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Réka Jakabházi: Literarische Grenzgänge | Rezension

Réka Jakabházi: Literarische Grenzgänge. Transkulturelle Verflechtungen zwischen der deutschen, ungarischen und rumänischen Literatur. Cluj-Napoca: Presa Universitară Clujeană 2025. 213 S.

Überblickt man die ästhetischen Wechselwirkungen zwischen der modernen sowie der Gegenwartsliteratur, so drängt sich die Notwendigkeit einer an Transkulturalität orientierten Literaturwissenschaft auf. Dies bedeutet freilich nicht, die vorherigen hermeneutischen Denktraditionen auszuschließen, sondern ihr Potenzial durch neue perspektivische Anknüpfungspunkte zu entfalten. Genau dies gelingt der Literaturwissenschaftlerin Réka Jakabházi in ihrem Band Literarische Grenzgänge. Transkulturelle Verflechtungen zwischen der deutschen, ungarischen und rumänischen Literatur. Die Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit derartige Grenzüberschreitungen Literatur und Literaturwissenschaft bereichern, erweist sich in diesem Zusammenhang als ergiebig. Zur Veranschaulichung dieser Hypothese dienen die im Buch komprimierten und sachkundig vorgenommenen Untersuchungen, die von methodischer Präzision und einer nüchternen Betrachtung der multikulturellen Phänomene zeugen.

Im Mittelpunkt des Bandes steht die Dynamik der Wechselbeziehungen, die sich intertextuell über kulturelle Symbole, Figurenkonstellationen und Rauminszenierungen der deutschen, ungarischen und rumänischen Literatur nachvollziehen lässt. In den Vordergrund rücken damit „tiefgreifende ästhetische, philosophische und psychologische Resonanzen“, (S. 7) die für die Textanalysen erkenntnisleitend sind. Jedes Kapitel widmet sich einem aufgrund eines repräsentativ ausgewählten Textkorpus analysierten Thema und beginnt mit einer instruktiven Einführung, die einen schnelleren Zugang zum literarischen Kontext ermöglicht.

Zum breiten Spektrum der erforschten Aspekte gehören zunächst die literarischen Inszenierungen des Hässlichen, die Beachtung in der literarischen Moderne als Ausdruck verinnerlichter Krisenerfahrungen finden. Diese Grundthese steht im Mittelpunkt des ersten Kapitels Ästhetik des Hässlichen: Krankheit, Verfall und Randexistenzen in der Literatur der Moderne. Die beiden darin enthaltenen Fallstudien fokussieren auf unterschiedliche literarische Spielarten der Randständigkeit in Texten des frühen 20. Jahrhunderts. Der erste Beitrag untersucht mittels komplementärer Deutungsansätze des körperlichen und psychischen Verfalls die Analogien und Divergenzen zwischen den Krankheitsbildern in Thomas Manns vielrezipierten Texten Doktor Faustus, Tristan und Der Zauberberg und in Max Blechers Vernarbte Herzen. Reflektiert werden die vielseitigen Facetten des Krankseins, das sich im Falle von Blecher eher von einer pragmatischen, schonungslos realistischen Seite zeigt, während Mann ihnen einen idealisierten Charakter verleiht.

Die Inszenierungen des Hässlichen lassen sich ebenfalls in der expressionistischen Großstadtlyrik erkennen. Hervorgehoben werden im zweiten Beitrag des Kapitels die zugleich mit der Industrialisierung etablierte Angst vor Ich-Dissoziation und die Randexistenz der an der Peripherie der Gesellschaft angesiedelten Außenseiter, deren Abweichung von Normen sich zum Telos eines ganzen Kunstmilieus extrapolieren lässt. Die ausgewählten Gedichte des Frühexpressionismus, unter anderem Ernst Blass’ Der Nervenschwache, Alfred Lichtensteins Die Stadt oder Paul Boldts Auf der Terrasse des Café Josty, gewähren einen aufschlussreichen Einblick in die Endzeitstimmung einer entfremdeten Welt, wobei die Textinterpretationen eine analytische Tiefenschärfe erlangen. So werden die typischen Leitmotive expressionistischer Werke in ihrer intertextuellen Dialogizität berücksichtigt, indem die kontrastive, auf rekurrenten Symbolen basierende Textanalyse und die zahlreichen Hinweise auf die sprachliche und intermediale Vielstimmigkeit das hermeneutische Vorgehen bereichern.

