„Bună, vrei să ne bem cafeaua împreună?“1
Eine Bluetooth-Nachricht, die ein Unbekannter namens Darius im November 2022 an mein I-phone sendete, war der Impuls, der das Schreiben der ersten Szene des Theaterstücks Union Place auslöste.
Ich saß gerade in einem Klausenburger Café ratlos vor meinem Laptop. In vier Wochen war Abgabetermin für die erste Fassung eines dreisprachigen Stückes für das Schauspielhaus Salzburg, und ich hatte noch kein einziges Wort geschrieben. Und dann leuchtete das Display meines Smartphones auf: „I-phone Darius wants to share a note.“ Der unbekannte Darius wird wohl nie erfahren, dass seine Nachricht eine monatelange Schreibblockade beendete und dass eine Figur aus Union Place. Eine kurze Triogie, einer internationalen Theater-Koproduktion zwischen Österreich, Rumänien und Luxemburg, sogar seinen Namen trägt. Etwa acht Monate später saß ich im selben Klausenburger Café und las eine in Österreich veröffentlichte Theaterkritik zur Inszenierung. Die Welt in meinem Kopf war zur Wirklichkeit geworden. Das ist das Faszinierende am Theaterschreiben: Du denkst dir etwas aus und andere Leute finden es so interessant, dass sie die Sachen aus deinem Kopf in Wirklichkeit umsetzen. Diesmal waren es drei Geschichten, die sich in drei verschiedenen Ländern abspielen und sich am Ende zu einer einzigen Geschichte zusammenfügen.



Drei Geschichten über Eltern und Kinder
Knapp ein Jahr vor dem Vorfall im Klausenburger Café hatte mich das Schauspielhaus Salzburg durch Intendant Robert Pienz und Chefdramaturg Jérôme Junod eingeladen, ein Theaterstück über europäische Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu schreiben. Das Stück sollte im Rahmen einer Koproduktion zwischen dem Schauspielhaus, dem Escher Theater und dem Nationaltheater Temeswar mit einer Besetzung aus drei Ländern vom in Wien lebenden rumänischen Regisseur Alexandru Weinberger-Bara inszeniert werden. Der Titel Union Place war ein Vorschlag von Robert Pienz. „In jeder europäischen Großstadt gibt es einen Platz der Einheit. Die Handlung des Stücks könnte sich in drei verschiedenen Städten an diesem Platz der Einheit abspielen.“ – Das war die Idee, von der wir ausgegangen sind. Da es sich um ein Ensemble aus drei Ländern handelt, habe ich beschlossen, drei Geschichten zu schreiben, die sich in diesen drei Ländern ereignen und die miteinander in Verbindung kommen. Dann habe ich erfahren, welche Schauspieler:innen im Projekt mitmachen werden. Ich wollte von Anfang an eine „Durchmischung“ der Besetzung, also dass in jedem der drei Teile Schauspieler:innen aus verschiedenen Ländern zusammenspielen. Die Figuren habe ich mir dann ausgedacht, als ich ihre Fotos auf den Webseiten der Theater sah. Über diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede wollte ich anhand von Beziehungen sprechen – Liebesbeziehungen, Beziehungen zwischen Kindern und Eltern und die Beziehung zu dem Land, in dem man lebt.
Sprache ‒ ein zentrales Thema
In einem Wiener Café begegnet die verheiratete Sophie dem viel jüngeren Studenten Darius, aus dem Flirt wird eine Affäre, die auf absoluter Ehrlichkeit fußen soll. Doch bald zeigt sich, dass Sophie ein Geheimnis hütet, das durch den Angriff Russlands auf die Ukraine bedroht wird. In Luxemburg warten der wohlhabende Deutsche Walter und seine Frau Daniela, eine rumänisch-stämmige Sängerin, auf Danielas Sohn, der seine Mutter jahrelang nicht gesehen hat. Doch nicht für den Urlaub ist er zu ihnen gefahren. In Rumänien treffen sich Mariana und Rudolf nach Jahrzehnten wieder. Als Jugendliche waren sie ein Paar, doch als er beschloss, vor der Revolution in den Westen zu fliehen, blieb sie vor Ort. Was ist in dieser Nacht genau passiert ist, wird der Auslöser für alle drei Geschichten in diesem Stück sein. Nachdem das Stück schon fertig geschrieben war, änderte sich fast die Hälfte der Besetzung ‒ drei Schauspieler:innen wurden ersetzt. Am Anfang geriet ich in Panik, die Figuren passten nicht mehr so genau zu den Schauspielern, und es entstand sogar die Situation, dass Mutter und Sohn von gleichaltrigen Darsteller:innen gespielt wurden. Doch danach fand ich diese Änderung spannend ‒ das sind eben die Risiken einer internationalen Koproduktion. Manchmal denke ich, dass ich komplett andere Geschichten geschrieben hätte, wenn ich von Anfang an die endgültige Besetzung gekannt hätte.
