Aus Nr. 10 der Görzer Zeitung vom 26. November 1872:
Welcher war – und welcher ist denn eigentlich der nationale Charakter der Stadt Görz – und welche ist denn, vom nationalen Standpunkte betrachtet, die historische Entwicklung unserer Stadt?
Allerdings – es kommt bei Beantwortung solcher Fragen stark auf die Beleuchtung an, unter der man den Gegenstand sieht oder sehen will, und darum ist es keineswegs überraschend, wenn eine oder die andere Partei sich die Tatsachen nach ihren Anschauungen zurechtlegt und durch eine mehr oder minder geschickte Zusammenstellung dieselben in einem falschen oder die Wahrheit verdeckenden Licht erscheinen läßt. Daß man aber, wie es hier schon vorgekommen, eine so kolossale Unkenntnis der geschichtlichen und gegenwärtigen Zustände unserer Stadt mit einer an Unschuld streifenden Zuversicht an den Tag lege, und die Bildung des überhaupt zurechnungsfähigen Publikums so gering anschlage, um hoffen zu können, es werde einen solchen abscheulichen Unsinn gläubig aufnehmen, das gehört Gottlob bis jetzt noch zu den Seltenheiten. Sehen wir uns nun einmal die nationale Entwicklung der Stadt Görz und ihres Gebietes, so wie die Geschichte sie uns zeigt, genauer an.
Gleichwie das gesamte Gebiet der Grafschaft Görz in seinem ursprünglichen Umfange seit dem frühen Mittelalter von Slawen bewohnt wurde, war auch der im Jahre 1001 zuerst genannte Ort „Görz“ ursprünglich eine slawische Ansiedlung und blieb es bis die deutschen Grafen von Görz die Burg erbauten, auf der sie fortan residierten, und sich mit deutschen Ministerialen umgaben. Dadurch wurde der Burgstecken (die heutige obere Stadt) ein deutscher und bewahrte diese Nationalität auch als Graf Heinrich II. dem selben städtische Gerechtsame verlieh. Durch das ganze Mittelalter hindurch blieb Görz eine deutsche Stadt mit überwiegender deutscher Bevölkerung, mit deutschen Sitten und Gewohnheiten, mit deutschem Adel und Bürgerstande, mit deutschem Gerichtswesen.
Das italienisch-friaulische Element trat erst seit der Mitte des 15. Jahrhundertes durch den Einfluss der damals sehr bedeutend in der Kultur vorgeschrittenen Städte Udine und Cividale, dann seit dem Beginne des 16. Jahrhundertes durch die Vereinigung des friaulischen Gebietes von Gradiska und Aquileja mit der Grafschaft Görz hinzu. Der Umstand, daß dieses Element allmählig das Übergewicht in der Bevölkerung erhielt, erklärt sich vor allem aus dem Bildungsdrange, dessen erste Anfänge sich damals geltend machten und von Seiten der blühenden italienischen Universitäten genährt wurden, ferner daraus, daß die Verbingung mit den in der Kultur noch zurückstehenden deutschen Ländern der fast gänzlich mangelnden Komunikationsmittel wegen eine äußerst lose war, während die Stadt mit den benachbarten damals weit vornstehenden italienischen Provinzen in vielfacher und ununterbrochener Verbindung stand. Doch hat dieses natürlich italienische Übergewicht die anderen deutsch-nationalen Elemente niemals vollständig zurückgedrängt und so sehen wir auch heute noch dieselben nicht nur in ungeschwächter Kraft fortbestehen, sondern finden sogar – um uns dieses Ausdruckes zu bedienen – eine Art Rückstauung, da heutzutage die Resultate deutscher Foschung fruchtbringenden Einfluß ausüben, den wir im Mittelalter von derselben empfangen. Und wir freuen uns es hier aussprechen zu können, daß dieser geistige Einfluß von unseren Nachbaren mit derselben aufrichtigen Freundlichkeit angenommen wird, mit der Deutschland ihn bietet.
