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Nikolas Koch, Claudia Maria Riehl, Johanna Holzer, Nicole Weidinger: Migrationslinguistik | Rezension

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Nikolas Koch, Claudia Maria Riehl unter Mitarbeit von Johanna Holzer und Nicole Weidinger: Migrationslinguistik. Eine Einführung. Tübingen: narr francke attempto 2024. 324 S.

Die weltweite Migration ist seit geraumer Zeit eine hochaktuelle Frage, da wohl kein Tag vergeht, an dem das Wort in den Medien – geschrieben oder gesprochen – nicht auftauchen würde. Welche relevanten Aspekte und Auswirkungen, auch sprachliche Folgen so eine weltweite Bewegung haben kann, ist für jede Gesellschaft, auch für den einzelnen Menschen lehrreich, aktuell und gleichzeitig interessant.

Es ist ein großes Unterfangen des Autorenteams des DaF-Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität München (Nikolas Koch, Claudia Maria Riehl unter Mitarbeit von Johanna Holzer, Nicole Weidinger), denen allen eine hohe Anerkennung gebührt. Die Herausgeber und Herausgeberinnen sind mit den Themen und Fragen des vorliegenden Bandes bestens vertraut, sie alle sind ausgezeichnete Kenner und Forscher des Themas, das im Alltag aus sprachwissenschaftlicher Sicht immer mehr in den Vordergrund rückt. In dieser Rezension können nicht alle Kapitel in ihrer vollen Tiefe analysiert werden, vielmehr wird versucht, einen Überblick zu diesem umfassenden Thema zu geben und auf wichtige, auch für den Sprach- und Fremdsprachenunterricht relevante Fragen aufmerksam zu machen.

Der Band zur Migrationslinguistik schließt in der Fachliteratur eine große Lücke. Auf 324 Seiten, unterteilt in 14 große Kapitel, eine umfassende Literaturliste (S. 280–321) und ein Sachregister, werden viele relevante Aspekte der Migration beleuchtet und erörtert, die zur tieferen Einsicht und auf eine sehr lesefreundliche Weise zum besseren Verständnis des Themas beitragen.

Die Problematik umfasst eine ganze Reihe von Fragen interdisziplinären Charakters, somit auch die Sichtweise mehrerer Wissenschaftsbereiche, die nicht nur aus linguistischer Sicht relevant und hochinteressant sind. So können neben den linguistischen Teildisziplinen wie der Kontaktlinguistik, der Variationslinguistik, der Mehrsprachigkeitslinguistik und diversen Aspekten der Sozio- und Psycholinguistik auch pragmatische Aspekte eines situationsspezifischen kommunikativen Handelns von Sprecherinnen und Sprechern ins Blickfeld gerückt werden. Darüber hinaus werden Fragen der methodischen Vorgehensweise „des Spracherwerbs unter unterschiedlichsten Voraussetzungen, der Sprachgebrauch und Besonderheiten des mehrsprachigen Sprechens in verschiedenen Gemeinschaften, der Zusammenhang von Sprache und Identitätsentwicklung sowie deren Auswirkungen bzw. Beziehung zur Sprachpolitik und dadurch auch eine – mindestens für die Sprechergruppen der Migrationsbewegungen – neue Gestaltung des Bildungssystems“ (Vorwort) ins Blickfeld gerückt.

In der Einleitung (Kapitel 1) wird der soziohistorische Hintergrund und die Begründung des wissenschaftlichen Begriffs „Migrationslinguistik“ erläutert. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie in den letzten Jahrzehnten siedeln sich Menschen aus verschiedenen Ländern Europas als Arbeitskräfte in Deutschland an, was verständlicherweise zu einem Bevölkerungszuwachs geführt hat. So spricht man heutzutage auch in der Öffentlichkeit über eine Einwanderungsgesellschaft und über die damit eng verbundenen Integrationsprozesse.

