https://doi.org/10.82486/sp.2026.06.2645

Woyzeck ‒ Die Wunde, die uns bleibt

Impressionen und Bemerkungen aus der Ferne: Georg Büchners Woyzeck unter der Regie von Hunor Horváth und Edith Buttingsrud Pedersen, gezeigt (unter anderem) 2024 beim Internationalen Theaterfestival im rumänischen Sibiu (Hermannstadt) und online:

Ein kleines Mädchen, etwa zehn Jahre alt, kommt in den Zuschauerraum und ruft „Mama, Mama“. Eine Frau kommt und erzählt ihr eine unheimliche Geschichte über Einsamkeit und Sterne. Zu populärer Musik erscheinen ein Mann und Frauen in erdfarbenen Kostümen und bewegen sich rhythmisch, abstrakt. Sie drücken eine Atmosphäre, ein Gefühl, die Stimmung des Stücks aus.

Eine Außensicht ist eine, die vieles nicht weiß, vieles nicht sieht, die ein Produkt ist aus egozentrischer Wahrnehmung historischer Vorgänge wie kultureller Sozialisation. Eigene, selbstständige Gedanken kommen als (großes, kleines?) Plus hinzu. Die Außensicht liefert Information, auch Information über die, die von außen zusehen, auf die, die ebenso von außen auf sie zurücksehen werden. Grenzen werden so spürbar und bewusst überschritten, geografische wie andere, was „dort“ war, wird „hier“ und umgekehrt. All das macht die Sache schrecklich interessant, und Büchner gehört ohnehin niemandem. Dafür war er viel zu viel unterwegs. Immer auf der Flucht, war viel zu nervös, einer mit kurzen Nerven und gefährlichen, wilden und wirbelnden Gedanken.

In Deutschland wächst man auf den ersten Blick mit dem immer jungen Vormärzliteraten Georg Büchner (1813–1837) auf, was so überhaupt nicht stimmt, weil wahrscheinlich die Mehrzahl der Menschen, die in Deutschland leben, noch nie etwas von ihm gehört hat. Georg Büchner ist Teil des Gymnasialwissens, womit vieles gesagt, vieles gesetzt ist. Wer einmal mit dem erbsenfressenden Wehrmann Woyzeck aus dem gleichnamigen Drama (von Büchner um 1836 geschrieben, die Uraufführung war 1913 im Münchner Residenztheater) konfrontiert wurde, wird ihn nie mehr vergessen, ihn nicht und die Erbsen ebenfalls nicht. Auf den Bühnen wird Büchner viel gegeben, auch weil er irgendwie fürs gute (junge) Deutschland steht, weil er so schön crazy ist, weil er irritiert, weil sein Werk sehr, sehr überschaubar ist, es das inspirierende Unvollkommene besitzt, das Ruinöse, kurz, weil er ewig (wer weiß?) modern bleibt und weil er für die deutsche Sprache steht (ihn zu übersetzen ist ein Abenteuer).

In Deutschland muss man den Woyzeck immer anders zeigen, als er gestern, vorgestern gezeigt wurde. Wiedergeben geht nicht, nacherzählen geht nicht, Redundanzen gehen nicht, überholte Geschlechterdarstellungen (ohne Hinterfragung) gehen nicht, konkrete Aussagen, vollständiges Erzählen, Eindeutigkeit, Klarheit … gehen nicht. Offenheit nach allen Seiten, mehr Fragen als Antworten, viele Übertragungen, viel Vages, Gewagtes, viel Verfremdetes …, das geht und findet statt und lässt nächste Fragen offen und verlangt weiter nach dem kritischen Blick, spiegelt immer auch Unsicherheit (aus der etwas werden könnte). Was ja nicht heißt, dass nicht all das, was nicht geht, nicht doch passiert. Theater findet auf den kleinsten Bühnen, an den unbekanntesten, abgelegensten Orten, zu den unbekanntesten Zeiten statt, und all das hat seine Wichtigkeit.

Unter der Regie von Hunor Horváth und Edith Buttingsrud Pedersen feierte Woyzeck am 10. Dezember 2023 im Radu-Stanca-Theater in Sibiu/Hermannstadt, Rumänien, Premiere. Später, 2024, wurde die Inszenierung auch auf dem Internationalen Theaterfestival Hermannstadt/Festivalul Internațional de Teatru de la Sibiu gezeigt. Per Stream konnte man auch von sonst wo auf der Welt mit dabei sein.