Es bleibt daher jenem, der nicht offenkundige Thatsachen gerade leugnen will, keine Wahl, als anzuerkennen, daß die ältesten Bewohner von Görz Slawen, die ältesten Bürger der Stadt Deutsche waren, während Italiener und Friauler den jüngst hinzugekommenen Theil der Bevölkerung bilden, welcher allerdings, wie wir gerne einräumen, durch seine Zahl, seine Gewerbsthätigkeit und seinen Besitzstand seinerzeit der Stadt den Charakter einer italienischen, im slawischen Gebiete gelegenen Enclave ertheilt hatte. Überdies möge man doch nicht vergessen, dass ein guter Theil gerade der angesehensten Familien, die ihre Herkunft aus Friaul oder den südlicheren italienischen Provinzen herleiten, im Laufe der Zeiten und durch die vielfachen Verwendungen, die ihre Angehörigen im Dienste des Staates und der Dynastie erfuhren, sich geradezu germanisiert hat, sodaß an ihnen absolut nichts mehr italienisch ist, als eben der Name.
Nach einer der neuesten Zeit angehörige Erhebung vom Jahre 1868 zählte man unter der Bevölkerung der Stadt Görz sammt ihrem Weichbilde 1800 (meist der oberen Gesellschaftsschichte angehörige) Deutsche, 3500 Slawen und 10700 Italiener, von welchen 9000 Individuen auch den friaulischen Dialekt reden.
Es liegt keineswegs in unserem – der Deutschen – Nationalcharakter, ein freundliches Anerbieten mit einer Grobheit zu beantworten, aber Gastfreundschaft im eigenen Hause anzunehmen, so weit geht denn doch unsere Gemütlichkeit nicht. Wir erkennen die volle Gleichberechtigung der anderen Görz bewohnenden Nationalitäten an, auf diesen schönen Fleckchen Erde zu schalten und zu walten so viel ihr geistiges und anderes Vermögen es ihnen gestattet, – wir sind gerne und immer bereit mit ihnen als unseren Mitbürgern fürderhin Freund und Leid zu theilen, wie es bisher und wahrlich nicht zu unserem beiderseitigen Nachteile geschah […].
Gerne und mit voller Überzeugung stimmen wir mit dem Schlußsatze des Artikels des „Goriziano“ bei: das Aufblühen der Stadt Görz erfordert dass wir Italiener, Slowenen und Deutsche miteinander in Frieden und gutem Einvernehmen leben […].1

Legen wir jetzt die erste Seite dieser uralten Zeitung zur Seite und widmen wir uns ein wenig dem sicher nicht uninteressanten Autor des obigen – eigentlich nicht ganz unaktuellen – Leitartikels der Görzer Zeitung aus dem Jahre 1872!
Als Sohn eines Burggrafen wuchs Karl von Czoernig (Czernhausen 1804 – Gorizia 1889) im deutschsprachigen Nordböhmen auf, besuchte das Gymnasium in Prag und studierte später an den Universitäten Prag und Wien.
Er machte sich besonders um den Ausbau der Donauschifffahrt und der Eisenbahnen verdient, war bis 1865 Präsident der Statistischen Verwaltungskommission und von 1852 bis 1863 auch der k. k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale. Mit seinen Werken wurde er zum Begründer der modernen Statistik im Habsburgerreich.2
1866 zog sich Czoernig ins Privatleben zurück. Er wählte Görz, eine Stadt, die er kannte, seit er in Triest gearbeitet hatte. Er liebte die Landschaften um Görz herum und schrieb auch ein wunderbares Buch über die Eigenschaften der Stadt als klimatischer Kurort. Ihm verdankte Görz somit die in den 70er- und 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts erfolgreich kursierende Bezeichnung „Österreichs Nizza“.3 Zwischen 1867 und 1873 verfasste er auch eine umfangreiche und vertiefte Geschichte von Görz als Grafschaft im Mittelalter und später Provinz des Habsburgerreiches. Dieses Werk erschien in deutscher Sprache in Wien im Jahre 1873 mit dem Titel Das Land Görz und Gradisca (mit Einschluss von Aquileja). Dieses Buch ist noch immer das vollständigste Werk über die Vergangenheit von Görz (was die Geschichte vor/bis 1870 betrifft).
