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Schlojme Bickel: Rumänien | Rezension

Schlojme Bickel: Rumänien. Geschichte, Literaturkritik, Erinnerungen. Aus dem Jiddischen von Martin Wiesche. Herausgegeben und kommentiert von Gaëlle Fisher und Francisca Solomon. Göttingen: Vienna University Press 2025. 457 S.

Dieses Buch erschien 1961 in den USA in jiddischer Sprache und in Israel in den 1970er-Jahren auf Hebräisch. Die Übersetzung von Bickels 395 Seiten ist eine Fundgrube für Historiker und Literaturwissenschaftler. Im Mittelpunkt stehen Personen, die in der Zwischenkriegszeit in Großrumänien jiddische Literatur publizierten oder Theaterstücke inszenierten. Der 1896 in Galizien geborene Bickel lebte von 1918 bis 1922 in Czernowitz (rum. Cernăuţi) und danach in Bukarest. 1939 zog er zusammen mit seiner Familie nach New York. Dort schrieb er zehn Bücher über jiddische Autoren sowie viele Artikel. Er war Präsident des jiddischen PEN-Zentrums und im Vorstand des Institute for Jewish Research.

Seine Erinnerungen sind besonders wertvoll, weil durch den Holocaust nur wenige Träger der jiddischen Kultur Großrumäniens überlebten und daher über sie wenig bekannt ist. Bickel gehörte zu der kleinen Organisation der Poale-Zionisten (Arbeiter Zions), die in Rumänien außer jiddischer Kulturarbeit auch die Ausbildung von Jugendlichen für ein Leben in Palästina unterstützten. In Rumänien arbeitete Bickel als Rechtsanwalt und hatte daher auch Einblick in das Ausmaß der politischen Verfolgung von Linken besonders im Nordosten Großrumäniens, der an die Sowjetunion grenzte.

Das Buch ist keine systematische Analyse der jiddischen Kultur Großrumäniens, sondern eine Sammlung von Essays. Es besteht aus drei Teilen und 37 Kapiteln. Im I. Teil Kampf für jüdische Rechte skizziert Bickel, warum die Mehrheit der Juden in Altrumänien erst mit der Verfassung von 1923 eingebürgert wurde. Durch die Verdoppelung von Rumäniens Staatsterritorium kamen 1918 die Juden der angeschlossenen Gebiete hinzu, die bereits gleichberechtigt waren: in der Bukowina und Siebenbürgen seit 1867 und in Bessarabien seit der russischen Februarrevolution von 1917. Bickel beschreibt, wie sich Adolphe Stern im Bukarester Parlament vor und nach 1918 für die vielen staatenlosen Juden einsetzte. Bereits 1924 verloren viele erneut ihre Bürgerrechte trotz der Proteste von jüdischen Organisationen aus dem Ausland. Bickel hörte Parlamentsreden von Stern sowie seinem Nachfolger Wilhelm Filderman zu. Er schreibt, dass die rumänischen Politiker Filderman achteten, weil der Juden wie sie nur als Konfessionsgruppe und nicht als Minderheit betrachtete. Er forderte nach 1918 keine kulturelle Autonomie wie die jüdischen Abgeordneten der neuen Provinzen, sondern befürwortete die Assimilation der Juden. Während in Altrumänien viele Juden Rumänisch sprachen, hatten die aus der Bukowina bis 1918 zumeist deutsche Schulen und die aus Siebenbürgen ungarische Schulen besucht. Dort gab es Widerstand, als in Großrumänien das staatliche Bildungswesen rumänisiert wurde. Bickel schildert, wie er 1922 mit dem doppelt so alten sozialdemokratischen Abgeordneten Jakob Pistiner zehn Stunden lang mit der Bahn von Czernowitz nach Bukarest fuhr. Beide wirkten im Jiddischen Kulturverein und dort hatte Bickel wie die Poale-Zionisten staatliche Unterstützung für jiddische Volksschulen gefordert. Dagegen vertrat Pistiner die Ansicht, die Eltern sollten über die Schulsprache entscheiden. Pistiner starb 1930 mit 58 Jahren und später sah Bickel, wie viele Leute Kerzen auf dessen Grab stellten. Voller Dankbarkeit erzählte ihm dort eine ältere Jüdin, dass Pistiner ihren Sohn aus den Fängen der Sicherheitspolizei Siguranţa gerettet habe.

