Silke Pasewalck: Shared Heritage – gemeinsames Erbe. Kulturelle Interferenzräume im östlichen Europa als Sujet der Gegenwartsliteratur (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Bd. 88). Berlin: De Gruyter Oldenbourg 2023. 312 S.
Der von Silke Pasewalck (unter Mitarbeit von Jan V. König) herausgegebene Sammelband widmet sich Erinnerungen und Erfahrungen in ehemals deutsch geprägten Regionen Polens und Ostmitteleuropas. Am Beispiel politisch erzwungener Bevölkerungstransfers beleuchten die Beiträge Formen multidirektionalen Erinnerns, in denen unterschiedliche Gewalterfahrungen sowie die Perspektiven nachgeborener Generationen in literarischen Texten verarbeitet werden.
Ausgangspunkt der Untersuchungen sind zum einen das Shared Heritage-Konzept in der Kunstgeschichte und Denkmalpflege, zum anderen dessen Übertragung auf literaturwissenschaftliche Fragestellungen. In Anlehnung an Ansätze wie Postmemory (Marianne Hirsch) und multidirektionale Erinnerung (Michael Rothberg) wird Erinnerung über den nationalen Rahmen hinaus als transnationaler Prozess aufgefasst. In ihrer Rolle als Verarbeitungsmedium verwandelt die Literatur individuelle und kollektive Geschichte in einen multiperspektivischen Diskurs und übernimmt dabei eine Brückenfunktion, die nationale Barrieren unterläuft und so den Weg für ein gemeinsames kulturelles Erbe ebnet.
Konzeptionell liegt dem Band eine dreiteilige Gliederung zugrunde: I. Kulturelle Interferenzräume als Orte des Shared Heritage, II. Das Verhältnis zum geteilten Erbe in literarischen Texten der Gegenwart und III. Zur Poetologie literarischer Shared Heritage-Texte – am Beispiel der Regionen Böhmen/Mähren, Schlesien und Galizien, Siebenbürgen/Banat sowie Kärnten.
Das erste Themenfeld umfasst vier Aufsätze, die thematisch auf Polen fokussieren. Im ersten Beitrag untersucht Katarzyna Śliwińskadas Potenzial des Unheimlichenin der polnischen Gegenwartsliteratur und analysiert, wie die materiellen Hinterlassenschaften der Deutschen die neuen polnischen Bewohner prägen. Anhand von Texten von Karolina Kuszyk, Tomasz Różycki, Stefan Chwin und Olga Tokarczuk zeigt die Verfasserin, wie sich Fremdes und Eigenes im Zuge der polnischen Westverschiebung neu konfigurieren. Dabei wird die ambivalente und vom „Unheimlichen“ geprägte Beziehung zu den Überresten deutscher Kultur in Polen offenkundig.
Hans-Christian Trepte widmet seinen Aufsatz der literarischen Spurensuche im östlichen Europa und fragt nach der Existenz und Bedeutung von Mittel- bzw. Zentraleuropa. In Treptes Beitrag wird der Begriff Zentraleuropa als Kulturraum mit komplexer Geschichte und spezifischen Verhaltens- und Denkweisen betrachtet und die Suche nach der Mitte Europas eng mit Aspekten der historischen, kulturellen, literarischen und identitären Zu- und Einordnung verknüpft. Anhand literarischer Texte von Michal Hvorecký und Jaroslav Rudiš (Tahiti Utopia und Winterbergs letzte Reise) werden die vielschichtige Geschichte Zentraleuropas und die damit einhergehende Identitätsproblematik offenkundig. Nicht zuletzt betont Trepte das Potential der Gegenwartsliteratur, die Herausforderungen des Nationalismus und Populismus in Europa kritisch zu beleuchten.