Czoernig starb 1889 in Görz. Leider geriet er in der ersten Nachkriegszeit aufgrund der Eigenart der italienischen nationalistischen/faschistischen Geschichtsschreibung, die sich gegen alles wandte, was an die österreichische Vergangenheit erinnerte, in Vergessenheit. Sein Werk, das für das Wissen über die Geschichte von Görz und den umliegenden Gebieten von grundlegender Bedeutung ist, wurde erst nach der Übersetzung aus dem Deutschen ins Italienische durch Ervino Pocar im Jahr 1969 wiederentdeckt.
Als die Grafschaft von Görz im Jahre 1500 unter österreichische Herrschaft gelangte, war mit geringen Ausnahmen die allgemein übliche Sprache in der Verwaltung, in adeligen Kreisen und in der Stadt die deutsche, das Landvolk gebrauchte die heimische slawische Sprache und nur an den Hängen des Coglio zur friaulischen Ebene hin wurde Friaulisch gesprochen. Mit der Sprache waren damals auch die Sitten und Gewohnheiten in Görz deutsche, wie dies schon die Namen der vorzüglichsten adeligen Familien und der Bürger zu jener Zeit erkennen lassen. Die Erwerbung eines Teiles von Friaul unter Kaiser Maximilian I. (1459–1519) bewirkte, dass die Görzer, welche mit jenem Gebiet in vielfachen Beziehungen standen, sich neben der deutschen auch die friaulische Sprache aneigneten. (Es fehlte auch zu jener Zeit nicht an italienischen und slawischen Familien, die sich in Görz ansiedelten, doch zeugt es von der Allgemeinheit der deutschen Sprache und dem Bedürfnis, sie zu erlernen, dass die hierher aus Friaul gekommenen Familien – wie die Familien Attems, Rabatta und andere – sich alsbald mit der deutschen Sprache vertraut machten, wie dies die von ihnen hinterlassenen Schriften und Akten dartun.) Die fremden Rechtsgelehrten, welche in Ermangelung einheimischer sich in Görz ansiedelten, führten in den gerichtlichen Akten die lateinische Sprache statt der deutschen ein. Die Wiener Regierung weigerte sich jedoch, lateinische Akten anzunehmen, und verordnete 1556, dass alle Eingaben bei Gericht in der nationalen (deutschen) Sprache verfasst sein sollten.4 Mit den fremden Sprachen verbreiteten sich auch fremde Sitten und Gewohnheiten: Die italienischen Geistlichen hielten italienische Predigten in der Advent- und Fastenzeit, und mit den ersten Gerichtskanzlern, welche Italiener waren, wurden auch bis dahin unbekannte Strafen wie die Galeere und die „corda“ (körperliche Züchtigung mit Stricken) eingeführt. Doch erhielt sich noch teilweise die deutsche Sitte, wie der (nachmalige) Nuntius Girolamo Porcia (1567) berichtete: „Im Essen, Trinken und in der Kleidung sind die Görzer Deutsche; allgemein werden die drei Sprachen, deutsch, slavisch und italienisch gesprochen.“ Die Huldigung der Görzer bei der Thronbesteigung des Erzherzogs Carl (1564) erfolgte in den drei Sprachen.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts soll die typische Görzer Rauflust allmählich abgenommen haben, wozu nicht zuletzt die Etablierung feinerer Sitten beigetragen hat. Lassen wir uns die Verhältnisse von Carl Czoernig schildern, der hierüber schrieb:
