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Erika Hammer: Monströse Ordnungen und die Poetik der Liminalität | Rezension

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Erika Hammer: Monströse Ordnungen und die Poetik der Liminalität. Terézia Moras Romantrilogie »Der einzige Mann auf dem Kontinent«, »Das Ungeheuer« und »Auf dem Seil«. Bielefeld: transcript Verlag 2020. 379 S.

Von Svetlana Arnaudova

Mit dem Roman Auf dem Seil (2019) hat Terézia Mora ihre Trilogie um die Figur von Darius Kopp zum Abschluss gebracht, die sie zehn Jahre zuvor mit der Niederschrift des Romans Der einzige Mann auf dem Kontinent begonnen hatte. Die Monografie von Erika Hammer ist eine tiefgreifende und umfangreiche Studie, in der Moras Trilogie unter den zentralen Aspekten des Monströsen und der Liminalität untersucht wird. Diese Kategorien verbinden in der Auffassung der Autorin auch Fragen nach Grenzziehung und Grenzüberschreitung, Ordnung und Norm, Inklusion und Exklusion sowie Probleme der Narration und Intermedialität.

Die so konturierten philosophischen und kulturtheoretischen Grundlagen und Zielsetzungen am Anfang der Studie sind jedoch im Vergleich zu den nachfolgenden Ausführungen bescheiden formuliert, denn Hammer bleibt nicht nur bei dem umrissenen Forschungsgegenstand, sondern erweitert jedes Kapitel um neue theoretische Ansätze, wobei sich interessante Verknüpfungen ergeben. Dies entspricht einem methodologischen Vorgehen, das zuerst ein abstraktes Schema erarbeitet und die eigentliche Textanalyse anschließt. So demonstriert die Autorin, wie unterschiedliche Ansätze unter einem Aspekt zusammengefasst werden können, doch diese Vorgehensweise hat auch eine Kehrseite, denn bei diesem Umfang von hochkomplexen theoretischen Thesen kommt die eigentliche Textanalyse an manchen Stellen fast zu kurz. Ebenso sind gewisse Wiederholungen nicht zu vermeiden.

Im ersten Kapitel betrachtet die Autorin die Konzeptualisierungen von Grenze als zentrale Analysekategorie. Damit hängen Hammer zufolge das Fremde als das Andere der jeweiligen Ordnung, laut Bernhard Waldenfels’ Fremdheitstheorien, und die Unterminierung von dichotomischen Denkstrukturen und festen Identitätskonzepten eng zusammen. Die Verfasserin unterstreicht den Setzungscharakter von Ordnung und Norm und formuliert als weiteres Forschungsziel die Erläuterung der unterschiedlichen Facetten des Begriffs Grenze auf inhaltlich-motivischer, narratologischer und medialer Ebene in Moras Trilogie.

Im zweiten theoretischen Kapitel erläutert Hammer die titelgebenden Begriffe ihrer Untersuchung: Liminalität und Monströsität. Sie bezieht sich auf anthropologische und ethnologische Konzepte von Victor Turner und auf die Studie über die Übergangsriten von Arnold van Gennep, um Stufen des Übergangs wie Bruch, Transformation und Reintegration in Turners Modell gesellschaftlicher Dynamiken zu erläutern. Die Etappe der Bewältigung, von Turner Liminalität genannt, in der Schwellenfiguren in einem Schwellenraum agieren und räumliche und zeitliche Übergänge stark ritualisiert sind, fordert das Forschungsinteresse der Verfasserin besonders heraus. Noch geeigneter für die Untersuchung von Übergängen in posttraditionalen Gesellschaften findet Hammer das weiter entwickelte Konzept der Liminalität des Soziologen Arpád Szakolczai, weil es ein transdisziplinäres Herangehen ermöglicht und erfolgreich auch bei literaturwissenschaftlichen Studien angewendet werden kann. Eng damit zusammen hängt die Figur des Monströsen, die Erika Hammer in Bezug auf Achim Geisenhanslüke, Rasmus Overthun und Michael Toggweiler als paradigmatische Schwellenfigur, als „das Monster des diffus Ungreifbaren“ (S. 28) beschreibt, das die Dekonstruktion und Abweichung von Verhaltensnormen und ästhetisch-kulturellen Konzepten beinhalten könnte.

