https://doi.org/10.82486/sp.2026.06.2649

Mein beruflicher Weg zum Deutschen Staatstheater Temeswar

Es ist schon seltsam: 1953 wurde das Deutsche Staatstheater in Temeswar (DSTT) gegründet, 2024 feierte es sein 70-jähriges Jubiläum in alter Frische, und man kann sagen, dem internationalen Theaterniveau völlig entsprechend. Gastspiele in Deutschland, Polen, Ungarn und anderen Ländern können das bestätigen. Diese Stadt beherbergt Theater in vier Sprachen, was weltweit einzigartig sein dürfte. Das Rumänische Nationaltheater, das Deutsche Staatstheater, das Ungarische Theater und ein Theater, das fallweise Aufführungen in serbischer Sprache darbietet.

An drei Tagen im Juni 2024 wurde die Gründung des Theaters feierlich begangen, der Bürgermeister der Stadt, Dominic Fritz, ein gebürtiger Deutscher aus Lörrach, hielt eine Lobrede in deutscher und rumänischer Sprache, der Intendant Lucian Vărșăndan wies in seiner Rede darauf hin, dass der Fortbestand dieses Theaters keineswegs selbstverständlich gewesen sei, zumal die Umwälzungen der 1970er- und 90er-Jahre (Auswanderung Rumäniendeutscher) auch andere Möglichkeiten für dieses Haus hätten bedeuten können.

Und ich war Gast dieser Jubiläumsfeier, denn fünf Jahre meiner beruflichen Laufbahn als Schauspieler fielen auf dieses Haus, und ich kann stolz sagen, dass es meine Anfängerjahre in diesem Beruf waren. Von 1957 bis 1962 war ich Eleve am DSTT und erlebte sozusagen noch die Gründerjahre mit den damaligen Mitgliedern dieses Hauses: Rudolf Schati, Ottmar Strasser, Margot Göttlinger, Franz Liebhard (Dramaturgie), Hans Kehrer, Franz Keller, Otto Grassl, Ernst von Kraus, Gerda Roth, Rudolf Krauser, Hella Sessler, Vilma Müller unter anderen.

Aber mein Weg zu diesem Haus war keineswegs vorgezeichnet. Um es deutlicher zu sagen: Schauspieler war nicht mein Traumberuf. Zufall und Glück spielten, wie oft im Leben, bei mir die Wegweiser zum Theater. Mein Traumberuf war Architektur! Zielstrebig wollte ich diesen Weg nach abgeschlossener Matura gehen und … scheiterte bereits bei der Inskription an der Technischen Hochschule. Politisch unverlässliche Elemente durften sich nicht einmal inskribieren.

Das war auch schon vorher bei der Anmeldung in die Mittelschule Nr. 2, die spätere Nikolaus-Lenau-Schule, der Fall gewesen. Dank der Intervention meiner Mutter, die die rumänische Sprache nur mangelhaft beherrschte, gelang es, bei der Securitate durchzusetzen, dass ich zur Aufnahmeprüfung an der Mittelschule nachträglich angemeldet werden konnte. Schikanen über Schikanen! Dabei betraf die politische Unverlässlichkeit nicht einmal mich, sondern meinen Vater. Er war in den 40er-Jahren in verschiedenen deutschfreundlichen Vereinigungen tätig gewesen, aber Sippenhaftung war eben ein beliebtes Spezialgebiet der Securitate.

Nun, die Architektur konnte ich auf jeden Fall vergessen! Und wieder führten Glück und Zufall die Regie in meinem Leben: zurück ins Lenau-Gymnasium. Professor Franz Lux, der Germanist in der Lenau-Schule, besetzte die Rollen für ein Theaterstück, welches von uns Schülern der 10. Klasse aufgeführt werden sollte. Das Stück hieß Flachsmann als Erzieher von Otto Ernst und behandelte die autoritären didaktischen Methoden eines Schulleiters der 1920er-Jahre. Und ich hatte das Glück, die Hauptrolle Flachsmann zu spielen, die ich ursprünglich gar nicht wollte. Inszeniert hat das Stück Franz Keller vom DSTT. Es kam gut an, auch Schauspieler vom DSTT und Herr Liebhard (Franz Liebhard, auch als Robert Reiter bekannt, war als Publizist und zeitweise Dramaturg am Theater tätig) waren gekommen, und ich bekam das Angebot, sozusagen als Nachwuchsschauspieler ans deutsche Theater aufgenommen zu werden. „Nein, nein! Ich will Architekt werden!“, war meine Antwort. Und wie diese Geschichte endete, habe ich ja bereits beschrieben…

Was tun? Ich erinnerte mich an das Angebot vom DSTT, hoffte, die Zeit als „Schauspieler“ zu überbrücken, vielleicht würden sich in absehbarer Zeit die Verhältnisse lockern und ich könnte mir meinen Berufswunsch doch noch erfüllen.

