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Thematisches Netzwerk Mehrsprachigkeit. Interview mit Claudia M. Riehl

Mehrsprachigkeit – mehr Networking? Ein Gespräch mit Professor Claudia M. Riehl, Leiterin des Instituts für Deutsch als Fremdsprache an der LMU München.

 

Von Johanna Holzer, Ludwig-Maximilians-Universität München

 

Mit der Gründung des Netzwerks für Mehrsprachigkeit im Jahr 2015, hat sich Claudia M. Riehl zusammen mit internationalen GründungspartnerInnen zum Ziel gesetzt, den wissenschaftlichen Nachwuchs nachhaltig zu fördern und den Austausch sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen renommierten WissenschaftlernInnen aus dem Bereich Mehrsprachigkeit zu unterstützen.

 

Wie ist das Netzwerk Mehrsprachigkeit entstanden?

Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich im Bereich Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung. In dieser Zeit habe ich mit namhaften ForscherInnen weltweit persönliche Kontakte aufgebaut, die seit 2015 im thematischen Netzwerk Mehrsprachigkeit vertieft werden. Die Programmatik sieht vor, den Austausch unter NachwuchswissenschaftlerInnen zu fördern sowie mehrsprachige Studiengänge und interkulturelle Lehr- und Lernkonzepte zu entwickeln. Die europäischen Partnerhochschulen im Netzwerk verfügen alle über ERASMUS-Abkommen mit der LMU, wodurch ein regelmäßiger Austausch und eine Verbesserung der internationalen Mobilität von Studierenden, DoktorandInnen und Post-DoktorandInnen gesichert sind. Dazu zählen, neben der LMU München, die Freie Universität Bozen, die ELTE Universität in Budapest, die Karlsuniversität Prag, die Reichsuniversität Groningen und die Universität Melbourne.

Unterstützt werden NachwuchswissenschaftlerInnen auch durch mögliche DAAD-Stipendien, Double-Degree-Programme und Kurzzeitdozenturen an den im Netzwerk integrierten Partneruniversitäten.

 

Was war das Gründungsziel?

Das Ziel war und ist es, innovative Methoden und Konzepte im Bereich der Mehrsprachigkeitsforschung zu entwickeln. So können wir einerseits dazu beitragen, aktuellen Anforderungen seitens mehrsprachiger Gesellschaften gerecht zu werden und andererseits die Konkurrenzfähigkeit der Partnerhochschulen im internationalen Wettbewerb zu sichern.

 

Warum ist Mehrsprachigkeit ein so zentraler Untersuchungsgegenstand in der linguistischen Forschungslandschaft geworden?

Die Fähigkeit, mehr als eine Sprache sprechen zu können, ist im Zuge der Globalisierung alltäglich geworden. Darüber hinaus existiert mittlerweile ein wissenschaftlicher Konsens, der davon ausgeht, dass es keinen monolingualen Habitus in heutigen Gesellschaften gibt. Diese Perspektive verlangt von uns WissenschaftlerInnen, das komplexe Themenfeld Mehrsprachigkeit aus unterschiedlichen, linguistischen Disziplinen heraus zu erforschen. Dazu zählen unter anderem die Neurolinguistik, die Psycholinguistik, aber auch die Textlinguistik und die Didaktik.

 

Wie begegnet das Netzwerk dieser Komplexität?

Durch die unterschiedlichen Forschungsschwerpunkte federführender WissenschaftlerInnen im Netzwerk ist es uns möglich, das Thema umfassend zu behandeln. Genau dafür ist die gezielte und internationale Vernetzung so wichtig. Nur so können wir erfolgversprechende Konzepte und Methoden in Hochschulen, Schulen und der allgemeinen Öffentlichkeit etablieren. Mehrsprachigkeit ist ein Thema, dass sich im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen ständig verändert und erneuert. Wir WissenschaftlerInnen müssen deshalb Erkenntnisse sowohl vergangener als auch neuer Forschungsprojekte fortlaufend überprüfen und miteinander in Verbindung bringen. Einen adäquaten Umgang mit dem Forschungsfeld Mehrsprachigkeit versucht das Netzwerk durch einen intensiven Austausch und einen praxisnahen Ansatz im Sinne der Applied Linguistic zu finden, um den komplexen Anforderungen gerecht werden zu können.

 

Welche aktuellen Herausforderungen sehen Sie in mehrsprachigen Gesellschaften?

Grundsätzlich ist die Öffnung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber anderen Sprachen und Kulturen von zentraler Bedeutung. Mehrsprachigkeit ist kein Handicap von Einwanderern mit Integrationsproblemen; sie ist eine der Grundvoraussetzungen für eine moderne Gesellschaft.

Es geht beispielsweise darum, die natürliche Mehrsprachigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund zu fördern, zum anderen soll aber auch die Mehrsprachigkeit der gesamten Bevölkerung gefördert werden. Das gilt in allen mehrsprachigen Gesellschaften, besonders für autochthone Sprachminderheiten, wie wir sie in zahlreichen Ländern in Mittelost- und Südosteuropa vorfinden. Hier ist es ein besonderes Ziel, zum einen die Muttersprache der Minderheiten durch bilinguale Programme an den Schulen zu fördern und zum anderen die Mehrsprachigkeit der Mehrheitsbevölkerung voranzutreiben, indem diese an den bilingualen Programmen der Minderheiten teilhaben können. Eine Vorbildfunktion in diesem Zusammenhang haben die deutschen Nationalitätenschulen in Ungarn mit paritätischem Unterricht auf Deutsch und Ungarisch. Diese gehen im Hinblick auf die erfolgreiche mehrsprachige Erziehung mündiger europäischer Bürger mit gutem Beispiel voran.

