Zum Inhalt springen
Start » Online-Artikel » Rubriken » Wissenschaft » Rezensionen » Görgy Dalos: Neutralität und Kaiserschmarrn. Eine Geschichte Österreichs seit 1945 | Rezension

Görgy Dalos: Neutralität und Kaiserschmarrn. Eine Geschichte Österreichs seit 1945 | Rezension

PDF-Download

Görgy Dalos: Neutralität und Kaiserschmarrn. Eine Geschichte Österreichs seit 1945. Deutsche Bearbeitung von Elsbeth Zylla. München: Beck Verlag 2025. 224 S.

Der renommierte ungarische Historiker bietet eine Darstellung in zehn Kapiteln: Nach Kriegsende im Mai 1945, Demokratie mit begrenzter Souveränität, Nachkriegsjahrzehnt mit Staatsvertrag und Neutralität bis zur EFTA geht es um das historische Schicksalsjahr 1968, gefolgt von der Ära Kreisky von 1970 bis 1983. Sodann folgt ein Kapitel über „Österreich und die Erosion des Ostblocks in den späten 1980ern“. Unter den „langen 1990ern“ wird die Entwicklung nach Auflösung des Ost-West-Konflikts geschildert. Das letzte Kapitel dreht sich um „Österreich und das globale Jahrhundert“. Eine Zeittafel, Anmerkungen, ein Bildnachweis sowie Personen- und Ortsregister beschließen die Studie.