Romane der ungarischen Literatur des 20. Jahrhunderts gelten im zweiten, Hermann Hesse als literarischer Impulsgeber: Transkulturelle Resonanzen in der ungarischen Moderne betitelten Kapitel als Anlass grundlegender Überlegungen über Identitätssuche, Mythos und Schwellenerfahrungen. Der erste Aufsatz beruht somit auf der vergleichenden Analyse zwischen dem Drama Ősvigasztalás [Urtrost] des siebenbürgisch-ungarischen Schriftstellers Áron Tamási und Hesses Demian. Ausgangspunkt ist dabei Carl Gustav Jungs Archetypenlehre und Theorie des kollektiven Unbewussten, indem beide Werke auf geschichtsmythologischen Grundstrukturen basieren.

Die darauffolgende, wiederum auf komparatistischen Ansätzen basierende Studie konzentriert sich auf die Parallelen zwischen Hesses Demian und Antal Szerbs Roman Utas és holdvilág [Reise im Mondlicht]. Der archetypische Deutungsrahmen der vorangegangenen Abhandlung wird durch eine detailgenaue Schilderung der Dualität als Konstruktionsprinzip ergänzt. Im Fokus der Untersuchung stehen Hinweise auf Jung’sche Konstrukte wie das Mana-Persönlichkeitsmodell, die Persona oder der Schatten, die in der Charakterzeichnung sowie in den erzählerischen Szenarios von Hesse und Szerb ästhetisch verarbeitet werden. So impliziert die Hesses Weltanschauung zugrunde liegende Symbiose der Antinomien von Licht und Dunkelheit, Rationalität und Gefühl auch in der ungarischen Prosa eine Poetik des transkulturellen Dialogs, in der sich „nationale Literaturen einander nicht angleichen, sondern sich gegenseitig durch ihre Differenz bereichern“. (S. 105)

Im dritten Kapitel wird auf die literarische Profilierung eines multiethnischen Topos eingegangen, wie bereits der Titel Siebenbürgisch-deutsche und -ungarische Literatur als Diskursraum für Mythos und Geschichte ankündigt. Im Dienst der Dekodierung der symbolischen Bedeutungen der Karpaten als metaphysischer Resonanzboden stützt sich der erste Aufsatz exegetisch auf die mit der Gebirgslandschaft verbundenen volkstümlichen Motive. Zunächst liefert die Studie umfangreiche Hintergrundinformationen bezüglich der Rolle der Karpatenregion als Inspirationsquelle für zahlreiche Legenden, Sagen und Balladen. Märchenhafte Symbole, existenzielle Zustände des Übergangs und abergläubische Vorstellungen halten laut der Verfasserin Einzug in die von der deutschsprachigen Naturlyrik beeinflusste siebenbürgisch-ungarische Literatur, unter anderem im Drama Advent a Hargitán [Advent auf der Harghita] von András Sütő oder in der balladesken Novelle Sokan voltunk [Wir waren viele] von Ferenc Sánta. Die präzise Analyse dieser Elemente, die eine besondere identitätsstiftende Wirkung erzielen, führt die transzendentale Aufladung der Karpaten als „poetischer Speicher kultureller Imagination“ (S. 137f.) vor.

Weitere Verflechtungen zwischen Geschichte und Mythos lassen sich der darauffolgenden Abhandlung entnehmen, wobei die umstrittene eponyme Figur aus Otto Fritz Jickelis Drama Sachs von Harteneck ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Die Diskussionen um seine politische Instrumentalisierung oszillieren im Zeichen der siebenbürgisch-deutschen und ungarischen Denktraditionen zwischen dem Drang nach historischer Faktizität und der ideologischen Opferrhetorik. Erstrebt wird eine möglichst holistische Darstellung der Figur sowie der textuellen Strategien, die zu ihrer Mythisierung beitragen. Damit zeugt die Interpretation nicht nur vom souveränen Umgang mit dem Harteneck-Stoff und seiner kontroversen Geschichtsinszenierungen, sondern auch von einer mehrdimensionalen Sichtweise auf die Literarisierung dieser historischen Gestalt, deren problematische Idealisierung im Jickeli-Drama minutiös untersucht wird.

