Benjamin Conrad u. a.: Parlamentarier der deutschen Minderheiten | Rezension

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Benjamin Conrad, Hans-Christian Maner, Jan Kusber (Hgg.): Parlamentarier der deutschen Minderheiten im Europa der Zwischenkriegszeit. (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Reihe Parlamente in Europa, Bd. 4.) Düsseldorf: Droste 2015. 286 S.

Von Judit Pál

Der vorliegende Sammelband geht von zwei Ansätzen aus: zum einen der vom 11. bis 13. April 2013 von der Universität Mainz veranstalteten Tagung, zum anderen der grundlegenden Arbeit von Mads Ole Balling,[1] die die Autoren beabsichtigten, mit Leben zu füllen. Die Analyse der parlamentarischen Vertretung der deutschen Minderheiten weist über das engere Thema hinaus, da in vielen Ländern Ostmittel- und Südosteuropas diese alten oder neuen deutschen Minderheitsgruppen in der Zwischenkriegszeit über parlamentarische Vertretung verfügten, die sich trotz der relativ geringen Anzahl (etwa 200 Personen) dazu eignet, sowohl die Möglichkeiten minderheitenpolitischer Praktiken zu untersuchen als auch eine komparative Analyse zu bieten. Von den Regionen, die über eine bedeutendere deutschsprachige Bevölkerung verfügten, blieb lediglich das Elsass ausgespart, und das trotz der Versuche der Herausgeber.

Die drei Herausgeber sind Osteuropa-Experten, die beim Zustandekommen des Bandes Mitarbeiter der Mainzer Gutenberg-Universität waren und sich gegenseitig auf glückliche Weise ergänzen: Den Forschungsschwerpunkt von Benjamin Conrad bilden Polen und die baltischen Staaten (vornehmlich Lettland),[2] von den beiden Mainzer Professoren beschäftigt sich Hans-Christian Maner in erster Linie mit Rumänien[3] sowie Galizien, der Grenzregion der einstigen Habsburgermonarchie, während Jan Kusber über das Russische Reich forscht. Der Großteil der Autoren hat sich ebenfalls mit dem Thema im engeren Sinn beschäftigt. Die Vielfalt des Bandes wurde schließlich von Forschungsschwerpunkt und Interessengebiet sowie von den lokalen Eigentümlichkeiten beeinflusst, da es Fälle gab, in denen die Deutschen eine zahlenmäßig kleine Minderheit bildeten oder wegen der Umstände nur einige Personen ins Parlament kamen (Dänemark, Italien, baltische Länder), anderswo hingegen die Gruppe recht groß war (Tschechoslowakei, Rumänien).

Von den beiden einleitenden Studien stammt eine von Marie-Luise Recker, die beim Erscheinen des Bandes Vorsitzende der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien war, in deren Schriftenreihe auch der vorliegende Band erschienen ist. Während ihre Studie die allgemeinen Tendenzen des Parlamentarismus im Europa der Zwischenkriegszeit darstellt, umreißt der Aufsatz von Hans-Christian Maner die Thematik des Bandes sowie die Rahmen des deutschen Politisierens. Indem er die Ergebnisse teilweise zusammenfasst, unterscheidet er drei taktische Grundverhaltensweisen in der politischen Tätigkeit der Minderheitenparlamentarier: eine defensiv-abwehrende, eine aktiv-aufbauende Taktik beziehungsweise die Anlehnung an Deutschland.

Die Aufsätze wurden von den Herausgebern nach geografischen Regionen gruppiert. Der erste Teil (Ostseeraum) umfasst vier Aufsätze. Martin Klatt stellt anhand der Laufbahn der beiden nordschleswigschen Abgeordneten, die die Deutschen im dänischen Parlament vertraten, auch dar, welche Probleme das Erscheinen der deutschen Minderheit nach dem Ersten Weltkrieg aufwarf, wie sich die Mehrheit zu ihnen verhielt und wie sie versuchten, sich zu organisieren, inwieweit die soziale Gliederung und die Nationalitätsbindung sie prägte und nicht zuletzt, welche Rolle dabei Deutschland spielte. Obwohl die anfänglichen Bedingungen sich für die Integration günstig erwiesen, wurde die Machtübernahme der NSDAP auch für die deutsche Minderheit in Dänemark fatal.

