https://doi.org/10.82486/sp.2026.06.2652

Erzähl von früher

„Erzähl von früher“, haben mein Cousin und ich unsere Großmutter oft gebeten, wenn wir nach der Schule bei ihr waren, ein köstliches Mittagessen bekommen hatten und noch keine Lust hatten, uns an die Hausaufgaben zu setzen. Und dann hat sie erzählt – von früher, in Siebenbürgen, und auch von der Deportation, in Russland.

Irgendwann sagte sie: „Ich schreibe mein Leben auf“, und sie schrieb mit ihrer gestochenen Schrift in ein Heft, und als ich sie einmal danach fragte, hatte sie tatsächlich begonnen, schränkte aber ein: „Ich bin erst bis zur Geburt meiner Kinder gekommen.“ Lesen durfte ich es nicht, und immer, wenn ich danach fragte, hieß es: „Ich bin erst bis zur Geburt meiner Kinder gekommen.“

Als sie im Dezember 2014 starb, nahm meine Mutter das Geschriebene an sich, tippte es Jahre später ab, speicherte es auf ihrem Computer – sie hatte es festgehalten, und ich wollte es immer lesen, tat es aber nicht, denn es war ja festgehalten: für später, für irgendwann, für immer.

Im Dezember 2024, kurz vor ihrem zehnten Todestag, lese ich zum ersten Mal, was meiner Großmutter wichtig war, was sie festgehalten hat – und ein bisschen weiter als bis zur Geburt ihrer Kinder ist sie doch gekommen.

Wie muss es sein, aus einem behüteten Leben herausgerissen zu werden? Denn behütet war das Leben meiner Großmutter: aufgewachsen mit einem älteren Bruder, zwei jüngeren Schwestern und Eltern, die dafür sorgten, dass es an nichts fehlte. „Unser Vater war bemüht, ein Haus zu kaufen, natürlich mit Garten, darauf bedacht, uns Kindern ein schönes Zuhause zu schaffen“, lese ich, und weiter: „Unsere Mutter hat große Geduld und Verständnis für uns gehabt. […] Die Erziehung war hauptsächlich unserer Mutter überlassen, da Vater durch seine zwei Berufe sehr wenig Zeit hatte. Trotzdem hat er sich immer bemüht, für uns da zu sein, wenn wir bei Matheaufgaben Hilfe brauchten oder wenn wir gerne einen Aufsatz von ihm durchgesehen haben wollten.“ Bildung war wichtig: „[…] unsere Eltern [wollten] uns alles bieten, was Bildung anbelangt […].“ Weil es nur ein Gymnasium gab, an dem Mädchen Abitur (das „Bakkalaureat“) machen konnten, geht meine Großmutter 15-jährig allein von zu Hause fort – zum Glück ist noch eine „Schul- und Kränzchenfreundin“ dabei –, und die vier Gymnasialjahre „gehören zu den schönsten in meinem Leben“.

„Der Zweite Weltkrieg brach aus.“ Als ich diesen Satz lese, richte ich mich unwillkürlich ein bisschen auf. Jetzt geht es los, denke ich. Gänsehaut breitet sich über meinen ganzen Körper aus.

„Rumänien war mit Deutschland verbündet, die deutschen jungen Männer wurden zum Militär eingezogen, natürlich freiwillig, hieß es, jedoch die Volksgruppe, die damals das Sagen hatte, sorgte dafür, dass die sich weigerten, Konsequenzen ausgesetzt waren.“ Was für Konsequenzen, frage ich mich schaudernd und will über die Antwort gar nicht nachdenken. „Als es immer klarer wurde, dass Deutschland den Krieg verliert, wendete Rumänien sich den Russen zu, und dann begann der Untergang unserer schönen siebenbürgischen Heimat, das war am 23. August 1944.“ Der Untergang! Nicht nur für ein Volk, einen ganzen Landstrich, die halbe Welt, sondern auch für meine Großmutter. „Es war das Jahr, in dem ich mein Abitur gemacht hatte und schon Vorbereitungen getroffen wurden für meine Reise nach Deutschland, wo ich Medizin studieren sollte.“ Medizin, ja, daran erinnere ich mich, Ärztin wollte sie werden, aber es sollte nicht sein. „Inzwischen hatte sich die Situation in unserem Lande so zugespitzt, dass eine Auslandsreise nicht mehr möglich war.“ Sie kann also nicht zu ihrem großen Bruder nach Berlin, der dort Tiermedizin studiert, nachdem er in Bukarest seinen Militärdienst geleistet hat.

