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Eine Kulturreise durch Identitäten

Nicol Ljubićs Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde (2006)

Von Raluca Rădulescu

 

Die interkulturell geprägte Literatur wird heutzutage immer häufiger auf dem Hintergrund der Globalisierungsprozesse als »die neue Weltliteratur« aufgefasst.[1] Auch die Stimmen, die die Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund als selbstverständlichen Teil der deutschen Gegenwartsliteratur definieren[2], nehmen zu. Früher verwendete Bezeichnungen, die von »Gastarbeiterliteratur« bis »deutschsprachige Ausländer-«, »Migranten-« und schließlich »Migrationsliteratur« rangierten, treten zugunsten integrativer Tendenzen in den Hintergrund, die Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund hat aufgehört, ein Nischendasein zu führen. Die Schriftsteller treten heutzutage nicht nur als Chamisso-Preisträger auf, sondern ziehen die Aufmerksamkeit der deutschen Leser immer mehr auf sich, so wie Saša Stanišić, dem 2014 der Deutsche Buchpreis verliehen wurde.

Dazu äußert sich der deutsche Autor kroatischer Herkunft Nicol Ljubić, den die Herausforderungen der Andersartigkeit in einer globalisierten Welt einerseits zur Bewahrung der eigenen Besonderheiten, andererseits zur Öffnung und Akzeptanz anregen, folgendermaßen:

Wozu führt das alles? Es führt zum Beispiel dazu, dass auch ich mich zum ersten Mal angegriffen fühle und wütend auf einen Mann reagiere, dessen Wunsch nach deutscher Literatur ich vor dieser unsäglichen Debatte freundlich entgegnet hätte: Was ich schreibe, ist deutsche Literatur. Aber auf einmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, er sei einer von denen, die Angst haben, die Deutschen könnten ihre kulturelle Identität verlieren, wenn es zu viele Autoren gibt, die Zaimoglu, Haratischwili oder Ljubić heißen. Auf einmal bekommt der nichtdeutsche Teil in mir eine Bedeutung, die er zuvor für mich nie hatte, weil er für mich zu mir wünsche. Ich habe meinen Kindern bewusst meinen Nachnamen gegeben, obwohl sie auch den deutschen (hugenottischen) ihrer Mutter hätten haben können.[3]

 

SCHREIBEN ALS IDENTITÄSSTIFTUNG. ÜBERLEGUNGEN ZUR IDENTITÄTSBILDUNG UND FIKTIONALISIERUNG DES (AUTO-)BIOGRAPHISCHEN

Bei der Aneignung verschiedener kulturell bedingter Identitätshypostasen kommt den gegenseitigen Durchdringungsprozessen eine besondere Bedeutung zu. Schlichte Unterscheidungen zwischen eigen und fremd sind mit der Zeit, auf dem Hintergrund zunehmender gegenseitiger Beeinflussung in den multikulturellen Gesellschaften, terminologisch sowie methodologisch nicht mehr ausreichend.[4] Vor allem im Falle der Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund lassen interreferenzielle Beziehungen ein komplexes Spiel mit Identität und Alterität inszenieren. Die sozialpsychologischen Identitätstheorien leisten dem diachronen, dynamischen Identitätsbegriff Vorschub, der im Spannungsfeld und beim Durchdringen mit der Alterität des Anderen entsteht.[5] Das Selbst ist im Wesentlichen eine soziale Struktur, und es bildet sich in sozialer Erfahrung.[6] Identität entsteht im Vergesellschaftungsprozess durch den »Übergang von der symbolisch vermittelten zur normativ geregelten Interaktion«.[7] Das »Ich« verinnerlicht die von außen durchgesetzten Verhaltensregeln und entwickelt eine »Über-Ich-Struktur«, das »Mich«, eine sich an normativen Geltungsansprüchen orientierende Instanz.[8]

Das Individuum verdankt seine Identität als Person ausschließlich der Identifizierung mit bzw. der Verinnerlichung von Merkmalen der kollektiven Identität; die persönliche Identität ist eine Spiegelung der kollektiven.[9]

Identität entsteht folglich an der Grenze und im Kommunikationsprozess zwischen »Ich« und »Mich«, in diesem Kampfspiel der persönlichen und kollektiven Koordinaten.

Wie man mit sich selbst in den ausgeprägt autobiographischen Geschichten dieser Literatur umgeht, hängt natürlich vom kulturellen Hintergrund des Erzählenden ab. Somit wird die Narration zu einem geeigneten Medium von »self making« durch den Prozess von »self telling«.

Erinnerung vollzieht sich, Autobiographie wie Autofiktion entstehen im Zusammenspiel von: Fakten – Identitätskonstruktion – narratologischen Schemata – gesellschaftlichen Gegebenheiten – psychischen Bedürfnissen.[10]

Die ästhetische Meta- oder Doppel-Kodierung von fiktionalisiertem Erlebten wirkt sich insofern auf die Wahl der Verfahren aus, als der Autor z. B. nicht versuchen wird, sich an den Kanon der binnendeutschen Literatur anzupassen, sondern oft eine Art literarische Gegenreaktion auf die politischen und sozialkulturellen Verhältnisse ästhetisch verarbeiten wird. Dass Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund immer wieder mit autobiographischem Erzählen gleichgesetzt wird, ist jedoch nur eine Falle, wobei der Literaturwissenschaftler sich zu leicht der Täuschung entstehungsgeschichtlich privilegierter Deutungsmuster hingibt, was den ästhetischen Wert der Texte als bloße Dokumente in Frage stellt. Von Genettes Theorie über die Illusion der Mimesis ausgehend, wird längst die »mimesis of autobiographical narration« postuliert.[11] Es sind natürliche Gedächtnisprozesse am Werk, die über den Vorrang gewisser Ereignisse und deren weitere Bearbeitung entscheiden, so dass durch Erinnern und Erzählen Identitäten geschaffen werden.

