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Delia Cotârlea: „orte / wo niemand grenzen ziehn kann“ | Rezension

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Delia Cotârlea: „orte / wo niemand grenzen ziehn kann“. Eine kulturwissenschaftliche Rumänienreise. Brașov: Editura Universității Transilvania 2020. 206 S.

Von Réka Jakabházi

Das vorliegende Buch von Delia Cotârlea umfasst die Ergebnisse ihrer kulturwissenschaftlichen Forschungen aus den letzten zehn Jahren zum Thema Raum, wobei der Schwerpunkt auf bedeutende Topografien in Rumänien und ihre literarische Darstellung gelegt wird.

Im einleitenden Kapitel bietet die Verfasserin einen umfassenden Überblick über Raumdiskurse im sozial- und literaturwissenschaftlichen Zusammenhang sowie über den spatial turn als transdisziplinären Paradigmenwechsel (basierend auf Edward Soja), wobei der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Raum“ bzw. dessen in den einzelnen Forschungsdisziplinen durchaus differenziertes Verständnis betont wird. Wichtige Entwicklungen der theoretischen Debatten werden dargestellt, wobei sowohl die konkrete als auch die abstrakte Dimension des Raumes in Betrachtung gezogen wird. Darauffolgend wird die historische Entwicklung der Raumkonzepte in zwei Disziplinen, der Physik und der Philosophie, unter die Lupe genommen; die Verfasserin nimmt sich vor, in großen Sprüngen die Vorstellungen über den Raum in unterschiedlichen Zeitepochen aufzuzeigen – beginnend mit der Antike (und den Raumkonzepten von Platon und Aristoteles) über die Renaissance und die Aufklärung (die Auffassungen von Raum und Zeit aus der Sicht von Giordano Bruno, Isaac Newton, Gottfried Wilhelm Leibniz sowie die idealistische Raumauffassung von Immanuel Kant) bis hin zu Albert Einsteins Relativitätstheorie.

Selbstverständlich würde eine umfassende Darstellung der Raumauffassungen und ihrer Entwicklung im Laufe der Geschichte den Rahmen des Buches sprengen, es wäre jedoch in diesem Unterkapitel wünschenswert gewesen, wenn – da eine historische Entwicklung des Raumkonzeptes vorgenommen wurde – auch andere Epochen und Aspekte, etwa das Mittelalter und sein christliches Raumverständnis oder die Raumauffassung von René Descartes, so wie sie in Über die Prinzipien der materiellen Dinge dargestellt wird, in die Analyse einbezogen worden wären.

Das nächste Kapitel widmet sich dem Raum als soziologische Kategorie; hier wird aufgezeigt, welche Bedeutungen Räumen durch die darin stattfindenden sozialen Beziehungen zugeschrieben werden können. Es wird auf wesentliche Raumkonzepte in der Soziologie eingegangen und untersucht, wie Raum in gesellschaftstheoretischen Entwürfen aufgefasst wird. Wie im vorangehenden Unterkapitel folgt die Untersuchung auch diesmal der chronologischen Entwicklung der Raumkonzepte, hier jedoch aus soziologischer Perspektive. Zunächst wird der Fokus auf die frühen Theorien von Émile Durkheim und Georg Simmel gerichtet, die in ihren Studien das Verhältnis von Gesellschaft und Raum als erste thematisieren. Weiterhin werden die Raumtheorien der Nachkriegszeit unter die Lupe genommen, als Raum zunehmend ins Zentrum der kulturwissenschaftlichen Untersuchungen und Debatten rückt. Das Konzept des sozialen Raums von Pierre Bourdieu, das Modell von der „Produktion des Raumes“ des Sozialtheoretikers Henri Lefebvre, Michel Foucaults raumtheoretische Überlegungen und seine „anderen Räume“ (Heterotopien) werden nachfolgend skizziert.

