In den 1950er- und 1960er-Jahren gab es oft recht strenge Winter, auch in Bayern. Schnee, manchmal sogar viel Schnee, gehörte überall dazu. Und je älter die Kinder wurden und je heftiger es schneite, desto vehementer forderten sie von ihren Eltern: „Schlittenfahren! Schlittenfahren!“ Aber wo im Isartal, ganz im Osten der niederbayerischen Hauptstadt, unweit eines großen Kasernengeländes, wo gab es da einen Schlittenhang? „Mir gehma imma zum Rakotziwasserl“, sagten die Nachbarn. Nichts wie hin! Am damaligen Rand des hauptsächlich von Heimatvertriebenen bewohnten Niedermayerviertels begann ein schmales Sträßlein, das weiter hinten in einen Hohlweg überging. Wenn man bei Schnee und Eis diesem Feldweg folgte, konnte es sein, dass ein Schlitten aus dem Wald herausschoss und, begleitet von Rufen wie „Achtung!“, „Obacht!“ oder gar „Aus da Bo’, aus da Bo’, hinten hängt da Deifi dro’!“ den Weg kreuzte und ein paar Meter weiter zum Stehen kam. Gleich neben der Stelle, an der das Schlittenfahren am besten ging, befand sich eine in Stein gefasste Quelle. Das war das „Rakotziwasserl“. Den Feldweg gibt es schon lange nicht mehr. Seit Jahrzehnten führt genau dort die Bundesstraße 299 aus dem Isartal hinaus. Die eher unscheinbare Quelle am Ende der Schönbrunner Straße jedoch, die gibt es noch. Und sie heißt noch so, genau so wie die weitaus berühmtere und überaus sehenswerte Heilquelle im bayerischen Staatsbad Kissingen. Weshalb? Was hat es mit ihrem Namen auf sich?
Wer sich dafür interessiert, geht natürlich zuallererst mal ins Internet. Und kann dort lesen: „An der Isarhangleite gibt es zahlreiche Quellen, die sich aus dem Hangwasser speisen. Im Bereich der Stadt Landshut wurden solche lange Zeit zur Wasserversorgung der Bevölkerung genutzt. Im Zuge der Stadtverschönerung im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde diese Quelle 1867 von engagierten Bürgern in Stein gefasst, da sie an dem bei den Landshutern beliebten Spazierweg zur Tavernwirtschaft in Schönbrunn lag. Seit wann die Quelle ihren Namen hat, lässt sich nicht mehr feststellen, allerdings rankt sich die Sage um Ferenc II. Rákóczi (1676–1735). Heute ist er ungarischer Nationalheld und war seinerzeit reichster Adeliger im Königreich Ungarn, der in den Jahren 1703 bis 1711 die letzten größeren Aufstände der Ungarn gegen die Habsburger anführte. Nach einer Niederlage 1704 soll er sich auf der Flucht nach Frankreich an dieser Quelle mit seinen Begleitern erfrischt und hier die Nacht verbracht haben.“ Soweit das Internet – wie eigentlich immer bleiben da einige Fragen offen. Die letzten größeren Aufstände gegen Habsburg fanden wohl erst im 19. Jahrhundert statt, und ob die Flucht nach Frankreich wirklich über Landshut führte, ist mehr als ungewiss. Man erfährt im Netz allerdings auch, dass das „Wasserl“ samt Gedenkstein im Jahr 2020 umgestaltet und mit einer Miniaturstatue von Mihály Kolodko versehen wurde, dass diese Statue nur zwei Wochen nach ihrer Errichtung gestohlen und dass die gesamte Quellenanlage 2022 besprayt und beschädigt wurde. Warum auch immer. Inzwischen sind die Schäden behoben.

