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Weiter so – William Totok zum siebzigsten Geburtstag

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Von Ernest Wichner

 

Ich halt sie noch

Die Fahne und denk

Sie nutzt mir

Wenns mich friert

 

Eines der kürzesten Gedichte von William Totok ist und bleibt eines der gültigsten und stimmigsten dieses Autors bis auf den heutigen Tag. Es mag vielfach interpretierbar sein, uns einen Toren vorführen, der sich in seiner pathosgrundierten Schlichtheit an einer Fahne festhält, es mag den ideologisch oder von seiner Mission überzeugten Bannerträger vorstellen, der sich im Falle des Scheiterns meint, Trost zusprechen zu können, es mag diese Figur bis in den Opportunismus hineintreiben, und es mag den Autor dieser vier kurzen Zeilen treffend charakterisieren. Wie das?

Indem es uns einen mittlerweile siebzigjährigen Autor von Gedichten, zeitgeschichtlichen Büchern, journalistischen Arbeiten und Interventionen, Zeitschriftenherausgeber und akribischen Rechercheur in den Archiven mit den Hinterlassenschaften der verbrecherischen Parteien und Geheimdienste in den Blick rückt, der offenbar irgendwann im Gymnasiastenalter beschlossen hat, sich auf die ihn umgebenden Verhältnisse im kommunistischen Rumänien der frühen Ceaușescu-Jahre studierend und intervenierend einzulassen. Wie einige seiner Generationsgefährten und Freunde von der Aktionsgruppe Banat an Selbst- und Welterkenntnis interessiert, ebenso kritisch wie begeisterungsfähig, bewegt vom großen Projekt der Selbstaufklärung (die natürlich in gesellschaftliche Aufklärung und die Humanisierung der Politik wie der sozialen Verhältnisse münden sollte) und beschwingt vom Zusammenklang von Rock und Pop und Ideologiekritik hat dieser junge William Totok (1951 in Groß-Komlosch, rum. Comloșu Mare, im rumänischen Banat geboren) als kaum Zwanzigjähriger eine Fahne ergriffen und bis heute nicht losgelassen. Jene, auf deren Tuch nicht goldgelb Hammer und Sichel prangten, sondern Worte wie Selbstbestimmung, Freiheit, Bildung, Emanzipation und Humanität aufschienen. Und wenn ich ihn einmal oder zweimal im Jahr treffe, wir als altgewordene ehemalige Rebellen an einem Kaffeehaustisch sitzen – mit Vorliebe im Freien, wo Willy wie eh und je seine Selbstgedrehten in Zigarettenspitzen aus Weidenholz rauchen kann –, stellt sich ganz schnell dieser von einer kämpferischen Neugierde und Dringlichkeit unterlegte Ton wieder zwischen uns ein, mit dem wir die Dinge und Begebenheiten der Jahrzehnte und bis auf den jeweiligen Tag hin besprechen.

Auch wenn wir jenes einstmals begonnene Projekt nicht zu einem befriedigenden Ende führen werden, auch wenn unser Freund Rolf Bossert uns, erschöpft und zermartert und im aufscheinenden Erfolg verzweifelt, verlassen hat, um 1986 in Frankfurt am Main den Ausweg in den Tod zu nehmen, auch wenn mittlerweile jener ursprüngliche Impuls, der uns mehr Humanität erstreben ließ, da und dort abgebogen oder gar abgebrochen wurde, steht da einer, der ein zerschlissenes Fahnentuch in den Wind hält, seine Arbeit verrichtet und sich den absurden Trost zuflüstert, es könnte ja mal wärmen. Und wir nicken uns zu, denn wir meinen beide zu wissen, dass ein Trost, der nicht unbezweifelbar absurd ist, nichts taugen kann. „Besser scheitern!“, hatte uns Samuel Beckett seinerzeit aus Paris zugerufen.

Wenn ich das richtig sehe, ist William Totok religiös, das heißt in Glaubensfragen, nicht sonderlich musikalisch, wenngleich der Gymnasiast zeitweilig mit der Vorstellung gespielt hatte, Priester werden zu wollen – aber hatten nicht viele Jungs in der schier allwissenden kontrollwütigen Diktatur die Fantasie, sich hinter Kirchenmauern verbergen zu können?

In einem autobiografischen Text, der dem Band Die Zwänge der Erinnerung (1988, S. 157f.) beigegeben ist, lesen wir:

 

Ein Vater, der spannend über einen Krieg berichten konnte, eine nähende Mutter, die von einem Russland erzählte, eine in Bücher vergrabene Großmutter, die mir ungarische Wörter und Sätze beibringen wollte.