Als dritter Teil des einleitenden Kapitels folgt eine Übersicht über die Raumdarstellung als Untersuchungsgegenstand in der Literaturwissenschaft. Die Diskussion und Gegenüberstellung der Theorien von Jürgen Petersen, Gérard Genette, Matthias Martinez, Michael Scheffel sowie Jurij Lotman werden in diesem Teil der Studie thematisiert.

Die Verfasserin des Buches, die als Dozentin für Literatur- und Kulturwissenschaften an der Kronstädter (rum. Braşov) Transilvania-Universität tätig ist, hat durch die Skizze der theoretischen Grundlagen und Konzepte der Raumforschung im einleitenden Kapitel ein weiteres (wenn auch nicht genanntes Ziel) erreicht: Es bietet den Studierenden der Germanistik eine gute Einführung in die literaturwissenschaftliche Raumforschung. Die Auswahl der hier behandelten Raumkonzepte ist relevant, wäre jedoch durch die raumtheoretischen Überlegungen von Michail Bachtin, Michel de Certeau, Gilles Deleuze und Félix Guattari zu ergänzen gewesen.

Als Fazit der theoretischen Überlegungen wird betont, dass Raumforschung per se pluriperspektivisch und multidimensional erfolgen soll. Dieser Auffassung folgt der zweite Teil des Buches, in dem literarische Topografien in Rumänien anhand von exemplarischen Analysen diskutiert werden. Zunächst wird die „siebenbürgische Heimat“ und ihre räumliche und soziale Dimension am Beispiel rumäniendeutscher Dichtung thematisiert. Nach einer kurzen Darstellung der geschichtlichen Wende des Begriffes wird Heimat „nicht nur als soziologisches Konstrukt, sondern auch [als ein] individuelles und psychologisches“ (S. 68) verstanden, und diese Sichtweise wird in den nachfolgenden Untersuchungen durchgängig im Vordergrund stehen. Vor den eigentlichen Textanalysen folgt ein Abriss der siebenbürgischen Heimatkonstrukte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei der Frage nachgegangen wird, wann und unter welchen Umständen das Thema des Heimatverlustes innerhalb soziokultureller und literarischer Diskussionen an Bedeutung gewinnt. Der Fokus wird auf den sächsischen Königsboden gerichtet, der für die Siebenbürger Sachsen als Symbol für ein Gebiet des freien Menschen verstanden wird (S. 70) und der von bedeutenden Schriftstellern der Zeit (wie Erwin Wittstock) pathetisch beschworen wird. Die „fatalistische Verarbeitung der Heimatthematik“ (S. 81) durch Adolf Meschendörfer, Heinrich Zillich, Erwin Neustädter und andere wird mit Textbeispielen belegt.

Der Wandel des Heimatkonzeptes beziehungsweise der siebenbürgischen Heimatkonstrukte nach dem Zweiten Weltkrieg bildet den Schwerpunkt der nachfolgenden Untersuchungen. Die ausgewählten und zur Analyse herangezogenen Gedichte stammen von Lyrikern wie Franz Hodjak, Frieder Schuller, Dieter Schlesak, Anemone Latzina, Joachim Wittstock, Carmen Elisabeth Puchianu oder Hella Bara. Als Fazit der Untersuchung hält die Verfasserin fest, dass in der rumäniendeutschen Lyrik des 20. Jahrhunderts die Heimat „in ihrer sozialen Dimension weniger als Enge und Begrenzung, sondern meist als einer Bedrohung ausgesetzt empfunden“ wird (S. 92).