Darüber hinaus wird Autobiographie mehr oder weniger als Mittel zum Zweck ästhetisiert: »multitextual autobiographical narration may also imply a reconceptualization of autobiography«[12]. Durch Erzählen werden Hypostasen des Selbst nicht nur beschrieben, sondern auch rekonstruiert und bestimmt. Der biographische Hintergrund des Autors fungiert letztendlich als »Bindeglied zwischen literarischer Welt und gesellschaftlichem Kontext« und sorgt für die Authentizität der Texte sowie für »kollektive Sinnstiftung und Identifikation«.[13] Autobiographisches Schreiben lässt literarische Texte als »Identitätsentwürfe« lesen, deren Wahrhaftigkeit zum Nachdenken über die Funktion von Authentizität weiter herausfordert.[14]

 

LITERARISCHE VERFAHREN. DAS INTERKULTURELLE ERZÄHLEN

Interkulturelles Erzählen ist auf den Begriff der Interkulturalität als Interaktion zwischen mehreren kulturellen Größen durch die Überschreitung der Grenzen und ein »innerkulturelles Zwischen« zurückzuführen; dabei wird auf »den Zwischenraum bei der Überlappung von Kulturen fokussiert« und die Identität des Agenten in diesem Raum »als hybrid konzipiert«[15].

Der Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund ist Hybridität als künstlerisches Verfahren und zugleich die Darstellung von persönlicher, gesellschaftlicher oder kultureller Hybridität eigen. Der Begriff wird heutzutage mit konkurrierenden Termini wie Heterogenität, Mischung, Polyphonie, Mehrfachkodierung, Mehrfachzugehörigkeit, inter- und transkulturelle Offenheit in Verbindung gebracht.[16] Hybridität tritt in Situationen kultureller Überschneidung auf, wo teilweise gegensätzliche Denkinhalte und Logiken aus unterschiedlichen kulturellen, sozialen oder religiösen Lebenswelten aufeinanderprallen und zu neuen Handlungs- und Denkmustern zusammengesetzt werden.[17] Interkulturelle Erfahrungen in Zwischenräumen bzw. an der Schnittstelle mehrerer Identitäten setzen den Kontakt und oft den Konflikt zwischen Identität und Alterität voraus, Eigen- und Fremdbilder werden oft kritisch hinterfragt oder revidiert. Zugleich liegt es auf der Hand, dass in diesem Zusammenhang Identität kein festes Gebilde darstellt, sondern sich als work in progress erweist, sie muss oft erobert, behauptet und verteidigt werden. Oft schwankt das hybride Individuum als Grenzgänger zwischen Kulturen,[18] es ist sich keiner endgültigen Identität sicher, pendelt zwischen vorläufigen Identitätsmustern, wobei dem ursprünglichen, heimatlichen Identitätsteil eine besondere Bedeutung im Verhältnis mit den neu erworbenen Identitätsteilen und -schattierungen zukommt.

Beim Umgang mit solchen Texten müsste man nach Norbert Mecklenburgs Ansicht danach fragen, »wie ein Text den Spielraum poetischer Alterität nutzt, um kulturelle Alterität darzustellen«.[19] Davon ausgehend gelangt man zu einer Wertung der Literatur, die ihr »interkulturelles Potential« berücksichtigt.[20] Das narrative Konzept der Perspektivenstruktur wird mit der postkolonialen Kritik gekoppelt, wodurch Räume für ein methodologisches Instrumentarium des »interkulturellen Erzählens« eröffnet werden, wobei die literarische Inszenierung und Funktionalisierung des Fremden erforscht werden.[21]

Für die Analyse der literarischen Inszenierung kultureller Identität und Alterität werden bestimmte Erzählverfahren angewendet, die Strategien der Perspektivenstrukturierung auf der Figurenebene, auf der Ebene der erzählerischen Vermittlung und strukturelle Aspekte berücksichtigen:[22] imagologische Topoi, gezielte Auswahl des Schauplatz-, Handlungs- und Figurenkomplexes, stilistische regionale Register, Fokalisierungsmöglichkeiten, Wahl der Erzählstandpunkte, Bezug zu anderen Identitäts- und Alteritätsdiskursen.[23]

 

EINE KULTURREISE DURCH IDENTITÄTEN

Im Folgenden werden wir versuchen, bei der Untersuchung von Nicol Ljubićs Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde (2006) die oben dargestellten Kategorien zu berücksichtigen, unter dem Ansatz, dass sie sich nur begrenzt anwenden lassen. Ein besonderes Augenmerk gilt der Entwicklung von Identitätsprozessen, von Aneignung, Bildung und Hinterfragung der eigenen Identität sowie der Alterität der anderen. Der Beitrag nimmt sich eine nahe Lektüre des Romans auf der Grundlage einer kulturwissenschaftlich-narratologischen Hermeneutik vor. Identitätstheorien sowie Begriffe der Fremdheitsforschung werden herangezogen, damit die Bildung und die Wandlung der Identitätshypostasen untersucht werden kann. Zugleich wird auch im Rahmen der Erkenntnisse der traditionellen Narratologie nach Antworten gesucht, die zwei Herangehensweisen lassen sich aufeinander beziehen und ergänzen sich gegenseitig.

Nicol Ljubić (Jahrgang 1971) ist ein deutscher Journalist und Buchautor mit kroatischen Wurzeln. Er wurde im kroatischen Zagreb geboren, verbrachte seine Kindheit als Sohn eines Flugzeugtechnikers in Schweden, Griechenland und Russland und studierte in Deutschland Politikwissenschaften. Es folgte eine Ausbildung zum Journalisten an der Hamburger Henri-Nannen-Schule. Seitdem schreibt Ljubić Reportagen für den Stern, die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und viele mehr. Für seine Arbeiten wurde er schon früh ausgezeichnet, zum Beispiel 1999 mit dem Hansel-Mieth-Preis und 2005 mit dem Theodor-Wolff-Preis. 2002 veröffentlichte Ljubić seinen ersten Roman unter dem Titel Mathildas Himmel. Es folgte ein Buch über seine Erfahrungen als SPD-Mitglied (Genosse Nachwuchs, 2004) und eines über das Leben seines Vaters (Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde, 2006). In dem mit dem Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichneten Roman Meeresstille (2010) setzt sich Ljubić mit dem Jugoslawienkrieg auseinander. Hinzu kommen die Anthologie Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit (2012) und der im gleichen Jahr erschienene Roman Als wäre es Liebe.