Aus einer sprachkritischen und sprachreflexiven Perspektive befasst sich die Verfasserin im dritten Kapitel mit sprachlichen Monstrositäten, mit der Zerstörung fester Sprachstrukturen und mit der dadurch entstehenden semantischen Unschärfe, die für Sprachverwirrung sorgt und traditionelle Sprach- und Kulturcodes unterminiert. Hammer verzichtet auf eine biografische Lesart, die Moras Sprachsubversionen auf ihren Migrationshintergrund und auf interkulturelle Literatur zurückführt. In der Inszenierung von Multilingualität sieht die Verfasserin eine Ablehnung von Essentialisierung von Kultur, gleichzeitig demonstriere Mehrsprachigkeit die Performativität sprachlicher Äußerungen und damit die Dezentrierung des Subjekts. In diesem Sinne fungieren Hammer zufolge in Moras Texten die Figuren von Dolmetschern und Sprachlehrern als Personifizierungen von Schwelle und Liminalität, als „Inszenierung dessen, dass das Ich sich sprachlich entgleitet“ (S. 61).

Die nachfolgenden Kapitel befassen sich chronologisch mit den Romanen von Moras Trilogie, wobei der Analyse von Der einzige Mann auf dem Kontinent ein großer theoretischer Exkurs über Raum und „die Infiltrationen von Raum und Subjekt“ (S. 84) vorangestellt wird. Dabei fällt das Hauptaugenmerk auf Nicht-Orte „der Einsamkeit und der Entleerung der Individualität“ (S. 96) im Sinne von Marc Augé. Als Grund für die Entortung von Darius Kopp sieht Hammer auch die Loslösung von der Zeit, die eng mit den neuen Medien und daher mit neuen Berufen und Arbeitsweisen zusammenhängt. Die Verfasserin untersucht scharfsinnig Moras narrative Darstellungen von ökonomischen Themen, exemplifiziert durch das Arbeitsleben von Darius Kopp. Diesem Arbeitsmodus bescheinigt Hammer eine ständige Liminalität und Instabilität, verursacht durch postfordistische Anforderungen an das arbeitende Subjekt. Sie untersucht auch die Beziehungen zwischen Literatur und Wirtschaft und bescheinigt den Texten von Mora eine ökonomische Poetik, da sie „die ökonomische Kultur, deren Teil sie sind, exponieren, beeinflussen, verbreiten und kritisieren“ (S. 144). Hammer zufolge weisen neue ökonomische Phänomene enge Korrespondenzen zur Narration auf: Linearität sei von kaleidoskopischen Strukturen aufgelöst und tradierte literarische Formen seien von Grenzauflösung und liminalen Mustern geprägt.

Allen Teilen der Trilogie attestiert Erika Hammer ein Krisennarrativ. Besonders auffällig ist dies im Roman Das Ungeheuer, in dem Darius Kopp arbeitslos ist und um seine verstorbene Frau Flora trauert. Für Hammer bietet der Roman die offensichtlichsten Beispiele für Grenzüberschreitungen und für das dauerhafte Verbleiben in einem Schwellenzustand. Mit den Konzepten von Turner und Waldenfels deutet Hammer Phänomene der Reise als Übergang und als Begegnung mit dem Fremden, Figurationen der Gastlichkeit als Schwellenraum zwischen Gast und Gastgeber und bescheinigt Mora eine „viatorische“ (S. 170) Prosa. Besonders aufschlussreich sind Hammers Beobachtungen über Grenzbereiche wie Rausch, Traum und Wahn, die sie als zentrale Reflexionsfiguren des Romans bestimmt. Umfangreiche Teile der Studie sind der weiblichen Figur Flora gewidmet, deren Lebensgeschichte eine Erzählung des Schmerzes ist. Flora versucht, ihre Vergangenheit und Gegenwart durch Verschriftlichung, durch tagebuchartige Aufzeichnungen in elektronischen Dateien festzuhalten, wodurch dem Leser die Grenze zwischen dem Sagbaren und Unsagbaren des Erlebten vor Augen geführt wird. Gleichzeitig verwandelt sich der von Flora verfasste Text in ein Monster, da er Sprachordnungen zerstört und sich im Grenzenlosen auflöst. Hammer befasst sich auch mit den grafischen Besonderheiten des Romans und deutet die schwarze Linie, die die Textpassagen auf jeder Buchseite im Ungeheuer in ein Oben und Unten teilt (Flora ist dem unteren Bereich zugeordnet), als „metapoetische Selbstreflexion“ (S. 183) und als Verweis auf Textzugriffe aus dem Bereich der digitalen Medien. So liest Hammer Das Ungeheuer als eine Manifestation von Intermedialität, denn „es imitiert zwischen zwei Buchdeckeln und durch die Schrift elektromagnetische Lese- und Schreibsysteme“ (S. 264).