Die durch die neuen Strassen erleichterte Communication mit den benachbarten Provinzen und selbst mit der Residenzstadt, die Einwanderung vieler deutscher Gewerbsleute, das durch den erhöhten Luxus vermehrte Zuströmen der dienenden Classe aus deutschen Provinzen, endlich die häufigen ehelichen Verbindungen der Görzer mit Töchtern deutscher Familien, wirkten auf eine grössere Verbreitung der deutschen Sprache hin. Hierzu kamen noch andere dieselbe fördernde Umstände. Die Grazer Regierung hatte (1724) die Gerichte neuerdings angewiesen, ihre Informationen in deutscher Sprache vorzulegen. Carl VI machte (1736) die Kenntnis der deutschen Sprache zur Bedingung an die Candidaten für öffentliche Ämter, welche Vorschrift von der Kaiserin Maria Theresia (1759, 1760, 1770) erneuert wurde; die Bevölkerung der Stadt hatte um ein Drittheil, meist aus deutschen Elementen zugenommen (damals zählte man angeblich dort an die 5.000 Seelen), in Görz und anderen Orten wurden deutsche Schulen neu errichtet, und das Bedürfnis, sich mit der Sprache des Landesfürsten und der höheren Ämter bekannt zu machen, wurde immer fühlbarer, weshalb die Familien ihre jungen Söhne in eine deutsche Provinz zur Erlernung der deutschen Sprache sendeten und sich mit Lehrern und Dienern dieser Nation versahen.5
Carlo Morelli di Schönfeld betont bei diesem Anlass, dass die deutsche Sprache die alte Nationalsprache in Görz gewesen sei, wobei er den Hauptanteil an dem Wiederaufleben der deutschen Sprache der wachsenden deutschen Bevölkerung zuschrieb, nämlich „del risorgimento di questa nostra antica favella“.6
Werfen wir jetzt einen Blick in die damalige Kulturszene. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren in den aristokratischen Kreisen und Religionsschulen der Region Görz immer noch italienische literarische Modelle und Kanons vorherrschend, doch handelte es sich dabei um dieselben, die unter anderem auch am Wiener Hof gepflegt wurden, wo Italienisch weiterhin genauso gesprochen und geschätzt wurde wie Deutsch. Dieser Aspekt darf nicht außer Acht gelassen werden, wenn man verstehen will, warum Morelli di Schönfeld in Bezug auf den Gebrauch der deutschen Sprache in Görz in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von einer „Wiederbelebung unserer alten Sprache“ („risorgimento della nostra antica favella“) spricht und damit das Deutsche meint, das er als „die älteste Landessprache von Görz“ („la più antica lingua nazionale di Gorizia“) definiert.
Man darf aber dabei nicht vergessen, dass die italienische und venezianische Kultur und Kunst auch in Görz wie übrigens allgemein in Österreich als ein nicht zu überbietendes Modell empfunden wurde. Im 18. Jahrhundert erlebte Görz fraglos seine glücklichste Zeit in künstlerischer, architektonischer, wirtschaftlicher und literarischer Hinsicht. Sein Wesen als Vielvölkerstadt kam jetzt unter idealen Voraussetzungen zum Ausdruck, seine Mehrsprachigkeit fand in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in der Buchdruckerkunst einen bedeutenden Niederschlag.
Zum Thema des mehrsprachigen Görz im 18. Jahrhundert, das sich seinerzeit noch nicht um die nationale Zugehörigkeit kümmerte, darf eine große Persönlichkeit der Zeit, nämlich Carlo Michele d’Attems (1711–1774), der erste Fürstbischof, nicht unerwähnt bleiben: Bei den Pastoralbesuchen in seine ausgedehnte Diözese, die sich von Kärnten bis nach Istrien erstreckte, verfasste und hielt er seine Predigten, je nach Region, auf Deutsch, Cragnolino (Krainer Mundart), Friaulisch und Italienisch.
Im 18. Jahrhundert gab es in Görz zahlreiche dichtende Literaten, die abwechselnd auf Latein, Italienisch und Friaulisch schrieben. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts vervielfachten sich jedoch die Werke in deutscher Sprache sowie die Übersetzungen aus dem Deutschen. Bedeutend und repräsentativ für dieses Phänomen ist die italienische Fassung der Gedichte von Sined der Barde ([Michael] Denis, 1729–1800, Hofdichter in Wien), gedruckt in Gorizia von Giuseppe Coletti.
