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Karin Almasy: Kanon und nationale Konsolidierung | Rezension

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Karin Almasy: Kanon und nationale Konsolidierung. Übersetzungen und ideologische Steuerung in slowenischen Schullesebüchern (1848–1918). Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2018. 434 S. 

Von Tanja Žigon

Die in Graz wirkende Klagenfurter Historikerin, Übersetzerin und Translationswissenschaftlerin Karin Almasy beschäftigte sich in den letzten Jahren in ihren wissenschaftlichen Arbeiten sehr oft mit der Frage nach der Entstehung und Verbreitung der nationalen Identifikationen wie auch der Erforschung der nationalen Differenzierung und des Nationalismus im Gebiet des heutigen Sloweniens. 2014 erschien ihre Studie Wie aus Marburgern „Slowenen“ und „Deutsche“ wurden[1] und 2017 veröffentlichte sie (auf Slowenisch) als Koautorin eine historisch-translatorische Recherche über die Rolle und Bedeutung von Schulbuchübersetzungen für die Entwicklung der slowenischen Fachtermini innerhalb verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen wie Botanik, Mathematik, Physik, Geographie oder Geschichte im 19. Jahrhundert.[2] Ihre bis dato umfangreichste und eingehendste Studie ist jedoch die im Weiteren besprochene, 2018 im Böhlau Verlag erschienene wissenschaftliche Monografie, in der sich Almasy ausführlich dem Kanon und der nationalen Konsolidierung im Zeitraum von der Märzrevolution bis zum Ende des Ersten Weltkriegs widmet.Im vorliegenden Buch wurden die überwiegend aus dem Deutschen ins Slowenische übersetzten Schullesebücher analysiert, die eine entscheidende Rolle bei der Verfestigung einer einheitlichen slowenischen Schriftsprache und einer nationalen Gruppenidentität spielten, denn sie erfuhren große Verbreitung und prägten somit ganze Generationen slowenischer Schüler und Schülerinnen. „Durch Schulbücher ist nämlich“, so Almasy, „der Werte-, Themen-, Wissens- und Literaturkanon rekonstruierbar, der zu einem gewissen Zeitpunkt in einer gewissen Gesellschaft dominant war“ (S. 10). Die theoretischen Grundlagen basieren auf den Überlegungen des französischen Soziologen Pierre Bourdieu zur Kultursoziologie, auf der translationssoziologischen Aufforderung Anthony Pyms „Study translators, then texts.“ (S. 140). Da es sich aber bei den Anthologien und Übersetzungen um zwei prominente Formen des Rewritings handelt, wird auch das Rewriting-Konzept berücksichtigt, das in die Translationswissenschaft von André Lefevere eingeführt wurde. Allen voran knüpft aber die vorliegende Studie an das von Erich Prunč definierte theoretische Konzept der Translationskultur an und zeigt durch eine konkrete, zeitlich und räumlich verortete Fallstudie seine Anwendbarkeit und Relevanz für die translationsgeschichtliche Forschung.

Der Forschungsgegenstand beschränkt sich auf mehr als 40 approbierte Schullesebücher der cisleithanischen Reichshälfte, und zwar sowohl für die Mittel‑ als auch für die Bürger- und Volksschulen. Um zu repräsentativen Aussagen zur Translationskultur im slowenischen Schullesebuch zu gelangen, untersuchte die Autorin ein Corpus aus Lesetexten aus Gymnasiallesebüchern für verschiedene Gymnasialklassen. Durch dieses diachrone Sampling konnten nicht nur alle zwischen 1848 und 1918 entstandenen Texte miteinander verglichen, sondern auch die Entwicklungslinien, die ideologische Ausrichtung und die sich verändernden Einstellungen zu Übersetzungen nachgezeichnet werden. Dieser breiten Makroanalyse folgt eine detaillierte Mikroanalyse in Form einer klassischen Übersetzungsanalyse, wobei vor allem nach den Operativnormen, wie sie Prunč für die slowenische Übersetzungskultur im 19. Jahrhundert identifiziert hat, Ausschau gehalten wird.

Darüber hinaus ist besonders hervorzuheben, dass sich die Recherche nicht nur auf die Texte, also Übersetzungen, konzentriert, denn alle Ausführungen werden zusätzlich durch in Archiven (Allgemeines Verwaltungsarchiv des Österreichischen Staatsarchivs, Archiv der Republik Slowenien, Handschriftensammlung der Slowenischen Universitäts- und Nationalbibliothek und Archivsammlung des Slowenischen Schulmuseums) gesammelte historische Materialien untermauert (zum Beispiel Akten und die darin enthaltenen Gutachten aus dem Approbationsprozess der einzelnen Schulbücher). Dieses Vorgehen eröffnet einen einmaligen Einblick in die Schulbuchproduktion, in die Beweggründe des Ministeriums und der einzelnen Akteure und bietet Auskunft über die Kontroversen, Konflikte, Verbote und die Zensurierung gewisser Lesebücher beziehungsweise Inhalte.

