Ilma Rakusa schenkt heuer zum 80. Wiegenfest ihren Bewunderern eine Gelegenheit, ihr Werk ausgiebig zu feiern. Es sind da nicht nur die Gratulationen, die schriftlich und telefonisch aus der ganzen Welt auf dem Zürichberg eingehen. Auch die Wiener Alte Schmiede, wo die Dichterin zum zwanzigsten Mal auftritt, begrüßt die Schriftstellerin in übervollen Sälen. Die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung ehrte sie, quasi als Vorhut, schon im November 2025 mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis. Am Mondsee und im Meraner Palais Mamming, wo sie jahrelang durch ihre Jury-Arbeit das literarische Feld mitgestaltet und pflegt, richten die Kollegen ein Fest aus für diese Tochter einer ungarischen Mutter und eines slowenischen Vaters, die am 2. Jänner 1946 in Großsteffelsdorf/Rimavská Sobota in der damaligen Tschechoslowakei das Licht der Welt erblickte.
Im Stil, eine Europäerin
Ilma Rakusa übersetzte Schriftstellerkollegen, die eine Fülle an Sprachen und Stile verwendeten: zum Beispiel Péter Nádas, Imre Kertész, Marguerite Duras oder Marina Zwetajewa. Ich möchte jedoch vor allem jene Ilma Rakusa in den Blick rücken, die als die Autorin einer Art von individualenzyklopädischer Autofiktion in Prosa und kunstvoller Poesie von ihrem Publikum geliebt wird. Und auch noch diese Ilma Rakusa: Die Schöpferin einer passionierten wie auch pointierten Essayistik und Literaturkritik. Sie begann ihr Leben als eine Nomadin wider Willen.
In ihrem als »Erinnerungspassagen« inszenierten Roman Mehr Meer (2009) schildert sie fragmentarisch prägende Szenen ihrer »Kofferkindheit« zwischen Budapest, Ljubljana, Triest und Zürich, wo sie in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg als »Staatenlose« umherwanderte. Zugleich schildert sie ihre Jahre der Formation: Nach dem Studium in Zürich brach sie auf, um sich zuerst in Paris und dann in Leningrad für ihre Dissertation vorzubereiten.
Dort traf sie im März 1971 erstmals auf Joseph Brodsky, in dessen »Zehnquadratmeterzimmer« sie sich wie »in einer exterritorialen Zone« fühlte. Dort exzerpierte sie Tag und Nacht im Lesesaal der Saltykow-Schtschedrin-Bibliothek russische Bücher; in Leningrad verbrachte sie Nächte in den Küchen von jungen Intellektuellen. Aus diesen intimen Erfahrungen weiß Ilma Rakusa, anders als viele Rotwein-Revolutionäre im Westen, um die faszinierende Big, Bad and Sadness der russischen Literatur als auch um die chauvinistische Menschenverachtung der Elite Russlands. Diese inhärente Brutalität russischer Macht benennt die Autorin seither ohne Fehl nicht als eine temporäre Verirrung eines politischen Systems, sondern als russische Ursünde.
Literaturkritik in Ilmas Sinne erfordert nicht nur Sprachkenntnis, Erfahrung und Kompetenz, sondern vor allem – was selten ist – Urteilskraft, eine ästhetische Urteilskraft, die von einer unbestechlichen Empathie und Humanität getragen ist. Diese Haltung spiegeln ihre Kommentare und Nachworte zu zum Beispiel Dostojewski oder Achmatowa, aber auch die beängstigende Fülle an journalistischer Kritik, besonders zur zeitgenössischen Literatur in russischer Sprache – etwa zu Vladimir Sorokin oder Maria Stepanova in der Neuen Zürcher Zeitung.
Keine verinselte Kalypso
Doch vielgewandert ist Ilma seither immer, vor allem in Zentral- und Südosteuropa. Besonders die »Tagebuchprosa«, wie sie es in ihrem aktuellen Buch Wo bleibt das Licht (2025) nennt, gibt Einblick in ihr enormes Netzwerk. Darin lässt die »literarische Weltbürgerin«, wie sie Paul Jandl einmal nannte, eine Begegnung mit Péter Nádas Revue passieren, oder sie berichtet vom Spiel mit ihren Enkeln. Solche Aufzeichnungen, die sie in lyrischen, dramatischen und erzählerischen Passagen ausbreitet, sind keine Reminiszenzen; vielmehr ist Ilmas Seismographie von enormer Modernität. Das Buch ist ein literarischer Schlüssel zu einem epochalen Moment.
Auch Bände wie Kein Tag ohne (2022), das uns in die klaustrophobische Enge der Pandemie bis unmittelbar zum Epochenbruch der Invasion der Ukraine führt, oder poetologische Überlegungen wie Ilmas Münchener Rede zur Poesie Listen, Litaneien, Loops (2016) zeigen, wie sehr es ihr um eine Zukunft des Erlebten geht.
