Wissenseinrichtungen wie das IKGS besitzen wertvolle und teils einzigartige Bestände, die sie einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen können und wollen. Anders als Museen verfügen sie allerdings selten über geeignete Räumlichkeiten, um Ausstellungen vor Ort zu organisieren. Umso interessanter ist daher gerade für wissenschaftliche Institute und Bibliotheken die Möglichkeit, ihre Bestände im Internet zu präsentieren, unabhängig von örtlichen, zeitlichen und organisatorischen Einschränkungen sowie konservatorischen Bedenken.
Unter dem Titel Graue Zeiten – bunte Seiten1 lancierte das IKGS im Januar 2023 eine Online-Ausstellung über deutschsprachige Kinder- und Jugendbücher aus Rumänien.2 Die virtuelle Ausstellung ist im Internet über die Webseite des IKGS und auf der Ausstellungsplattform der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB)3 zugänglich.
Im sozialistischen Rumänien erschienen dank seiner für den ehemaligen Ostblock einmaligen teilweise liberalen Minderheitenpolitik in den Jahren 1949–1989 rund 1.300 deutschsprachige Titel für Kinder und Jugendliche. Die Ausstellung zeigt eine repräsentative Auswahl davon und beschreibt die Umstände, unter denen deutschsprachige Bücher in Rumänien erscheinen konnten. Wie haben sich Inhalt und Form der Kinder- und Jugendbücher im Laufe der Jahrzehnte unter sich wandelnden politischen Vorzeichen entwickelt? Wie wirkte sich die Zensur auf den Inhalt und wie die Materialknappheit auf die Produktion der Kinder- und Jugendbücher aus? Wer waren die Autor:innen und Illustrator:innen? Im Idealfall werden Kinder durch gute und spannende Bücher zum Lesen angeregt, ihre Kreativität und Fantasie gefördert. Kinder suchen in Büchern nach Vorbildern und Held:innen, die sie prägen und begleiten und an die sie sich auch als Erwachsene noch gerne erinnern. Kinder- und Jugendbücher in deutscher Sprache sollten aber auch den muttersprachlichen Unterricht ergänzen und zur literarischen Bildung beitragen. Um das alles in einer staatlich gelenkten Planwirtschaft umzusetzen, mussten alle Beteiligten (Verlage, Buchhandel, Presse und Schulen) mit viel strategischem Geschick vorgehen.4
Die Bibliothek des IKGS besitzt zahlreiche Kinder- und Jugendbücher aus der sozialistischen Zeit Rumäniens, die durch Nachlässe und Schenkungen in ihren Besitz gelangt sind.5 Aus diesem Bestand wurde die Auswahl für die Ausstellung getroffen und durch Leihgaben aus der Internationalen Jugendbibliothek München, der Bibliothek des Hauses des Deutschen Ostens in München sowie der Siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim am Neckar ergänzt.6 Bei der Auswahl der Bücher stützte ich mich auf die Bibliografie Rumäniendeutsche Kinder- und Jugendliteratur 1944–1989 mit rund 1.300 Titeln, die von der Germanistin und Journalistin Annemarie Weber zusammengetragen wurden.7
Parallel zur Auswahl der Bücher erstellte ich ein Konzept für die Ausstellung. Sie sollte die ganze Bandbreite der Produktion der Verlage für Kinder und Jugendliche aus der Zeit von 1949 bis 1989 zeigen: Märchen und Sagen, Kinderbücher der stalinistischen Zeit, der kurzen Zeit der Liberalisierung und der bleiernen Zeit der letzten Ceaușescu-Jahre, Jugendbücher, Tiergeschichten, Übersetzungen, Klassiker, Sachbücher, Bücher für den Kindergarten und die Schule. Ein Ausblick auf die Bücher, die nach 1989 in Rumänien und in der Bundesrepublik Deutschland erschienen sind, sollte die Ausstellung abrunden. Entlang dieser Auswahl war es die Absicht, historisches Hintergrundwissen über die deutsche Minderheit in Rumänien zu vermitteln, bekannte Künstlerinnen und Künstler aus Rumänien vorzustellen, Autorinnen und Autoren zu porträtieren und die Verlage anhand besonders beliebter Bücher aus ihrer Produktion vorzustellen. Dabei sollten die Themen »Zensur«, »Kindergarten« und »Schule« ebenfalls durch einige Beispiele angesprochen werden. Eine Verschränkung der chronologischen und der thematischen Erzählung erschien für diese Ausstellung am besten geeignet.
Die Klärung der Bildrechte machte einen großen Teil der Arbeit für die Ausstellung aus. Während der Suche nach den Rechteinhabern traf ich auf eine Welle der Hilfsbereitschaft. Alle Angesprochenen waren sehr erfreut, von der geplanten Kinderbuchausstellung zu erfahren. Nur noch einige Künstler:innen und Autor:innen beziehungsweise deren Angehörige leben nach wie vor in Rumänien, die meisten sind in die Bundesrepublik Deutschland ausgewandert. Einige Künstler:innen konnte ich in Ungarn, Kanada oder Italien ausfindig machen. Im Laufe der Monate ergaben sich viele spannende und mitunter sehr persönliche Gespräche, ich erhielt ausführliche E-Mails mit wertvollen Hintergrundinformationen und vielen Anregungen für die Ausstellung.
Tobias Weger (IKGS) fertigte die Fotos von den Umschlägen und ausgewählten Illustrationen der Bücher an. Eingebettet in die Ausstellung sind Videointerviews mit Zeitzeuginnen: Die Künstlerin Sieglinde Bottesch, die Autorin Karin Gündisch und die Lehrerin Brigitte Mrass sprachen mit mir über ihre Arbeit an und mit Kinderbüchern. Audiobeispiele für die Mundart der Siebenbürger Sachsen wurden von Rosel Potoradi und für das Banater Schwäbisch von Lotte Petendra vorgetragen.