Das Buch zieht empirische Methoden heran, die aus der Sozio- und Variationslinguistik, dem Spracherwerb sowie der Kontaktlinguistik bekannt sind. Ein großes Verdienst des Bandes ist, dass die Leser nicht nur ausführliche und klare Darstellungen zu konkreten Fragen der einzelnen Kapitel bekommen, sondern durch Übungsaufgaben (auch online mit Lösungsvorschlägen) zur Interaktion motiviert werden.

Kapitel 2 mit der Überschrift „Aspekte der Migrationslinguistik“ erläutert die wichtigsten Begriffe der Migration und der Mehrsprachigkeit, ergänzt durch Abbildungen und Tabellen bezüglich des aktuellen Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund und deren Altersstruktur in den einzelnen Bundesländern. Eine kurze Erörterung zu Typen der Migration präzisiert für den Leser jene Prozesse, die in den letzten Jahren in der Bundesrepublik entstanden sind. Als zentrales Thema des Buches werden hier die Begrifflichkeit der Mehrsprachigkeit, der Herkunftssprache, des Sprachkontaktes und der Sprachmodi erörtert. Das nächste Kapitel fokussiert die Formen mehrsprachiger Gesellschaften und geht auf die Gruppen der in Deutschland lebenden autochthonen und allochthonen Sprachminderheiten beziehungsweise auf deren gesetzlich verankerte Rechte ein. Kapitel 4 rückt die Frage nach dem Spracherwerb und der Migration in den Mittelpunkt und damit auch die nach der Bilingualität und den Strategien der mehrsprachigen Erziehung. Dabei liegt das Augenmerk auf den unterschiedlichen Erwerbsverläufen bilingualer Kinder. Hervorzuheben ist bereits hier, dass neben den sehr informativen Tabellen und Abbildungen auch viele authentische Sprachbeispiele das Verstehen der einzelnen sozio- und psycholinguistischen Begriffe unterstützen.

Das umfassende, psycholinguistisch ausgerichtete Kapitel 5 beschäftigt sich mit der detaillierten Erörterung der Theorien und Erklärungsansätze des mehrsprachigen Spracherwerbs. Im Laufe des Zweitspracherwerbs gibt es keinen einheitlichen Ansatz, vielmehr werden bei der Erforschung des Zweitspracherwerbsprozesses mehrere theoretische Ansätze, Komponenten, Prozesse und Faktoren herangezogen, die auch im Rahmen des Curriculums an Lehrerbildungsinstituten zusätzlich zu den Grundkenntnissen von angehenden Fremdsprachenlehrerinnen berücksichtigt werden müssten. Daran anknüpfend fokussiert Kapitel 6 auf die Frage des Erhalts und Verlustes von Mehrsprachigkeit in der Migrationsgesellschaft im Lichte der Beschreibung der einzelnen Sprechergenerationen unter Einbeziehung des „Sprachkapitalmodells“. (S. 115) Die folgenden Kapitel 7 und 8 stellen kontaktlinguistische Aspekte in den Vordergrund mit dem Fokus auf Migrationsgenerationen. Im Mittelpunkt stehen hier saliente Formen der Mehrsprachigkeit wie die vielseitigen Formen der Sprachmischungen, sehr plastisch dargestellt an zahlreichen Beispielen von unterschiedlichen Sprechergenerationen, Sprachmischungen, Code-Switching-Formen.

Unter der Überschrift „Mehrsprachige Rede: Sprachmischungsprozesse und ihre Funktionen“ widmet sich das achte Kapitel zentralen und aktuellen Fragen und Problemen des Sprachgebrauchs von zweisprachigen Menschen, insbesondere den Sprachkompensationsstrategien, zum Beispiel der lexical-gap-filling-strategy. Besonders lobenswert sind auch an dieser Stelle die schönen und aussagekräftigen Beispiele von Sprachmischungen unterschiedlicher Lebenssituationen und Generationen (vgl. S. 146‒158) und deren Analyse mit theoretischer Untermauerung. Dadurch wird es den Lesern erleichtert, die kontaktlinguistischen Mechanismen – die ja nicht funktionslos sind ‒ sowie die Rolle der Sprachmischungen dieser Sprechergruppen in einzelnen Lebenssituationen besser zu verstehen und zu deuten. Es werden folgende Kategorien differenziert: pragmatisch motiviertes/funktionales Code-Switching, konversationelles Code-Switching mit referentieller, direktiver, expressiver, phatischer und poetischer Funktion beziehungsweise CS als Identitätsmerkmal und schließlich das psycholinguistisch motivierte, nicht-funktionale Code-Switching. (vgl. S. 157‒161)