Auf derselben analytischen, die Erkundung der transkulturellen Wandlungsprozesse verfolgenden Richtung gründet das abschließende Kapitel unter dem Titel Ästhetik der Angst in postmodernen Erfahrungsräumen: Trauma, Zensur und Entwurzelung. Dabei konzeptualisiert Jakabházi überzeugend die metaphysische Orientierungslosigkeit, die sich in den Texten zweier Schriftstellerinnen aus dem deutschsprachigen Raum Südosteuropas widerspiegelt. Die erste Fallstudie fokussiert die Poetik der Angst, die von Anemone Latzina als biografisch-politischer Katalysator in ihren gegen das Regime gerichteten Gedichten erfasst wird, während dieser Blick im zweiten Beitrag auf eine surreale Ebene im Spiegel von Aglaja Veteranyis Weltverständnis verschoben wird.

Nach der Erläuterung des sozialpolitischen Hintergrunds von der Beat-Bewegung bis hin zum kulturellen Klima des kommunistischen Rumäniens bildet den Kern der ersten Abhandlung die Interpretation von Latzinas Lyrik, deren beattypische Elemente eine Strategie der poetischen Selbstbehauptung widerspiegeln. Im Anschluss an die gewagte Kunsterfahrung der Literaturschaffenden im kommunistischen Rumänien nahm die rumäniendeutsche Dichtung zur Zeit der sogenannten „wütenden Jugend“ den „Ausdruck eines geistigen Widerstandes [an], der in der Literatur zugleich Zuflucht, Spiegel und Waffe fand“. (S. 167) Die Werkzeuge, auf die Latzina zurückgreift (zum Beispiel Skepsis und Ironie, systemkritische Anspielungen, sprachliche Mehrdeutigkeit), werden mithilfe mehrerer Gedichte (unter anderem Im Juli 1977 oder Widerliche Erkenntnis) exemplarisch erörtert.

Einen alternativen Umgang mit der bedrückenden Wirklichkeit zeigt Aglaja Veteranyi in ihrem Debütroman Warum das Kind in der Polenta kocht auf, der den Gegenstand der letzten Untersuchung darstellt. Die Studie zeigt schlüssig die Ambivalenz der „Unterwegs-Existenz“ der kindlichen, einer Zirkusartistenfamilie angehörenden Ich-Erzählerin auf und konzentriert sich auf Angst- und Rauminszenierungen. Der Zirkus bezeichnet dabei „ein epistemisches Modell, das verdeutlicht, wie sich Subjektivität dort formt, wo vertraute Ordnungen aufgelöst werden“. (S. 185) Diese grundlegende These lässt sich im Laufe der gesamten Argumentation vielseitig begründen, indem die heterotope Zirkuswelt einen paradoxalen Kompensationsraum für die in der traumatisierenden Gegenwart verhaftete Protagonistin bietet. Somit erörtern beide Aufsätze aus einem literaturkritischen Standpunkt die Problematik des Schreibens als selbstbefreiender Rettungsanker gegen unterdrückende Lebenswirklichkeiten.

Eine besondere Stärke des Bandes liegt in der präzisen Argumentation, die durch zahlreiche Textbeispiele gut nachvollziehbar ist. Ein zusätzliches Verdienst der Aufsätze besteht neben der Neuinterpretation der Texte in der Herstellung einer Vielzahl philosophischer Bezüge. Aufgerufen werden für die literarische Moderne so zentrale Autoren wie Schopenhauer (S. 32f.), Nietzsche (S. 41, 48), Jung (S. 62) oder Freud (S. 63). Damit bieten die Literarischen Grenzgänge eine anregende Lektüre mit beachtlichem Erkenntnisgewinn und bilden mittels der breiten, entsprechend dem Thema jedes Kapitels strukturierten Bibliografie eine Basis für weitere Forschungen.

Jakabházis multiperspektivische Herangehensweise unter Beachtung der wechselseitigen Beziehungen, die in der deutschen, ungarischen und rumänischen Literatur gegeben sind, erweist sich als außerordentlich fruchtbar. Am Beispiel einschlägiger Texte wird das produktive Potential transkultureller Erfahrungen im Bereich der (post-)modernen Literatur herausgearbeitet, weiterentwickelt und in einem kritischen Licht neu eingeordnet. Wer sich mit der Untersuchung transkultureller Dynamiken innerhalb der Literatur befasst, positioniert sich in einem verzweigten, mitunter unübersichtlichen Forschungsfeld, das die Verfasserin des Bandes souverän zu bearbeiten weiß.

Raluca Macovei