Die Monografie gliedert sich in sieben Kapitel und ist in einem durchaus leserfreundlichen Stil verfasst. Einleitend wird das Konzept der Translationskultur umrissen und ein anschaulicher historischer Abriss über die Geschichte der deutsch-slowenischen Beziehungen wie auch Vorstellungen von Nation, Nationalität und supranationalen slawischen Ideologemen wie Illyrismus, Austroslawismus oder gar Panslawismus präsentiert. Im zweiten und dritten Kapitel werden das Schulwesen und das Schulbuchwesen der Habsburgermonarchie dargestellt, wobei die neuen Schulformen, die Modernisierung des Schulwesens, die Professionalisierung des Lehrberufes, die Frage nach der Unterrichtssprache und dem Unterrichtsgegenstand Slowenisch sowie die moderne Schulbuchproduktion nach 1848 und die Quantität der Schulbuchproduktion im Vordergrund stehen. Daraufhin werden soziologische, politische und institutionelle Hintergründe erörtert, die mit den Übersetzungen und der Herausgabe der Schullesebücher eng zusammenhängen, es werden die Autoren und Autorinnen, Übersetzer und Übersetzerinnen besprochen und ihre biographischen Angaben in die gesamte Untersuchung eingebettet. Im fünften Kapitel wird die Translationskultur im slowenischen Schulbuch dargestellt, wobei vor allem auf die Frage zur ideologischen Steuerung der Schuljugend eingegangen wird. Anhand vieler exemplarischer Beispiele illustriert Almasy den Beitrag der Übersetzungen zu verschiedenen Bereichen wie zum Beispiel religiös-moralisch-christliche Belehrung, Vermittlung von Kaisertreue, Förderung eines nationalen Bewusstseins und Betonung einer gesamt-slawischen Verbundenheit. Schließlich wird auf Grundlage unveröffentlichter Archivmaterialien und anhand zweier Fallstudien (der Fall Schreiner und der Fall Sket; S. 343–380) ein Blick hinter die Kulissen der Schulbuchproduktion gewährt, um die ideologische Steuerung in slowenischen Lesebüchern aus der Sicht der staatlichen Behörden zu demonstrieren. Im Zentrum steht dabei das „Kesseltreiben“ (S. 356) deutschnationaler Kreise gegen vermeintliche „panslavistische Agitation“ (S. 342) vor und während des Ersten Weltkrieges, das schließlich das Ministerium zu Untersuchungen und Maßnahmen zwang. Im Anhang findet man eine nähere Erklärung zur Methodik und der Quellenlage, eine Liste der approbierten slowenischen Schullesebücher im Zeitraum von 1848 bis 1918 (S. 381–387), die Liste der Abkürzungen, Erklärungen zu der Provenienz der 31 Abbildungen im Buch, das Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 399–432) und ein Personenregister (S. 433–434).

Zu den wichtigsten Erkenntnissen der vorliegenden Studie gehört die argumentierte Beweiskette, dass Übersetzungen, auch wenn ihnen oft nur ein sekundärer Status zugestanden wird, doch integraler und innovativer Bestandteil des slowenischen kulturellen Polysystems waren; durch sie wurden neue Wissensinhalte transportiert, Textgattungen und der standardsprachliche Wortschatz im Slowenischen bedeutend ausgebaut und der ideologische Diskurs sowohl nach innen als auch nach außen mitgeformt. Ferner wird uns anhand der zahlreichen Beispiele wieder einmal vor Augen geführt, dass sich sprachbewusste slowenische Intellektuelle ihrer eigenen Abhängigkeit vom Deutschen bewusst waren, denn auch deren Bildungssprache war Deutsch; in diesem Zusammenhang ist die relativ hohe Zahl von „Pseudo-Originalen“ zu erklären, das heißt, dass Übersetzungen aus dem Deutschen oft als Originale ausgegeben wurden. Dies galt, wie die Verfasserin feststellt, allerdings nicht für Übersetzungen aus anderen – vor allem slawischen – Sprachen, denn diese verstärkten die eigene kulturelle slawische Identität im Bemühen um Abgrenzung vom Deutschen. Und last but not least: Die in der Monografie von Karin Almasy vorhandene umfassende Kontextualisierung wirft einen neuen, frischen Blick auf die komplexe Materie der slowenischen Schullesebücher im Kontext der Durchsetzung einer nationalen slowenischen Gruppenidentität und macht dabei deutlich, dass dichotome Darstellungen, die traditionellen schwarz-weißen Geschichtsbildern folgen, die komplexe Interessenlage der diversen Akteure – vom Ministerium für Kultus und Unterricht über die diversen Landesschulbehörden, einzelne Schulen und Lehrer – verkürzt beziehungsweise verfälscht zeigen.Abschließend kann man sagen, dass es sich bei der Monografie von Karin Almasy, die an der Schnittstelle zwischen Geschichts- und Translationswissenschaft verortet ist, um eine in jeder Hinsicht sehr gut gelungene Recherche handelt. Besonders hoch anzurechnen ist der Autorin, dass sie es schafft, über Zwischenfazits oder vorgreifende Verweise den globalen Zusammenhang herzustellen, womit die Schlussfolgerungen für die Leser und Leserinnen in eingehender und transparenter Form nachvollziehbar sind. Die Monografie ist nicht nur eine Bereicherung der kulturgeschichtlichen und translationswissenschaftlichen Forschung, sondern es werden durch sie bestimmt auch weitere interdisziplinäre und bilaterale Forschungen zwischen slowenischer und österreichischer Translations-, Geschichts- und Sprachwissenschaft angeregt.

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 111–114.

 

[1] Karin Almasy: Wie aus Marburgern „Slowenen“ und „Deutsche“ wurden: Ein Beispiel zur beginnenden nationalen Differenzierung in Zentraleuropa zwischen 1848 und 1861. Graz 2014. Vgl. Petra Krambergers Rezension in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas 11 (2016) H. 2, S. 101–103.

[2] Tanja Žigon, Karin Almasy und Andrej Lovšin: Vloga in pomen prevajanja učbenikov v 19. stoletju: Kulturnozgodovinski in jezikovni vidiki [Zur Rolle und Bedeutung der Schulbuchübersetzungen im 19. Jahrhundert: kulturhistorische und sprachwissenschaftliche Aspekte]. Ljubljana 2017.

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