Nicol Ljubićs Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde (2006) ist eine literarische Inszenierung des Spiels mit doppelten Identitäten. Es wird aus der Ich-Perspektive des Sohnes erzählt, der die Lebensgeschichte seines »deutschen« Vaters kroatischer Herkunft zu rekonstruieren versucht. Die Herangehensweise leistet den Verfahren einer autofiktionalen (um den Unterschied zu Memoiren oder Autobiographien zu machen)[24] Dokumentarliteratur in Tagebuchform Vorschub, es wird ein hoher Sachlichkeitsgrad angestrebt, was sich auf die kompositorischen Mittel und auf den Stil auswirkt. Die knappen, alltagssprachenahen Sätze reihen sich in einer berechenbaren Logik aneinander, das Erzählte zielt auf ein genau geplantes Ergebnis ab, was auch die teleologische Vorliebe für die Einhaltung chronologischer Einheiten erklärt. Der Bericht in der Ich-Form wird von Vater-Sohn-Dialogszenen unterbrochen, die jedoch manchmal in der direkten, manchmal in der indirekten oder in der erlebten Rede wiedergegeben werden. Die Ich-Instanz, die unter diesen Umständen sowohl als Erzähl- als auch als Reflektorfigur fungiert, leistet es sich, ihren sonst objektiven Bericht mit persönlichen Überlegungen dort zu ergänzen, wo rhetorische Fragen oder eigene Schlussfolgerungen überwiegen oder wo die Antwort dem Leser überlassen wird. Die sonst berechenbare Struktur des Romans weist postmoderne Elemente auf, wenn der Autor das Buch mit alten und neuen Familienfotos spickt oder Zeitungsabschnitte, -berichte oder sogar einen Asylbewerber-Fragebogen einfügt. Die Collagentechnik ist in einem anderen Grad auch beim Wechsel der berichtenden Erzählung mit den Überlegungspartien zu bemerken, was den Roman als eine Montage aus verschiedenen Elementen unterschiedlicher Register auszeichnet. Trotz des relativ gelungenen, unkomplizierten Aufbaus mangelt es dem Roman an Tiefe und psychologischer Ergründung der behandelten Problematik.

Der Titel kündigt einen »Heimatroman« mit Bildungs- und Abenteuerelementen an, und der Leser mag sogar an einen psychologischen Zeitroman denken. Derlei Erwartungen werden jedoch enttäuscht. Die durchgehend naiven Erwägungen des Ich-Erzählers zum Schicksal seines Vaters stören durch ihre Oberflächlichkeit den sonst – trotz (gewollt?) ungeschliffener, jedoch zum Erzählzusammenhang passender Sprache – durch Schlichtheit und Klarheit gut gestalteten Handlungsablauf. Vielleicht wäre der Verzicht auf diese persönlichen Kommentare für die Romaneinheit empfehlenswert und der Leser dadurch zum eigenständigen Nachdenken herausgefordert gewesen.

Es wird sich im Folgenden zeigen, dass Ljubićs Buch unter dem Oberbegriff des »interkulturellen Romans« zu deuten ist, der in sich Elemente des Migrationsromans, des multikulturellen Bildungs- und des transkulturell-hybriden Romans vereinigt.[25]

Obwohl sich der Vater eine deutsche Identität angeeignet hat und der Integrationsprozess als abgeschlossen erklärt wird, worauf seine iterative Aussage »Junge, ich bin waschechter Deutscher« hinweist, spüren die beiden Figuren das Bedürfnis nach einer Bestätigung. Dem in die deutsche Kultur hineingewachsenen Jungen ist der abenteuerliche Lebensweg seines Vaters lange Zeit unbekannt, aber als er sich an seine Kindheit erinnert, muss er die ersten drei Lebensjahre mit Zagreb und dann mit den verschiedenen Dienstorten des Vaters verbinden. Der Lufthansa-Ingenieur kroatischer Herkunft zieht mit seiner Familie nach Schweden, Griechenland, Russland, Kamerun und lässt sich erst ab dem 16. Lebensjahr des Kindes endgültig in Deutschland nieder. Der Ich-Erzähler begründet die Wahl der personalen Ich-Situation, zugleich wird auch das autobiographische Endergebnis als literarische Kommunikationsform und ästhetischer Tribut erklärt:

Manchmal kommt es mir vor, als sei der Vater der Mensch, über den man am wenigsten weiß. Es ist kein Zufall, daß ihm die Briefform gewidmet wurde, weil es so viel leichter fällt, ihm zu schreiben, als mit ihm zu reden. Letztlich tue ich nichts anderes, auch diese Geschichte ist ein Brief an den Vater.[26]

Obwohl im Roman eine psychologische Introspektion versucht wird, gelingt dies literarisch nur mittelmäßig, eher ist er als interkulturell kodiertes Tagebuch anzusehen, in dem sich der Sohn durch die Beobachtung seines Verhältnisses zum Vater Klarheit über seine Herkunft und seine eigene identitäre und kulturelle Zugehörigkeit schafft. Dadurch, dass der Sohn letztendlich durch Schreiben den Vater zu einem Dialog herausfordert, nimmt der Roman die Züge eines offenen Briefs an, der genug Raum für die Auseinandersetzung mit dem Thema »Wer ist mein (deutscher) Vater und wer bin ich?« anbietet.

 

EINE KULTURREISE DURCH IDENTITÄTEN

Es wird ein identitärer Abstieg in die Tiefen einer an der Schwelle zweier Kulturen gebildeten Identität unternommen: eine »Reise in die Vergangenheit, die ihm seine Herkunft in Erinnerung« rufen soll, »und die Kehrseite könnte sein, daß er sich von dieser Herkunft entfernt hat«.[27] Der den Betrachtungen zugrunde liegende Kulturbegriff erweist sich als dynamisch, oft wird Kritik am Selbst- und dem Vaterbild oder an den eigenen Vorstellungen zugunsten der anderen Kultur geübt, Vater und Sohn setzen sich für eine interkulturelle Offenheit und ein gegenseitiges Durchdringen der beiden Kulturen ein. Doch die leitmotivische Aussage des Vaters, der auf die Verwirrung des Sohnes oft antwortet: »Mein Sohn, ich bin waschechter Deutscher«, verrät doch den überlegenen Blick dessen, der in der eigenen Wahrnehmung durch Akkulturation das beste Beispiel einer gelungenen Integration geworden ist.

Die Erinnerung an den Vater oder die Suche nach ihm wird Anlass zur eigenen Identitätssuche, die sich oft über die eigene Identifikationszuschreibung hinaus erweitert und die Familie in die verschiedenen Prozesse von Ablösungs- und Integrationsanalysen einbezieht.[28]

Zu dieser Erkenntnis kommen die beiden am Ende der Reise, deren Ziel die Bewusstmachung identitärer Quellen und Schwankungen war. Und dieses archivistische Verfahren erhält in Buchform eine konkrete Erscheinung: »Bestimmt spricht er über das Buch, das ich über ihn schreiben möchte, über ihn und unsere Reise.«[29] Die Stationen dieser Reise prägen sich im Gedächtnis des Ich-Erzählers, der zugleich Tagebuch führt, als Meilensteine auf dem Lebensweg eines Migranten ein und wirken sich ausschlaggebend auf den Aufbau des Romans aus, der aus einem Prolog, sieben Kapiteln und einem Epilog besteht, denen eine typographisch nicht sonderlich markierte Danksagung nachgestellt wird. Die sieben Kapitel tragen die Namen verschiedener Zwischenaufenthalte auf der Fahrt des Vaters von dem ehemaligen Jugoslawien nach Frankreich.