Die Schauspieler spielen die Szenen von Woyzeck so, wie sie geschrieben sind, in der berühmten Ohrring-Szene werden die Gewissensfragen beider Seiten – Eifersucht, Zweifel, Undankbarkeit – thematisiert. Woyzeck opfert alles für die Mutter seines Kindes auf. Für seinen Arbeitgeber isst er Erbsen. Niemand schätzt ihn, niemand respektiert ihn, und doch ist er der Einzige mit einem aufrichtigen Charakter und einem unerschütterlichen Herzen. Aber in Büchners Welt treten sie zurück. Sie treten alle nach unten.

Wenn Hermannstadt das Theater feiert 

Zum 31. Mal fand vom 21. bis zum 30. Juni 2024 das Internationale Theaterfestival Hermannstadt/Festivalul Internațional de Teatru de la Sibiu statt. Mit 830 Veranstaltungen, 5.000 Künstler*innen aus über 80 Ländern. Jedes Jahr größer, auch internationaler angelegt, stand es 2024 unter dem Motto „Freundschaft/Prietenie“. Direktor und Gründer des Festivals ist Constantin Chiriac, 1957 in der Republik Moldau geboren, Schauspieler und seit 2000 Direktor des Nationaltheaters in Hermannstadt, das nach dem Dichter, Autor, Theaterregisseur sowie Theaterdirektor des Hauses Radu Stanca (1920–1962) viel später so benannt wurde. Das Haus öffnete 1788 feierlich seine Tore und ist damit eines der ältesten Theater des heutigen Rumäniens (früh mit Drehbühne ausgestattet!) wie auch Europas. Sein Programm orientierte sich anfänglich hauptsächlich am Repertoire der Wiener Theater. So fand hier die erste Aufführung von Goethes Faust in Siebenbürgen statt (1850). Je nach politischen, geopolitischen, auch ideologischen Verhältnissen rückte man über die Jahrzehnte mal die deutsche, mal die rumänische Kultur/Sprache nach vorne, mal fuhr man zweigleisig, bestenfalls und bis heute gab und gibt man sich im schönen Sinne „europäisch“. 

1956 richtete das Staatstheater Sibiu ganz offiziell eine „deutsche Abteilung“ (neben der rumänischen) ein ‒ erste Vorstellung: Brechts Mutter Courage und ihre Kinder ‒, die, auch der Zeit des Eisernen Vorhangs geschuldet, ihre Höhen und Tiefen erlebte. Mit dem Jahr 2000, nach einigen Unruhen während des Zerfalls der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er-Jahren, was eine Neuorientierung ihrer Paktstaaten zur Folge hatte, trat fürs Radu Stanca Theater eine neue Phase ein. Constantin Chiriac übernahm das Ruder und veränderte so gut wie alles. 2004 wurde das Hermannstädter Theater, ein Haus mit bewegter Geschichte, zum Nationaltheater ernannt.  

Die deutsche Abteilung des Radu Stanca leistet sehr bewusst ihren Beitrag zur Pflege der deutschen Sprache sowie der deutschen (europäischen) Theaterkultur, was natürlich von der deutschen Minderheit der Region wie der des ganzen Landes besonders geschätzt wird (der Anteil der deutschen Minderheit an der Gesamtbevölkerung Rumäniens beträgt heute 0,2 Prozent). 

Der Regisseur, das Team und die Verbindungen nach Bayern 

Von 2019 bis Mitte 2025 wurde die deutsche Abteilung des Radu Stanca Theaters von Hunor Horváth geleitet. Horváth besitzt drei Staatsbürgerschaften: die rumänische, die ungarische und die deutsche. Geboren wurde er 1986 in dem rumänischen Städtchen Sankt Georgen/Sfântu Gheorghe/Sepsiszentgyörgy mit starkem ungarischen Bevölkerungsanteil. Horváth ist als Kulturmanager und Regisseur unterwegs. Er lehrt ebenso wie der Münchner Licht- und Bildkünstler Michael Bischoff oder Edith Buttingsrud Pedersen, zuständig für Tanz, an der Athanor Akademie, deren Gründer, der große Theatermann David Esrig (geb. 1935 in Haifa), ein stark gebeutelter Rumäne war, der 1973 aus seinem Land vor der Ceaușescu-Diktatur floh. „Athanor“ ist ein Wort aus dem Arabischen und bezeichnet einen speziellen Ofen, den Alchimisten für ihr Handwerk benutzen. Mit David Esrig, dem Initiator, existierte für die Athanor-Akademie die Achse – nennen wir sie – Bayern/Hermannstadt. Die Athanor-Fachakademie für Darstellende Kunst öffnete im Jahr 2000 ihre Tore, damals noch in Burghausen. 2014 zog sie nach Passau um. Ihr heutiger Leiter ist Sebastian Goller.