Auf dem Toilettentisch errichtete ich meinen Altar, sang unverständliche lateinische Gebete, war verzückt. […]

Später durfte ich den Gesprächen der Gäste zuhören, die fast jeden Abend zu uns kamen. Ich erfuhr von Schneeverwehungen, von zugeschneiten Erdhütten, von erfrorenen Menschen und Tieren, ich hörte in Verbindung damit das Wort Bărăgan.

 

Der Jugendliche stellt den sonntäglichen Kirchgang ein und setzt auf Lektüren: Heine, Lenau, Tolstoi, Zola, Büchner und dann Brecht. Wen wundert es, wenn Walter Benjamin, Herbert Marcuse, Volker Braun, Allen Ginsberg und die Musik von Bob Dylan folgen?

Und wen wundert es, wenn dieser William Totok erst einmal allein und für sich hin Gedichte zu schreiben beginnt und dies dann recht bald im Gespräch über Bücher, Musik, Politik und Geschichte mit einigen weiteren Gleichgesinnten seiner Generation fortsetzt und professionalisiert. Und wen wundert es schließlich, dass er – mittlerweile vierundzwanzig Jahre alt und Student an der Universität Temeswar (rum. Timișoara) – am 18. November 1975 verhaftet und neun Monate in Untersuchungshaft gesteckt wird. Er habe staatsfeindliche Gedichte verfasst, wird ihm vorgehalten, und drei Professoren seiner Universität bestätigen der Securitate in ihren Gutachten den staatsgefährdenden Inhalt der Gedichte ihres Studenten. Offenbar kümmert sich weder die politische Polizei noch die gelehrte Professorenschaft darum, ob diese Gedichte je veröffentlicht und damit irgendjemandem tatsächlich bekannt waren. Gerechtigkeitshalber müssen hier natürlich auch die Namen der hochverehrten Herren Professoren genannt werden: Prof. Dr. Karl Streit, damals Kathederchef der Temeswarer Germanistik, Prof. Dr. Ignat Florean Bociort (Fachgebiet Literaturtheorie) und Prof. Dr. Corneliu Nistor (Fachgebiet vergleichende Literaturwissenschaft) – letztere beide ohne Deutschkenntnisse. Die ihnen vorgelegten Texte waren bei zwei Hausdurchsuchungen in William Totoks Elternhaus gefunden und ohne ein Beschlagnahmungsprotokoll mitgenommen (also gestohlen) worden. Was die beiden rumänischen Professoren zu sehen bekamen, waren unsäglich schlechte Übersetzungen ins Rumänische.

Sang- und klanglos freigelassen wird William Totok erst, als in Le Monde, in der Frankfurter Rundschau und bei Radio Free Europe über seinen Fall berichtet worden war; nun durfte er sich erst einmal als Ziegeleiarbeiter bewähren, bevor ihm nach zahlreichen Eingaben und Petitionen die Fortsetzung seines Studiums wieder erlaubt wurde.

Den Knaben vor seinem selbsterrichteten Altar vor Augen, darf man viele Jahre später dann doch verwundert sein angesichts des erst einmal überraschend klingenden Titels Der Bischof, Hitler und die Securitate. Der stalinistische Prozess gegen „die Spione des Vatikans“ in Rumänien auf dem über vierhundert Seiten starken, von William Totok erarbeiteten Buch. In rumänischer Sprache breitet William Totok hier die aus gut zwölftausend Seiten Securitate-Akten ausgewählten Dokumente eines stalinistischen Schauprozesses gegen den römisch-katholischen Bischof von Temeswar, Dr. Augustin Pacha, aus. Wie in einem Brennglas werden bei diesem Prozess und den dazu geführten Vorermittlungen des Geheimdienstes die grobschlächtigen Feindbilder der roten Politkommissare sichtbar: Augustin Pacha und seine zehn Mitverurteilten „Spione des Vatikans“ wurden beschuldigt, vom Vatikan zur geheimdienstlichen Unterwanderung Rumäniens angestiftet worden zu sein; der Bischof selbst wurde zum Sympathisanten Hitlers und des Nationalsozialismus sowie zum Feind des neuen volksdemokratischen Regimes erklärt. Und als würde dies nicht ausreichen, um ihn nach Lust und Laune wegzusperren und zu quälen, musste ihm auch noch subversive antikommunistische Tätigkeit im Auftrag der britisch-amerikanischen Geheimdienste zugeschrieben werden.