In den baltischen Staaten war die Lage der deutschen Minderheiten nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls verhältnismäßig günstig. Die Eigentümlichkeit der Lage ergab sich aus der ständisch orientierten deutschen Oberschicht, die infolge der Agrarreformen ihr vormaliges Gewicht verlor, sowie den russischen imperialen Traditionen und der Anwesenheit einer bedeutenden russischen Minderheit. Die Studie des 2013 verstorbenen Konrad Maier analysiert den komplexen Prozess, im Laufe dessen die Deutschen in Estland von der privilegierten Oberschicht zur nationalen Minderheit wurden, wobei die alten politischen Prägungen und Praktiken teilweise weiterlebten. Die Studie von Svetlana Bogojavlenska beleuchtet anhand der deutschen und russischen Abgeordneten in Lettland sehr gut, von wie vielen Faktoren die Minderheitenpolitik abhing und was für bedeutende Unterschiede es auch zwischen den einzelnen Minderheiten innerhalb eines Landes geben konnte, die die Zusammenarbeit erschwerten. Hektoras Vitkus stellt dar, wie das Bild der Deutschen, die kulturellen Stereotypen der Litauer über die Deutschen die minderheitliche Politisierung beeinflussten.

Der folgende Abschnitt, der sich mit Ostmitteleuropa auseinandersetzt, beginnt mit einer sehr interessanten Analyse aus der Feder von Benjamin Conrad über die Mehrsprachigkeit der Parlamente. Abgesehen von der kurzen Übergangszeit nach dem Ersten Weltkrieg (1918−1920) wurde nur in zwei Ländern, der Tschechoslowakei und Lettland, der Gebrauch mehrerer Sprachen gestattet, ähnlich dem Wiener Reichsrat sowie den tschechischen und mährischen Landtagen vor 1918. Obwohl das tschechoslowakische wie auch das lettische Parlament in dieser Hinsicht Vorbildcharakter hatten, waren die verwendeten Sprachen keineswegs gleichrangig, mehr noch, in Lettland wurde parallel zur internationalen Konsolidierung des Landes der Gebrauch der Minderheitensprachen eingeschränkt. Conrad stellt dar, in welchem Kontext die Minderheitensprachen gebraucht werden durften, und gelangt zu der Schlussfolgerung, dass die Mehrsprachigkeit wahrscheinlich die Integration der Minderheiten förderte und dazu beitrug, dass in der Region in diesen beiden Ländern der Parlamentarismus und die demokratische Ordnung langfristig erhalten blieben.

Die folgenden beiden Studien beschäftigen sich ebenfalls mit der Tschechoslowakei, untersuchen aber zwei kleinere Gruppen. Jaroslav Šebek analysiert die katholischen Deutschen in der Tschechoslowakei mit besonderer Berücksichtigung der Loyalitätsfrage. Die Katholiken wurden zwar im neuen Staat recht feindselig behandelt, doch versuchten sie mit den tschechischen Politikern zusammenzuarbeiten, um ihre Interessen durchzusetzen. Juliane Brandt untersucht die deutschen Vertreter aus der Slowakei. In der Zwischenkriegszeit konnte weder auf gesamtstaatlicher noch auf der Ebene der Slowakeideutschen ein übergreifendes Identitätskonzept entstehen, so dass wegen der starken regionalen Spaltung divergierende Gruppeninteressen von verschiedenen Parteien vertreten wurden. Brandt geht aufgrund der lokalen deutschen Periodika auch darauf ein, wie die Slowakeideutschen die Rolle des Parlamentes sowie die Tätigkeit ihrer Abgeordneten beurteilten.