„Die Deutschen mussten die Autos (Vater hatte unseres noch zur rechten Zeit verkauft), Fahrräder, Schreibmaschinen, Fotoapparate, Schreibtische, Betten und Bettzeug abgeben. Im Spital wurde ein Lazarett eingerichtet, wo sowohl Rumänen als auch Russen untergebracht wurden. Da brauchte es natürlich Hilfspersonal. Viele deutsche Mädchen haben sich dazu gemeldet, A. [die jüngere Schwester meiner Großmutter] und ich natürlich auch, und haben ordentliche Arbeit dort geleistet.“ Warum mussten die Deutschen wohl „Betten und Bettzeug“ abgeben? Warum war es für meine Großmutter „natürlich“, sich für die Arbeit im Lazarett zu melden? Hat sie diese Arbeit als Ausgleich für das nicht angetretene Medizinstudium gesehen? Oder fand sie es „natürlich“, die Verwundeten zu versorgen, anderen Menschen zu helfen? Was hat sie im Lazarett gesehen, gerochen, gefühlt? Und hatte sie eine Schwesterntracht an? Mit Schürze und Häubchen? Unzählige Bilder aus Filmen über den Zweiten Weltkrieg überlagern sich in meinem Kopf.

„Als es durchsickerte, dass die deutschen Frauen und Männer bis zu einem bestimmten Alter als Arbeitskräfte nach Russland verschleppt werden sollten, versprach man, uns davon zu befreien, weil wir gute Arbeit leisteten. Leider wurde nichts daraus. Eines Tages Anfang Januar 1945 mussten wir das Krankenhaus verlassen, wir bekamen einen Soldaten als Bewachung mit, damit wir nicht auf der Straße geschnappt würden, da die deutschen Männer und Frauen schon zusammengetrieben wurden, um nach Russland verschleppt zu werden.“

Die Gänsehaut will gar nicht mehr von meinem Körper weichen, denn ich weiß, was jetzt kommt. Deportation. Fremde. Hunger, Kälte, harte Arbeit. Ungeziefer. Angst? Davon schreibt sie nichts.

„Nun begannen die Vorbereitungen für A. und mich für die lange Reise (A. hätte eigentlich gar nicht mitkommen müssen, da sie noch nicht 17 Jahre alt war, doch es nützte nichts).“ Dass meine Großtante auch deportiert wurde, war Unrecht, aber vielleicht ein Glück für meine Großmutter.

„Es wurde Fleisch und Wurst gebraten, in Konserven eingeschweißt, es wurden Pelzwesten, Pelzfäustlinge gekauft, warme Hosen genäht und dann gepackt. Jede hatte einen Koffer, einen Rucksack und einen Eissack (das war ein Sack, den man über die Schulter hängen konnte). Nachdem wir Abschied von Familie, Haus und Hof genommen hatten, wurde alles auf unseren Handkarren gepackt und Vater kam mit uns zur Sammelstelle […], es war der 15. Januar 1945.“ Wie verabschiedet man sich, wenn man nicht weiß, wohin es geht, wie lange man wegbleibt, wann – oder ob überhaupt – man zurückkehrt? „Vater, der mit Tränen in den Augen von uns Abschied nahm, sagte, ich komme morgen früh und bringe euch das Frühstück. Leider ist es dazu nicht mehr gekommen, da wir in derselben Nacht in Viehwaggons einwaggoniert und abtransportiert wurden.“ Auch ich habe jetzt Tränen in den Augen. Wie hat mein Urgroßvater sich gefühlt, als er seine Mädchen zurücklassen musste? Ich denke an meinen Mann und sein Mädchen, unsere Tochter, und will mir nicht vorstellen, was solch ein Verlust in einem Menschen auslöst.

Mit einem Verlust beginnt auch der Weg. „Schon am Bahnhof war mein Rucksack weg, es war dunkel, man konnte schwer in die hohen Waggons steigen und so war der größte Teil meines Essens weg. Im Waggon gab es Holzpritschen und jeder suchte sich ein Plätzchen. […] Der Zug setzte sich in Bewegung und wir zogen in eine unbekannte Welt. Von Zeit zu Zeit blieb der Zug auf offener Strecke stehen, die Waggontüren öffneten sich und wir wurden aufgefordert auszusteigen, um unsere Notdurft zu erledigen. Das war eine schwere Sache, denn meistens gab es keinen Baum, keinen Strauch, wo man sich ein bisschen verstecken konnte und so kam es oft, dass wir unverrichteter Sache wieder einstiegen. Der Zug kam langsam voran, doch kamen wir doch eines Tages an der russischen Grenze an, wo wir umsteigen mussten in russische Waggons, da in Russland Breitspurgleise sind.“ Von wem wurden die Menschen zum Aussteigen aufgefordert? Wer hat den Transport begleitet? Oder besser wohl: bewacht?