Der Autor hofft, die Geschichte der Zweiten Republik vertieft darzustellen und gleichzeitig der Leserschaft eine „freudvolle Aneignung des historischen Stoffes vermitteln zu können“. (S. 8) Zuerst widmet sich Dalos den Problemen des kleinen Landes (S. 14–17), für das sich viele große Probleme stellten. Die Motive des sowjetischen Diktators (S. 17–20) und der aufschlussreiche Dialog zwischen Churchill, Roosevelt und Stalin auf der Konferenz von Teheran werden zitiert, wobei bildlich dargetan wird, dass Stalin im Januar 1913 in der Schönbrunner Schloßstraße 30 in Wien wohnte (S. 21), wo er sein Werk Marxismus und Nationale Frage verfasst hatte. Die Demokratie mit begrenzter Souveränität (S. 31–36) geht vom Topos der „Vier im Jeep“ aus, die sich in der Regel symbolisch im I. Wiener Bezirk ablösten. Der von Winston Churchill in Fulton angesprochene „Eiserne Vorhang“ am 5. März 1946 (S. 37–39), ein Bild, das zuvor schon von Goebbels und Schwerin-Krosigk in die Welt gesetzt worden war, traf auf Österreich in weit milderer Form durch die Zonengrenze an der Enns zu, nicht vergleichbar mit der lebensgefährlichen späteren Demarkationslinie zwischen DDR und Bundesrepublik. Allzu nah war die Vergangenheit mit der Entnazifizierung von „Minderbelasteten“. (S. 39–43) Dalos versäumt nicht, auf die wieder entstandenen Parteien (S. 44–47) einzugehen und den Marshall-Plan (S. 47–50), der für mitteleuropäische Länder wie die Tschechoslowakei nicht möglich war. „Klassenkampf“ war angesagt während des Streiks der Kommunisten 1950. (S. 50–53) Neutralität als Erfolg und Problem sieht der Autor vor allem hinsichtlich der Begrenzungen der Souveränität, was insofern erstaunt, als diese im Falle der österreichischen Unterstützung der Ungarn in ihrer Krise keine solche Limitierungen kannte. Die Neutralität Österreichs erlaubte dem Land dagegen das niedrigste Militärbudget Europas. (S. 83) Die 1960er-Jahre werden als Zeit der Aufwertung (S. 77–84) begriffen, in denen das Land als Gastgeber für Chruschtschow und Kennedy in Wien 1961 glänzen konnte, als „der kleine Kapitalist“ Julius Raab mit dem Sowjetführer in gutem Einvernehmen erschien. Nach dem Rundfunkreferendum, das unter „Medienkrieg“ firmiert (S. 84–86), geht es um die Affäre Olah (S. 86–90), die Causa Habsburg und die Südtirol-Frage. (S. 91–99) Das Gruber-De Gasperi-Abkommen vom 5. September 1946 wurde allerdings nie durch den Nationalrat ratifiziert (so hier S. 95), ja nicht einmal im Bundesgesetz-Blatt veröffentlicht, wie auch Österreich in den 1960er Jahren keine EWG-Beitrittsverhandlungen führte (so hier S. 98) – es ging nur um eine Assoziierung, die letztlich auch scheiterte. Das historische Schaltjahr 1968 wird nur als Intermezzo mit den in Österreich bescheidenden Ansätzen einer sogenannten „68er-Bewegung“ begriffen – laut Dalos eine „antiautoritäre Revolte“ (S. 101) – und einer wankelmütigen Haltung der Bundesregierung unter Josef Klaus mit Blick auf die Niederschlagung des „Prager Frühlings“. Wiederholt werden zeitgenössische Dialoge zitiert. Kreiskys Rolle wird im europäischen Kontext analysiert (S. 115f.), vor allem aber galt es auf seine Reformen einzugehen. (S. 117–119) Das Land blieb nicht verschont vom internationalen Terrorismus – nicht Terror! – des Nahostkonflikts. (S. 120–123) Die Skandale der 1970er-Jahre werden knapp dargestellt (S. 123–126) im „kleinen Bermudadreieck“ von „Staatspolitik, Parteienwirtschaft und Geschäftemacherei“. (S. 123) Kreiskys Machtkampf mit seinem immer schwieriger werdenden politischen Ziehsohn Hannes Androsch, der als Finanzminister ab 1970 und Vizekanzler seit 1976 fungierte, wird unter anderem mit einer Ironimus-Karikatur, alias Gustav Peichl, mit „König und Kronprinz“ von 1974 illustriert. (S. 129) Die Umweltbewegung, die Anti-Atomkraftströmung bezüglich des Zwentendorfer AKW-Projekts (S. 130–132) wie der „zweite Kalte Krieg“ und Österreichs offenere Position zur Zeit der Olympischen Sommerspiele in Moskau (S. 133–136) durften nicht fehlen. Die 1980er-Jahre stehen im Zeichen von Energiewirtschaft und Umwelt. (S. 137–144) Die Affäre Waldheim (S. 144–149) wird ausführlicher beschrieben, allerdings ohne einen einzigen Beleg zu liefern. Das höchst umstrittene Stück „Heldenplatz“ des Burgtheaterdirektors Klaus Peymann mit einer Fotografie zum Schlussapplaus für Thomas Bernhard wird als Lehrstück gezeigt. (S. 150–153) Ohne einen Zusammenhang mit der Reder-Frischenschlager-Affäre 1985 und der Causa Waldheim 1986/87 herzustellen, wird „Jörg Haider Ante Portas“ dargestellt, gleichwohl beide Ereignisse, die zu einer öffentlichen Erregung und weit verbreiteten Empörung führten, als Vorgeschichte nicht berücksichtigt werden. Der „Weg zur Maria-Hilfer-Straße“ meint viele ungarische Touristen, die im Zeichen der Erosion des „Ostblocks“ in den späten 1980er-Jahren nach Wien als Einkaufstouristen aufbrachen. (S. 157–160) Dem historischen Händedruck zwischen Otto Habsburg und Bruno Kreisky anlässlich des 50. Jubiläums der Paneuropa-Union 1972 in der Wiener Hofburg folgten Ambitionen des Thronprätendenten, der sich im Zeichen der Wende auch in Ungarn zeigte und dabei deutlich zu machen versuchte, dass es eine historische Kontinuität des Sohns des österreichischen Kaisers Karl I. und ungarischen Königs Karl IV. (S. 160–164) gab. Die historische Öffnung des „Ostens“ zeigt dann vor allem, was sich am 19. August 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze bei St. Margarethen abspielte, nämlich eine Fotografie von ausbrechenden DDR-Flüchtlingen. Die deutsche Einheit wird als österreichisches Dilemma begriffen. (S. 170–172) Die langen 1990er-Jahre sieht Dalos schon im Zeichen eines politischen Trends nach rechts. (S. 173–175) Die „Kärntner Morgendämmerung“ fokussiert auf den rechtspopulistischen Zugang von Haider mit Positionen, wonach Österreich kein Einwanderungsland sei, die illegalen Ausländer besser zu erfassen seien und ein Einwanderungsstopp erfolgen müsse. (S. 175–178) Unter dem Stichwort „Der Amokläufer“ wird der Fall des Terroristen Franz Fuchs dargestellt, der mehrere blutige und tödliche Attentate zu verantworten hatte. (S. 178–180) Serienmord und Entführung betreffen auch den Fall Helmut Frodl und den Filmemacher Fritz Köberl, was Dalos weitgehend detailliert schildert wie auch den Kriminalfall Natascha Kampusch und ihren Entführer und Peiniger Wolfgang Přiklopil. Zur österreichischen Literatur äußert sich Dalos anerkennend als „echter Lichtblick“. (S. 183–186) Haider ist erneut ein Thema unter dem Titel „intra muros“ (S. 186–190), in dem Dalos auch dessen kriminelle Energien benennt, die illegalen und krummen Geschäfte der Parteienfinanzierung, Geldwäsche und Vorteilsnahme, von denen der vorgeblich so skandallose und volksverbundene Oppositionspolitiker scheinbar frei war. Das Kapitel „Österreich in das globale Jahrhundert“ betrifft das Krisenjahr 2015 mit der sogenannten Flüchtlingskrise, die kleine Eiszeit zwischen Österreich und Ungarn im Kontext der Migrationsströme, den Fall Corona und das zweifelhafte Agieren des „Wunderwuzzis“, der durch eine Fotografie „Schwarz macht geil“ auf einem „Geilomobil“ vor dem Nachtclub Moulin Rouge in Wien 2010 posiert. Der Jungpolitstar wird kritisch mit Blick auf seinen Aufstieg und seinen Fall beleuchtet. Die Ibiza-Affäre diente letztlich als Katalysator für seinen „Tritt zur Seite“.