Der in der deutschen Gesellschaft aufgewachsene Junge, der seinen Vater auf einer »Erkundungsreise«[30] begleitet, nimmt keinesfalls als alter ego an den Erinnerungen des Protagonisten teil, sondern hält ihm eher als Beobachter den Spiegel vor, damit das Schicksal des Vaters rekonstruiert werden kann. In den Augen des bisher ahnungslosen Jungen gewinnt die Gestalt des Vaters mit jeder Reisestation an Bedeutung. Seine bereits im ersten Satz des »Prologs« einsetzende Porträtierung wird im Laufe der Reise anhand konkreter Beispiele ergänzt, die die erste Aussage begründen und veranschaulichen sollen: »Nur wenige werden sich an den Grizzly von Zraćna Luka erinnern.«[31] Im Sinne dieser ersten Behauptung wird auch das innere Porträt gestaltet.

»Nicol Ljubićs Buch ist nicht nur eine wunderbare Liebeserklärung an den Vater, sondern ein kluger Beitrag zur aktuellen Debatte um kulturelle Identität und Integration.«[32] Drago Ljubić ist als ausgesprochener Held dargestellt, er ragt aus seinem Familienkreis heraus: »In Wahrheit sind die Ljubićs einfach nur Bauern gewesen ohne irgendeinen Helden in ihrer Ahnengalerie.«[33] Ein Sonderschicksal scheint vorbestimmt gewesen zu sein, der Vater flieht vor dem Kommunismus und nimmt die Gelegenheit als Herausforderung wahr, fürchtet sich nicht und geht immer vorwärts, um als Bahnbrecher eine neue Welt zu entdecken:

Sehnsucht nach seiner Heimat schien er nicht zu verspüren, und an die Emigration erinnerte er sich nicht mit Tränen; sie war zur Abenteuergeschichte geworden, ein Held zog aus, um die Welt zu erobern.[34]

Dass Drago dem Sozialismus entflieht, von Kroatien über Italien und Korsika nach Deutschland kommt, um dann als Lufthansa-Ingenieur in verschiedene Länder versetzt zu werden, ist durch die wechselnden Topographien ein bewegter Werdegang, sein Leben wird mit den Namen der durchstreiften Orte markiert. Damit veranschaulicht der Roman auch ein Stück »Geschichte eines Kontinents, der sich gehäutet hat« und ist »ein nostalgischer Blick auf das alte Europa und seine wundervollen Geschichten über Gastlichkeit, Freundschaft«.[35] Nicht umsonst fragt sich der Sohn gegen Ende der Reise, als das letzte Ziel scheinbar nicht zu erreichen ist, wie ohne diese Bestätigung de facto sein Leben zu belegen sei:

Dann wird es eine Geschichte des Scheiterns, eine Geschichte von der Unmöglichkeit, der Vergangenheit zu begegnen. Das Schlimmste aber: die Skepsis bliebe. Wie stünde mein Vater dann da? Als Mann, dem die Phantasie durchgegangen ist? Als Schelm?[36]

Auch vor seiner Niederlassung in Deutschland schien das Leben des Vaters sich an Schnittstellen der Geschichte und an Schwellen der Kulturen abzuzeichnen. Die Dazwischen-Stellung trug er nach seiner Auswanderung Tag für Tag mit sich, der Wechsel von einem Land zum anderen bedeutete immer die Aneignung verschiedener Identitätsangebote, die sich zu einem Mosaikbild zusammenfügen. Im Gegensatz zur Schelmenfigur des Vaters, dem das Durchstreifen der Länder zur Gewohnheit geworden war, gelingt dem Sohn der Bezug auf den kroatischen Alteritätsdiskurs nur über den Rückgriff auf seine deutsche Identität, die einzige, die er zu besitzen scheint. Im Unterschied zum Vater, der über den angeborenen kroatischen Identitätsteil hinaus auch seine umfangreichen interkulturellen Erfahrungen mitzählen kann, macht der Sohn den Schritt nicht nach vorne, sondern in sich zurück, da er mit der kroatischen Vergangenheit nichts anfangen kann.

Und ich? Wäre ich der naive Mensch, der geglaubt hat, die Welt vorzufinden, wie sie vor fünfundvierzig Jahren war, eine konservierte Welt, ausgerechnet in einer Zeit des kollektiven Gedächtnisschwunds?[37]

 

DAS HERKUNFTSLAND ALS KULTURSCHOCK

Bei der literarischen Behandlung der Hybridität als Aufwertung von »Mischformen des individuellen und kollektiven Seins« kommt bei Aglaia Blioumi dem Begriff des »interkulturellen Potentials« eine besondere Bedeutung zu. Als Merkmale des Interkulturellen nennt sie die »Überwindung dualistischer Dichotomien, das Herstellen eines ›Miteinander‹, einer Ich- und Ortsvielfalt, Flexibilität, Dynamik, Kritik an eigenen Normen, Hybridität«, wobei im Verhältnis dazu das interkulturelle Potential als »den Texten innewohnender Gehalt, Substanz, Vermögen« angesehen wird.[38] Sie schlägt ferner im Hinblick auf den »interkulturellen Roman« fünf Analysekategorien als interpretative Werkzeuge des interkulturellen Potentials vor: den dynamischen Kulturbegriff, die Selbstkritik, das Dazwischen, die Hybridität und die doppelte Optik.[39]

Eine Befragung des interkulturellen Potentials sollte folgende Sachverhalte berücksichtigen: ob ein Perspektivenwechsel im Sinne einer Perspektivenübernahme und eines »Sich-Hineinversetzens« in die andere Kultursicht besteht; welche Funktionalisierungsmechanismen bei der Figurendarstellung eingesetzt werden, um stereotypisierte Haltungen, Charaktere und Images zu korrigieren bzw. das eigene Kulturbild zu relativieren oder hingegen – aus der Sicht der Überlegenheit des Eigenen – bestätigen zu lassen; ob der Autor für ein kulturell hybrides Selbstverständnis durch die Angleichung an das eigene Kulturbild bereit ist.