„In diesem russischen Waggon bekamen wir zum ersten Mal etwas zu essen. Der russische Soldat, der für unseren Waggon zuständig war, brachte uns einen Eimer mit Kascha (Graupen) mit Schaffleisch. Da wir noch alle Essen von Zuhause hatten, haben wir dieses Unbekannte gar nicht angerührt. Später allerdings, als wir oft sehr verhungert waren, haben wir an diesen Eimer gedacht.“ War das Essen in diesem Eimer warm? Wer hatte es gekocht?

„Zwei Wochen hat es gedauert, bis wir an unserem Bestimmungsort, der Stadt Konstantinowka, ankamen.“ Ich suche nach Informationen über Konstantinowka. Dass das, was die Deportierten Russland nennen, heute die Ukraine ist, weiß ich, aber sonst? Auf Wikipedia erfahre ich, dass es unzählige Dörfer und Siedlungen mit dem Namen Konstantinowka gibt, aber der Ort, in den meine Großmutter gebracht wurde, muss wohl Kostjantyniwka (ukr. Костянтинівка, russ. Константиновка) in der Oblast Donezk am Ufer des Krywyj Torez, eines Nebenflusses des Dons, sein. Zur Geschichte des Ortes während des Zweiten Weltkriegs stehen bei Wikipedia immerhin drei Sätze: „Am 22. Juni 1941 begann die Wehrmacht den deutsch-sowjetischen Krieg. Sie besetzte Kostjantyniwka am 28. Oktober 1941. Am 6. September 1943 eroberte die Rote Armee die Stadt.“ Ich hatte nicht erwartet, etwas über die Deutschen zu finden, die Anfang 1945 zur Zwangsarbeit nach Konstantinowka verschleppt wurden. Dringlicher erscheinen 2025 im Wikipedia-Eintrag die Ereignisse seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 zu sein – dazu gibt es drei sehr detaillierte Absätze. Schlauer bin ich jetzt allerdings nicht. Wie hat Konstantinowka ausgesehen, als meine Großmutter dort ankam? Hat sie es überhaupt gesehen? Das Lager war doch außerhalb des Ortes. Gibt es das Lager noch?

„Außerhalb eines Bahnhofs wurden wir ausgeladen, beluden uns mit dem Gepäck und mussten zu Fuß ins Lager wandern. Das war keine leichte Sache. Zwei Wochen nur im Waggon gehockt, dann das schwere Gepäck, dicker Schnee bis an die Knie und einen Berg ersteigen, das war keine leichte Sache. Zum Glück hatten wir einen jungen Offizier als Begleitung, der sehr freundlich mit uns umging.“ An diese Erzählung erinnere ich mich, besonders an den hohen Schnee, der das Gehen erschwerte, den hat meine Großmutter immer erwähnt.

„Endlich gelangten wir mit Mühe und Not ins Lager, es war Nacht, es wurden uns die Zimmer zugewiesen, wo wir unser Gepäck abstellen sollten, um dann gleich wieder im Hof anzutreten. Im Zimmer waren nur Eisengerüste, sodass man den Eindruck gewann, die wollen uns aufhängen.“ Aufhängen! Zum ersten Mal eine Ahnung von Endlichkeit, von Tod in den Aufzeichnungen, aber: „Wir konnten nicht viel nachdenken, mussten ja gleich wieder in die Eiseskälte zur Entlausung. Das war ein weiter Weg durch dicken Schnee, wir mussten auch einen steilen Berg hinunter, den wir mehr hinunter rutschten als gingen. In der Entlausung hieß es nackt ausziehen, die Kleider in die Entlausung geben und wir unter die Dusche. Als wir endlich in unseren Kleidern, die feucht und heiß waren, steckten, hieß es wieder hinaus in die eisige Kälte. Nun wieder den Berg hinauf steigen, das war eine richtige Qual. Zwei Schritte hinauf, drei wieder hinunter. Als wir wieder im Lager anlangten, waren wir auch mit unseren Kräften am Ende. Nun hieß es, sich schön ein Plätzchen auf dem Fußboden suchen und sich ausstrecken. Zum Glück hatten wir von zuhause Decken mitgebracht.“ Immer wieder die Kälte, der Schnee, der Berg. Das hat sich nicht nur meiner Großmutter eingebrannt, sondern auch mir.