Eine Bestätigung finden wir auch in einem der ältesten Titel der literarischen Buchproduktion in Görz: Gli scrittori friulano-austriaci degli ultimi due secoli [Die friaulisch-österreichischen Schriftsteller der letzten zwei Jahrhunderte]. Es ist ein Werk, das damals eine gewisse Neugier geweckt haben muss, wenn 1792 eine dritte Auflage von „Giacomo Tommasini stampatore Capitanale e Provinciale“ gedruckt wurde, „korrigiert und erweitert vom Autor, Monsignore Baron Pietro Antonio De Codelli“. Bei der Sammlung biobibliografischer Profile der „friaulisch-österreichischen“ Schriftsteller hob Codelli neben ihren Werken in lateinischer, friaulischer und italienischer Sprache bei einigen Autoren auch ihr literarisches Schaffen in deutscher Sprache sowie ihre Übersetzungen deutscher Werke ins Italienische hervor.
„Die Einführung der k. k. privative privilegierten deutschen Buchdruckereikunst zu Görz durch Jakob Tommasini erfolgte den 4. Julii 1778“: Mit diesem Satz wird in der Chronologie der bedeutendsten Daten der Geschichte von Görz im „k. k. görzerischer Allmanach“ von 1782 an den Beginn der Drucklegung von Veröffentlichungen in deutscher Sprache in Görz erinnert. Es soll auch daran erinnert werden, dass die Druckerei Tommasinis die erste Druckerei war, die in Görz eröffnet wurde. Für die Buchgeschichte stellten die folgenden Jahre somit ein einzigartiges Kapitel dar, das sich gleichzeitig als sehr symbolisch für die besondere kulturelle Situation der Stadt am Isonzo erwies. Tatsächlich kann man es nicht anders als außergewöhnlich betrachten, dass in der Druckerei solch einer kleinen Stadt wie Görz und aus denselben Druckmaschinen Texte auf Latein, Italienisch, Friaulisch, Deutsch und sogar auf „Cragnolino“ ans Licht kamen. „Cragnolino“, nämlich Krainer Dialekt oder besser die Krainer Mundart, nannte man das Slowenische der damaligen Zeit in Görz. Es sollte ausreichen, als eindeutigen und unbestreitbaren Beleg einige der dort gedruckten Titel zu nennen: Die Aeneis (übersetzt in „viars furlans berneschs von sior abat Zuan Josef Busiz de Thurnberg und Iungenegg, dividuda in doi tomos. In Gurizza, MDCCLXXV.“ von Josef Tommasin, mit Lizenz des Superiros [sic]), Onockiamaxia oder Der Prozess um des Esels Schatten von Herrn Wieland (Görz, gedruckt bei Jakob Tommasini, 1780) oder die Sammlung italienischer, französischer, friaulischer, deutscher, „cragnolinischer“, englischer, griechischer und jüdischer Werke und Gedichte. Görz 1500–1915. Ein vergessenes Kapitel altösterreichischer Dichtung lautete der Titel einer Ausstellung im Foyer und im Tiefspeicher der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien vom 3. Mai bis zum 10. Juni 1995, die ich gestalten durfte.7 Diese Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Istituto per gli Incontri Culturali Mitteleuropei [Institut für mitteleuropäische kulturelle Begegnungen] und der Provinzialverwaltung von Görz veranstaltet. Dieselbe Ausstellung konnte im folgenden Jahr in der Stadtbibliothek von Görz eröffnet werden. Zum ersten Mal überhaupt wurde damit eine Auswahl einiger Titel der in Görz gedruckten Werke in deutscher Sprache dem Publikum gezeigt.8 Die Görzer Bücher aus dem 18. Jahrhundert, die nicht im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek sind, werden nach wie vor nur in der Stadtbibliothek von Görz aufbewahrt.