Norbert Spannenberger zeigt anhand der Ungarndeutschen auf, wie sich der Rahmen für Minderheitenpolitik in einem sich homogenisierenden Nationalstaat immer mehr verengte. Der Fall Ungarn ist auch deshalb interessant, weil Ungarn infolge der Friedensschlüsse nicht nur zwei Drittel seines Territoriums verlor, sondern etwa ein Drittel der ethnischen Ungarn in den Stand von Minderheiten gelangte, so dass der ungarische Staat einerseits auch diese berücksichtigen musste, andererseits wollten sie in der Hoffnung der Revision die anderen Minderheiten, die auf dem ehemaligen Staatsgebiet lebten, nicht abschrecken. Trotz alledem versuchten, abgesehen von dem kurzfristigen demokratischen Experiment nach dem Krieg, die ungarischen Regierungen das Trauma mit einer sich intensivierenden Nationalisierungspolitik zu kompensieren. Die Darstellung der Laufbahn Jakob Bleyers, einer der Führungsgestalten der ungarländischen Deutschen, ist sehr lehrreich. Er wurde von einem Nationalitätenminister zu einem der Regierung loyalen Abgeordneten. Als seine politische Laufbahn sich als Sackgasse erwies, radikalisierte er sich und erwartete von Nazideutschland Hilfe. Nach seinem Tod 1933 wurde die von ihm eröffnete Linie verstärkt und 1938 entstand mit der Hilfe Deutschlands der Volksbund der Deutschen in Ungarn. Der Autor stellt sehr gut dar, wie in gewissen Situationen eine Minderheit sowohl für das Vater- als auch für das Mutterland unbequem wird. Der Aufsatz Spannenbergers weicht durch seinen leidenschaftlichen Ton und die Verwendung des Binnennarrativs der deutschen Minderheit von der Gesamtheit des Bandes ab. In der Darstellung der Zustände vor 1918 beruft sich der Autor mehr auf die über hundertjährige Arbeit von Robert William Seton-Watson als auf die neue Fachliteratur. Der Großteil der Parteien im Zeitalter des Dualismus funktionierte als Wahlpartei, zwischen den Wahlen war nur die Gruppe um die Parlamentsfraktion aktiv (S. 184). Bezüglich der Wahlkreise zeigt die neueste Forschung von József Pap,[4] dass am Anfang des 20. Jahrhunderts der Anteil der Ungarn in 52,3 und nicht in 75 Prozent der Wahlkreise 50 Prozent überstieg (S. 184).

Der dritte Teil ist den Ländern Süd- und Südosteuropas gewidmet. Es ist zwar verständlich, warum die Herausgeber diese geografische Gruppierung der Aufsätze gewählt haben, doch kommen auf diese Weise die Minderheiten, die 1918 zu einem Land gehörten, in gesonderte Blöcke. Vasile Ciobanu will die rumäniendeutschen Abgeordneten auf der Ebene des politischen Diskurses analysieren. In seiner Studie bietet er eine skizzenhafte Zusammenfassung über die Abgeordneten sowie über bedeutendere Themen, die von diesen diskutiert wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg bereiteten die verschiedenartigen regionalen Traditionen nicht nur der rumänischen politischen Elite Kopfzerbrechen, sondern auch der deutschen Minderheit, da sie vorher in vier verschiedenen Ländern gelebt hatten. Ähnlich wie in der Slowakei misslang auch hier die Durchsetzung einer umfassenden Identitätskonzeption anstelle der regionalen Identitäten. Gerald Volkmer versucht unter anderem die regionalen Unterschiede zu greifen und analysiert den regionalen, sozioprofessionellen und politischen Hintergrund der deutschen Abgeordneten aus Siebenbürgen und dem Banat. Die gut organisierten und schon vor 1918 über ernsthafte parlamentarische Erfahrung verfügenden Siebenbürger Sachsen waren deutlich erfolgreicher als die etwas zahlreicheren Banater und hielten die Leitung der deutschen Parlamentsfraktion in fester Hand. Die Traditionen des dualistischen Zeitalters weiterführend, schlossen sie Wahlabkommen mit den Regierungsparteien, wodurch sie zwar angesichts ihrer zahlenmäßigen Proportion wenige, jedoch wesentlich mehr Abgeordnete im Parlament hatten als die zahlenmäßig stärkeren Ungarn.

Zoran Janjetovič führt uns ins Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Die Lage erinnerte in vielem an Rumänien, sowohl in Bezug auf die Vielfalt der deutschen Minderheit als auch auf die Hauptprobleme, nur dass es hier keine den Sachsen vergleichbare dominante Gruppe gab. Im Parlament hatten die Abgeordneten der deutschen Minderheit kein Gewicht, so dass die mit der Regierung geführten vertraulichen Gespräche sich als wirksamer erwiesen, ohne allerdings allzu viel erreichen zu können. Hans Heiss stellt die kurze Geschichte der Dachorganisation der Südtiroler Deutschen, des Deutschen Verbands, dar, da 1929 in Italien politische Parteien verboten wurden. Benahmen sich anfangs so, „als wären sie nicht Teil des nationalen Parlaments, sondern die politische Delegation einer auswärtigen, nicht zu Italien gehörigen Nation“ (S. 268), versuchten sie später zu kooperieren, obwohl die italienische politische Elite, deren Ziel der Aufbau des einheitlichen homogenen Nationalstaates war, dafür nicht empfänglich war. Das Scheitern versuchten sie durch internationale Zusammenarbeit zu kompensieren.