Die erste Station der im Roman beschriebenen Reise, die zugleich den Titel des ersten Kapitels ergibt, ist die Rückkehr der beiden in die Heimatstadt Zagreb. Über die national bedingten Besonderheiten hinaus, die den Vater an eine vollkommen vertraute Welt erinnern, den Jungen hingegen in großes Staunen versetzen, ist der Ort ein Treffpunkt kultureller Unterschiede und individueller Selbsterfahrung. Auf der Kontaktfläche mit den kroatischen Sitten wird dem Jungen die eigene, deutsch geprägte Erziehung bewusst. Ein erster Hinweis kultureller Abgrenzung ist die Sprache, die er nicht beherrscht, was die Kommunikation mit den Familienmitgliedern umso mehr erschwert:

Ich habe keine Ahnung, was er sagt – und er macht sich auch nicht die Mühe, es mir zu übersetzen. […] Über was redet ihr? frage ich meinen Vater, weil ich mich fühle wie ein Tourist in einer Gruppe Einheimischer.[40]

Dass die Fokalisierung der Ereignisse durch die Linse des Sohnes erfolgt, soll nicht für die Relativierung des eigenen Kulturbildes sorgen, hingegen wird die Aufmerksamkeit auf das Eigene gelenkt, das zu einem interkulturellen Austausch nicht bereit ist, weil vor allem die Sprache als Schranke funktioniert. Was ihm aber ebenfalls Schwierigkeiten bereitet, ist die Familienstimmung, die Mentalität, die Bräuche, in denen er sich nicht wiederfinden kann. Ein wachsendes Fremdheitsgefühl überwältigt ihn, ohne dass er sich über die kulturellen Unterschiede beschwerte oder Deutschland und Kroatien in Begriffen der üblichen West-Ost- Stereotype beschriebe. Der Sohn möchte weder dem einen noch dem anderen Raum den Vorzug geben oder einen davon abwerten, in den Vordergrund tritt seine Verwunderung über das bei ihm ausgelöste Fremdheitsgefühl, das sich nicht überwinden lässt.

An einer anderen Stelle führt der Junge dieses Fremdheitsgefühl seiner kroatischen Familie gegenüber auf seine Unfähigkeit zurück, sich mit ihnen in ihrer Muttersprache zu unterhalten: »Ist es, weil ich ihre Sprache nicht spreche? Mein Vater hat zu Hause nie Kroatisch mit mir gesprochen. Es schien ihm nicht wichtig zu sein.«[41]

Und trotzdem erweist sich das sprachliche Hindernis nur als eine Schranke in einer ganzen Reihe trennender Unterschiede, wobei der Mangel an Vertrautheit vordergründig auf die geographische Entfernung zurückzuführen ist. Die Begegnung mit der kroatischen Familie väterlicherseits löst eine Fokalisierung auf die Innenperspektive aus, der Blickwinkel verlagert sich vom objektiven Bericht über die Erlebnisse der beiden auf die Beleuchtung der Geschehnisse, die für den Ich-Erzähler an Bedeutung gewinnen. Dem Erzählten wird deswegen ein zunehmender Subjektivitätsgrad verliehen, da die auktoriale Sichtweise oft durch innere Monologe und persönliche Kommentare unterbrochen wird. Das bedrückende Fremdheitsgefühl ist schwer zu überwinden. Dass Zagreb die Stadt ist, in der der Junge geboren wurde, verwandelt seine erste Wahrnehmung durch Touristenaugen zu einem traurigen Wiedersehen: »Ich bin in einer fremden Stadt. Nichts kommt mir bekannt vor.«[42] Wenn es um Menschen geht, wächst die Unvertrautheit sogar noch an, geographische und wirtschaftliche Andersartigkeiten lassen eine Kluft zwischen den beiden betrachteten Räumen entstehen: »Meine Familie – wie fremd sie mir ist. […] ich verspüre diesem Ort gegenüber keine Nähe, da ist nichts, nur Trostlosigkeit angesichts der Häuser, Kulissen einer anderen Zeit.«[43]

Als sie Zagreb verlassen und die erste Grenze überqueren, liest der Sohn in den Passangaben einen Teil der Geschichte seines Vaters. Der zwanghaften Verknüpfung zwischen dem Geburtsort Zagreb und der »deutschen« Nationalität wohnt die Trennung von der Heimat und der Tausch gegen ein neues Heimatland inne. Sobald der Junge die materiellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern erkennt, werden Schuldgefühle ausgelöst, die sich im Hinblick auf den jugoslawischen Bürgerkrieg und die damaligen Verhältnisse verschärfen. So glaubt er, in den Augen des Zollbeamten Vorwürfe zu verspüren. Der Perspektivenwechsel bietet die Gelegenheit, die Lage der beiden kritisch in Frage zu stellen und durch die doppelte Optik das eigene Kulturbild zu relativieren:

Was dachte dieser Grenzer, der sich hinabbeugte und uns anschaute? Zwei, die ihre Herkunft verkauft haben für ein bißchen Wohlstand? Die weit weg waren, als Männer wie er für die Freiheit der Kroaten gekämpft hatten?[44]

Mit der Begegnung mit der Familie verbindet sich aber auch das Betrachten von Fotos und das Erzählen von Geschichten. Beide erfüllen die Funktion identitärer Vergewisserung im Prozess der Bestätigung einer Gruppenzugehörigkeit. Dem Sohn sollen seine Ahnen und Verwandten vorgestellt, der Vater an seine Familie erinnert werden. Beim Fotoanschauen fällt das Bild des Onkels in Militäruniform auf, wobei der Junge räsonieren muss, er könne sich seinen Vater als Soldat nicht vorstellen. Sobald das Thema Krieg angesprochen ist, wird die lineare Zeitabfolge verabschiedet, Erinnerungen holen den Erzählfluss ein. Das Thema ist insofern von breitem Interesse, als das Kriegstrauma bildlich an der vierzigprozentigen Invalidität Mišuns, des Cousins, ersichtlich ist. Dass dieser sich jedoch davon abgrenzt und aus seinen Berichten aus dem Krieg schließlich eine Anekdote macht, soll nicht darüber hinwegtäuschen, sondern nur Zeugnis von dem Hinnehmen wechselhafter Weltordnungen ablegen: »Das Schlimmste aber sei gewesen, sagt er, wenn das Fernsehen auf allen Kanälen Volksmusik sendete.«[45] Beim Kontakt mit der Geschichte seines Herkunftslandes wird wieder eine Kontrastfolie aufgerollt, der Junge wird die Auswanderung seiner Familie stark relativieren, sie wird in diesen Augenblicken mit dem Desertieren gleichgestellt, was einen dunklen Schatten auf das idealisierte Vaterbild wirft. Die unter diesen Umständen neu erworbene deutsche Identität löst vielfache Schuldgefühle aus.