Zu einer vollständigen Sichtweise des Themas Migrationslinguistik gehören selbstverständlich auch die Aspekte, die durch den Einfluss der Migration auf die Herkunftssprache entstehen: So stehen im Zentrum des Kapitels 9 die Diasporavarietäten. Obwohl sich die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit in einer Migrantensituation von anderen Sprachkontaktsituationen (zum Beispiel Sprachinselminderheiten und mehrsprachiger Nationen; vgl. Riehl 2014) unterscheidet, können dennoch sehr ähnliche Sprachkontaktphänomene beobachtet werden. Hier werden drei große Diasporavarietäten, die im heutigen Deutschland etabliert sind, vorgestellt: Russisch als Herkunftssprache (S. 166‒172), Türkisch (S. 172‒178) sowie Italienisch (S. 178‒182). Diese werden anhand der Aspekte der Besonderheiten in der Lexik, Semantik, der Morphologie, der syntaktischen Konstruktionen beziehungsweise anhand pragmatischer Besonderheiten einzeln unter die Lupe genommen. Dieses Kapitel ist nicht nur für das in Deutschland tätige Lehrpersonal wichtig und aufschlussreich, sondern bietet auch allen DaF-Studierenden im Ausland einen aktuellen, umfassenden Überblick zur sprachlichen Gesamtsituation in der gegenwärtigen Bundesrepublik Deutschland.

Auch die umgekehrte Sichtweise ist relevant: Kapitel 10 betrachtet den Einfluss der Einwanderersprache auf die Aufnahmegesellschaft. Der Fokus liegt hier auf den sogenannten Kontaktvarietäten des Deutschen, zum Beispiel das Gastarbeiterdeutsch als Kontaktvarietät, ein Begriff, zu dem schon Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre Forschungen in Deutschland entstanden sind, wo uns der Begriff „Pidginsprache“ (mit den Stufen 1‒4) bereits bekannt ist (vgl. Klein und Dittmar 1979, Auer 1995, 2003).

Ab den 90er-Jahren richtete sich das Augenmerk der Soziolinguisten bereits auf aktuelle Probleme, die mit den heranwachsenden Generationen der Migrantinnen und Migranten zum Vorschein traten und mit den Begriffen „Ethnolekte“, „Multiethnolekte“, „Türkendeutsch“, „Kanaksprak“ bezeichnet wurden. (S. 190) Diese Kontaktvarietäten trugen Merkmale des ethnolektalen Sprechens, die teilweise kontaktinduziert sind und auch viele Reduktionsprozesse aufzeigten, aber auch von Sprecherinnen ohne Migrationshintergrund übernommen worden sind. In diesen Kontaktvarietäten erscheinen die bisherigen Normen in Auflösung, gleichzeitig sind eine hohe Toleranz verschiedener variativer Formen sowie Zeichen der Sprachökonomie zu beobachten (vereinfachte Formen komplexer Strukturen, Wegfall von Artikelwörtern etc.).

Johanna Holzer, die Kapitel 11 zeichnet, widmet sich dem interdisziplinären Thema der Sprache, der Biografie und der Frage der Identität im Migrationskontext. Sprache spielt als Identitätsfaktor einer Person eine unübersehbare wichtige Rolle: „Sprache als identitätsstiftender Faktor für hybride Identitäten erhält durch sprachbiographische Ansätze eine neue Bedeutung in der Sprachwissenschaft. Das postmoderne Verständnis von Sprachidentität wurde am Beispiel narrativer Konstruktionen in migrationsbedingten Sprachbiographien veranschaulicht“. (S. 217) Es geht um Fragen der „Selbstdarstellung und Selbstherstellung, der Selbst- und Fremdpositionierung in Interaktionen“ (S. 217), die einen Zugang zu einer sprachlichen Positionierung der Identität der Sprecher bieten können.