Schließlich fasst Jan Kusber in seinem Syntheseaufsatz einerseits die Ergebnisse zusammen und zeigt andererseits weitere Forschungsperspektiven auf. Dazu zählt Kusber die Vorerfahrungen der Parlamentarier vor dem Ersten Weltkrieg, die Frage der Parteienfinanzierung, den Antikommunismus als integrierende Kraft, die gegenseitige Wahrnehmung, die „Praktiken der Auseinandersetzungen“, die Identitätsbildungen und damit verbunden die Frage: „welche Rolle spielte der aufsteigende Nationalsozialismus […] so etwas zu formieren wie ein einheitliches Auslandsdeutschtum?“ (S. 283). Die Lektüre des Bandes kann den Leser überzeugen, dass es selbst bei diesem scheinbar sehr gründlich erschlossenen Thema noch sehr vieles zu erforschen gibt. Auch die anfänglichen Zweifel, dass die einzelnen Studien das Thema nicht nach einheitlichen Kriterien behandeln, haben sich als unbegründet erwiesen, weil es dem Band nicht zum Nachteil gereicht, mehr noch, es signalisiert die Vielfalt der Forschungsstandpunkte und -methoden.

Die neuen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Lage von Millionen von einem Tag auf den anderen verändert, ein Teil erfuhr die traumatisierende Minderheitensituation, aber in großen Teilen der Region erfuhr auch die Mehrheitsbevölkerung Ungewissheit, Angst und Instabilität. Obwohl die Aufsätze die verschiedenartigen Kontexte beleuchten, in denen die Vertreter der deutschen Minderheiten politisch tätig waren, zeichnen sich trotzdem gewisse gemeinsame Züge und allgemeine Tendenzen ab. Was Ersteres anbelangt, gibt es Unterschiede zwischen den Deutschen, die erst nach dem Ersten Weltkrieg in eine Minderheitensituation gelangten, und jenen, die auch vorher in Diasporasituation gelebt hatten – Letztere konnten sich verständlicherweise reibungsloser in die neuen Staaten integrieren. Andererseits lassen sich auch bedeutende regionale Unterschiede feststellen; und drittens haben offenbar auch die politischen Einrichtungen, die wirtschaftlich-sozialen Zustände, die ethnische Zusammensetzung des Landes die Lage der Minderheiten geprägt. Es wäre gerade deshalb wünschenswert gewesen, der Darstellung der Lage vor 1918 einen größeren Raum zu gewähren. Es entsteht ein sehr interessantes Bild, wenn wir verfolgen, wie entlang der neu gezeichneten Grenzen neue Identitätskonzeptionen erscheinen und wie sich diese zu den vorherigen staatlichen/regionalen Identitäten verhalten, wie an mehreren Orten die Minderheitspolitiker nach dem Vorbild der einheitlichen Nationalstaaten versuchen, eine einheitliche Minderheit zu konstruieren, und – obwohl darauf nur einige der Studien hinweisen – wie Deutschland zu diesem Homogenisierungsvorgang beitrug.