Der Familienbesuch bietet aber auch Gelegenheit zur identitären Selbstbehauptung sowie zur Überprüfung bzw. Infragestellung eigener Verhaltensmuster, Stereotype und Klischees. Dem Jungen werden erst beim Kontakt mit den kroatischen Gepflogenheiten die deutschen Sitten bewusst, deren Übertreibungen er im Verhältnis mit den einheimischen Gewohnheiten besonders stark wahrnimmt. Ein Auslöser dieser Überlegungen ist, wie der Sohn offen erklärt, die Wohnung seiner Tante Ivana. Die in der Küche herumstehenden ungespülten Töpfe, Teller und Gläser, die am Griff der Balkontür hängende Mülltüte lassen ihn an typisierte Lebensordnungen denken. Gewissenhaftigkeit und Ordentlichkeit der deutschen Mutter werden keinesfalls im Gegensatz zu Ivanas Haushalt hochgepriesen, vielmehr wird das eigene Kulturbild relativiert. Manchmal hat der Sohn das Gefühl, »ihre Hauptbeschäftigungen sind: Ordnung halten und sich Sorgen machen«.[46]

Auf dem Balkan entdeckt er ein von den deutschen Verhältnissen völlig verschiedenes Lebensethos, eine ihm bisher unbekannte Gelassenheit, gekoppelt mit einem südländischen savoir vivre, was Fragen über das Wesen der kroatischen Kultur aufwirft. Auf der Kontrastfolie der beiden Kulturstimmungen möchte er die Unterschiede auf verallgemeinernde Haltungen beschränken, um jede Kultur auf ein Repertoire von Grundeigenschaften zu beschränken. Das Verfahren dient zweifelsohne der Orientierung in einer mehrmals als »fremd« bezeichneten Umgebung, ohne dass dadurch die Bildung und Pflege von Stereotypen (in beiden Richtungen: Selbst- und Fremdbilder) vermieden werden kann. Ivanas lockeren Umgang mit Haushaltsarbeiten nimmt der Junge als Äußerung einer kroatischen Urhaltung wahr. Im Gegensatz dazu zeichnet sich das Verhaltensbild des Vaters ab, das davon stark abweicht, was er durch sein kategorisierendes Denken auf das deutsche Kulturverständnis zurückführt:

War er schon immer so oder ist es die deutsche Sozialisation, die ihn geprägt hat? […] Ich frage mich: Ist dies hier der Urzustand und verkörpert Ivana sozusagen den Ur-Ljubić? Wann wurde mein Vater so ordentlich, so pünktlich, so sparsam?[47]

 

DIE »DEUTSCHE« KULTURSYNTHESE. MIGRATION UND INTEGRATION

Auch wenn Drago fest entschlossen durchgehend behauptet, er sei »waschechter Deutscher«, wird die Aussage zu einer Belustigungsquelle für den Sohn und die Leser, da er sich selbst widerspricht. Damit meint der Lufthansa-Ingenieur eher, dass er ein gutes Beispiel für eine gelungene Integration in die deutsche Gesellschaft ist. Zugleich spielt er ein doppeltes Spiel mit den beiden Kulturen und nimmt abwechselnd die eine oder die andere Kulturhülle an, je nachdem, welche Elemente gerade am besten passen. Wenn es um die in Deutschland geborenen und aufgewachsenen kroatischen Spieler in der deutschen Liga geht, ist Drago der Meinung: »Ja, und? Sie sind trotzdem Kroaten. Und du? frage ich. Ich bin waschechter Deutscher.«[48] Was ihn jedoch nicht daran hindert, ins Flugzeug zu steigen, nachdem er Knoblauch gegessen hat (»Er versteht nicht, warum sich die Leute in Deutschland so anstellen«[49]) oder in der Badewanne der deutschen Nachbarn Pflaumen gären zu lassen und Slivovitz herzustellen:

Ich stelle mir vor, wie er damals die Doppelhaushälfte zur Destillerie umfunktionierte, der verrückte Jugo, der den Deutschen mal zeigte, wie richtiger Schnaps schmeckt. In dieser kleinbürgerlichen Idylle mit den gemähten Rasen und gestutzten Hecken fing er an, Schnaps zu brennen.[50]

Gewisse kroatische Gepflogenheiten scheinen ihm anerzogen worden zu sein, deshalb kann und möchte er sich von ihnen nicht verabschieden. Als seine deutsche Frau Bedenken äußert, sie wolle bei ihrem Besuch in Zagreb ihrer Schwägerin nicht zur Last fallen, muss ihr Drago ein anderes Kulturmuster erklären:

Annelies, es sind nicht alle so wie du. Meine Schwester freut sich, wenn wir kommen. […] Wir haben vielleicht nicht soviel gehabt wie ihr in Deutschland, aber wir haben uns mehr umeinander gekümmert.[51]

Der Junge wundert sich darüber, wie sehr sein Vater sich von der »eigenen kulturellen Identität gelöst hat«.[52] Von Loslösung kann aber gar nicht die Rede sein, zumindest nicht, wenn man bedenkt, dass darunter u. a. jugoslawische Musik und Medien verstanden werden. Drago beherrscht die Kunst, mit den beiden Kulturen proteisch umzugehen, sich in beiden zu Hause zu fühlen. Er ist in der Tat kein Pendler zwischen Kulturen, keinesfalls ein Heimatloser oder Entwurzelter, auch während seiner Reisen hat er sich niemals fremd gefühlt, wie er seinem Sohn gesteht: »Nö, war überall zu Hause.«[53] Er flaniert mit einer gut dosierten Mischung aus Gelassenheit und Fleiß zwischen den Kulturen, lässt sich von beiden beeinflussen, indem er kritisch das ihm Zusagende übernimmt. Aus diesem Grund ist seine Integration ein äußerer Vorgang, der die innere Anpassung an anerzogene Werte bestätigend wiederholt: »Mein Vater war auch als Jugoslawe schon pünktlich und fleißig.«[54]

