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Rijeka, Kulturhauptstadt Europas 2020

Von Angela Ilić

Dieses Jahr trägt Rijeka, die Hafenstadt an der nordadriatischen Küste Kroatiens und gleichzeitig die drittgrößte Stadt des Landes, zusammen mit der irischen Stadt Galway den Titel »Europäische Kulturhauptstadt«. Unter dem offiziellen Motto »Hafen der Vielfalt« werden nicht nur die vibrierende Kulturszene der Gegenwart, sondern auch ausgewählte Zeitabschnitte aus der komplizierten und wechselvollen Geschichte der Stadt – seit 1719 Freier Königlicher Hafen – in den Mittelpunkt rücken.

Im Rahmen meiner Habilitationsschrift beschäftige ich mich seit Jahren mit der Geschichte dieser faszinierenden Stadt, im Speziellen mit einer ereignisreichen Zeitetappe. Von 1868 bis 1918 stand Rijeka (dt. veraltet St. Veit am Pfaum, it./ung. Fiume, sl. Reka) unter direkter Herrschaft des Königreichs Ungarn, ab 1870 provisorisch als corpus separatum verwaltet. Das Provisorium erwies sich als dauerhaft und blieb bis zum 29. Oktober 1918 bestehen, als der letzte Gouverneur Fiumes die Stadt verließ. Diese Periode, obwohl immer wieder durch Manifestationen der Unzufriedenheit seitens der kroatischsprachigen – und in den letzten Jahren auch zunehmend der italienischsprachigen – Einwohner der Stadt unterbrochen, zeichnete sich dennoch durch ein überwiegend friedliches Zusammen- und Nebeneinanderleben von Vertretern zahlreicher Nationalitäten, Sprachen, Kulturen und Konfessionen beziehungsweise Religionen aus.

»Rijeka ist eine ungarische Stadt, die von italienischsprachigen Kroaten bewohnt wird«, lautete ein damals populäres Sprichwort. In der Realität war die sprachliche Situation jedoch deutlich komplexer, denn neben den zwei lokalen Amtssprachen – Ungarisch und Italienisch – wurde nicht nur Kroatisch gesprochen, sondern eine bunte Fülle von weiteren Sprachen und Dialekten. Unter den autochthonen Einwohnern war die Fiumaner Mundart, die durch eine spezifische Mischung einer Variante der venetischen Sprache mit Elementen des lokalen kroatischen Dialekts (Nordtschakawisch/Sjevernočakavski), bei gelegentlicher Verwendung von kroatisierten deutschen Wörtern entstanden war, verbreitet.

Obwohl Rijeka als zweisprachig (kroatisch, italienisch) oder als dreisprachig (kroatisch, italienisch, ungarisch) galt, kommt die Stadt in zahlreichen Beschreibungen von Zeitzeugen als vier- oder mehrsprachig vor. So schrieb der ungarische Reisende Géza Kenedi in den 1880er-Jahren:

Ueberall hört man die melodischen Klänge der italienischen Sprache, vermischt mit dem Idiom der Ungarn, Slaven und Deutschen; ferner der Franzosen, Engländer und anderer Völker, die der überseeische Verkehr hier führt.1

Deutsche Muttersprachler bildeten die fünftgrößte Gruppe bei den Volkszählungen 1900 und 1910, hinter den Kroatisch-, Italienisch-, Ungarisch- und Slowenischsprachigen, aber die deutsche Sprache wurde im Alltag von einem deutlich größeren Kreis verwendet.

Die deutschen Spuren in Rijeka sind zahlreich, auch wenn sie heute meistens gut versteckt sind. Zu ihnen zählen etliche herausragende Persönlichkeiten, die in der Stadt gelebt und gewirkt haben, deutschsprachige Vereine, Zeitungen und weitere Publikationen auf Deutsch. Deutsch war auch die Unterrichtssprache am k. k. Gymnasium in den 1850er-Jahren des Bach-Absolutismus und bis 1918 an der k. k. (ab 1869 k. u. k.) Marineakademie, die seit 1857 in Fiume ansässig war. Zur Gründung einer Grundschule mit deutscher Unterrichtssprache kam es jedoch nicht. Einen diesbezüglichen Antrag des »Vereins zur Errichtung und Erhaltung einer deutschen Privat-Elementar-Schule« aus dem Jahr 1876 lehnte der ungarische Ministerpräsident Kálmán Tisza höchstpersönlich ab.

