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Frank Henschel: »Das Fluidum der Stadt …« | Rezension

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Frank Henschel: »Das Fluidum der Stadt …«. Urbane Lebenswelten in Kassa/Košice/Kaschau zwischen Sprachenvielfalt und Magyarisierung 1867– 1918 (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 137). Göttingen, Bristol: Vandenhoeck & Ruprecht 2017. 362 S.

Von Tobias Weger

Kaschau (sk. Košice, ung. Kassa, lat. Cassovia) zählt zu den interessantesten Städten am Übergang von Zentral- zu Südosteuropa, und dennoch liegt die Stadt heute in einer Art Windschatten der großen Verkehrsrouten, aber auch auffälligerweise der nationalen Historiografen. Ungarn, zu dem die Stadt seit 1918/20 nicht mehr gehört, verweist gerne auf die Heilige Elisabeth, der der gotische Dom, das Wahrzeichen der Stadt, geweiht ist, aber auch auf die Rolle Kaschaus für die oberungarische Adelskultur der frühen Neuzeit, die antihabsburgischen Emanzipationsversuche des 17./18. Jahrhunderts und die mit der Stadt verbundene ungarische Aufklärung. Auffällig ist die starke Absenz der Stadt in slowakischen Nationalgeschichten: Zu einer slowakischen Stadt ist Kaschau, wo gleichwohl seit dem Mittelalter ein bedeutender slawischsprachiger Bevölkerungsanteil lebte, erst mit dem Ende der Habsburgermonarchie geworden. An eines der wichtigsten Ereignisse aus der jüngeren Stadtgeschichte, das am 5. April 1945 von der aus dem Exil zurückgekehrten Exilregierung der Tschechoslowakei nach dem Ende der deutschen Besatzung und des faschistischen Slowakischen Staates verkündete Kaschauer Programm, wird heute nicht mehr gerne erinnert, weil es in letzter Konsequenz den Kommunisten den Zugang zur Macht im Lande eröffnete. Auch die deutsche Minderheit bezieht sich im Allgemeinen eher auf das 35 Kilometer westlich gelegene Metzenseifen (sk. Medsev) und seine »mantakischen« Bewohner als auf Kaschau selbst, wo heute nur noch sehr wenige Deutsche leben. In den Fokus der westlichen Medienaufmerksamkeit gerät das heutige Kaschau eigentlich erst, wenn über Probleme des riesigen, am Stadtrand gelegenen Roma-Ghettos Lunik IX berichtet wird. Diese selektive Wahrnehmung wird der tatsächlichen Rolle Kaschaus nicht gerecht, und daran konnte leider auch der Titel der Europäischen Kulturhauptstadt im Jahre 2013 langfristig nur wenig ändern.

Umso verdienstvoller ist es, wenn sich ein Historiker sine ira et studio und mit dem Blick von außen der Stadtgeschichte zuwendet. Dass Frank Henschel tschechische, slowakische und ungarische Quellen gleichermaßen rezipieren kann, gereicht ihm dabei zum Vorteil. In seiner 2017 veröffentlichten Dissertation, die er unter der Betreuung von Wolfgang Höpken an der Universität Leipzig erarbeitet hat, widmet er sich Kaschau in der Endphase der Habsburgermonarchie, in der Zeit zwischen dem Ausgleich und dem Ende des Ersten Weltkriegs. Ausgehend von einem berühmten Zitat des in Kaschau 1900 geborenen Schriftstellers Sándor Márai, das fragmentarisch auch in den Haupttitel des Buches eingeflossen ist, geht er der Frage nach, wie sich in seinem Untersuchungszeitraum im Spannungsfeld von lokaler, regionaler und nationaler Politik nationale, ethnische und sprachliche Zugehörigkeiten in einem Umfeld artikulierten, das von Mehrsprachigkeit und einer differenzierten religiösen bzw. konfessionellen Situation geprägt war. Mit diesem kulturgeschichtlichen Ansatz behandelt er nach einem knappen Abriss zur historischen, demografischen und sozialen Entwicklung im Wesentlichen fünf Themenfelder: die Kommunalpolitik als Agora unterschiedlicher Interessen, das Wirken von Theater und kulturellen Vereinen, die Handlungspraktiken der Kirchen und (zu jener Zeit fast ausschließlich konfessionellen) Volksschulen, die Interaktionen von Wirtschaft und Arbeit sowie schließlich Praktiken der kollektiven Erinnerung und Identitätspolitik auf städtischer Ebene.