Sabine Kyora beschäftigt sich mit der Konstruktion kultureller Interferenzräume als Shared Heritage in den Romanen von Lena Gorelik, Katja Petrowskaja und Saša Stanišić. Zunächst wird das Konzept des Shared Heritage als Entstehung kultureller Interferenzen und Interferenzräume in Abhängigkeit von historischen Ereignissen, Zeit, Raum sowie Herkunft betrachtet. Mithilfe von Michel Serres Netzwerkstrukturen werden somit die dezentralen Wissensformen in den untersuchten Romanen greifbar. Die Verfasserin verweist in diesem Zusammenhang auch auf das Rhizom-Modell von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Darüber hinaus greift Kyora auf Aleida Assmann und Pierre Nora zurück und erfasst Räume als Speicher kultureller Erinnerung und historischer Konflikte. Dabei wird geschlussfolgert, dass in den literarischen Beispielen gerade die Anerkennung und das Verständnis von Interferenzen Voraussetzungen für die Schaffung eines gemeinsamen Erbes sind.
Im abschließenden Beitrag dieses Themenkreises untersucht Joanna Jabłkowska Deutsch-polnische Interferenzräume und die Entropie nationaler Kultur. Die Verfasserin verortet den Begriff der Interferenz historisch und verknüpft ihn mit dem Generationswechsel nach 1990. Anschließend wird aufgezeigt, wie die polnische Literatur nach 2000 oft Unsicherheiten thematisiert und die einheitliche nationale Identität hinterfragt (in Anlehnung an das postkoloniale Deutungskonzept), um die Perspektiven sowohl der Opfer als auch der Besatzer zu beleuchten. Es werden Werke von Joanna Bator, Paweł Huelle und Szczepan Twardoch herangezogen, um aufzuzeigen, dass sich in der Identitätssuche der Figuren kein einheitliches Narrativ bestimmen lässt.
Der zweite Themenkreis des Sammelbandes bündelt Schwerpunkte um das Verhältnis zum geteilten Erbe in literarischen Texten der Gegenwart. Gudrun Heidemann untersucht kollektives Gedächtnis anhand von Texten von Olga Tokarczuk, Tomasz Różycki und Agata Bara. Traumata und Lücken in der Familiengeschichte, fiktionalisierte Erinnerungen, Thematisierung von Vergänglichkeit und Erinnerung durch materielle Objekte bilden einige der gemeinsamen Schwerpunkte der analysierten Werke. Außerdem wird der Umgang mit Erbe und Erinnerung medien- und gattungsübergreifend – von Literatur bis Comic – untersucht und aufgezeigt, dass insbesondere fragmentarische Erzählweisen zur Reflexion transnationaler und historischer Dimensionen beitragen.
Weiterhin thematisiert Alina Molisak das jüdische Erbe Mittel- und Osteuropas in der polnischen Literatur, indem verschiedene Phasen der Auseinandersetzung mit dem jüdischen Erbe herausgearbeitet werden. Molisak geht auf drei Aspekte ein: die Schwarze Strömung in dem Verständnis der Auseinandersetzung mit unbequemen Themen, die Unterhaltungsliteratur, in der stereotype Darstellungen der jüdischen Kultur feststellbar sind, und die inklusive Herangehensweise, die auf die polnisch-jüdischen Kontaktzonen fokussiert. Dabei verweist die Verfasserin auf entsprechende literarische Beispiele von Szczepan Twardoch, Monika Sznajderman, Maciej Zaremba-Bielawski, Mikołaj Łoziński und Olga Tokarczuk.
Einen Perspektivenwechsel vollzieht Silke Pasewalck durch ihren Beitrag Adoptierte Vorfahren. Adoption als Beweggrund und Sujet bei Gusel Jachina und Olga Tokarczuk. Pasewalck geht von Marianne Hirschs Theorie der Nach-Erinnerung aus und veranschaulicht am Beispiel des Romans Wolgakinder der russischen Autorin Gusel Jachinadie Wirkung des von Gewalt und Trauma geprägten Erbes der Wolgadeutschen. Weiterhin wird der Roman Die Jakobsbücher von Olga Tokarczuk im postmemorialen Licht gelesen, um die jüdische Geschichte in Polen und die Auswirkungen des Verschwindens dieser Kultur nachzuzeichnen. Wie Pasewalck zeigt, wirken kulturelles Erbe und Vergangenheit in der Gegenwart fort.