Zentral in Union Place ist das Thema Sprache. Die verschiedenen Sprachen, die im Stück gesprochen werden, drücken unterschiedliche Verhaltensweisen aus: Sophie und Darius treten locker auf Deutsch in Kontakt und verführen einander, doch das Aussprechen der (ganzen) Wahrheit fällt ihnen schwer. Daniela und Walter haben die Fremdsprache Englisch als einziges Kommunikationsmittel zur Verfügung, eine Brücke zwischen Osten und Westen, die immer wieder aufgebaut werden muss und zugleich stets zusammenzufallen droht. Die Sprache ist bei ihnen Waffe und Schlachtfeld zugleich. Die in Rumänien gebliebene Mariana und der Exilant Rudolf begegnen sich auf Deutsch und Rumänisch, die radikale Zweisprachigkeit zeugt von der Entfremdung dieser einstigen Liebenden. Alle hadern sie mit ihrer Sprache, alle haben sie Geheimnisse, die herausgefunden und zugleich nicht geäußert werden wollen. Die Dynamik der vertrauten und der fremden Sprache, des Gehörten und des Gelesenen, des Ausgesprochenen und des Unaussprechbaren, macht die Sprache zum szenischen Ereignis, zum Experiment, das auch die gesamte Probearbeit begleitet hat.
Probensprache war Englisch, und damit alle Beteiligten den Text verstehen, auch die Szenen in denen sie nicht mitspielen, habe ich den Text komplett ins Deutsche beziehungsweise Rumänische übersetzt. Und es gab noch eine Änderung in den Szenen mit Rudi und Mariana, die sich in Rumänien abspielen. Wolfgang Kandler vom Schauspielhaus Salzburg hat vier Jahre als Gastschauspieler bei der Deutschen Abteilung des Nationaltheaters in Hermannstadt verbracht. Mir wurde gesagt, dass er gut Rumänisch spreche, als er jedoch den Text zum ersten Mal sah, erschrak er. „Mein Rumänisch beschränkt sich auf ein paar Wörter,“ hat er mir erklärt. Deshalb haben wir zusammen mit dem Regisseur Alexandru Weinberger-Bara beschlossen, dass in den Szenen mit dem ehemaligen Liebespaar Rudi Deutsch spricht und Mariana Rumänisch. Zuerst war ich überhaupt nicht begeistert davon, ich dachte, es wird künstlich und unnatürlich klingen, doch später, bei der Premiere, stellte es sich erfreulicherweise heraus, dass ich nicht recht hatte.
Exotische Namen, Honterus-Deutsch und Außerirdische
„Obwohl es sich um ein amerikanisches Stück handelt, kann man darin ganz viele Gemeinsamkeiten mit dem rumänischen Alltag entdecken“, schrieb eine Kritikerin über mein erstes Stück, Es geschah an einem Donnerstag. Ein anderes Mal war ich im ungarischsprachigen Niklasmarkt/Gheorgheni/Gyergyószentmiklós im Szeklerland bei der Premiere meines Stückes Kalt oder vier unwahre Geschichten aus Gheorgheni, als ich von einer Gruppe von Zuschauern, die sich darüber unterhielten, erfuhr, dass eine norwegische Autorin ein Stück über ihre Stadt geschrieben habe. Ich musste sie leider enttäuschen – ich komme aus Rumänien. Meinen Namen muss ich in meinem Heimatland immer buchstabieren, um sicher zu sein, dass er korrekt geschrieben wird. Auch neulich am Telefon bei einer Busgesellschaft, wo ich eine Fahrkarte reserviert habe. „Sie bringen dann die Person zum Bus“,
sagte der Fahrer. „Ich bin die Person“, erwiderte ich. Mein Name, Elise Wilk, der sowohl amerikanisch als auch polnisch oder deutsch sein könnte, ist in Rumänien exotisch.
