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Anerkannter Universitätsprofessor, namhafter Literaturwissenschaftler und Übersetzer

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In memoriam Prof. Dr. Horst Schuller

Von Maria Sass

Am 25. Juli 2021 ist Prof. Dr. Horst Schuller kurz vor Vollendung des 81. Lebensjahres gestorben. Die Hermannstädter Germanistik verliert mit Horst Schuller ein Vorbild und einen Weggefährten. Mit großem Respekt und Dankbarkeit gedenken wir der vielseitigen Tätigkeit eines renommierten und allseits anerkannten Germanisten – Hochschullehrers, Literaturwissenschaftlers, Übersetzers und Journalisten –, der ab 1990 die neugegründete Germanistik in Hermannstadt (rum. Sibiu, ung. Nagyszeben) geprägt hat, dessen Name und Wirken zum Wahrzeichen dieser Studienrichtung an der Lucian-Blaga-Universität geworden ist.

Die seit 1969 bestehende Hermannstädter Germanistik-Abteilung wurde 1987 durch einen diktatorischen Beschluss aufgelöst, nach der Wende 1990 wieder ins Leben gerufen, aber durch die Auswanderung der meisten Lehrkräfte hart getroffen. In dieser schweren Situation gesellte sich Horst Schuller dem verbliebenen Kollegium zu und war vom ersten Augenblick an bereit, Aufbauarbeit zu leisten, Mitarbeiter heranzuziehen, die Curricula zu reformieren und neue Forschungsvorhaben festzulegen. Zuerst als Lehrkraft, danach als Lehrstuhlleiter initiierte und förderte er Kooperationen mit anderen Institutionen im In- und Ausland und gründete Partnerschaften mit Universitäten aus dem deutschen Sprachraum. Herausragend war diesbezüglich die DAAD-Institutspartnerschaft mit der Philipps-Universität Marburg, durch die ein überaus fruchtbarer Austausch aufgenommen werden konnte. Professor Horst Schuller hatte großen Anteil am Ausbau dieses Kontaktes und trug somit wesentlich zur Sichtbarkeit und internationalen Anerkennung auch der rumänischen Germanistik bei. Darüber hinaus war Horst Schuller ab 1994 der erste wissenschaftliche Betreuer germanistischer Promotionsarbeiten in Hermannstadt, vornehmlich junger Hochschullehrkräfte aus Hermannstadt, Kronstadt (rum. Brașov) und Temeswar (rum. Timișoara), die sich mit rumäniendeutscher Literatur, vergleichender Literaturwissenschaft, Translationswissenschaft oder literarischer Rezeption befassten. Anfang 2002 ging Horst Schuller krankheitsbedingt in den Ruhestand. Nach seiner Auswanderung blieb er der Hermannstädter Germanistik treu; er betreute weiterhin Promotionsarbeiten und beteiligte sich an wissenschaftlichen Veranstaltungen.

Horst Schuller wurde am 13. August 1940 als Sohn einer Meschener (rum. Moșna) Lehrerfamilie geboren. Nach seiner Ausbildung als Grundschullehrer am Pädagogischen Gymnasium in Schäßburg (rum. Sighișoara), studierte er 1957–1962 Germanistik und Rumänistik in Klausenburg (rum. Cluj-Napoca). Nach dem Abschluss des Philologiestudiums konnte Horst Schuller – obwohl dafür geeignet – keine Hochschulkarriere aufnehmen, da dies in der damaligen Zeit aus politischen Gründen nicht möglich war. Er wirkte zunächst als Deutschlehrer an einer Dorfschule in Marienburg (rum. Feldioara) und ab 1968 als Kulturredakteur an der Kronstädter Wochenzeitung Karpatenrundschau, wo er „ein seiner Schreibgabe und auch seinen organisatorischen Fähigkeiten entsprechendes Tätigkeitsfeld [übernahm], zum Nutzen der Publikation, die in den siebziger und achtziger Jahren gerade dank der Kulturseite lesenswert war.“[1]

Die Tätigkeitsfelder, in denen Horst Schuller sein Leben lang gewirkt hat – als Publizist (vor allem in den Jahren 1968–1996), Literaturhistoriker und -kritiker, Autor und Hochschullehrer –, trugen dazu bei, dass er als namhafte Persönlichkeit der siebenbürgisch-sächsischen Kulturlandschaft über die Landesgrenze hinaus bekannt geworden ist. Als Journalist neigte er dazu, sich mit allen Ethnien Siebenbürgens zu befassen, und als Kulturvermittler förderte Horst Schuller in den Kulturseiten der Karpatenrundschau den interethnischen Dialog zwischen Rumänen, Deutschen und Ungarn, sodass die von ihm gezeichneten Chroniken, Rezensionen, Übertragungen und Nachgestaltungen den deutschsprechenden Landsleuten Siebenbürgens, des Banats und der Bukowina die rumänische Literatur näherbrachten.