Namensgeber der kleinen Quelle scheint zweifellos Ferenc II. Rákóczi von Felsővadász (1676–1735) zu sein. Wer war das? Er stammte aus einer Familie, die unter anderem das Amt der Fürsten von Siebenbürgen innehatte. Sie war überwiegend protestantisch, aber schon der in seinem Geburtsjahr verstorbene Vater war katholisch geworden, und so gab man den Heranwachsenden als Mündel des Erzbischofs Leopold Karl Graf Kollonitsch (1631–1707) ins Jesuitenkolleg von Neuhaus (tsch. Jindřichův Hradec) in Böhmen – seine tiefe Gläubigkeit behielt er zeitlebens bei. Rákóczi studierte in Prag, ging im Stil der Zeit auf Kavalierstour nach Italien und zog sich nach seiner Heirat mit Charlotte Amalie von Hessen-Wanfried (1679–1722) im Jahr 1694 auf seine oberungarischen Güter in der heutigen Slowakei zurück. Ein Rebell war er zunächst nicht, auch wenn er die harte Unterdrückung durch die Habsburger und die damit einhergehenden finanziellen Verluste am eigenen Leibe spürte – nach der Zurückdrängung der Osmanen und dem Frieden von Karlowitz (sr. Sremski Karlovi, ung. Karlóca) versuchte Kaiser Leopold I. (1640–1705), eine zentralisierte Gesamtmonarchie herzustellen und alle seine Ländereien von Wien aus zu regieren. Das unter dem Terror der kaiserlichen Soldateska leidende Ungarn wartete nur auf die Gelegenheit, die verhasste Fremdherrschaft abzuschütteln, und die kam mit Beginn des Spanischen Erbfolgekriegs. 1701 begann Ferenc Rákóczi dann doch, andere Adelige um sich zu scharen und den französischen König Ludwig XIV. (1638–1715) um Unterstützung zu bitten – er war jetzt zum Aufstand bereit. Seine Pläne wurden verraten, er landete im Gefängnis von Wiener Neustadt und konnte nur knapp ins polnische Exil flüchten, wo er zusammen mit seinem Vertrauten Miklós Graf Bercsényi (1665–1725) seine politischen Aktivitäten fortführte. Der Kaiser ließ ihn 1703 in Abwesenheit zum Tode verurteilen, setzte ein Kopfgeld aus und zog seine Güter ein. Im Gegenzug rief Ferenc Rákóczi alle Ungarn zu den Waffen. Ende 1703 beherrschten seine Gefolgsleute Oberungarn und drangen nach Siebenbürgen und Transdanubien ein. Mit Ausnahme einiger Festungen befand sich Ende 1704 das ganze Land in den Händen der sogenannten Kuruzen – ihre Armee allerdings bestand zeitweise aus über 60.000 meist schlecht bewaffneten Husaren, die eine offene Feldschlacht nicht wagen konnten. Dazu kam, dass der Rebellenführer Rákóczi sich nur selten der Politik widmete und seine Zeit lieber mit Jagden, frommen Andachten, gelehrten Studien und seinen Geliebten verbrachte. Dennoch hatte der Kuruzen-Staat für einige wenige Jahre Bestand, auch wenn die ökonomischen Schwierigkeiten groß waren und die Unterstützung von außen weitgehend ausblieb. Rákóczi konnte die Bauern, die wegen der Verbesserung ihrer sozialen Lage zu den Waffen gegriffen hatten, letztlich nicht gegen die Willkür der Gutsherren verteidigen – und verlor deshalb bald an Macht und Ansehen. Erst 1708 schickten die Habsburger eine unter dem Befehl von Feldmarschall Guido von Starhemberg (1657–1737) stehende Armee gegen die Kuruzen und besiegten sie weitgehend – 1711 wurde der Friede von Sathmar (rum. Satu Mare, ung. Szatmár) geschlossen und der Aufstand beendet. Rákóczi musste ins Exil nach Paris ausweichen; sein Aufenthalt dort ging durch Antoine-François Prévosts Roman Manon Lescaut in die Weltliteratur ein.1 1717 verließ er Frankreich und zog mit einigen ungarischen Getreuen ins türkische Tekirdağ (Rodostó), wo man heute ein kleines Rákóczi-Museum besichtigen kann. Über sein dortiges Leben erfährt man manches aus den an eine fiktive Adressatin in Konstantinopel gerichteten Briefen seines Sekretärs und engen Vertrauten Kelemen Mikes (1690–1761).2 Wobei höchst unklar ist, was davon der Realität entspricht und was man dem weiten Feld der Legendenbildung zurechnen muss.