Ich hatte das Glück, zweisprachig aufzuwachsen und habe gleichzeitig Deutsch und Rumänisch gelernt, in Siebenbürgen, einer multikulturellen Gegend, geprägt durch das jahrhundertelange Zusammenleben von Rumänen, Ungarn, Deutschen, Juden und Roma. Ich bin zwölf Jahre lang in die deutsche Schule gegangen, wo ich mit meinen Kollegen auf dem Pausenhof eine Art Geheimsprache gesprochen habe, die sich „Honterus-Deutsch“ nennt und eine Kombination aus Deutsch und Rumänisch ist. Als Kind habe ich bei meiner rumänischen Großmutter auf dem Land Romane rumänischer Autoren gelesen (die eigentlich eher für Erwachsene waren), zu Hause in Kronstadt las ich die Kinder- und Jugendbücher, die mir mein Onkel aus Deutschland schickte. Als ich mit acht Jahren zu schreiben anfing, war es ein Roman über Außerirdische auf Deutsch. Auch das allererste Theaterstück, das ich mit 15 geschrieben habe, war auf Deutsch, danach habe ich aber, mit Ausnahme eines Kinderstücks für die deutsche Abteilung des Hermannstädter Gong-Theaters, nur noch auf Rumänisch geschrieben.
Es handelte sich um ein Auftragsstück, das ich im Jahr 2017 speziell für die Schauspieler des Theaters schreiben sollte. Ich entschloss mich, es direkt auf Deutsch zu schreiben, denn es hatte keinen Sinn, es auf Rumänisch zu schreiben und anschließend übersetzen zu lassen. Beim Schreiben merkte ich, dass die deutsche Sprache viel spielerischer ist als das Rumänische, man kann lustige Wörterkombinationen machen, die die Kinder mögen. Auch der Titel ist eine Wörterkombination: Kinderzimmerzauberei. Und die Reime klingen viel lustiger auf Deutsch. Auf Rumänisch hätte ich mit Sicherheit ein komplett anderes Stück geschrieben.
Ich fühle mich also in beiden Kulturen und Sprachen „zu Hause“. Und Englisch gehört seit vielen Jahren zu meinem Alltag – ob ich im italienischen Riccione eine Masterclass halte, bei einem Theaterfestival in Istanbul an einem Publikumsgespräch teilnehme, Prager Studenten die rumänische Theaterlandschaft vorstelle oder einfach mit ausländischen Freunden am Strand von Taormina einen Nachmittag verbringe – kaum vergeht ein Tag, an dem ich nicht diese Sprache spreche. Zu meinem Alltag gehört auch eine Sprache, die ich nicht spreche. In Neumarkt am Mieresch/Târgu-Mureș/Marosvásárhely, wo ich an der Theateruni Szenisches Schreiben unterrichte, spricht einer von zwei Leuten Ungarisch. Ich arbeite oft mit ungarischsprachigen Theatern zusammen, und mein Wortschatz erweitert sich von Jahr zu Jahr. Auch bei den Proben für meine neueste Premiere, Alaska, an der ungarischen Abteilung des Nationaltheaters Neumarkt, habe ich einige Worte dazugelernt. Also war Mehrsprachigkeit und Multikulturalität schon immer Teil meines Lebens.
Natürlich ist es ganz anders, wenn ich zu Theaterproben gehe, die in einer Sprache stattfinden, die ich nicht beherrsche. Doch es ist wie dann, wenn ich im Ausland in einem Stück von mir sitze. Da merke ich schon am Rhythmus der Sprache und an den Emotionen, die vermittelt werden, dass die Übersetzung gut ist. Manchmal merke ich sogar, wo jemand Text vergessen hat.