In einem Kapitel schildert Bickel die politischen Initiativen von Chaim Kraft. Dieser Lehrer gehörte zur ersten Generation von Poale-Zion – diese Organisation verfolgte die Sicherheitspolizei nach 1921 besonders stark. Die von ihr organisierten drei Tagungen der Kulturföderation unterstützten besonders Juden aus Bessarabien und der Bukowina. Aufgrund der Grenze zur Sowjetunion waren diese Regionen bis 1928 unter Kriegsrecht. Die Polizei hielt die jugendlichen Unterstützer der Kulturföderation für prosowjetisch, da dort auch Angehörige der in Rumänien seit 1924 verbotenen Kommunistischen Partei wirkten.

Im II. Teil mit dem Titel Auf der jiddischen gaß (Substantive werden im Jiddischen klein geschrieben) schildert Bickel die Entstehung des jiddischen Volkstheaters seit Ende des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen. Die Grundlagen dafür hatte Abraham Goldfaden 1876 in Jassy (rum. Iaşi) mit einer Sängergruppe gelegt. In Czernowitz organisierte der Lehrer Elieser Steinbarg in den 1920er-Jahren ein jiddisches Kindertheater. Im Kinderchor sang Joseph Schmid, der später durch Musikfilme berühmt wurde und trotzdem mit 38 Jahren auf der Flucht vor den Nazis verarmt starb. Weniger bekannt ist der vor allem in Bukarest wirkende Schriftsteller Barbu Lǎzǎreanu, der als Linker 1907 aus Rumänien ausgewiesen wurde und erst im Alter in der kommunistischen Ära Mitglied der Rumänischen Akademie wurde. Es werden auch die Rechtsanwälte Solomon Rosenthal, Filip Chefner und andere vorgestellt, die sich für die Rechte der Juden einsetzten.

Im III. Teil Jiddisches Schaffen stellt Bickel die vielfältigen kulturellen Initiativen von Juden in mehreren Landesteilen vor. Er skizziert die Tätigkeit der Toynbeen-Hallen in Czernowitz und Jassy, wo Vorträge über Literatur und Religion gehalten wurden. Sehr ausführlich beschreibt er Treffen mit Elieser Steinbarg sowie den Inhalt von dessen Fabeln. Ein weiteres Kapitel widmet Bickel seinem ehemaligen Mitstreiter Jankew (Jakob) Sternberg, der wie Steinbarg und Mojsche Altman im bessarabischen Lipkany (rum. Lipcani) geboren wurde. 1915 entzog sich Sternberg dem Militärdienst in der russischen Armee und veranstaltete mit anderen in Bukarester Kneipen jiddische Theaterabende. Er wirkte im Umfeld der Sozialistischen Partei bei der Zeitung Der veker. Zusammen mit Jankew Botoșanski aus Chilia verfasste er 1917/1918 jiddische Kleinkunststücke.

Der ebenfalls 1890 in Lipkany geborene Mojsche Altman schrieb wie Sternberg Artikel für den Kulturteil der Zeitung Di woch, bis die antisemitische Regierung von Octavian Goga 1938 alle jiddischen Publikationen verbot. Da Juden im kulturellen Bereich nur noch wenige Wirkungsmöglichkeiten hatten, zogen Sternberg and Altman im Sommer 1940 nach Chisinau (rum. Chișinǎu), als Bessarabien Teil der Sowjetunion wurde. Beim Vorstoß der rumänischen Armee an der Seite der Wehrmacht im Sommer 1941 flohen beide aus Bessarabien ins Innere der Sowjetunion. Dort konnten sie nur bis 1948 wirken, dann begann Stalin im Zuge des Kalten Krieges viele jüdische Intellektuelle wegen ihrer Auslandskontakte als Spione zu verfolgen. Sternberg and Altman waren bis 1955 in Arbeitslagern und konnten danach nur wenig publizieren.