Die Kapitel 12 und 13 fokussieren auf die Repräsentation von Herkunftssprachen in der Aufnahmegesellschaft. Hier tauchen Fragen der Sprachpolitik und der Sprachplanung auf, Begriffe, die sich auf Spracherhalt und Sprachwechsel in einem Migrationsland auswirken: Aspekte der Mehrsprachigkeit in Webauftritten, die Sprachstatusplanung, die Sprach-Korpusplanung (Bemühung um eine Standardisierung einer Sprache und die Sprachnormierung), aber auch das Sprachprestige haben einen großen Einfluss darauf, in welchem Maße Sprachen in einem Land vertreten sind. Das Sprachmanagement (Dovalil 2002, Nekvapil 2009, 2012) untersucht die metasprachlichen Aktivitäten im Laufe des Sprachgebrauchs sowohl in der Interaktion als auch in gesellschaftlichen Institutionen (zum Beispiel Initiativen, Vorschläge des Bildungsministeriums über die obligatorischen Fremdsprachen im Schulwesen eines Landes). Es kann sich auch auf das Sprachverhalten in individuellen und gesellschaftlichen Interaktionen beziehen, zum Beispiel bei Individuen, Institutionen, Firmen, Kliniken.

Die Sichtbarmachung, die visuelle Darstellung von Sprache/Sprachen im öffentlichen Raum ist Forschungsziel im Linguistic Landscape-Ansatz: sichtbare Zeichen wie Ladenschilder, Plakate, Graffitis, Ortsschilder, Straßennamen weisen auf die Sprache/n, Kultur/en der Gegend hin.

Kapitel 13 und 14 von Nicole Weidinger lenken die Aufmerksamkeit auf sprach- und bildungspolitische Aspekte im Bildungserwerb und in der Bildungsbeteiligung von Lernenden in Deutschland. Als Fazit lässt sich festhalten, dass Kinder mit Migrationshintergrund „bei der Einschätzung ihrer sprachlichen Leistungen derzeit nur unzureichend berücksichtigt wurden, daher muss einem entwicklungsgeeigneten Verfahren der Sprachstandsermittlung und der Wirksamkeit von Sprachfördermaßnahmen höchste Priorität eingeräumt werden“. (S. 260) Kapitel 14 hebt weitere Fragen und Aufgaben hervor, in deren Mittelpunkt vor allem die schulische Bildung steht, „jedoch reicht es nicht aus, die Förderung auf den Deutschunterricht zu begrenzen. Stattdessen muss in allen Fächern sprachsensibel unterrichtet werden, damit der Zugang zu fachlichem Wissen ermöglicht wird. Ein wichtiges Konzept ist das der durchgängigen Sprachbildung. Diese sollte nicht einsprachig auf die Zielsprache Deutsch ausgerichtet sein, sondern die Herkunftssprachen miteinschließen“. (S. 277)

Als Motto für dieses aufschlussreiche Werk stehen einige Sätze aus dem Geleitwort: „Ein zentraler Baustein für die Integration ist Sprache. Sprache verbindet. Eine Folge von Migration ist, dass sich unser sprachlicher Alltag verändert. In vielen Familien werden mehrere Sprachen gesprochen. Diese Mehrsprachigkeit ist eine Ressource, die wir noch stärker unterstützen und wertschätzen müssen. Denn in der heutigen globalisierten Welt ist es notwendig, mehrere Sprachen zu verstehen und – noch besser – zu sprechen“. (S. 13) In diesem Sinne ist das vorliegende Buch auf dem Arbeitsmarkt für alle Berufsgruppen unentbehrlich, die im allgemeinen Bildungswesen, in der Auslandsgermanistik oder in der Deutschlehrerausbildung die genannten Sprachgruppen betreuen und sie in ihrem Integrationsprozess begleiten.

Elisabeth Knipf-Komlósi