Im nächsten Kapitel wendet sich die Verfasserin der Bedeutung des Friedhofs als reale und literarische Topografie zu und nimmt sich vor, die Komplexität und Diversität dieses Ortes anhand realer und literarischer Topografien in Rumänien zu veranschaulichen. Zunächst wird der Friedhof in seiner historischen Entwicklung betrachtet und seine kultischen und gesellschaftlichen Funktionen werden thematisiert. Der Friedhof wird als Heterotopie im Foucaultschen Sinn, als anderer Ort, als reale Topografie, als wirklicher und wirksamer Ort betrachtet, dem zugleich eine eigene (symbolische) Bedeutung beigemessen wird. Bei der Untersuchung der Friedhöfe in Rumänien werden – wie anfangs erwähnt – folgende Kriterien als Analyseinstrumente herangezogen: Religion beziehungsweise Konfession, Heldentum, Armut, Berühmtheit und touristisches Potenzial. Behandelt werden Friedhöfe wie etwa der Bukarester (rum. Bucureşti) Bellu-Friedhof, der Kronstädter Innenstädtische Friedhof, der Hermannstädter (rum. Sibiu) Zentralfriedhof, der Schäßburger (rum. Sighişoara) Bergfriedhof, der Heitere Friedhof von Săpânța, der Friedhof des kosmopolischen Hafens Sulina. Der interkulturellen und interkonfessionellen Prägung dieser Begräbnisstätten wird dabei große Aufmerksamkeit gewidmet. Den Schwerpunkt dieses Kapitels bildet die Darstellung des Friedhofes in der Literatur, wobei zwei Erzählungen aus der rumäniendeutschen Literatur analysiert werden: Greisenmittag von Carmen Elisabeth Puchianu und Der Totengräber von Johann Lippet. Die feinfühligen Textanalysen stellen eine der Stärken der Untersuchung dar.

Orte des Amüsements wie Gasthöfe, Gaststätten und Cafés und ihre kulturhistorische Bedeutung bilden das Thema des nächsten Kapitels. Wie Friedhöfe sind auch diese Heterotopien, Räume, die „über das konkrete Bauen hinausgehen“ und eine „schwerwiegende Position im Netz der Platzierungen“ (S. 130) einnehmen. Sie werden zunächst als historische und soziale Räume behandelt, als reale und literarische Topografien zugleich. Analysiert werden Mateiu I. Caragiales Roman Die Vier vom Alten Hof und Patula lacht sowie Der Amselruf von Carmen Elisabeth Puchianu, in denen das Kronstädter Café Krone als Kulisse der Handlung eine wichtige Rolle spielt. Derselbe Ort wird auch im Gedicht Brașov, 2 martie 2011 [Kronstadt, 2. März 2011] von Andrei Bodiu heraufbeschworen, das ebenfalls behandelt wird.

Das letzte Kapitel widmet sich den Topografien der Kontraste am Beispiel der rumänischen Hauptstadt. Die Verfasserin betont die Disparitäten Bukarests, die „mal zwischen Orient und Okzident, mal zwischen Traditionalismus und Modernismus, mal zwischen kommunistischer Ideologie und bürgerlicher Dekadenz“ (S. 175) verortet waren. Nach der Skizzierung der topografisch-historischen Entwicklung der Stadt wird der Fokus auf das interkulturelle Bukarest und seine literarische Darstellung gerichtet: Christian Hallers Roman Die verschluckte Musik wird dabei zur Analyse herangezogen, in dem „Orient und Okzident, Gegenwart und Vergangenheit, individuelle und kollektive Geschichte“ (S. 192) aufeinandertreffen.

Bukarest als Stadt der Kontraste in den kommunistischen Zeiten ist Gegenstand der folgenden Untersuchung: Durch die Analyse der Trilogie Die Wissenden von Mircea Cărtărescu sowie des Prosatextes Tagebuch von Petru Popescu werden die Kontraste und Dissonanzen einer in der alltäglichen Routine erstarrten entmenschlichten Großstadt präsentiert.

Die Beschäftigung mit realen topografischen, historischen, kulturellen Orten und ihre literarische Darstellung setzt Ortskenntnis, Fachwissen sowie geübten und kritisch-reflexiven Umgang mit raumtheoretischen Ansätzen voraus. Durch ihre Studie beweist die Verfasserin all das und zudem Gewandtheit, stilistische Sorgfalt und sprachliche Prägnanz. Die besondere Stärke des Buches besteht in seinem vorbildlichen und systematischen interdisziplinären Forschungsvorgehen.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 114–116.

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