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Kapka Kassabova: Am See | Rezension

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Wo Europa noch lange nicht endet

Kapka Kassabova: Am See. Reise zu meinen Vorfahren in Krieg und Frieden. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Wien: Zsolnay Verlag 2021. 416 S.

Von Klaus Hübner

Das im Original 2020 erschienene neue Buch der 1973 in Sofia geborenen, seit Jahren in Schottland lebenden Kapka Kassabova erzählt von „zwei uralten Seen“ und dem Land drumherum, „dem unerzählte Geschichten eintätowiert sind“ (S. 9f.). Es handelt sich um das staatlich zwischen Nordmazedonien, Albanien und Griechenland aufgeteilte Gebiet um den Ohrid- und den Prespasee, die beiden ältesten Seen Europas. Da diese Region in Mitteleuropa kaum bekannt ist, kommt man ohne die hilfreiche Landkarte am Anfang des Buchs nicht allzu weit. Sie macht anschaulich, wo genau wir uns lesend bewegen, und je mehr wir lesen, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, dass das Lesen in diesem Fall dem realen Reisen vorzuziehen sein könnte. Am See eignet sich nicht für touristische Zwecke. Dem attraktiven Buchcover zum Trotz führt uns die Autorin in eher unwirtliche und unbequeme Winkel Europas. Will man da wirklich hin?

Ähnlich wie Die letzte Grenze[1] ist Am See eine sehr britische Reisereportage, die jedoch eng mit der zerrissenen Familiengeschichte der Autorin verbunden wird und deshalb weit persönlicher ausfällt als das Vorgängerbuch. Sie spricht grundsätzlich vom „Balkan“ und nicht von „Südosteuropa“, weil sie „den natürlichen, ehemals neutralen Namen“ für sich beansprucht und das Toponym „Balkan“ über die Jahrhunderte „ein selbstgewähltes kulturelles Kennzeichen“ geworden sei, „das den verschiedenen Völkern eine Art transnationale Staatsbürgerschaft verleiht, auch wenn sie sich in anderer Hinsicht uneinig sein mögen“ (S. 13). Darüber kann man unterschiedlicher Ansicht sein, ebenso wie man bezweifeln mag, ob die explizite Anlehnung an Herodot und dessen ursprüngliche Auffassung von „Historia“, der sie reisend nachgehen möchte (S. 15), durch ihren doch sehr subjektiven Text wirklich abgedeckt wird. Die aufmerksame Erkundung der Region sowie die Suche nach Spuren und Personen der eigenen Familie werden verbunden mit profunden Ausflügen in gut drei Jahrtausende Geschichte und kritisch-skeptischen Kommentaren zu den politischen Verwerfungen von heute. Das alles zusammen ergibt eine eigenwillige Prosamixtur, die nicht durchgehend überzeugen kann, zumal manche Passagen fast schon ins Esoterisch-Kitschige abdriften, nicht nur sprachlich. Dennoch lohnt die Lektüre.

Wie komplex und prekär das Thema dieser Reportage ist, zeigt sich in Kassabovas politisch hochaktuellen Reflexionen darüber, was eigentlich „Mazedonien“ sei: „Ich konnte nicht weniger als fünf historische Makedonien beziehungsweise Mazedonien zählen […] Daraus resultiert ein sechstes Mazedonien – ein imaginäres, eines, das nirgendwo existiert außer im verzweifelten kollektiven Sehnen nach einer grandiosen Vergangenheit, die nötig ist, um dem eingeschränkten Heute Bedeutung und Wert zu verleihen.“ (S. 47f.). Geschichte ist in dieser Gegend weitgehend gleichzusetzen mit Blutspur – dazu gehört zum Beispiel die Erinnerung an die in Zentraleuropa wenig bekannte „Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation“ (IMRO), die Anfang des 20. Jahrhunderts von Saloniki (Thessaloniki) aus für die Befreiung Mazedoniens von den Osmanen kämpfte und dabei vor Terror und Gewalt nicht zurückschreckte (S. 75–82). Dazu gehört die Schilderung des seit 1944 außerordentlich erbittert geführten Bürgerkriegs in Griechenland, des ersten echten Kriegs im beginnenden Kalten Krieg, der gerade im Gebiet südöstlich des Prespasees Tausende von Toten forderte (S. 352f.), oder das Gedenken an die grausame und menschenverachtende Diktatur des Enver Hoxha in Albanien, die noch heute überaus präsent sei (S. 123–130). Wer Pogradec am Südufer des Ohridsees besuche, erlebe „eine traumatisierte Topographie“ (S. 256). Kassabova versammelt derart viele schier unglaubliche Geschichten, dass es schwerfällt, ihre manchmal etwas pauschalisierend klingenden Urteile völlig von der Hand zu weisen: „Der Enverismus basierte darauf, das Leben so schwierig wie möglich zu machen und die Leute passiv zu halten wie Schafe.“ (S. 279). Stimmt das so? Wahrscheinlich schon, leider. Skepsis ist vor allem dort angebracht, wo der verständliche Wunsch nach dauerhaftem Frieden und Heilung der von der Geschichte verursachten Wunden überhandnimmt und die Autorin die Ursprünglichkeit und Schönheit von Seen und Landschaften in politische Wunschbilder transnationaler Grenzenlosigkeit übergehen lässt. Was immer wieder geschieht und die Erkenntnis eher weniger befördert.