Floras Aufzeichnungen sind heterogen und chaotisch, Anfang und Ende sind austauschbar, was Hammer als Auflösung und Verzerrung von Ordnungen und Textmonstrosität liest. Dies geschieht auch durch unterschiedliche intertextuelle Verweise, unter denen dem Bezug auf László Némeths Roman Iszony [Ekel] und Marlen Haushofers Die Wand eine besondere Rolle zukommt: Hammer verweist auf die Strukturhomologie der Figurenkonstellationen in den Romanen von Németh und Mora, jedoch auch auf Kollisionen und Bedeutungsverschiebungen, die sich aus der Intertextualität ergeben. Zu einer Mehrfachkodierung und Unterminierung der Gattung Robinsonade kommt es im Ungeheuer bei der Lektüre von Die Wand, wobei sich „ein Doppel von Verweis und Destruktion in einem ergibt“ (S. 243).

In der Analyse des letzten Teils der Trilogie – Auf dem Seil – untersucht Hammer Konstellationen einer möglichen Normalisierung des Lebens des „ewigen Touristen“ Darius Kopp, die sich jedoch als trügerisch erweist: Kopp fühlt sich in Sizilien zu Hause und arbeitet in einer Pizzeria. Doch auch da lebt er „auf dem Seil“ über einem Abgrund: Der Ort befindet sich in der Nähe des Vulkans Ätna, der als Chiffre des Wandels und der Kontingenz gelesen wird. Auch im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen findet die Wiedereingliederung nicht statt: Familie und Verwandtschaft werden von Partnerschaften und unverbindlichen Bekanntschaften abgelöst. Zum Symbol der Unbehaustheit werden die Sofas, die nur ein wechselndes, unstetes Zuhause bieten.

Das letzte Kapitel, das ein ausführliches Fazit darstellt, befasst sich noch einmal mit dem triadischen Modell von van Gennep und Turner und ordnet die drei Romane den drei Phasen dieses Modells zu: Der einzige Mann auf dem Kontinent veranschaulicht eine scheinbare Ordnung, die durch die sich anbahnende Arbeitslosigkeit und den Tod Floras endgültig zerstört wird. Im Ungeheuer befindet sich Kopp in einem schmerzhaften Schwellenzustand, bevor es in Auf dem Seil zu einer vermeintlichen Wiedereingliederung kommt. Hammer betont jedoch, dass sich Mora nicht so sehr für die Übergänge im Leben interessiert, sondern „vielmehr für narrative Konzepte, die diese Übergänge modellieren“ (S. 333).

Hammers Monografie ist eine anspruchsvolle literaturwissenschaftliche Studie, die eine komplexe philosophische Grundlage mit feinsinnigen literarischen Textanalysen verbindet. Somit demonstriert sie par excellence die kulturwissenschaftliche Wende in der Germanistik und ist mit ihren fundierten Interpretationen des Liminalen und Monströsen auch anderen Forschern und Mora-Kennern zu empfehlen.

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 124–127.

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