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Editorial 2/2021

Die Ausgabe 2.21 der Spiegelungen erscheint, kurz nachdem das IKGS im Herbst 2021 an sein 20-jähriges Bestehen und die 70 Jahre zurückliegende Gründung seiner Vorgängereinrichtung, des Südostdeutschen Kulturwerks (SOKW), erinnert hat. Der Jahrestag des IKGS wäre ein Grund zum Feiern gewesen, der des SOKW hätte sich
für eine wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit der Institutsgeschichte im Rahmen eines Symposiums oder einer Tagung angeboten. Auf Letzteres müssen wir nicht verzichten, denn die Projektseite zur Gründung des SOKW (sokw.ikgs.de) lädt ausdrücklich zur Mitarbeit und zum Austausch ein, wenn auch in einer den hinlänglich bekannten Zeitumständen geschuldeten Form.

Für uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des IKGS bedeutet die aktuelle Covid-19-Situation – neben dem Leben mit den häufig modifizierten Regelwerken –, dass unsere Forschungsregionen derzeit nicht oder nur erschwert erreichbar sind. Bereits seit langer Zeit geplante Tagungen oder Vorträge werden neu terminiert, ins Internet verlagert oder zum Teil schließlich ganz abgesagt. Wir verspüren alle eine große Sehnsucht nach direkten Begegnungen mit Menschen und Landschaften!

Die Funktion einer Sehnsuchtslandschaft erfüllt für viele Menschen der Gebirgszug der Karpaten. Der zweite Teil des von Raluca Cernahoschi und Enikő Dácz betreuten Themenschwerpunkts „Transnationale Karpaten“ kann mit literaturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Zugängen Lust und Vorfreude darauf machen, die topografisch und kulturell so vielfältigen Karpaten in post-pandemischen Zeiten erneut real zu ergründen und auch bis dahin wissenschaftlich weniger beleuchtete Aspekte zu entdecken.

Hatte das Cover des ersten Karpaten-Hefts die historische Aufnahme einer Wandergesellschaft aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gezeigt, führt uns das aktuelle Titelbild in die Gegenwart der westgalizischen Stadt Nowy Sacz (dt. Neu Sandez, ung. Újszandec). Es zeigt ein großformatiges, mehrteiliges Wandbild, das vor elf Jahren anlässlich eines regionalen Kulturfests realisiert wurde und das die Karpaten-Narrative bildlich reflektiert.

Auch im Literaturteil dieses Spiegelungen-Heftes gilt es wieder, viel Neues zu entdecken. José F. A. Oliver, der seinen Text im Rahmen der Anabasis Online Residency (siehe dazu im Einzelnen den Veranstaltungshinweis in der Rubrik „Aus dem IKGS“ beziehungsweise die Projektseite anabasis.space/story.html) verfasst hat, reflektiert seine persönliche Auseinandersetzung mit Paul Celan, dessen 100. Geburtstag und 50. Todestag im vorigen Jahr international begangen wurde. Einem anderen Jahrestag – dem 300. Geburtsjubiläum des siebenbürgischen Gouverneurs Samuel von Brukenthal – widmet sich, etwas verschmitzt und unkonventionell, Josef Balazs. Von Evelina Jecker Lambreva und Marko Dinić stammen Prosatexte, während Tomáš Janovic, Kristiane Kondrat, Sigrid Katharina Eismann und Edith Ottschofski für die Spiegelungen Lyrisches verfasst haben. Den Literaturteil runden dieses Mal die Laudatio Hellmut Seilers bei der Verleihung des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises 2021, die Dankesrede der Preisträgerin Britta Lübbers und eine Auswahl ihrer Gedichte ab. Eines von ihnen trägt den rumänischen Titel Carpați, der sich allerdings nur indirekt auf das gleichnamige Gebirgsmassiv bezieht, sondern in erster Linie auf die nach diesem bezeichnete Zigarettenmarke, die für die Autorin persönliche Erinnerungen und ein bestimmtes Lebensgefühl evoziert. Hier werden die Karpaten nicht in ihrer naturräumlichen Dimension angesprochen, sondern ganz aus der Ferne mit Tabakrauch imaginiert.

Im Feuilleton vermittelt unter anderem Zoran Janjetović Einblicke in Grundtendenzen der post-jugoslawischen Historiografien zu den Jugoslawiendeutschen. Maria Sass erinnert an den im Sommer 2021 verstorbenen siebenbürgischen Literaturwissenschaftler Horst Schuller, während sich drei Gratulanten der Würdigung von Persönlichkeiten aus dem Bereich der deutschen Wissenschaft und Literatur aus dem südöstlichen Europa annehmen. So ehrt unser Redaktionskollege Georg Aescht den Literaturwissenschaftler und langjährigen IKGS-Mitarbeiter Peter Motzan aus Anlass seines Fünfundsiebzigsten. Den guten Wünschen an die Adresse des Jubilars schließen wir uns von Herzen an. Außerdem sind in diesem Jahr zwei Angehörige der Aktionsgruppe Banat siebzig Jahre alt geworden – für Rudolf Gräf Anlass, Werner Kremm zu würdigen, während Ernest Wichner einen Glückwunsch für William Totok ausspricht. Und natürlich gibt es wieder Gelegenheit, sich durch Rezensionen und Besprechungen auf die Lektüre wichtiger wissenschaftlicher und literarischer Neuerscheinungen einstimmen zu lassen. Die Sparte „Aus dem IKGS“ bietet unseren Leserinnen und Lesern einen kleinen Überblick über die Aktivitäten unseres Instituts.

Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre und zugleich lehrreiche wie unterhaltsame Augenblicke mit dieser Ausgabe!

Ihre
Spiegelungen-Redaktion

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