Im Aufsatz von Eszter Propszt richtet sich der Blick auf die ungarische Geschichte, indem das Motiv des Erbes in Zsuzsa Bánks Schlafen werden wir später mit Juri Lotman als Bestand an Codes und Bedeutungen verstanden wird. Der Beitrag veranschaulicht, wie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu einem besseren Selbstverständnis führen kann, indem über eigene Erbschaften und deren Bedeutung reflektiert wird. Darüber hinaus wird die Bedeutung des Ortes der Verdoppelung nach Lotman – bei Propszt ein Ort der Teilung des Erbes – hervorgehoben.
Sabine Egger schließt den zweiten Themenkreis mit einer Auseinandersetzung über europäische Erinnerungsräume, in der der Tanz als performativer Akt in Anlehnung an Derrida und de Certeau sowie im Zusammenhang mit Astrid Erlls Konzept der travelling memory gedeutet wird. Egger betrachtet den Tanz in Katja Petrowskajas Roman Vielleicht Esther als Möglichkeit, Erinnerungen zu konstruieren und zu transformieren. Weiterhin werden Konflikte um koloniales Erbe und Identität im Nordirland der 1970er-Jahre in Anna Burnsʼ Milkman untersucht, indem der Tanz als Metapher für transgressive und dekonstruktive Bewegungen fungiert und zugleich als Akt der Rebellion und des Ausdrucks von Identität verstanden wird.
Im dritten Teil des Bandes wird der Fokus auf weitere Regionen des östlichen Europas gerichtet. Anne Hultsch untersucht in ihrem Aufsatz Nordböhmen als gemeinsamer deutsch-tschechischer Erzählraum literarische Verbindungen in Texten tschechischer und deutscher Autoren, indem gegenseitige Einflüsse und gemeinsame kulturelle Elemente des zeitlichen und räumlichen Erbes Nordböhmens aufgezeigt werden. Der Begriff Erzählraum, immateriell und imaginär in Hultschs Auffassung, entsteht durch Erzählen und umfasst sowohl gegenwärtige als auch vergangene Elemente. In Texten von Radek Fridrich, Martin Fibiger, Václav Vokolek, Jörg Bernig, Veronika Bentová werden der transkulturelle Dialog und das Konzept des geteilten Erbes untersucht.
Jan V. König setzt sich in seinem Aufsatz Figuren des Dritten in der tschechischen Gegenwartsliteratur als Figurationen des Shared Heritage mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg am Beispiel tschechischer Gegenwartsliteratur auseinander. Der Autor stellt fest, dass Figuren mit multiplen Identitäten auftreten und binäre Strukturen auflösen, sodass sie als Figuren des Dritten betrachtet werden. In den Werken von Raťka Denemarková, Jan Štifter, Kateřina Tučková werden die Komplexität der tschechisch-deutschen Beziehungen und die damit verbundenen Herausforderungen der Erinnerungskultur in Tschechien sichtbar.
Aleksandra Burdziej beschäftigt sich in ihrer Untersuchung mit Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem östlichen Europa. Um die Erinnerungsdiskurse der Leiderfahrung in der deutschen Gegenwartsliteratur nachzuzeichnen, werden Werke von Sabrina Janesch (Katzenberge, 2010) und Ulrike Draesner (Sieben Sprünge vom Rand der Welt, 2014) analysiert, um die transgenerationale und transnationale Auffassung von Erbe zu beleuchten. In diesem Zusammenhang wird veranschaulicht, wie aus geteilten und gebrochenen Erinnerungen ein gemeinsames Narrativ hervorgehen kann. Daher versteht Burdziej die Texte als Beispiele für die Überwindung getrennter Erinnerungen, indem Literatur als diskursive Brücke zwischen deutschen und polnischen Perspektiven fungiert.
Erik Schilling analysiert in seinem Beitrag Multiperspektivität und subjektive Zeitwahrnehmung in Ulrike Draesners Sieben Sprünge vom Rand der Welt mit Blick auf Flucht und Vertreibung aus und nach Schlesien 1945. Anhand einer deutschen und polnischen Familie wird veranschaulicht, wie durch vielfältige Figurenperspektiven ein biografischer Interferenzraum entsteht, in dem individuelles und kollektives Gedächtnis sowie multiple Geschichtsversionen sichtbar werden. Unter Rückgriff auf Hans Ulrich Gumbrechts Konzept der breiten Gegenwart und Aleida Assmanns Überlegungen zur Kulturalisierung der Zeit deutet Schilling den Roman als komplexe, nicht-lineare Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerung.