Gorica, Görz, Gorizia, Gurize als einmalige Vielvölkerstadt: Man kann wohl sagen, dass Görz in geografischer Hinsicht eine einzigartige Stellung in Europa hatte. Zwar fand sich in der Vergangenheit auch in einigen anderen mitteleuropäischen Städten ein gewöhnliches Zusammenleben verschiedener Sprachen und Nationalitäten, aber in keiner anderen kennzeichnete die Bevölkerung unter anderem die Anwesenheit einer romanischen Komponente. Den Extremfall im Habsburgerreich stellte Czernowitz/Tscherniwzi in den östlichen Regionen dar, wo nicht weniger als fünf Sprachen gesprochen wurden: Polnisch, Deutsch, Jiddisch, Rumänisch und Ruthenisch. Aus verwaltungstechnischen, merkantilen und militärischen Gründen gab es auch in Städten wie Triest/Trieste/Trst und Fiume/Rijeka/St. Veit am (P)flaum eine Präsenz deutscher Elemente wie in Görz, die jedoch nicht auf eine Vergangenheit von Jahrhunderten zurückblicken konnte. In keiner anderen Stadt setzte sich die Bevölkerung tatsächlich über so viele Jahrhunderte, vom frühen Mittelalter bis 1918, aus Deutschen, Italienern (Friulanern?) und Slowenen zusammen. Nur in der Görzer Bevölkerung waren die drei großen europäischen Familien – die germanische, die romanische und die slawische – also über neun Jahrhunderte gleichberechtigt vertreten und dies dank der Geografie, dank einer Region, die durch das Isonzo-Tal, das Wippachtal und die friulanische Ebene bis an die Adria ihre natürliche Koexistenz und ein Zusammenleben ermöglichte und begünstigte: dies in einer Region, die nie teilende und trennende Grenzen kannte … zumindest bis zum Jahre 1947!
Carl von Czoernig zog, wie bereits erwähnt, als Pensionist nach Görz. Die Stadt sollte seine neue Heimat werden. Bis zu seinem Tod widmete er sich dort seiner Arbeit als Historiker, Forscher und Publizist. Erstaunlich ist die Vielzahl seiner Schriften. Carl von Czoernig gab im Jahre 1873 auch eine hochinteressante Publikation über Görz als Winterkurort heraus: das anmutige Städtchen am Isonzo/Soča wurde durch ihn somit als „Österreichs Nizza“ immer bekannter. Im Band Die Stadt Görz zunächst als climatischer Kurort. Topographisch-historisch-statistisch dargestellt (Wien 1873) veröffentlichte von Czoernig weiteres Zahlenmaterial, aus dem sich auch folgendes eindrucksvolles Bild von Görz als Vielvölkerstadt im 19. Jahrhundert ergibt:
Die Stadtbevölkerung setzte sich im Jahre 1869 aus 12.259 (64,2 Percent) anwesenden Einheimischen und 4.400 (35,8 Percent) Ortsfremden zusammen. Im Jahr 1857 wurden 10.494 (78,9 Percent) Einheimische und 2.803 (21,2 Percent) Ortsfremde gefunden. Die Zuwanderung der Fremden ist daher um 14,7 Percent gestiegen: Diese theilten sich wieder in
2773 Angehörige anderer Gemeinden des Küstenlandes
1035 Angehörige anderer Länder der Monarchie und
592 Ausländer
Bei der zweiten Kategorie wird hauptsächlich die Entfernung des Landes maßgebend, daneben aber auch dessen Größe und die Beweglichkeit seiner Bewohner, denn es finden sich unter den in der Stadt Görz wohnenden Fremden 334 Krainer, 120 Böhmen, 11 Ungarn, 102 Kärntner, 86 Steyermarker, 81 Unter-Oesterreicher, 68 Mährer, 50 Tiroler, 32 Galizier, 15 Ober-Oesterreicher, 11 Dalmatiner, 6 Siebenbürger, 3 Schlesier und 3 Angehörige der Militärgrenze.