Schullers Forschungsarbeit hat ihre Wurzeln in der journalistischen Tätigkeit; sie umfasst die rumäniendeutsche Literatur, vergleichende Literaturwissenschaft, Rezeptionsforschung und Übersetzung in Theorie und Praxis. Der gewandte rumäniendeutsche Literaturhistoriker sprach von der „Bewährung der Werte“ und vertrat die Ansicht, dass neben Brot Kunst als Lebensnotwendigkeit zu betrachten sei: „Kunst lässt sich mit der Liebe vergleichen: sie existiert im Geben und Nehmen.“[2] Zugleich war er überzeugt, dass das kulturelle und literarische Erbe seiner Vorfahren – ob im Dialekt oder auf Hochdeutsch verfasste Schriften – ungenügend untersucht und ausgewertet worden sei. Ohne seine hohen wissenschaftlichen Ansprüche aus den Augen zu verlieren, organisierte Horst Schuller auch Treffen von Mundartdichtern und gab 1988 den Band Vill Sprochen än der Wält. Dichtung im Dialekt (Dacia Verlag: Cluj-Napoca) heraus. Diese Veranstaltungen machten ihn unter den Mundartsprechern bekannt, vor allem in den Dörfern, wo der sächsische Dialekt gesprochen wurde. Die Bekanntmachung von rumäniendeutschen literarischen Schriften war das Hauptanliegen seiner Herausgebertätigkeit. Horst Schuller gab Schriften mehrerer deutscher Autoren (Johann Karl Schuller, Michael Königes, Georg Maurer, Frida Binder, Friedrich Wilhelm Schuster, Otto Fritz Jickeli, Walter Peter Plajer) heraus und veröffentlichte die kommentierte Anthologie Amsel komm nach vorn … und dokumentarisches Material (Korrespondenz: Josef Marlin, Adam Müller-Guttenbrunn, Otto Alscher, Erwin Reisner).

Seine in zahlreichen Sammelbänden und Fachzeitschriften (Neue Literatur, Spiegelungen sowie Germanistische Beiträge, die von ihm 1993 gegründete Lehrstuhlpublikation) veröffentlichten Studien und Aufsätze behandeln vornehmlich rumäniendeutsche oder interkulturelle Themen und fanden bei Fachleuten und Laienpublikum besonderen Anklang. Diese Forschungsansätze werden in der unter dem Titel Kontakt und Wirkung im Bukarester Kriterion-Verlag 1994 herausgegebenen Dissertation zusammengeführt, die unter anderem der Präsenz rumäniendeutscher Literatur der Zwischenkriegszeit in der siebenbürgischen Kulturzeitschrift Klingsor (1924–1939) gewidmet ist. Horst Schuller untersuchte in dieser Arbeit die einheimische Literaturentwicklung und deren unmittelbare, auch kritische Widerspiegelung in Klingsor, um Berührungspunkte und Überschneidungen mit rumänischen und ungarischen Publikationen aufzuzeigen. Er erfasste in seiner Arbeit über die Rezeption rumäniendeutscher Literatur hinaus auch die Aufnahme rumänischer (Mihai Eminescu, Liviu Rebreanu, Mihail Sadoveanu) und ungarischer Autoren im deutschen Sprachraum.

Wenn Horst Schuller sich auf die einheimische deutsche Literatur bezieht, erwähnt er als Wesensmerkmal dieser Literatur ihre Bindung an Erfahrungen mit anderen Völkern und Nationalitäten. Darüber hinaus hebt er hervor, dass sich die rumäniendeutsche Literatur im Einflussbereich zweier Literaturen befindet, die entwicklungsgeschichtlich betrachtet von unterschiedlicher Intensität gewesen sind. Einerseits ist es die binnendeutsche Literatur – „Gemeinsamkeiten, die sich aus ethnischer Verwandtschaft, ähnlichen Überlieferungen und gleicher Sprache ergeben“ –, andererseits ist es die rumänische Literatur, mit der die rumäniendeutsche „durch gleiche geografische Lagerung, durch gemeinsame wirtschaftlich-soziale, durch staatspolitische (seit 1918) und jahrhundertalte historische Erfahrungen verbunden“[3] ist.