In diesem Zusammenhang wird das Thema der Integration angesprochen und die Gültigkeit in den Medien verbreiteter Theorien an seinem Beispiel untersucht. Die rein theoretischen Erwägungen lassen sich dabei leicht anfechten und als sinnlos bloßstellen. Die Überprüfung des Ausmaßes, in dem man »typisch deutsche« Verhaltensregeln beobachtet, erweist sich als unnütz, da Drago selbst diese Raster verachtet und trotzdem ein Beispiel für eine gelungene Integration ist. Somit erweisen sich stereotype Vorstellungen als falsch; ginge man von einer solchen Definition des Deutschseins aus, müsste man »der Mehrheit der Deutschen ihre Staatsangehörigkeit aberkennen«.[55]

Die Debatte löst beim Jungen Fragen über den eigenen identitären Standort aus. Er spürt seine Vorliebe für Genauigkeit, für das akkurate, hochsachliche Wiedergeben der Reiseerlebnisse, als ob seine Geschichte einer juristischen Prüfung unterzogen werden müsste. Über den Generationskonflikt und die Anerkennung männlicher Überlegenheit hinaus (»den Kampf des Hasen gegen den Grizzly«[56]) führt er seine Vorstellungen auf das deutsche Vorbild zurück. Er scheint gewisse Schwierigkeiten im Umgang mit der eigenen kulturellen Identität zu haben, indem er bei sich eine »kulturelle Entfremdung«[57] spürt. Es ist wieder der Vater, der ihm ein sprachliches und soziales Anpassungsmuster eingeprägt hat, das verantwortlich für seine künftige Identitätsbildung wird.

Ich frage mich, warum ich mich noch nie ausgrenzt gefühlt habe? Weil ich so gut deutsch spreche? Weil ich so brav bin? Lernt die Sprache und seid brav, dann passiert euch nichts! Ist das die Lösung?[58]

Als sich der Sohn über die kroatische Herkunft freut, da sie ihm eine gewisse Exotik verleiht, kommt die Bemerkung: »Junge, was willst du? Du hast einen deutschen Paß.«[59] Obwohl der Vater versucht, den Sohn deutsch zu erziehen, gewinnt das kroatische Erbe im Laufe der Reise immer mehr an Bedeutung. Der Sohn beginnt seine Reise als Deutscher und beendet sie in einem Komplex identitärer Fragen. Er wird während der Entdeckungsreise zu einem Pendler zwischen Kulturen, die Identität seines Vaters nimmt zunehmend festere Umrisse an, während er sich langsam von dem vermeintlich hundertprozentig deutschen Identitätsmuster verabschiedet.

 

RALUCA RĂDULESCU studierte Germanistik und Anglistik in Bukarest und Jena. Sie ist Dozentin am Institut für Germanistik an der Universität Bukarest. Sie promovierte 2008 mit der Dissertation Europäertum eines Inseldaseins. Identitäts- und Alteritätsbewusstsein im Werk Hans Bergels. Während ihrer Zeit als Postdoc beschäftigte sie sich mit der deutschsprachigen presse in der Bukowina von 1848–1940. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Migrationsliteraturen, rumäniendeutsche Literatur sowie europäische Lyrik der Moderne. 2013 erschien ihr Buch Die Fremde als Ort der Geschichte in ausgewählten Werken der deutschsprachigen südosteuropäischen Autoren mit Migrationshintergrund. Eine narratologische und kulturwissenschaftliche Untersuchung.

 

Zuerst erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2015), Jg. 10 (64), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 83–95.

 

[1] Snezhana Boytcheva: Fremdsprachigkeit in literarischen Texten – Topoi der Fremdheit in der literarischen Sprache eines deutsch schreibenden Bulgaren. In: Wolf-Dieter Krause (Hg.): Das Fremde und der Text. Fremdsprachige Kommunikation und ihre Ergebnisse. Potsdam 2010, S. 153–164, hier: S. 153f.

[2] Vgl. Clemens-Peter Haase: Transkulturalität, Hybridität, Postnationalität. Anmerkungen zu einem Diskurs über die Literatur von Migranten in Deutschland. In: Uwe Pörksen, Bernd Busch (Hgg.): Eingezogen in die Sprache, angekommen in der Literatur. Positionen des Schreibens in unserem Einwanderungsland. Göttingen 2008, S. 34–39, hier: S. 35.

[3] Nicol Ljubić: Meine Wut und ich. DEutsch/nichtDEutsch. Und auf einmal bist du »Migrant«. Die Debatte um Thilo Sarazzin hat Spuren hinterlassen. In: taz.de, 13.11.2010, <http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2010/11/13/a0039&cHash=fa19d3bf9>, 29.01.2015.

[4] Vgl. dazu die Auseinandersetzungen in Raluca Rădulescu: Europäertum eines Inseldaseins. Identitäts- und Alteritätsbewusstsein im Werk Hans Bergels. Bukarest 2009.

[5] Vgl. George Herbert Mead: Selected Writings, hrsg. von A. J. Reck. Indianapolis 1964; Erik Erikson: Identity: Youth and Crisis. London 1968; ders.: Der vollständige Lebenszyklus. Frankfurt/M. 1988; Clifford Geertz: The Interpretation of Cultures. New York 1973; Frederik Barth: Ethnic Groups and Boundaries: The Social Organization of Culture Difference. Oslo 1969; Anthony P. Cohen: The Symbolic Construction of Community. London 1985; Henry Tajfel, John C. Turner: An integrative theory of intergroup behaviour. In: S. Worchel, W. G. Austin (Hgg.): Psychology of intergroup relations. Monterrey 1979; J. C. Turner: Redescovering the Social Group: A Self Comparison Theory. Oxford 1987; Peter Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt/M. 1987.

[6] George Herbert Mead: Mind, Self and Society, hrsg. von Charles W. Morris. Chicago 1934.

[7] Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 2. Frankfurt/M. 1987, S. 66.

[8] Ebenda.

[9] Ebenda, 91f.

[10] Wolf Wucherpfennig: Autobiographisches Schreiben und Identitätsarbeit. 10 Thesen. In: Michael Grote, Beatrice Sandberg (Hgg.): Autobiographisches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Bd. 3: Entwicklungen, Kontexte, Grenzgänge. München 2009, S. 272–279, hier: S. 272.

[11] Ansgar Nünning: Mimesis des Erzählens: Prolegomena zu einer Wirkungsästhetik, Typologie und Funktionsgeschichte des Aktes des Erzählens und der Metanarration. In: Jörg Helbig (Hg.): Erzählen und Erzähltheorie im zwanzigsten Jahrhundert. Festschrift für Wilhelm Füger. Heidelberg 2001, S. 13–48.