„Im Lager hatte man uns noch nicht erwartet. Es gab kein Wasser, keine Toiletten. Die Hauptsache, der Stacheldraht um das Lager stand und in jeder Ecke ein Häuschen für die Wachposten. Nach wochenlangem Schlafen auf dem Fußboden bekamen wir Bretter auf die Eisengestelle, doch leider waren die schon voll mit Wanzen, die wir erst in Russland kennenlernten. Strohsäcke bekamen wir nach Monaten, es kann auch ein ganzes Jahr gewesen sein.“ „Zimmer“ hat man ihnen „zugewiesen“ und sie „noch nicht erwartet“ – was klingt, als wären Hotelgäste vor der Check-in-Zeit angekommen, lässt in meinem Kopf angesichts der ganzen Beschreibung immer nur den Begriff „KZ“ dröhnen, denn Konzentrationslager sind etwas, von dem ich ein Bild habe: „Entlausung“, „Dusche“ (Horror!), „kein Wasser, keine Toiletten“, „Stacheldraht“, „Wachposten“ – ob sie von den Konzentrationslagern der Nazis wusste, als sie selbst in ein „Lager“ kam?

Es war ja aber „nur“ ein Arbeitslager (was für ein Hohn). „Wir wurden in Gruppen zur Arbeit eingeteilt. Es war eine zerstörte Zinkfabrik, in der wir aufräumen sollten. Wir schleppten auf Tragen Schutt aus der Fabrik. Hier war die Arbeit noch verhältnismäßig angenehm, nur die Kälte und der eisige Wind machten uns zu schaffen. Wir hatten eine gutmütige russische Brigadierin. Die ließ uns auch ausruhen, war aber immer auf der Hut, wenn sie den Direktor kommen sah, dann brüllte sie lauthals ,dawaite dewetschki‘ (vorwärts Mädchen). Sobald er nicht mehr in Sicht war, hieß es ,pe malo‘ (langsam).“ Was mir hier auffällt: wieder ein „netter“ russischer Mensch in all der Schrecklichkeit. Der Soldat auf dem Weg zum Lager war „sehr freundlich“, die Brigadierin „gutmütig“, die Arbeit „noch verhältnismäßig angenehm“, aber es kamen auch andere Zeiten. „Leider kamen wir auch an andere Arbeitsplätze, die weniger angenehm waren. Wir mussten beim Transport arbeiten, da gings auch nachts raus, bei eisiger Kälte wurden Waggons auf- und abgeladen. Dann wieder in der Ziegelei, wo das Band ununterbrochen lief, man konnte nicht einmal auf die Toilette. Die mit nassen Ziegeln beladenen Loren wurden in einen dunklen Gang geschoben, entgleisten oft und mussten dann mit Brechstangen wieder auf die Gleise gehoben werden und das im Stockfinsteren. In einem Sommer wurden wir an eine Ziegelfabrik außerhalb des Lagers ausgeliehen. Dort passierte das Unglück, dass eine Lore, beladen mit 300 nassen Ziegeln, mir über meinen dicken Zeh des linken Fußes fuhr.“ Wieder etwas, woran ich mich erinnere: dass sie Ziegel herstellen musste, meine zähe, kleine Großmutter (sie war nur knapp 1,60 Meter groß), und ihr ein volles „Waggonettl“ (so nannte sie das) über den Fuß rollte. Den kaputten Zeh, der eigentlich nur ein kaputter Zehennagel war, hat sie uns gelegentlich gezeigt (wenn auch widerwillig, weil sie ihn „hässlich“ fand). Unerträglich muss das für sie damals gewesen sein. „Ich denke, ich muss nicht näher beschreiben, was ich empfunden habe. Die Verantwortlichen des Unternehmens schütteten mir Jodtinktur über den Zeh und sagten ,paschli domoi‘ (geh nach Hause). Eine Begleiterin wurde mir mitgegeben, das war A., meine Schwester. Es war ein mühsamer, fünf Kilometer langer Weg, den wir zurücklegen mussten. Im Lager musste ich bis zum Abend warten, denn dann erst kam die Ärztin. Sie war nicht zimperlich, als sie mir den gewölbten Nagel herausfetzte. Auch bei den späteren Behandlungen hatte ich nichts zu lachen. Gott sei Dank, mein Zeh blieb mir erhalten, wenn auch mit einem kranken Nagel, der mir nachwuchs.“ Was für ein Glück, dass sie überhaupt weiter behandelt wurde und nur einen „kranken Nagel“ zurückbehielt.