Ein Kapitel ist dem 1901 in Czernowitz geborenen Dichter und Schriftsteller Itzig Manger gewidmet. Zuerst war er nur in den jiddischen Kreisen der Bukowina und Bessarabiens bekannt, doch 1928 bei einer Sprachkonferenz bekam er Kontakt zu Autoren aus Polen. Dort publizierte er seine ersten Bücher, seit 1939 wirkte er in Paris sowie später in den USA und Israel. Manger wie auch andere Autoren wurden von Schmuel Abe Sojfer gefördert. Dieser Lehrer gab verschiedene jiddische Publikationen heraus, am längsten erschien zwischen 1929 und 1937 die Wochenzeitung Tshernovitser bleter. Die Goga-Regierung verbot sie 1938, da war gerade die 300. Ausgabe erschienen. Sojfer wirkte in Czernowitz auch in der Genossenschaftsbank, die Unterstützung vom American Jewish Joint Distribution Committee erhielt. Im Sommer 1941 floh Sojfer aus der Bukowina und wurde zusammen mit seiner Ehefrau und Tochter von deutschen Soldaten erschossen. Unter den vielen von Sojfer geförderten Autoren war auch der aus Wyschenka (rum. Vijnicioara) stammende Josef Burg. 1939 hatte er sein erstes Buch publiziert, 1941 floh er nach Usbekistan. Er konnte erst ab 1961 in der Zeitschrift Sowjetish heymland publizieren. Mehrere der erwähnten Autoren wurden mehrmals verfolgt wie Motl Sakzier, der aus Bessarabien stammte und bis 1936 in Bukarest wirkte. Dann zog er nach Moskau und wurde dort verhaftet. Doch 1940 konnte er im sowjetischen Belzy (rum. Bǎlţi) ein jiddisches Theater aufbauen. Die Theaterleute wurden 1941 nach Usbekistan evakuiert und Sakzier kehrte 1944 nach Bessarabien zurück. 1949 wurde er im Zuge von Stalins Verfolgung der Leiter des Jüdischen Antifaschistischen Komitees zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Nach der Rehabilitierung 1955 wirkte er wieder in Chisinau und wanderte 1972 nach Israel aus. Durch diese Einschnitte in seinem Schaffen wurden nur wenige Werke gedruckt. Viele jiddische Autoren aus Nordsiebenbürgen, das 1940 ein Teil von Ungarn wurde, ermordeten Deutsche in Auschwitz nach ihrer Deportation 1944. Bei einigen wie Herzl Apschan handelte es sich um Chassiden, die Geschichten über die Juden in der Maramuresch in orthodoxen Zeitungen publiziert hatten. Bickel hat viele der erwähnten Autoren persönlich kennengelernt. Er fand in Bibliotheken und Archiven in den USA nur wenige der jiddischen Publikationen aus Großrumänien. Er versuchte von Verwandten der Autoren Informationen zu erhalten: Zum Beispiel kontaktierte er den Sohn von Herzl Apschan, um zu erfahren, wann dessen Vater zu schreiben begonnen hatte.

Auf diese Weise entsteht ein sehr lebendiges Bild der jiddisch schreibenden Autoren, von denen viele bisher nur wenigen Fachleuten bekannt waren. Der Übersetzer des umfangreichen Buches war schwer krank und ist 2022 verstorben. Die Herausgeber ergänzten mit vielen Fußnoten die biografischen Daten und in der Bibliografie werden sämtliche Publikationen der genannten Autoren aufgeführt. Es gibt auch einen Überblick über die jiddischen Zeitschriften und im Glossar werden jiddische sowie hebräische Begriffe erklärt. Durch die Einleitung und die Erläuterungen ist es dem Leser möglich, die ganze Breite des Schaffens der jiddisch schreibenden Autoren kennenzulernen.

Mariana Hausleitner