 

Welche Vorteile bringt Mehrsprachigkeit mit sich?

Wer mehrere Sprachen spricht, kann verschiedene Perspektiven einnehmen und besitzt somit auch eine höhere interkulturelle Kompetenz. Außerdem verfügen Mehrsprachige über ein größeres Sprachrepertoire, was das Erlernen von weiteren Sprachen erleichtert. Bei ihnen ist die exekutive Kontrolle im Gehirn stärker ausgebildet, da sie in der Lage sind, zwischen Sprachen hin- und her zu schalten. Dies fördert die kognitiven Kontrollfunktionen, die auch auf andere Bereiche übertragen werden können.

 

An welchen Forschungsprojekten arbeiten die Mitglieder des Netzwerks momentan?

Anfang 2019 hat das Projekt „Albanisch im Kontakt. Horizontaler Transfer und Identitätsstiftung in der Mehrsprachigkeitspraxis“ in Kooperation mit Barbara Sonnhauser von der Universität Zürich begonnen. Wir und unsere Projektteams beschäftigen uns mit den Fragen, wie HerkunftssprecherInnen des Albanischen in der Schweiz und in Deutschland ihre sprachliche Biografie und die damit verbundene Gruppenzugehörigkeit im Alltag interpretieren. Auch soll erforscht werden, welchen Einfluss Sprachkontakt auf Sprachwandel in maximal kontrollierbarer sozioökonomischer und geospatialer Kontaktsituation haben. Rita Franceschini arbeitet unter anderem an einem Langzeit-Projekt zum Thema „Sprachbiographien im mehrsprachigen Kontext“ und untersucht in narrativen Interviews Spracheinstellungen bi- und multilingualer SprecherInnen aus Südtirol und ihren Umgang mit mehrsprachigen Lebenswelten. Sie zeichnet sich vor allem durch ihre Arbeit in den Bereichen Minderheitensprachen sowie Neurolinguistik und mentale Repräsentation von Mehrsprachigkeit aus. Neben Elisabeth Knipf-Komlósi, die sich vor allem mit Kontaktvarietäten des Deutschen aus historischer und gegenwärtiger Perspektive beschäftigt und 2013 für ihre exzellente Arbeit mit dem Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Preis ausgezeichnet wurde, ist zum Beispiel auch Vít Dovalil von der Karlsuniversität Prag ein hoch geschätzter Netzwerkpartner.

Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Soziolinguistik, Grammatik und Pragmatik. Er konzentriert sich vor allem auf die Sprachplanungs- und Sprachmanagementtheorie. Konkret beschäftigt er sich mit der Analyse von sprachlichen Standardisierungs- und Destandardisierungsprozessen sowie mit Sprachenpolitik und Mehrsprachigkeits-Management in der Europäischen Union. Dies sind nur ein paar Beispiele unserer aktuellen Forschungsschwerpunkte. Wie man sehen kann, orientiert sich unsere Forschung an gesellschaftsrelevanten und gesellschaftspolitischen Themen wie Sprachpolitik, Migration oder SprecherInnenmilieus. Das Netzwerk sieht sich somit selbst in einer „mehrsprachigen“ Rolle: nämlich als Vermittler zwischen Sprachen und Kulturen sowie Wissenschaft und Praxis.

 

Wie gestaltet sich die zukünftige Zusammenarbeit des Netzwerks Mehrsprachigkeit?

2018 fand das erste Nachwuchskolloquium für Mehrsprachigkeitsforschung in München statt, in dem innovative Projekte im Bereich Sprachbiografien, Identität und Mehrsprachigkeit vorgestellt wurden. Es ging hier zum Beispiel um die Frage, welche biografischen und sozialen Faktoren den Spracherwerb von späten L2-Lernern beeinflussen und wie sich Identität mit und durch Sprache verändert. Unser Anliegen ist es, die Nachwuchsförderung durch internationale Konferenzen weiter auszubauen und die sprecherzentrierte Perspektive innerhalb der Mehrsprachigkeitsforschung zu betonen, so wie es auch beim Forschungsprojekt „Schaufenster Enkelgeneration“ in Kooperation mit dem Goethe-Institut der Fall war. Hier haben wir ost- und mitteleuropäische SprecherInnen und ihren Gebrauch des Deutschen als Minderheitensprache untersucht. Ein Schwerpunkt des Netzwerkes liegt nämlich auf der Erforschung von Sprachbiografien mehrsprachiger Sprecher und der damit oftmals verbundenen Problematik der sprachlichen Identität. Zu diesem Thema ist im nächsten Jahr auch ein Workshop geplant, in dem die methodische Ausrichtung von sprachbiografischen Forschungsansätzen diskutiert und weiterentwickelt werden soll. Neben regelmäßig stattfindenden Workshops sind auch Sommerakademien geplant, in denen MasterstudentInnen und DoktorandInnen ihre Forschungsprojekte vorstellen können. Mit den Netzwerkpartnerinnen Rita Franceschini von der Universität Bozen und Elisabeth Knipf-Komlósi von der ELTE Budapest haben wir zwei sehr renommierte Forscherinnen auf diesem Gebiet, die mit ihrer Expertise besonders die NachwuchswissenschaftlerInnen unterstützen können.

 

Claudia M. Riehl ist Inhaberin des Lehrstuhls für Germanistische Linguistik mit Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache und Leiterin des Instituts für Deutsch als Fremdsprache der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie ist außerdem Leiterin der Internationalen Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit an der LMU und Vorstandsvorsitzende des IKGS.

Johanna Holzer ist Koordinatorin der Internationalen Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit an der LMU München.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2020), Jg. 15, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 101–104.

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