In diesem Zusammenhang fallen mir „die Magenkranken“ ein, von denen sie manches Mal sagte, sie seien in Russland alle gesund geworden wegen der immer gleichen Kohlsuppe. Ironie des Schicksals. Über die Ernährungssituation hat sie allerdings nur wenig aufgeschrieben. „Das Essen war sehr schlecht. Eine trübe Suppe, in der ein paar Krautblätter schwammen. Wenn es gut ging, gab’s nachher einen Löffel Kascha oder ein kleines Stück Fisch. Brot bekamen wir 700 g, das war aber ein kleines Stück, da es sehr feucht war. Es wurde meistens auf einen Satz aufgegessen.“

Irgendwann kehrt auch eine Art Normalität ein. „Schön langsam regelte sich das Lagerleben ein wenig. Es wurde ein Akkordeon gekauft und am Samstagabend gab es Tanz. Wir haben ihn selten besucht.“ Wo konnte man wohl ein Akkordeon kaufen? Von welchem Geld? Und wieso waren meine Großmutter und ihre Schwester selten dort? „Schöne Stunden“ bereiteten eher „ein Gedichteabend, wo jeder ein Gedicht aus der Erinnerung vortragen musste“, und gemeinsames Musizieren. „Wir haben auch viel gesungen.“ Einmal wurde dank einer Mitdeportierten sogar überraschend Heiligabend gefeiert. „Als wir müde von der Arbeit kamen, war in unserem Zimmer aus Koffern ein Tisch gemacht und unsere Kochgeschirre standen darauf, angefüllt mit herrlichen weißen Bohnen. Sogar ein kleines Bäumchen stand dabei, zwar nicht eine Tanne, sondern eine Fichte, doch das tat der Freude keinen Abbruch. So hatten wir ein schönes Fest, sangen Weihnachtslieder und dachten an unsere Lieben zuhause.“ Wie konnte dieses Fest im Lager bewerkstelligt werden?

In Großmutters Aufzeichnungen geht die Deportationszeit zu Ende. „So sind die Jahre in Freud und Leid vergangen und eines Tages mussten alle zu einer ärztlichen Visite antreten. Nackt mussten wir vor eine mehrköpfige Kommission und wurden begutachtet, da ein Transport nach Hause gehen sollte. Gott sei Dank sind wir beide, A. und ich, unter die Dystrophiker gefallen, da wir sehr abgemagert waren. Nun konnten wir hoffen, in geraumer Zeit nach Hause zu fahren. Sicher war man natürlich nicht, denn es wurde oft sehr kurzfristig umdisponiert. Wir hatten Glück und kamen Anfang Juli [1948; Anmerkung der Autorin], gerade richtig zu Vaters Geburtstag, nach Hause. Auf dem Bahnhof war eine Menschenmenge versammelt, man konnte nicht einmal eine Stecknadel fallen lassen. Die Freude war groß, als wir unsere Eltern und unser Schwesterchen E. endlich finden konnten.“

Wieder zu Haus. Große Freude. Und dann? „Unsere gute Mutter hat uns aufgepäppelt und immer genügend gekocht, uns kam es immer wenig vor, was auf den Tisch kam. So war es kein Wunder, dass wir an Gewicht zunahmen, und zwar in solchem Maße, dass uns die Kleider zu eng wurden.“ Und auch die vom Schuster gemachten neuen Lederschuhe, wie ich mich erinnere. „Von meinen 38 kg, die ich hatte, kam ich schön langsam auf 84 kg. Ich war kugelrund, fühlte mich aber, Gott sei Dank, wohl dabei.“ Und mit den 84 Kilo (die irgendwann auch wieder weniger wurden), geht das Leben weiter – viel weiter noch als bis zur Geburt der eigenen Kinder…

Im Juni jährte sich der Geburtstag meiner Großmutter zum 100. Mal. Schade, dass ich sie nicht mehr befragen kann – zu dem, was sie festgehalten hat, und zu dem, was ich gern noch festgehalten hätte.