Mehrsprachigkeit ist die Zukunft
Mit Union Place habe ich mein erstes dreisprachiges Stück geschrieben. Auch war es das erste Mal seit langer Zeit, dass ich auf Deutsch geschrieben habe, ohne es übersetzen zu lassen. Es hätte keinen Sinn gehabt, das Stück in einer einzigen Sprache zu verfassen, denn das sind die Sprachen der Figuren. Daniela kommt aus Rumänien und Walter aus Deutschland, ihre gemeinsame Sprache ist Englisch. Das ist bei sehr vielen „internationalen“ Paaren so. Rudi und Mariana reden Rumänisch und Deutsch, sie kommen aus einer Gegend, wo beide Sprachen gesprochen wurden. Sophie und Darius reden Deutsch, weil sie eben Deutsche sind, die sich in Wien treffen. Ich habe nachgedacht, ob das Stück nur auf Rumänisch oder nur auf Deutsch funktionieren würde – die Antwort ist: eher nein. Das ist einerseits schade. Denn die Chancen, dass das Stück nachgespielt, in einer anderen Inszenierung gezeigt wird, sinken somit. An den rumänischen Theatern gibt es nämlich fast keine mehrsprachigen Stücke. – Aber ich denke, Mehrsprachigkeit ist die Zukunft. Denn unser Alltag ist heute mehrsprachig.
Union Place war anders als die meisten Projekte, an denen ich mitgemacht habe. Und das war nicht nur für mich so, sondern für das gesamte künstlerische Team. Jeder von uns hat andere Erinnerungen an das Projekt. Ich erinnere mich an die langen Gespräche, die ich mit dem Regisseur Alexandru Weinberger-Bara am Donau-Ufer in Wien und im rumänischen Restaurant ALEX in der Nähe des Salzburger Bahnhofs geführt habe. Und an den Probenanfang in Salzburg an einem verschneiten Apriltag, als in allen drei Sprachen geredet wurde. Ich erinnere mich an die gelbe Regenjacke, die ich mir gekauft habe, weil es in Salzburg immer regnet. Ich erinnere mich an den Abend der Generalprobe, als wir in der Skybar des Hotels Stein saßen und erfuhren, dass Tina Turner gestorben ist. Und an die Wanderung durch meterhohen Schnee am Wochenende nach der Premiere. Und an ein Blasmusikkonzert auf dem Marktplatz von Hallstatt, als uns jemand die erste Theaterkritik zur Inszenierung per WhatsApp schickte und wir uns gefreut haben. An die Aufführungen an den heißen Augustabenden in Temeswar und an die Dernière in Luxemburg, als wir in der Bar der Portugiesin Anita aus Esch an der Alzette zum letzten Mal zusammen gefeiert haben und ein Stammkunde, der uns aus dem Theater erkannt hatte, allen Frauen Rosen schenkte.
Doch die schönste Erinnerung ist vom Abend der Premiere in Salzburg. Ein Mann saß im Publikum, der genau wie die Figur Rudi mit 17 Jahren über die jugoslawische Grenze in den Westen floh und seiner Freundin aus demselben Lager einen Brief schrieb – Padinska Skela. Manchmal sind erfundene Geschichten ganz nahe an der Wirklichkeit. Union Place, die Inszenierung, gibt es heute nicht mehr – denn es ist viel zu aufwendig, eine internationale Koproduktion mit einer Besetzung aus drei Ländern für lange Zeit zu zeigen.
Doch es gibt Union Place, das Stück. Auch für zukünftige Inszenierungen würde ich mir wünschen, dass es in mehreren Sprachen gespielt wird. Und zurzeit überlege ich zusammen mit meiner ungarischen Übersetzerin, wie man es anpassen kann, damit darin auch Ungarisch gesprochen wird. Union Place war ein Pilotprojekt, ein gelungenes Experiment, das gezeigt hat, dass die Zukunft mehrsprachiges, länderübergreifendes Theater braucht.
UNION PLACE
von Elise Wilk
Uraufführung: Schauspielhaus Salzburg
in Koproduktion mit Teatrul Național Timișoara und Theater Esch Luxembourg, 25. Mai 2023
Regie: Alexandru Weinberger-Bara
Ausstattung: Isabel Graf
Musik: Georg Brenner
Licht: Marcel Busá
Dramaturgie: Jérôme Junod
mit Andrei Chifu, Sophia Fischbacher, Wolfgang Kandler, Cristina König, Jens Ole Schmieder, Philippe Thelen, Christiane Warnecke.
- Deutsch: Hallo, trinken wir einen Kaffee zusammen? ↩︎