Schon im 18. Jahrhundert, noch intensiver im Zuge des immer lebhafter werdenden Nationalismus seit Mitte des 19. Jahrhunderts, brauchte auch Ungarn seine Nationalhelden, und dafür bot sich Ferenc II. Rákóczi geradezu an. Als historische Figur war er noch präsent, und sein Ruhm wuchs. „Seine politischen Ideen lebten weiter, sein vom Jansenismus inspirierter Katholizismus diente als Beispiel für die konfessionelle Duldsamkeit, aus seiner Vaterlandsliebe schöpften Generationen Kraft und Mut“, betont Kálmán Benda im Biographischen Lexikon zur Geschichte Südosteuropas.3 Hier kommen dann Landshut und Bad Kissingen wieder ins Spiel. Ab wann man die Landshuter Quelle „Rákóczi-Wasserl“ nannte, bleibt wie gesagt ungewiss, während man es in Bad Kissingen genauer weiß. Die dortige Rákóczi-Quelle, die 1737, zwei Jahre nach Rákóczis Tod, bei der von Balthasar Neumann (1687–1753) angeregten Verlegung der Fränkischen Saale in deren altem Flussbett entdeckt wurde, bekam ihren Namen schon kurz danach und entwickelte sich zur wichtigsten und populärsten Heilquelle des Kurorts. Heute allerdings kennt diesen Adeligen in Bayern kaum noch jemand – ausgenommen natürlich in Bad Kissingen, wo das alljährliche Stadtfest weiterhin „Rákóczi-Fest“ heißt.

Anders in Ungarn – dort war er niemals richtig vergessen. Rákóczis Mémoires sur la guerre de Hongrie depuis 1703 jusqu’à sa fin erlebten in ungarischen Übersetzungen zahlreiche Auflagen. Das inoffizielle ungarische Nationallied, der Rákóczi-Marsch, ist nach ihm benannt und wurde unter anderem von János Bihari, Franz Liszt, Hector Berlioz, Johannes Brahms und Vladimir Horowitz bearbeitet – die Melodie beruht angeblich auf Trompetensignalen der Kuruzen-Armee. 1906 wurden seine sterblichen Überreste auf Staatskosten in das damalige Königreich Ungarn überführt, kurz in der Budapester Basilika St. Stephan aufgebahrt und feierlich im St.-Elisabeth-Dom im heute slowakischen Kaschau (sk. Košice, ung. Kassa) begraben. Im ganzen 20. Jahrhundert und eigentlich bis heute ist Ferenc II. Rákóczi in Ungarn präsent, in Schulbüchern sowieso, aber auch auf Banknoten, Teetassen und allerlei Nippes. Aber man findet seine Spuren überall in Europa, und eben auch in Bayern.
Dafür sorgten vor allem die im 20. Jahrhundert in den Freistaat gelangten Ungarn, die auch in Landshut aktiv wurden – in der 1204 gegründeten Stadt an der Isar also, in der Elisabeth von Ungarn, die Gemahlin Heinrichs I. von Wittelsbach und Mutter Herzog Ottos von Niederbayern, 1271 gestorben ist und im Kloster Seligenthal bestattet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem „displaced persons“, einstige Zwangsarbeiter und herumirrende Ex-Soldaten, die in Landshut einen neuen Anfang wagten – und sich um die Gräber derjenigen kümmerten, die in der Stadt oder ihrer Umgebung gefallen waren. Viele von ihnen sind in einer zentralen Sektion des Städtischen Hauptfriedhofs beerdigt worden. Mag sein, dass das nicht weit vom Hauptfriedhof entfernt gelegene „Rákóczi-Wasserl“ der langsam entstehenden ungarischen Gemeinde einen Hauch von Heimat vermitteln konnte. Den Gedenkstein neben der Quelle jedenfalls haben die damals in Landshut lebenden Ungarn am 21. November 1948 für ihre im Zweiten Weltkrieg umgekommenen Landsleute errichtet – unter ihnen zahlreiche Soldaten, die auf nazi-deutscher Seite gekämpft hatten. Kriegsgräber also. Zu Ferenc Rákóczi würde das ganz gut passen.
- Der erstmals 1731 veröffentlichte Roman wurde mehrfach in Deutsche übersetzt. In der Übertragung von Jörg Trobitius und versehen mit einem Nachwort von Kristina Maidt-Zinke ist Manon Lescaut zuletzt 2013 im Manesse Verlag (München) erschienen. ↩︎
- Das erst 1794 unter dem Titel Törökországi levelek erstveröffentlichte Buch wurde mehrfach ins Deutsche übersetzt. Die jüngste Ausgabe ist unter dem Titel Briefe aus der Türkei 1999 im Insel Verlag (Frankfurt am Main, Leipzig) erschienen. ↩︎
- Kálmán Benda: Rákóczi von Felsővadász, Ferenc II. In: Mathias Bernath (Hg.), Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Band 4, München 1981, S: 22–25. ↩︎