In den gesamten literaturwissenschaftlichen Studien mit interkultureller Ausrichtung betont Horst Schuller den beidseitigen Austausch, der durch das Zusammenleben der beiden Ethnien angeregt wurde: Die rumänische Literatur ist durch „stimulierende“ Aspekte mit der rumäniendeutschen verzahnt, und die Stofflichkeit rumänischer Autoren regte durch eine gewisse „heimatliche Exotik“[4] die Imagination deutscher Autoren an, was zu einem interessanten schöpferischen Lokalismus führte. Eine andere Dimension von Horst Schullers interkultureller Tätigkeit belegen seine hauptsächlich auf das Sprachenpaar Rumänisch–Deutsch bezogenen übersetzungstheoretischen und -kritischen Studien: Transkulturelle Problemaspekte im rumänisch-deutschen Übersetzungsprozess[5], Namen ‚verschweigen‘ – als die Übersetzungen von Hermine Pilder-Klein (1901–1998) ungezeichnet erscheinen mussten[6], Beispiel, Erfahrung, Theorie. Übersetzungswissenschaftliche Anmerkungen von Hermine Pilder-Klein[7].

Viele seiner Aufsätze beziehen sich auf Übersetzer und Übersetzungen (Alfred Margul-Sperber, Zoltán Franyó, Hermine Pilder-Klein), in denen er die Auffassung vertrat, dass für die Wahl eines bestimmten Textes oder Autors nicht immer ästhetische Beweggründe entscheidend waren, sondern dass oft die Politik das Interesse an Übersetzungen gesteuert hat.

Horst Schuller hat auch selbst übersetzt. Seine Übersetzertätigkeit betrachtete er als Selbstauftrag, für die es „gebündelte Impulse“ gegeben hat, hauptsächlich sein Rumänistikstudium und die journalistische Tätigkeit. Er übertrug Einzeltexte (Lyrik und Prosa) von rumänischen Autorinnen und Autoren, die in der Karpatenrundschau veröffentlicht wurden.

Abschließend sei auf den zum 200. Geburtstag von Nikolaus Lenau (1802–1850) herausgegebenen Band Lenau und die Zigeuner. Werkstatthilfen für die Übersetzer verwiesen, worin sich die Arbeitsfelder des Germanisten Horst Schuller am offensichtlichsten überschneiden: der Professor, der Literaturwissenschaftler und der Übersetzer. Sein Bestreben, „über den interkulturellen Weg der Übertragung“ Aspekte eines Werkes bekanntzumachen, hat Horst Schuller in Werkstattgespräche mit Master-Studierenden des Fachbereichs Translationswissenschaften exemplarisch eingebracht.

Für seine umfangreiche kulturelle und wissenschaftliche Tätigkeit wurde Horst Schuller mehrmals geehrt: Zweimal erhielt er den Preis des Kronstädter Rumänischen Schriftstellerverbandes, dessen Mitglied er war (1994 und 2000), und 2018 wurde ihm (zusammen mit Michael Markel) für die Verdienste um die Förderung der siebenbürgischen Kultur, insbesondere der deutschsprachigen Literatur in Siebenbürgen und Rumänien, der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreis verliehen.

Maria Sass ist Professorin für Neuere deutsche und rumäniendeutsche Literatur an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt (rum. Sibiu). Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind neuere deutsche und rumäniendeutsche Literatur, deutsch-rumänische Literaturkontakte und literarisches Übersetzen.

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 222–225.

 

[1] Joachim Wittstock: Vorwort. Prof. Dr. Horst Schuller zum Sechzigsten. In: Germanistische Beiträge 13–14 (2000), S. 7–10, hier: S. 8.

[2] Horst Schuller: Bewährung der Werte. In: Karpatenrundschau 1 (1968) A. 46, S. 8f., hier: S. 8.

[3] Horst Schuller: Kontakt und Wirkung. Bukarest 1994, S. 47.

[4] Ebenda, S. 129.

[5] In: Germanistische Beiträge 27 (2010), S. 225–267.

[6] In: Spiegelungen 5 (59) (2010) H. 3, S. 272–286.

[7] In: Germanistische Beiträge 26 (2010), S. 269–288.

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