Unter den in der Stadt Görz vorfindlichen Ausländern machen nur die Italiener [Hier sind Italiener aus dem damals angrenzenden italienischen Königreich zu verstehen. – H. K.] eine beträchtlichere Zahl aus. Es wurde erhoben 467 Italiener, 51 Deutsche, 25 Schweizer, 22 Franzosen, 9 Russen, 6 Afrikaner, 4 Briten, 4 Spanier, 4 Türken.
Die Kenntnis der deutschen Sprache ist unter den gebildeten Italienern genauso verbreitet wie die hier wohnenden Deutschen Italienisch sprechen. Wenn man präziser sein möchte, könnte man sagen, dass der Adel, die Beamten und das Militär (zusammen mit den Fremden) und die Industriellen auf Deutsch reden, während Handelsleute, Behörden und öffentliche Dienstleistungen allgemein die italienische Sprache gebrauchen. Zu Hause sprechen die gebildeten Italiener und Slowenen, die in der Stadt wohnen, zusammen mit der niederen Schicht auch den friaulischen Dialekt, während Slowenisch nur außerhalb des Stadtgebietes gesprochen wird. Auf jeden Fall gibt es wenige Städte, wo, wie in Görz, die gebildete Schicht in der Lage ist, sich in zwei oder drei oder sogar vier Mundarten auszudrücken.
So stellte sich damals die Lage in jenem Görz vor, das einige Jahrzehnte später als „italianissima“, als zutiefst italienisch geprägte Stadt angeblich befreit beziehungsweise „erlöst“ werden sollte.
- Görzer Zeitung, 1. Jg., Nr. 10, 26.11.1872, S. 1. ↩︎
- Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_von_Czoernig-Czernhausen, 15.9.2025. Czoernig gehörte auch kurze Zeit der Frankfurter Nationalversammlung an. 1852 wurde er mit dem Prädikat von Czernhausen in den Freiherrenstand erhoben, 1859 als assoziiertes Mitglied in die Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique aufgenommen. Er war Ehrenbürger von drei Städten: Reichenberg/Liberec, Friedland/Frýdlant v Čechách und Görz. ↩︎
- Um die Jahrhundertwende konnte Görz als klimatischer Kurort nicht mehr mit den damals entstandenen und aufgeblühten Badeorten an der Adria von Grado bis Abbazia/Opatija, den Brioni-/Brijuni-Inseln und Mali Lošinj/Lussinpiccolo mithalten. ↩︎
- Die Folge davon war aber, da es an einheimischen Rechtsgelehrten gebrach, dass die Richter, Advokaten und Notare die italienische Sprache anwendeten. Die Landstände, auf die Wiederherstellung des Gebrauches ihrer Sprache bedacht, verordneten zwar, dass die Parteien verpflichtet seien, die Verteidigung ihrer Rechtssachen deutschen Advokaten anzuvertrauen, um inzwischen in den Gerichtsverhandlungen die lateinische statt der italienischen Sprache anzuwenden, so wie sie auch selbst in ihren Angelegenheiten sich stets der deutschen Sprache bedienten, konnten aber nicht verhindern, dass bei der Zunahme der Bevölkerung die friaulische und die italienische Sprache derart überhandnahm, dass sie den Vorrang vor der nationalen gewann. ↩︎
- Carl Freiherr von Czoernig: Das Land Görz und Gradisca (mit Einschluß von Aquileja). Wien 1873, S. 930f. ↩︎
- Carlo Morelli di Schönfeld: Istoria della Contea di Gorizia. Bd. 3. Gorizia 1855, S. 138. ↩︎
- Hans Kitzmüller: Görz 1500–1915. Ein vergessenes Kapitel altösterreichischer Dichtung. Klagenfurt 1995. ↩︎
- Zur Buchproduktion in verschiedenen Sprachen in Görz im 18. Jahrhundert vgl. auch Hans Kitzmüller: Gorizia austriaca. Pagine ottocentesche [Das österreichische Gorizia. Blätter aus dem 19. Jahrhundert]. Cormòns 2023. ↩︎