Ich glaube, was Ilma Rakusas Werk schenkt, ist die Einsicht, dass Sprache jener Stoff ist, der unser Zusammenleben mit Menschen und Dingen kostbar umhüllt, wärmt, ihm Tiefe und Güte verleiht. Noch wichtiger sind aber ebendiese Menschen und Dinge, die die Sprache überhaupt dazu berufen, aus dem Abstrakten, Jenseitigen und Vagen herauszukommen und zu Literatur zu werden.
Heimateinsamkeit & Beziehungsreichtum
Jede Beziehung schafft hier neue Erinnerungspassagen: Innige Freundschaften verbindet sie mit zahlreichen Autoren, wie den Ukrainern Serhij Zhadan oder Juri Andruchowytsch; Tokio durchhuscht sie mit der Literatin Yoko Tawada oder trifft zufällig vor einem Fuchstempel in Kyoto den slowenischen Schriftsteller Aleš Šteger. Im serbischen Neusatz/Novi Sad berichtet Ilma der Schriftstellerin Cécile Wajsbrot von ihren Begegnungen mit Danilo Kiš in Paris. Ein Tag nach Titos Tod, am 4. Mai 1980, leiht Ilma Rakusa sich von ihrem Onkel in Ljubljana einen Fotoapparat und durchstreift ein Land in »Schockstarre«.
In Zürich zuhause, bleibt Ilma ihr ganzes Leben lang eine Reisende. Auf den Straßen Berlins spaziert sie mit Elke Erb oder Terézia Mora. Abermals aus dem Iran zurückgekehrt, widmet sie dem Dichter Mahmud Doulatabadi das Poem Wind in Teheran: Es findet sich in Impressum: Langsames Licht (2016). Ihre Wanderlust reicht von Odessa zu einem Flohmarkt beim Tempel Ōsu Kannon, von einem Rendezvous in Prag über die Persische Wüste, nachts zum Mondfest in Yangzhou.
Neugier und Neuerfindung
Einerseits kommt in ihrer Persönlichkeit sowohl eine rare intellektuelle Integrität als auch eine unersättliche Neugier zum Vorschein; andererseits erhellt sie als Gefühlsprägung jeden Satz des literarischen Werks. Es ist nicht verwunderlich, dass Selbstverortungen und die Bestimmung von Beziehungsgeschehen zu anderen Menschen den eigentlichen Anker im Werk bilden.
Sie promovierte über den Begriff der Einsamkeit. Später vertiefte sie diese wissenschaftlichen Eindrücke im breiten Spektrum ihrer Kunst: Sie schrieb einen ganzen Band von Erzählungen, die Einsamkeit mit rollendem »r« (2014) oder die zärtlich wie zugleich kühlen Erzählungen aus Durch Schnee (2006). In atemberaubenden Essays über Langsamkeit (2005) und Eleganz (2021) erglänzt Ilmas ganzes Wesen, darin langmütige Sanftmut und mühelose Schönheit funkeln.
Doch Literatur ist für Ilma Rakusa nicht bloß eine erschriebene Behausung. Sie kann auch ein Zertrümmern von Bindungen sein, eine emanzipatorische Lossagung, ein Exorzismus des Herzens. Wie ein schroffer, wilder Solitär steht nämlich da dieser furiose Abgesang in acht Sequenzen: das Langgedicht Love After Love (2001). Die Autorin selbst schreibt darüber: »Eine Amour fou hat mich fünf Jahre lang fast um den Verstand gebracht. Als die Sache vorbei war, wusste ich nicht, ob ich vollkommen abstürze oder langsam wieder Tritt fasse. […] Ich fühlte mich leer und stumm. Was ich ins Tagebuch notierte, glich einem zerzausten Seelenprotokoll, nicht der Rede wert. Doch eines Tages spürte ich, wie Wut in mir aufstieg. Aufs Geratewohl setze ich mich hin und fing an. Ohne Konzept, dem Diktat des Moments folgend. Was dann geschah, war erstaunlich. Als hätten sich angestauter Schmerz und Zorn Bahn gebrochen, strömte es aus mir heraus. Ich gab einem immensen Druck nach, kämpfte ums Überleben. […] Und als ich nach Stunden aufsah, lag vor mir ein Gebilde, länger als alle meine bisherigen Gedichte. […] Mein Zorn ließ nach, Zärtlichkeit und Wehmut übernahmen die Register.«
Ich bin, wenn ich dies zum Geburtstagsgruß gestehen darf, seit fast fünfzehn Jahren vollkommen vernarrt in diese Literatur – in eine Autorin, die mich bei jeder Begegnung mit ihrem Werk, bei jedem Treffen und Telefonat, so sehr entzückt, begeistert, wie sie mich auch überrascht – und gelegentlich tadelt.