Auf diesen Sondierungsebenen begleitet der Autor seine Leser durch öffentliche und private Praktiken von Politikern, Kulturschafenden, Geistlichen und Lehrern sowie Akteuren der offiziellen Geschichtspolitik. Der Verfasser geht in Anlehnung an die moderne amerikanische Historiografie von einem nichtessentialistischen, dynamischen und damit komplexen Verständnis von Ethnizität aus. Als Ergebnis der genannten Untersuchungsfelder kommt er zu dem Schluss, dass sich die vielfältige Bevölkerungsstruktur der Kaschauer zwischen 1867 und 1918 als weitaus resistenter gegen die Homogenisierungs- oder Magyarisierungsbestrebungen ungarischer Nationalisten erwies, als diese es im Vorfeld erwartet hatten. Wie in anderen multikulturellen Städten zeigte sich, dass der Gebrauch der ungarischen Sprache gegenüber sozialen Kategorien wie Konfession, Stand, Klasse oder Bildungsstand keine dominante Bedeutung als nationalpolitischer Agens entfalten konnte. Ursächlich für Konflikte waren nach Henschel in Kaschau nicht in erster Linie nationale oder ethnische Gegensätze, sondern die Folgen sozialer Prozesse wie Industrialisierung, Modernisierung und Säkularisierung. Im Endeffekt blieben damit auf vielen Ebenen neben den majorisierenden magyarischen Bestrebungen auch vielfältige deutsche und slowakische Artikulationen möglich und bestimmten die spezifische Mehrsprachigkeit Kaschaus, wie sie eben auch von Márai rückblickend wahrgenommen worden war.

Als weiteres Untersuchungsfeld hätte man sich – etwa in Anlehnung an Tamara Scheers Studien zur Mehrsprachigkeit innerhalb der k. u. k. Armee – auch noch ein Kapitel zum Militär vorstellen können. Kaschau war seit 1871 Mittelpunkt eines ungarischen Honvéd-Distrikts, seit 1881 Sitz einer Militärunterrealschule, und ab 1883 war dort eines von insgesamt 16 Territorialkommandos der Habsburgermonarchie ansässig. Das Militär war nicht nur mittels seiner zahlreichen Bauten sowie Übungs- und Paradeflächen in Kaschau sehr präsent, »Militärpersonen« spielten im gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt bis 1918 eine kaum wegzudenkende Rolle. Mit dem Militär erweiterte sich nicht nur die ethnische Vielfalt, sondern erhielten auch sprachliche und kulturelle Aspekte in der Stadt noch eine neue Dimension. Diese Anmerkung soll lediglich andeuten, dass das von Frank Henschel sehr professionell behandelte Thema noch lange nicht erschöpft ist. In diesem Sinne ist sie nicht als Kritik aufzufassen, sondern als konstruktive Anregung zu weiteren Forschungen zur Kaschauer Stadtgeschichte. Die vorliegende Arbeit wirkt auch ohne Berücksichtigung dieses Aspekts in sich logisch geschlossen, argumentativ überzeugend und gelungen.

Seit ihrem Erscheinen ist Frank Henschels Dissertation von slowakischen Historikerinnen und Historikern bereits positiv rezipiert worden. Seine Studie ergänzt in der Tat in hervorragender Weise bestehende Untersuchungen zum Vereinswesen, zur Kulturpolitik und zur kirchlichen Situation im historischen Oberungarn, der heutigen Slowakei. Hervorzuheben ist auch die Fähigkeit des Autors, seine Ergebnisse in einer eingängigen und flüssigen Sprache darzustellen, die dennoch nichts an wissenschaftlicher Differenzierung vermissen lässt. Allen, die sich – auch jenseits des konkreten Kaschauer Exempels – für Stadtgeschichte im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert interessieren, sei dieses Buch zur Lektüre empfohlen.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2020), Jg. 15, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 127–129.

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