfestivals in Polen zu sehen, und Theaterfans aus ganz Polen reisten regelmäßig zu Premieren nach Wrocław. Außerdem repräsentierte es das polnische Theater bei zahlreichen internationalen Festivals. Nach der Übernahme der Macht durch die PiS und der Ernennung von Piotr Gliński zum Kulturminister im Jahr 2015 hat dieser eben dort seine erste Intervention und den ersten Zensurversuch unternommen. Bei der Produktion Śmierć i dziewczyna (Der Tod und das Mädchen) nach Texten von Elfriede Jelinek in der Regie von Ewelina Marciniak, die auch in Deutschland als Regisseurin sehr bekannt ist und mehr dort als in Polen inszeniert, wurden zwei Pornodarstellerinnen engagiert, um eine Sexszene auf der Bühne zu spielen. Noch vor der Premiere wurde das bekannt, und der neugebackene Minister versuchte, die Premiere zu verhindern. Der damalige Intendant verteidigte die Produktion und führte seine Programmlinie konsequent weiter. In einem abgekarteten Auswahlverfahren für die neue Intendanz, zu dem Mieszkowski aus formalen Gründen nicht zugelassen wurde, wurde Cezary Morawski, ein Schauspieler, der hauptsächlich aus einer Seifenoper bekannt ist, gewählt. Das Ensemble protestierte gemeinsam mit dem Publikum und kämpfte trotz Kündigungen und anderer Repressionen seitens des neuen Intendanten mutig um sein Theater. Schon am 1. September 2016, also dem ersten Tag der neuen Intendanz, entstand eine Facebook-Fanpage „Teatr Polski – w podziemiu / Polski Theatre in the Underground“, die zuerst als eine Art Tagebuch des Protests diente und half, die Wut zu kanalisieren. Sehr schnell führte diese Energie zu einer künstlerischen Tätigkeit, und am 71. Jahrestag der Entstehung des Teatr Polski in Wrocław spielte die Gruppe der protestierenden Schauspielerinnen ihre erste Produktion in der Regie von Krzysztof Garbaczewski unter neuen Bedingungen ohne feste Finanzierung, Komfort beziehungsweise infrastrukturelle Sicherheit der Arbeit an einer Institution. Heute hat das Teatr Polski im Untergrund einen festen Spielbetrieb als Stiftung, hat einige Preise auf dem Konto, produziert Inszenierungen in Zusammenarbeit mit namhaften Regisseur*innen und besitzt seit Mai 2019 seine eigene Spielstätte „Piekarnia“. Das Teatr Polski in Wrocław ist unterdessen zu einer unbedeutenden, vergessenen Bühne geworden.
Kaum ein Jahr nach dem Intendanzwechsel in Wrocław wurde ein Auswahlverfahren für die Intendanz des Narodowy Stary Teatr (dt. Altes Nationaltheater) organisiert, eines der wichtigsten und ältesten polnischen Theater, das auch den Status einer nationalen Institution hat und somit direkt dem Kulturministerium untergeordnet ist. Dabei wurde Marek Mikos zum Intendanten berufen, der bisher keine große Erfahrung in der Leitung von Theaterhäusern wie auch keine künstlerischen Erfolge hatte, dafür aber einen lokalen Fernsehsender leitete und als Theaterkritiker arbeitete. Beworben hatte er sich zusammen mit dem jahrelang im Ausland arbeitenden Regisseur Michał Gieleta, mit dem er gemeinsam die bisherige Arbeit des Hauses stark kritisierte und die Rückkehr zum traditionellen Theatermodell nach Vorbild der angelsächsischen Tradition ankündigte. Kurz darauf zerstritten sich beide jedoch, und Gieleta wurde entlassen. Das Ensemble beschloss, gemeinsam auf die Situation zu reagieren, aber einen anderen Weg als die Kolleginnen aus Wrocław einzuschlagen. Sie nahmen Gespräche mit Mikos und dem Ministerium auf, in denen sie darauf bestanden, ein Recht auf die Mitgestaltung des Programms zu haben. Gleichzeitig suchten sie den Schulterschluss mit polnischen Regisseurinnen, die als Zeichen der Solidarität wie auch für die künftige Interessenvertretung die Gilde der Polnischen Regisseurinnen und Regisseure gründeten und erklärten, nicht an dem Haus zu arbeiten, bis die Verhandlungen mit dem Ensemble zu einem zufriedenstellenden Punkt gebracht würden. Infolge der Gespräche zwischen Mikos und dem Ensemble wurde der Künstlerische Rat gegründet, in dem die führenden Schauspieler*innen des Ensembles saßen, die in den nächsten Jahren praktisch für das künstlerische Programm des Narodowy Stary Teatr verantwortlich waren, bis 2020 das Ministerium selbst den Intendanten Mikos abberief. In beiden Fällen ist etwas gerettet worden. In beiden Fällen ist sicher einiges verloren gegangen. In beiden Fällen mussten Kompromisse geschlossen werden. In beiden Fällen ist sehr viel unbezahlte Arbeit geleistet worden. In beiden Fällen wäre das alles ohne Solidarität und Bündnisse nicht möglich gewesen. In beiden Fällen wurde Widerstand geleistet. Keine der Lösungen kann auf andere Situationen der bedrohten Freiheit eins zu eins unreflektiert übertragen werden. Aber aus beiden Fällen kann etwas gelernt werden.