Als Teil der allgemeinen Demokratisierungstendenzen kam es in den meisten dargestellten Ländern zu umfassenden Agrarreformen, die aber in vielen Fällen (im Band haben wir Hinweise darauf im Falle von Estland und Rumänien) auch gegen die vorher dominierende Positionen innehabenden Minderheiten – in unserem Fall die Deutschen – gerichtet waren, so dass während der Parlamentsdebatte über die Agrarreform alte Ressentiments an die Oberfläche traten. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass weder die schon vorhandenen noch die nach 1918 entstandenen Staaten – hier bildet die Tschechoslowakei eine gewisse Ausnahme − ernsthaft daran dachten, die vielerorts 1918 versprochene Nationalitätenautonomie einzuhalten. Sie betrachteten die internationalen Minderheitenschutzverträge als eine Last, die ihnen aufgezwungen wurde und die ihre Souveränität einschränkte, wobei die meisten der besprochenen Staaten trotz des multiethnischen Charakters sich als Nationalstaaten definierten und die innerhalb ihrer Grenzen lebenden Minderheiten nicht als gleichberechtigt betrachteten. Gleichzeitig rückte die Frage der Loyalität gegenüber den neuen Staaten in den Mittelpunkt, da vornehmlich gegen die Gruppen, die wider ihren Willen in Minderheitssituationen gelangten, häufig der Vorwurf der Illoyalität erhoben wurde. Als trauriges und richtiges Fazit können Konrad Maiers Betrachtungen über die Verabschiedung des estnischen Kulturautonomiegesetzes (1925) betrachtet werden: „Es ist anzunehmen, dass nicht Überzeugungen von der Notwendigkeit eines nationalen Ausgleichs und vor der Gewährung kultureller Autonomie als wesentlicher Bestandteil positiver Minderheitenpolitik […] ausschlaggebend waren, sondern die Erkenntnis, dass nationale oder politische Minderheiten für den Fortbestand der Republik ein Gefahrpotenzial darstellen können.“ (S. 73). Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gelang es den Abgeordneten der Minderheiten nicht, integrale Teile des politischen Lebens der jeweiligen Länder zu werden, sondern sie waren infolge ihrer marginalen Situation eher „hilflose Marionetten im Spiel der politisch Mächtigen des Landes geworden“ (S. 77). Die Abgeordneten der Minderheiten konnten − falls überhaupt − meist durch informelle Beziehungen und Abmachungen etwas erreichen. Die Lage wurde vor allem nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933 kompliziert. Die deutschen Minderheitsgruppen wurden zu Spielbällen der aggressiven deutschen Außenpolitik, was schließlich zu ihrer Auflösung führte, entweder weil man sie noch während des Krieges umsiedelte oder aber, weil sie nach dem Krieg als Sündenböcke für alle Grauen des Nationalsozialismus herhalten mussten.

Angesichts des interessanten und lehrreichen Bandes können wir nur bedauern, dass das Komparative nicht genug betont wurde, obwohl dessen Potenzial in mehreren Studien aufscheint. Andererseits bereichern die vorliegenden Studien nicht nur die Geschichte des Parlamentarismus der Zwischenkriegszeit, sondern beleuchten auch solche Themen wie Loyalität, Identitätsbildung und Regionalismus. Dadurch entsteht ein komplexes Bild Europas zwischen den beiden Weltkriegen. Der Band versucht gleichzeitig, die traditionellen Stereotypen der Minderheitenforschung wie das Binnennarrativ der Minderheit wie auch die Befangenheit der Mehrheitshistoriografien der Region zu überwinden. Somit können wir Jan Kusber, einem der Herausgeber des Bandes, zustimmen, dass dieser auch zeige, „wie weit sich die Forschung entwickelt und europäisiert hat“ (S. 282).

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2020), Jg. 15, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 125–130.

 

[1] Mads Ole Balling: Von Reval bis Bukarest: Statistisch-biographisches Handbuch der Parlamentarier der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1919−1945. Kopenhagen 1991.

[2] Der Band zu diesem Thema erschien ein Jahr später: Benjamin Conrad: Loyalitäten, Identitäten und Interessen. Deutsche Parlamentarier im Lettland und Polen der Zwischenkriegszeit. Mainz, Göttingen 2016.

[3] Hans-Christian Maner hat sich früher ebenfalls mit der Geschichte des Parlamentarismus befasst: Parlamentarismus in Rumänien (1930−1940). Demokratie im autoritären Umfeld. München 1997.

[4] József Pap: Kísérlet a magyarországi választókerületek huszadik század eleji etnikai karakterének meghatározására [Versuch zur Bestimmung des ethnischen Charakters der ungarländischen Wahlbezirke am Anfang des 20. Jahrhunderts]. In: idem: Tanulmányok a dualizmus kori magyar parlamentarizmus történetéből [Studien zur Geschichte des ungarischen Parlamentarismus zur Zeit des Dualismus]. Budapest 2014, S. 150.

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