Eine Zeittafel umreißt die wichtigsten Daten der Geschichte Österreichs bis zu den Koalitionsverhandlungen zwischen Herbert Kickl (FPÖ) und Christian Stocker (ÖVP) im Januar 2025.

Bemerkenswert ist der Befund, dass Österreich als angebliche oder tatsächliche Funktion als „Brücke“ zwischen Ost und West von diesem ausgewiesenen Mitteleuropa-Historiker nicht eigens thematisiert wird. Österreichs Donauraum-Politik bleibt blass. Zwei Fehler sind in diesem leserfreundlichen Buch aufgefallen: Schärf war 1955 nicht Bundespräsident, sondern noch Vizekanzler (Bildlegende, S. 61), und der neue Artikel 7 EUV wurde erst nach dem Sanktionstheater gegen Österreich im Zuge des EU-Gipfels von Nizza im Dezember 2000 dank einer belgisch-österreichischen Initiative (!) aktualisiert. (S. 188)

Der Anmerkungsapparat mit nur 46 Verweisen für ein über 200 Seiten starkes Buch ist mager, wie überhaupt eine Bibliografie fehlt, die den neueren und neuesten Forschungsstand repräsentiert. Dieser ist nicht berücksichtigt. Insofern kann dieses Buch als ein lesenswertes, locker geschriebenes Publikums- und Lesebuch verstanden werden, aber einen fachwissenschaftlichen Anspruch kann es nicht einlösen.

Michael Gehler