Ich meldete mich bei Herrn Liebhard, erinnerte an das Angebot, als Schauspieler einzutreten, erhielt binnen zwei Tagen meinen Vertrag und war plötzlich frischgebackener Eleve an einem professionellen Theater. Es war aber bereits August und alle Kollegen im Urlaub. Jedoch ergab sich für mich eine erste Auftrittsmöglichkeit in der Gemeinde Bentschek (rum. Bencecu de Sus, ung. Felsőbencsek). Dort feierte man 150 Jahre seit der Ansiedlung ins Banat, und vom DSTT sollte ein Schauspieler ein Gedicht vortragen. Die Wahl fiel auf mich, alle anderen waren ja im Urlaub, und schon schmetterte ich auf der improvisierten Bretterbühne vor dem Blasorchester der Gemeinde mein Gedicht von Karl Liebknecht: „Sturm, mein Geselle,/ Du rufst mich!/ Noch kann ich nicht,/ Noch bin ich gekettet!/ Ja, auch ich bin Sturm,/ Teil von dir …“ und so weiter. Das war mein erster Auftritt im DSTT.

Die neue Spielzeit begann, alle Kollegen versammelten sich wieder, ich wurde von allen Seiten argwöhnisch beäugt, kannte ja niemanden persönlich, und die Proben zu meiner ersten richtigen Rolle begannen. Das war Der Geizige von Molière, in dem ich den La Flèche spielen durfte. Keine sehr große Rolle, aber eine wichtige. Ich durfte die Geldkassette des Geizigen entführen und versteckt halten. Stolz spielte ich diese Rolle, die erste am DST Temeswar. 26 weitere sollten für mich in den kommenden fünf Jahren folgen. Schöne und wichtige Rollen, die man mir als ungelerntem Eleven anvertraute. Die Hauptrolle in dem sowjetischen Stück Glück auf den Weg von Viktor Rosow, die Rolle des aufmüpfigen Schülers Andrej, brachten mir erste unerwartet gute Kritiken in der deutschsprachigen Presse. Es folgten die Rollen des Sperling in Die deutschen Kleinstädter von August von Kotzebue, des Kosinsky in Die Räuber von Friedrich Schiller und schließlich, unter anderen, des Figaro in Figaros Hochzeit (Ein toller Tag) von Beaumarchais. Und nach den fulminanten Kritiken zu dieser Produktion stand mein Entschluss fest: Vergiss die Architektur und werde Schauspieler!

Die Aufnahmeprüfung am Bukarester Institut für Theater und Filmkunst Ion Luca Caragiale war geschafft, der Unterricht der Schauspielkunst lag in besten Händen unseres Meisters Ion Olteanu, der vor dem Krieg seine Ausbildung in Berlin gemacht hatte. Danach aber gleich: die Auswanderung nach Österreich! Die allgemeine Amnestie für politisch unverlässliche Elemente brachte die Erlösung. Mein Vater war österreichischer Abstammung, eine große Anzahl von Verwandten väterlicherseits, aber auch mütterlicherseits lebten in Österreich, und an einem 13. Juni erblickte ich zum ersten Mal den Kirchturm des Wiener Stephansdomes.

Am 13. Juli des gleichen Jahres unterschrieb ich meinen ersten Vertrag am Theater in dem beschaulichen und liebenswerten Städtchen Baden bei Wien. Es folgten 36 Jahre am Landestheater Linz und an einer Reihe anderer österreichischer Bühnen: Innsbruck, Bregenz, Tourneen, Sommer- und Festspiele…

Aber dass ich bei der 70. Jahrfeier an den Festlichkeiten des DSTT in hohem Alter noch teilnehmen konnte, dass ich das noch erleben durfte, erfüllt mich mit großer, besonderer Freude.