Für die technische Infrastruktur der Ausstellung haben wir die Dienste der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) in Anspruch genommen. Die DDB ist in den letzten zehn Jahren zu einem zentralen nationalen Portal für Kultur und Wissen in Deutschland aufgebaut worden. Hier werden digitale Angebote von Museen, Archiven, Bibliotheken und anderen Kultur- und Wissenseinrichtungen für eine breite Öffentlichkeit aufbereitet und zugänglich gemacht. Die DDB bietet den teilnehmenden Institutionen die Möglichkeit, zeitlich unbegrenzt Ausstellungen auf ihrer eigens dafür eingerichteten Plattform zu zeigen. Dafür stellt sie die Open-Source-Software »Omeka« kostenlos zur Verfügung.8 Das Handbuch für dieses Ausstellungstool ist leicht verständlich gestaltet, die Funktionen auf der Redaktionsoberfläche sind einfach zu bedienen, und für das Design der Ausstellung stehen eine Reihe von Gestaltungsmöglichkeiten zur Auswahl.
Eine virtuelle Ausstellung bietet – anders als eine Ausstellung vor Ort – die Möglichkeit, in einem Buch zu »blättern«. Wie in konventionellen Ausstellungen auch können sich die Besucher:innen entscheiden, wie lange sie bei einem Ausstellungsgegenstand verweilen, wie viele Begleittexte sie durchlesen, in welchem Tempo sie durch die Ausstellung scrollen und klicken und die Bilder auf sich wirken lassen. Ein deutlicher Vorteil der virtuellen Ausstellung ist: Sie ist weder an lange Anfahrten noch an Öffnungszeiten gebunden. Sie ist zeitlich und örtlich unbegrenzt und kann wiederholt angesehen werden. Durch ihre dauerhafte Präsenz im Internet erhöht sich ihre mögliche Reichweite, der unkomplizierte Zugang kann zudem neue Nutzerkreise erschließen.
Mit dieser Ausstellung über deutschsprachige Kinderbücher aus Rumänien hat das IKGS ein Thema aufgegriffen, das bislang von der Forschung noch nicht behandelt wurde. Die eingangs gestellten Fragen nach den Inhalten und der Bandbreite der in der sozialistischen Zeit erschienenen Kinderbücher, dem zeithistorischen Kontext und den Produktionsbedingungen in einer Mangelwirtschaft, können im Rahmen einer Ausstellung nur in aller Kürze und nicht erschöpfend beantwortet werden. Eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex steht noch aus.
Auf der Plattform der Deutschen Digitalen Bibliothek: <https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/deutsche-kinderbuecher-aus-rumaenien/>, 8.11.2022. ↩︎
Projektseite der Kinderbuchausstellung: <https://www.ikgs.de/kinderbuchausstellung>, 8.11.2022. ↩︎
Ausstellungsplattform der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB): <https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/content/journal/ausstellungen>, 8.11.2022. ↩︎
Vgl. die Einleitung der Ausstellung: <https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/deutsche-kinderbuecher-aus-rumaenien/#s1>, 8.11.2022. ↩︎
Die Idee zu dieser Ausstellung entstand während der Vorbereitung des Projekts Gelesen, Geliebt Gesichert. Massenentsäuerung und konservatorische Sicherung von (Kinder-)Büchern der deutschsprachigen Minderheit im sozialistischen Rumänien, das aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (KEK) und der Kulturstiftung der Länder (KSL) gefördert wurde; <https://www.ikgs.de/gelesen-geliebt-gesichert>, 8.11.2022. ↩︎
Internationale Jugendbibliothek München: <https://www.ijb.de/home>; Haus des Deutschen Ostens München: <https://www.hdo.bayern.de/>; Siebenbürgische Bibliothek in Gundelsheim: <https://siebenbuergen-institut.de/siebenbuergen-institut/bibliothek-archiv/siebenbuergische-bibliothek/>, 8.11.2022. ↩︎
Annemarie Weber u. a. (Hgg.): Rumäniendeutsche Kinder- und Jugendliteratur 1944–1989. Eine Bibliographie. Köln u. a. 2004. Die Einleitung kontextualisiert die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur historisch und gesellschaftlich, klärt Begriffe wie Kinder- beziehungsweise Jugendliteratur, rumäniendeutsche Literatur, stellt Verlage, Zeitungen und Zeitschriften der Rumäniendeutschen vor und lässt viele Informationen rund um die Buchproduktion und Buchrezeption mit einfließen. Das Verzeichnis der Primär- und Sekundärliteratur ist ein guter Ausgangspunkt für weitere Recherchen zu diesem Thema. Ein Register der Autor:innen, Übersetzer:innen, Illustrator:innen, Rezensent:innen, Verlage sowie ein umfangreiches Schlagwortregister erleichtern den thematischen Zugang. ↩︎
Informationsseite der DDB: <https://pro.deutsche-digitale-bibliothek.de/daten-nutzen/virtuelle-ausstellungen>, 8.11.2022. Siehe auch Lidia Westermann: Mit virtuellen Ausstellungen Geschichten erzählen. DDBstudio – Das neue Ausstellungstool der Deutschen Digitalen Bibliothek. In: B.I.T. online 23 (2020) H. 3, S. 323–326. ↩︎
Das vom IKGS ausgerichtete Projekt wurde aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales im Rahmen der Projektförderung nach § 96 BVFG für die Vermittlung und Sichtbarmachung von kulturellen Beständen gefördert.