Die quasi unentwirrbaren Überlagerungen von Ethnien und Religionen werden als „albtraumhafter Überfluss“ charakterisiert (S. 98), der im Laufe der Zeit dazu geführt habe, dass die sogenannte „mazedonische Frage“ unlösbar wurde: „Identität als Tyrannei“ (S. 99). Bis auf den heutigen Tag könnten sich die darin verwickelten Nationen nicht auf eine einzige Version der Vergangenheit einigen, „nicht einmal auf kompatible Versionen, und deshalb verfasst auch jede ihre eigene bereinigte Version, und in jeder hat der jeweilige Protagonist das letzte Wort über den Opferstatus“ (S. 100). Es lebe sich einfach leichter, „wenn der Schatten auf die andere Seite fällt, nicht auf die eigene“ (S. 110). Eherne Grundsätze und starre Prinzipien dominieren das Zusammenleben, aber auch jede Menge Pragmatismus. Man erlebe immer wieder die unwahrscheinlichsten und oft kuriosen Mischungen kultureller und religiöser Phänomene: „Synkretismus […] war eine Spezialität des Seendistrikts und der balkanischen Kultur im Allgemeinen. Er hatte zwei Merkmale: Überleben und Kreativität, das zweite stand im Dienst des ersten.“ (S. 311). Kann man auf diese Kreativität bauen? Immerhin haben Griechenland und Nordmazedonien 2018 ihren Streit um den Namen „Mazedonien“ beigelegt; die entsprechende Vereinbarung ging als „Prespa-Abkommen“ in die Geschichtsbücher ein, benannt nach dem seit Jahrzehnten ökologisch sterbenden See. Wird er überleben? Woran lässt sich überhaupt messen, ob und wie es vorwärts geht?

Immer wieder betont Kassabova, dass weder der Vergangenheit noch der Gegenwart dieser Region mit mitteleuropäischer Begrifflichkeit beizukommen sei: „Hier erbt man Besitztum, man kauft es nicht. Die Vorfahren schulden dir ein Haus, und du schuldest ihnen deine Seele.“ (S. 81) Wie konservativ und traditionsgebunden man in und um die beiden Seen bis heute lebt, schildert sie so: „Ein Mädchen muss jemandem angehören, und die Jungen haben das Recht auf Polygamie, man hätschelt die Älteren, egal wie ekelhaft sie sein mögen, und den Schein zu wahren ist eine Vollzeitbeschäftigung.“ (S. 83). Armut und Perspektivlosigkeit scheinen nicht der Vergangenheit anzugehören, Resignation und Rückzug seien nicht selten: „Innere Emigration, eine weitverbreitete Praxis im Kommunismus, war hier wiederbelebt worden: Man lebt in seinem Land, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Im Geist ist man woanders, wo es gerechter, emanzipierter zugeht, so wie es im eigenen Land sein sollte.“ (S. 205).

Was es geben mag und was individuell zu entdecken ist, sind „Kraftorte“ wie das Kloster Sveti Naum, von dem vor allem im letzten, die Kitschgrenze mehrfach überschreitenden Abschnitt des Buches berichtet wird (S. 393–407). Insgesamt jedoch kann auch Kapka Kassabova keine großen Zukunftsperspektiven für die von ihr geliebte Seenregion erkennen – Alexander der Große wäre zufrieden, meint sie: „Sein Makedonischer Krieg geht weiter, wenn auch geographisch sehr eingeschränkt.“ (S. 385). Die Menschen und Völker an den Seen gehörten zusammen, so wie die großartige Natur, und doch seien sie einander „über die Zeiten, Grenzen und über umnachtete Politik hinweg“ zu Feinden geworden (S. 387). Naturgemäß mache es für die dort Lebenden oder Überlebenden keinen Sinn, „einander an Leiden zu übertrumpfen, das Schmerzpaket weiterzugeben wie in einem Beckett-Stück“ (S. 386). Genau das aber geschehe jeden Tag. Am See ist kein optimistisches Buch, und nach Lage der Dinge kann es das auch nicht sein. Interessant ist es allemal. Denn im Kern ist Am See eine eindrucksvolle und vielschichtige Reportage, die Europa aufrütteln könnte, sich intensiver als bisher mit seinen Rändern zu befassen.

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 240–242.

[1] Vgl. Klaus Hübners Besprechung des Bandes in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas 14 (2019) H. 2, S. 222–224.

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