Die Szenen von Woyzeck umrahmen tänzerische Momente. Sie scheinen zu koexistieren. Das Mädchen wird als Waise zurückgelassen, nachdem ihre Mutter ermordet wurde und ihr Vater hinter Gittern sitzt. Ein Bastardkind. Ein Niemand. Wie ihr Vater, wie ihre Mutter. 

Hunor Horváths Woyzeck entstand im Zusammenspiel vor allem auch mit Edith Buttingsrud Pedersen, die sich für die Tanzeinlagen zuständig zeichnete, aber eben auch Regie mitführte. Das Lichtdesign übernahm Michael Bischoff, der die ganze Inszenierung ohnehin als „eher ein Teamprojekt“ mit „supernetten Leuten“ bezeichnete: „Auf jeden Fall war das keine klassische Regiearbeit.“ „Wir hatten schon viel in Passau zusammen besprochen und vorbereitet, und dann kam doch alles ein bisschen anders“, erinnert er sich. Auch einige der Schauspieler stammen aus dem Hause Athanor (Gyan Ros Zimmermann, der den Woyzeck gab, machte dort zum Beispiel 2022 seinen Abschluss). Die zahlreichen Tanzeinlagen der vielen in helle Leinenstoffe eingekleideten jungen Menschen wurden von Schauspielstudierenden der Lucian-Blaga-Universität Sibiu gestaltet.

Michael Bischoff bekam für die Woyzeck-Inszenierung den erstmals 2024 im Rahmen der UNITER1-Preisgala vergebenen Preis für Lichtdesign, was ihn „total überrascht und noch mehr gefreut“ habe. Er erinnert sich mit viel Lächeln im Gesicht und jederzeit bereit, so etwas nochmals zu erleben:  

Die Preisverleihung hat über drei Stunden gedauert. Sie war komplett auf Rumänisch. Ich verstand kein Wort und fand alles wunderbar und völlig absurd. Dann bin ich auf die Bühne und hab gesagt, okay Leute, ich weiß jetzt nicht genau, was hier gerade stattfindet, aber ich gehe mal davon aus, dass ich den Preis fürs Lichtdesign gewonnen habe, und das ist toll. 

Michael Bischoff habe sich, so erzählt er, während des ganzen Unternehmens, „eines echten Abenteuers“, sehr als „Mitteleuropäer“ wahrgenommen, als einer, der sich an der „Schnittstelle von Orient und Okzident“ befinde, als einer, der gerne aus seiner Komfortzone und auch den eigenen Vorstellungen (sehr geprägt von der anheimelnden Westästhetik) rauskomme: „Es sind da auf den ersten Blick Strukturen und dann sind da doch keine.“ Irgendwann hat er für sich entschieden:  

Ich mache jetzt nur meins, suche meine Lösungen, wo Lösungen gefragt sind, was wirklich eine gute Entscheidung und total spannend und fordernd gewesen ist, und irgendwann läuft es, und das ist dann großartig. 

Und das Essen in der Stadt „ist sowieso großartig, das Festival wirklich lustig, weil in jeder Besenkammer gespielt wird“, und Rumänien sei ohnehin liebenswert „verrückt“. Aufbruchsstimmung allerorten. 

Und am Ende treten wir unsere Kinder zu Tode, bevor sie überhaupt die Chance hatten, ein anständiges und unabhängiges Leben zu führen. Eines ohne Ärzte, Experimente und Generäle über uns, die uns treten und treten, bis wir zertrampelt und platt sind. Das scheint das Ergebnis dieses Woyzeck zu sein. 

  1.  Rumänischer Theaterverband. ↩︎