Michaela Nowotnick befasst sich in ihrem Aufsatz mit der rumäniendeutschen Auswanderung am Beispiel zeitgenössischer deutschsprachiger Prosaliteratur. Die Autorin wählt für ihre Analyse Nadine Schneiders Roman Drei Kilometer und Thomas Perles Erzählung Wir gingen weil alle gingen, in denen der Exodus und die damit verbundene Identitätskrise thematisiert werden. Anhand der Hauptfiguren wird verdeutlicht, dass Raum multikulturell erlebt wird, sowohl mit Zugehörigkeit als auch Entfremdung betrachtet wird. Durch die Untersuchung wird deutlich, dass die Frage nach dem Erhalt des gemeinsamen Erbes in beiden Werken unterschiedlich behandelt wird. Denn während Schneiders Figuren nicht Teil eines gemeinsamen ethnisch-kulturellen Erbes sind, erkennt Perles Ich-Erzählerin diese Interferenzräume sehr wohl, doch die Unsicherheit bezüglich des zukünftigen Umgangs mit diesem Erbe – sowohl der Fortgegangenen als auch der Verbliebenen – bleibt in der fiktionalen Geschichte offen.
Csongor Lőrincz untersucht in seinem Beitrag die Werke Ádám Bodors im Kontext ostmitteleuropäischer Geschichte und Kultur, wobei die Latenz des kulturellen Erbes im Mittelpunkt steht. Mithilfe geopoetischer Ansätze versteht Lőrincz literarische Räume als in unterschiedlichen Semiosphären eingebettet und veranschaulicht, wie sich Geschichte, Landschaft und kulturelles Gedächtnis überlagern. Das ostmitteleuropäische Erbe erscheint dabei als durch gewaltsame Brüche und Prozesse des Vergessens geprägt und gewinnt eine gespenstische, heterogene Qualität. Am Beispiel des Romans Verhovina madarai [Die Vögel von Verhovina] zeigt der Verfasser, dass Sprache als fremd oder/und deterritorialisiert erscheint und der Roman als narrative Allegorie von (Un-)Übersetzbarkeit und existenzieller Endzeitstimmung gelesen werden kann.
Der Band schließt mit Jacqueline Gutjahrs Analyse von Maja Haderlaps karantanien, das sie als raumbezogene Erinnerungsperformance im Grenzraum zwischen Österreich und Slowenien liest. Der Gedichtzyklus entfaltet eine poetische Erinnerungsinszenierung, die vom mythisch überhöhten Karantanien bis zu den Kärntner Slowenen und der historischen wie gegenwärtigen Sprachenproblematik reicht. Unter Rückgriff auf die Konzepte Gedächtnis in der Literatur und Literatur als Medium des Gedächtnisses (Erll/Nünning) untersucht Gutjahr Erzählstruktur, Sprache, Identitätskonstruktion und Intertextualität. Sie zeigt, wie karantanien im Sinne eines doing memory kollektives Gedächtnis und Identitäten (re)konstruiert und zugleich das Potenzial geteilten Erbes sichtbar macht, nationale Narrative zu hinterfragen und grenzüberschreitendes Verständnis zu fördern.
Abschließend kann der Band treffend mit einigen Versen des rumäniendeutschen Dichters Franz Hodjak beschrieben werden: „noch gibt es orte / wo niemand grenzen ziehen kann“[1]. Im komplexen Zusammenhang des geteilten Erbes in den besprochenen Regionen erweist sich die Literatur als ein Raum der Reflexion, der in Erinnerungsdiskursen eine zentrale Brückenfunktion übernimmt: denn die Literatur schafft einen offenen Denk- und Erfahrungsraum, in dem differierende Erinnerungen, Machtdiskurse und etablierte Narrative ausgehandelt werden: „so zieh ich ins wort / soviel spielraum brauche ich“[2].
Delia Cotârlea
[1] Hodjak, Franz: so setz ich das wort. In: Neue Literatur 22 (1971), H. 9, S. 15.
[2] Ebd.