[12] Wolfgang Hallet: Plural identities: fictional autobiographies as templates of multitextual self-narration. In: Birgit Neumann, Ansgar Nünning, Bo Petterson (Hgg.): Narrative and Identity. Theoretical and Critical Analyses. Trier 2008, S. 37–52, hier: S. 41.

[13] Christine Wesselhöft: Erzählte Migration. Literarische und biographische Deutungsmuster im Einwanderungskontext (Quebec, 1983–2003). Frankfurt/M., London 2006, S. 55.

[14] Vgl. Wucherpfennig, S. 273.

[15] Aglaia Blioumi: Interkulturalität als Dynamik. Tübingen 2001, S. 89f., 95.

[16] Vgl. Norbert Mecklenburg: Das Mädchen aus der Fremde. Germanistik als interkulturelle Literaturwissenschaft. München 2008, S. 117, 112.

[17] Vgl. dazu Naika Foroutan, Isabel Schäfer: Projektbeschreibung »Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle« <http://www.heymat.hu-berlin.de>, 11.3.2015; Monique Scheer (Hg.): Bindestrich-Deutsche? Mehrfachzugehörigkeit und Beheimatungspraktiken im Alltag. Tübingen 2014.

[18] Monika Fludernik: Grenze und Grenzgänger: topologische Etuden. In: Monika Fludernik, Hans-Joachim Gehrke (Hgg.): Grenzgänger zwischen Kulturen. Würzburg 1999, S. 99–108.

[19] Mecklenburg: Das Mädchen aus der Fremde, S. 309.

[20] Ebenda.

[21] Roy Sommer, Carola Surkamp: Der Wandel der Perspektivenstruktur in der englischen Erzählliteratur vom Viktorianismus zur Moderne. In: Vera Nünning, Ansgar Nünning (Hgg.): Multiperspektivisches Erzählen. Zur Theorie und Geschichte der Perspektivenstruktur im englischen Roman des 18. bis 20. Jahrhunderts. Trier 2000, S. 199–224, hier: S. 209.

[22] Vgl. Vera Nünning, Ansgar Nünning: Multiperspektivität aus narratologischer Sicht. In: Multiperspektivisches Erzählen, S. 39–78, hier: S. 63.

[23] Vgl. Monika Fludernik: »When the Self is an Other«. Vergleichende erzähltheoretische und postkoloniale Überlegungen zur Identitäts(de)konstruktion in der (exil)indischen Gegenwartsliteratur. In: Anglia 117 (1999) H. 1, S. 72; zit. nach Sommer, Surkamp: Der Wandel der Perspektivenstruktur, S. 211.

[24] Siehe dazu Martin Hellström: Väterbilder im Wandel. Annäherungen an den Vater in (auto)biographischen Texten von Zoran Drvenkar, Peter Härtling und Lars Brandt. In: Grote, Sandberg (Hgg.): Autobiographisches Schreiben, S. 224–241, hier: S. 227.

[25] Beim Versuch, eine Gattungstypologie der literarischen Inszenierung von Interkulturalität aufzustellen, schlägt Roy Sommer (Fictions of Migration: Ein Beitrag zur Theorie und Gattungstypologie des zeitgenössischen interkulturellen Romans in Großbritannien. Trier 2001, S. 75) vier narrative Genres vor: 1. den Migrationsroman, 2. den multikulturellen Bildungsroman, 3. den revisionistischen historischen Roman und 4. den transkulturell-hybriden Roman. Beim ersten Typ rücken die Erfahrungen der Ausgewanderten in den Vordergrund, wobei auf den Prozess der Identitätsbildung in der Fremde, sei es Exil oder Diaspora, fokussiert wird, was auch für den zweiten Typus gilt. Im Falle der interkulturellen Geschichtsromane kommt den Auswirkungen kolonialer Vergangenheitsbestimmungen auf gegenwärtige Schicksale eine besondere Bedeutung zu. Die letzte Romangattung setzt sich mit der kulturellen Alterität insofern auseinander, als diese infolge der Vermischungsprozesse an Homogenität verliert und über ihre Fragmentierung nachgedacht wird.

[26] Nicol Ljubić: Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde. München 2006, S. 179.

[27] Ebenda, S. 192.

[28] Beatrice Sandberg: Schreibende Söhne. Neue Vaterbücher aus der Schweiz: Guido Bachmann, Christoph Keller, Urs Widmer und Martin R. Dean. In: Ulrich Breuer, Beatrice Sandberg (Hgg.): Grenzen der Identität und der Fiktionalität. München 2006, S. 156–171, hier: S. 156; Hellström: Väterbilder im Wandel, S. 224.

[29] Ljubić: Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde, S. 38.

[30] Rüdiger Rossig in: Die Tageszeitung vom 1.7.2006.

[31] Ljubić: Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde, S. 7.

[32] Marion Lühe: Geschichte einer gelungenen Integration. Nicol Ljubić: »Heimatroman oder Wie mein Vater Deutscher wurde«, <http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/buchtipp/507708/>, 29.1.2015.

[33] Ljubić: Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde, S. 68.

[34] Ebenda, S. 198.

[35] Klappentext in <http/www.perlentaucher.de/buch/24598.html>, 29.1.2015.

[36] Ljubić: Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde, S. 100f.

[37] Ebenda.

[38] Ebenda, S. 103.

[39] Ebenda, S. 96. Vgl. Aglaia Bioumi: Interkulturalität und Literatur. Interkulturelle Elemente in Sten Nadolnys Roman »Selim oder Die Gabe der Rede«. In: dies.: Migration und Interkulturalität in neueren literarischen Texten. München 2002, S. 28–40, hier: S. 31.

[40] Ljubić: Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde, S. 38f.

[41] 41 Ebenda, S. 25f.

[42] Ebenda, S. 49.

[43] Ebenda, S. 69.

[44] Ebenda, S. 85f.

[45] Ebenda, S. 79.

[46] Ebenda, S. 29.

[47] Ebenda, S. 32f.

[48] Ebenda, S. 34.

[49] Ebenda, S. 177.

[50] Ebenda, S. 43.

[51] Ebenda, S. 175.

[52] Ebenda, S. 191.

[53] Ebenda, S. 186.

[54] Ebenda, S. 193.

[55] Ebenda.

[56] Ebenda, S. 183.

[57] Ebenda.

[58] Ebenda, S. 159.

[59] Ebenda, S. 208.

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