Deutsch war eine der Gottesdienstsprachen der evangelischen Kirchengemeinde, die zunächst als Triester Filiale in den 1850er-Jahren gegründet worden war und sich in den 1880er-Jahren als selbständige Gemeinde konstituierte – und damit auch eine der Sprachen des evangelischen Religionsunterrichts an den örtlichen Schulen. Im städtischen Vereinsleben spielte der 1883 gegründete Naturwissenschaftliche Club eine wichtige Rolle, und in der Industrie waren Deutsche und Österreicher – oft als Führungskräfte oder als Ingenieure – zahlreich vertreten. Deutschsprachige Architekten wie Alois/Alajos Hauszmann, Leopold/Lipót Baumhorn oder das Wiener Architektur-Büro Fellner & Helmer hinterließen durch ihre imposanten Bauten in der Stadt wichtige Spuren. Der junge Gustav Klimt verantwortete, in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Ernst und mit Franz Matsch, die allegorischen Bilder, die die Decke des Fellner & Helmer-Theaters bis heute schmücken. Im deutschsprachigen Raum ist der wohl bekannteste Sohn der Stadt Ödön von Horváth, der allerdings lediglich seine ersten Lebensmonate in Rijekas Nachbargemeinde Sušak verbrachte.

Der Zerfall der Habsburgermonarchie war nur der erste Umbruch von vielen im 20. Jahrhundert: Die autonomistischen Bestrebungen wurden zunehmend stärker. Nach einer kurzen Übergangsphase unter der Regierung des Italienischen Nationalrats besetzte Gabriele D’Annunzio am 12. September 1919 mit seinen Freischärlern die Stadt, wo er in den folgenden 15 Monaten ein protofaschistisches Experiment durchführte. Im Anschluss daran wurde der Freistaat von Fiume gegründet, der 1924 Italien angegliedert wurde. Dort blieb die Stadt (vom heutigen Stadtteil Sušak abgetrennt) bis nach dem Zweiten Weltkrieg, um 1947 zu einem Bestandteil Jugoslawiens zu werden. Mit der 1991 erlangten Selbständigkeit Kroatiens kam jedoch die industrielle Krise und die Auflösung des Schiffbaus, was zu erheblichen wirtschaftlichen und demografischen Änderungen führte.

Die von Alajos/Alois Hauszmann entworfene Hauptfassade des Gouverneurspalastes in Fiume/Rijeka um 1897–1899.

Die von Alajos/Alois Hauszmann entworfene Hauptfassade des Gouverneurspalastes in Fiume/Rijeka um 1897–1899. © Fortepan / Budapest Főváros Levéltára. Signatur: HU.BFL.XV.19.d.1.11.020

In diesem Heft der Spiegelungen widmen wir Rijeka/Fiume drei Aufsätze:

In ihrem wissenschaftlichen Aufsatz betrachtet Ilona Fried aus Budapest die Zeit der Doppelmonarchie aus ungarischer Sicht zusammen mit den wichtigsten Elementen der jetzigen Erinnerungskultur und lässt Zeitzeugen dieser vielfältigen Stadt zu Wort kommen.

Ebenfalls im wissenschaftlichen Teil befndet sich der Aufsatz von Ivan Jeličić aus Rijeka/Budapest, in dem er sich mit einem bisher wenig untersuchten Aspekt beschäftigt: der – weitgehend unterdrückten – Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Rijeka.

Im Feuilleton reflektiert Renate Lunzer aus Wien die widersprüchlichen Erinnerungskulturen und Wahrnehmungen in Triest und in Rijeka bezüglich der Herrschaft D’Annunzios aus einer Distanz von 100 Jahren und wirft dabei Fragen über die Mythologisierung und Remythologisierung historischer Ereignisse und Akteure auf, denen auch über Rijeka hinaus Aktualität zukommt.

Die Autoren wurden im Vorfeld gebeten, ad libitum Momente oder Motive aus der Geschichte der Stadt aufzugreifen und diese jeweils aus einer ungarischen, italienischen/italianistischen beziehungsweise kroatischen/jugoslawischen Perspektive zu präsentieren. Deshalb sind diese Texte als Reflexionen und Impulsgeber gedacht, ohne Anspruch auf Vollständigkeit der möglichen Standpunkte und Interpretationen. Hoffentlich spornen sie auch Sie an, mehr über diese Stadt zu erfahren oder sie dieses Jahr sogar zu besuchen! Wenn Sie nach der Lektüre noch mehr Wissensdurst nach Rijeka verspüren, kann ich an dieser Stelle bereits ankündigen, dass für das nächste Spiegelungen-Heft weitere Texte über die Stadt geplant sind.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2020), Jg. 15, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 95–97.

 

(1) Géza Kenedi, Wilhelm Gerlai: Nach und durch Ungarn. V. Bändchen. Von der Donau zum Quarnero. Zürich [ca. 1885], S. 41.