William Totoks gut achtzig Seiten umfassende Darstellung dieses Falls würde sich bestens eignen, ins Deutsche gebracht und in dieser Zeitschrift veröffentlicht zu werden. Schließlich handelt es sich dabei nicht allein um die chronologische Darstellung einer ganzen Folge von politischen Verbrechen, sondern in einer darunter liegenden Schicht um die Folgen jahrzehntelanger Politiken des Misstrauens, der nationalen bis chauvinistischen Missverständnisse, Kolportagen und Intrigen. Eine vielfältig vergiftete mittelosteuropäische Gemengelage von Interessen, Ressentiments und Vorurteilen, die sich der kommunistische Geheimdienst auf seine grobschlächtige und von wenig Verständnis getrübte Weise zu Nutze macht. Ach ja, zu achtzehn Jahren Haft wurde Bischof Pacha verurteilt, schließlich war er bei Urteilsverkündung schon 82 Jahre alt – zum verhöhnenden Charakter dieses Urteils gehörte, ihm die Aussicht auf ein 100-jähriges Leben zu eröffnen.

Der Abschlussbericht der vom Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel geleiteten Kommission zur Erforschung des rumänischen Holocaust, 2004 veröffentlicht, stellt fest, dass Rumänien sich unter dem faschistischen Diktator Ion Antonescu vorsätzlich am Holocaust beteiligt und durch seine antisemitische Politik den Tod von 280.000 bis 300.000 Juden herbeigeführt habe. Des Weiteren wurden gut 11.000 Roma deportiert und umgebracht. Hätten unsere früheren Mitbürger im Banat und in Siebenbürgen je begriffen, welch eine Ehre es für einen rumäniendeutschen Autor ist, zum Mitglied einer solchen Kommission ernannt zu werden, sie hätten William Totok alle Auszeichnungen verliehen, die sie einem ihrer verdienstvollen ehemaligen Mitbürger verleihen können und dürfen. Aber es mag sein, dass William Totok, der auf Deutsch wie auf Rumänisch schreibt, der sich in innerdeutsche Debatten genauso kenntnisreich einzumischen versteht wie in rumänische, unseren ehemaligen Mitbürgern ebenso egal ist, wie eine wissenschaftlich solide Aufklärung aller Umstände, die zum Holocaust führten und diesen zu einem einzigartigen Menschheitsverbrechen werden ließen. Seit seiner Gründung im Jahr 2005 ist William Totok Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Landesinstituts für die Erforschung des Holocaust in Rumänien – „Elie Wiesel“, und seit 2013 ist er auch Mitglied im wissenschaftlichen Rat des Instituts für die Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus und des Gedenkens an das Rumänische Exil.

Vieles wäre hier noch zu berichten und darzustellen: William Totoks ausführliche Beschäftigung mit der rumänischen Rechten von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart; sein 2016 zusammen mit Elena-Irina Macovei veröffentlichtes Buch Zwischen Mythos und Verharmlosung. Über kritische Vergangenheitsbewältigung über Gavrilă Ogoranu und den bewaffneten antikommunistischen Widerstand in Rumänien wäre zu würdigen. Die zahllosen Aufsätze, die sich aus seinen Recherchen in der rumänischen Behörde zum Studium der Securitate-Akten (CNSAS) speisen und ein breit aufgefächertes Interesse an der Manipulation, Kontrolle und Verfolgung der verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen dokumentieren – von der katholischen Kirche bis zu markanten Einzelpersonen, von der orthodoxen Kirche und ihrer zerstörerischen Politik hinsichtlich der griechisch-katholischen und unierten Kirche bis zu der Kooperation der Securitate mit der Stasi, der geheimdienstlichen Unterwanderung des rumänischen Exils und der rumäniendeutschen Organisationen und Institutionen in Deutschland.

Vieles wäre hier noch lobend hochzuhalten, manch eine in William Totoks Arbeiten angelegte Polemik noch zu eröffnen, ginge es hier nicht letztlich auch darum, dem Jubilar ein herzhaftes Weiter so! zuzurufen, die nötige Schaffenskraft dafür und alles erdenkliche Glück zu wünschen.

Ernest Wichner wurde 1952 in Guttenbrunn (rum. Zăbrani) geboren und war Gründungsmitglied des Schriftstellerkreises Aktionsgruppe Banat. Seit 1988 arbeitete er am Literaturhaus Berlin, das er von 2003 bis 2017 leitete. Er veröffentlichte Gedichte sowie Prosa und ist als Literaturkritiker, Publizist und Übersetzer tätig.

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 229–232.

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