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Mit leidvoll sonnigem Gemüt

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Peter Motzan ist 75 geworden

Von Georg Aescht

Er wird mir mit Nachdruck auf die beiden Schreibfinger klopfen (es sind immer noch lediglich zwei wie einst in Klausenburg). Das hoffe ich. Gerade drum nehme ich mir heraus, Wirklichkeit und Literatur in eins zu setzen und eine Dichterin zu zitieren, die den Unterschied auch nicht besonders hochgehalten hat (Zeilenbrechung und Schreibung sind ebenso willkürlich wie heilsam verstörend): „… und außerdem war d / er blonde Peter gestern bei dir und hat ge / sagt er will eine anthologie machen auch du / sollst ihm gedichte schicken die ER AUCH v / eröffentlichen KANN die mußt du aber erst machen also schreib dem blonden Peter ein g / edicht übers ALTWERDEN das ist doch ein the / ma“

Nein, das ist jetzt kein Thema, denn der „blonde Peter“, den Anemone Latzina 1974 imaginiert, hat das Altwerden hinter sich gelassen und ist in die Literatur eingegangen. Ihr Gedicht 13. Juli 1974 aber beschwört eine Gestalt, die in Wirklichkeit über alle Alter und schließlich Grenzen hinweg die Literaturbewegten im Rumänien seiner- und im deutschsprachigen Raum dieser Zeit vor Augen hatten und haben. Es stimmt, er war blond, vor allem aber stimmt, er hat Anthologien gemacht. Dass ich hier die Vergangenheitsform gebrauche, wird er mir nachsehen, aber hoffentlich auch bald wieder heimzahlen, wie es im Buche steht.

Dieser Peter Motzan hat die deutschsprachige Literatur Rumäniens in Büchern gefasst, die aufzuzählen sich qua Internet mittlerweile erübrigt. Getrieben hat ihn dabei ein berechtigtes Selbstbewusstsein, das er 1980 in der Kronstädter (rum. Brașov) Karpatenrundschau so bescheiden wie rundheraus bekennt:

Und warum sollte ich verschweigen, daß ich nun mal die Ambition hatte, nicht mehr über Bücher, sondern über eine ganze Literatur, mag sie auch noch so klein sein, zu schreiben. Wenn ich sehe, wie manche Kollegen in feuilletonistischer Manier durch die Jahrhunderte und durch die Literaturen schreiten, schüttelt mich immer das Staunen.

Aus dem Staunen ist er nie herausgekommen und hat das Beste daraus gemacht. Diese „ganze Literatur“ war und ist sein Gegenstand. Der Nestor und Schiedsrichter dessen, was er „Regionalliga“ zu nennen pflegt, geboren vor 75 Jahren in Hermannstadt (rum. Sibiu), der Klausenburger Hochschullehrer und Marburger Honorarprofessor für Neuere Deutsche Literatur, er hat stets den Überblick über diese „ganze Literatur“ behalten – zum Neidwesen der Kollegen und Schüler, die es ihm gern nachgetan hätten und nachtäten; einen kenne ich aus eigener Erfahrung. Selbst der rumänische Sozialismus mit seinen Verkrustungen und Verheerungen der 70er- und 80er-Jahre hat ihm die Lust an Texten nicht vergällt; er hat stets seine Freude gehabt an allem, was ihn freute oder auch nicht; vor allem aber hat er diese mitgeteilt.

Peter Motzan ist nicht nur ein Freund der Literatur, er ist ein Freund aller, die damit zu tun haben, und er macht keine Unterschiede, ob sie ihm nun mehr oder weniger behagen, ob sie ihm näher oder ferner sind. Dieser Gelehrte (das Wort sei einem oft und freundschaftlich belehrten Schüler gestattet) ist ein literarischer Demokrat. Er ist der Herausgeber eines Kurzprosabandes von Hans Liebhardt und einer Schulausgabe von Texten Rainer Maria Rilkes. Er hat in Klausenburg (rum. Cluj-Napoca) 1968 die Studentenzeitschrift Echinox aus der Taufe gehoben, und er hat sich 35 Jahre (Äonen!) später mit Stefan Sienerth der Fron unterzogen, den Kronstädter Schriftstellerprozess von 1959 in einem wuchtigen Band zu dokumentieren. Er hat rumäniendeutsche Prosa und Lyrik mit kritischer Empathie begleitet und sie mit missionarischem Fleiß in den deutschen Sprachraum hineinanthologiert.

„Dem Drang zur Polemik wurde nicht stattgegeben.“ So steht es in seiner 1980 im Klausenburger Dacia Verlag gedruckten Dissertation Die rumäniendeutsche Lyrik nach 1945. Problemaufriß und historischer Überblick. Objektivität ist das oberste Gebot, nie verboten hat er sich hingegen die manchmal schelmische Anspielung, den subtilen Hinweis. So winkt er etwa 1984 den Lesern seiner „DDR“-Anthologie Der Herbst stöbert in den Blättern nach einem magistralen Aufriss der Entstehungsbedingungen deutscher Lyrik in der „SSR“ zu (und hier soll endlich der Meister selbst in seinem verbalen Glanz zu Wort kommen!):

Im Gedicht wird die erklärliche Unsicherheit im Umgang mit dem verfügbaren und vorgefundenen Sprachmaterial am leichtesten überwunden, manchmal allerdings auch kaschiert. Auf dem Gebiet der lyrischen Praxis kommt überdies die durch Mehrsprachigkeit geschärfte Sensibilität der Schreibenden der Textkonstitution zugute. Es ist bezeichnend, daß die neuere deutschsprachige Lyrik Rumäniens ihr Verhältnis zur Sprache intensiv und einfallsreich reflektiert. Die Produktivität der Dichter ist schließlich auch darauf zurückzuführen, daß die Publikationsmöglichkeiten für ‚kurze‘ Genres günstig sind, daß Gedichteschreiben zu einem rapideren Einstieg in die Literaturgesellschaft verhilft und daß Lyrik eine komprimierte und eigenwillige Form des öffentlichen Mitspracherechts darstellt oder zumindest dessen Illusion nährt.

Illusionen genährt hat er nie, ausgehungert hat er sie mit germanistischer Strenge, allerdings stets mit einem leidlich, nicht selten leidvoll sonnigen Gemüt, das er auch seinen oft bissigen – um nicht zu sagen: verbissenen – Gefährten mitzuteilen suchte. Wohlgelungen ist ihm das, wie eingangs zu lesen war, bei der Gefährtin Anemone Latzina. Aber auch Franz Hodjak hat gleichsam naturgemäß seinen, nun ja, anthologischen Haarschopf 1978 zur leuchtenden Metapher erhoben. „du liegst im fenster, wartest auf den blonden / Peter oder auf irgendein anders wunder, das in gestalt / des postboten ausbleibt.“

Weder Anemone Latzina noch Peter Motzan oder Franz Hodjak haben jemals auf Wunder gewartet (sie bleiben ja auch dauernd in irgendwelchen Gestalten aus), und neben letzteren „legen“ wollen wir uns mitnichten, aber allesamt wollen wir in dem Fenster warten, das uns der blonde Peter aufgestoßen hat, damit wir den Überblick behalten, Ausblick halten und frische Luft atmen.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 225–227.

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