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Eine architektonische Brücke: Die Synagogenbauten Leopold Baumhorns in Rijeka, Neusatz und Temeswar

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Von Angela Ilić

Was haben die drei europäischen Kulturhauptstädte Rijeka/Fiume/Reka (2020–2021), Neusatz/Novi Sad/Újvidék/Nový Sad (2022) und Temeswar/Timișoara/Temesvár (2023) gemeinsam? Auf diese Frage gibt es zahlreiche mögliche Antworten: Es sind mittelgroße Städte und regionale Zentren, die lange zum Königreich Ungarn gehörten, später turbulente politischen Zäsuren erlebten, aufgrund ihrer Lage am Wasser (Flüssen oder Meer) aus Handels- und militärischer Sicht eine wichtige Rolle spielten, historisch eine sprachlich sowie religiös sehr diverse Einwohnerschaft hatten und heute Universitätsstädte sind.

Der vorliegende Beitrag widmet sich einer heute weniger beachteten Gemeinsamkeit: Es ist eine keineswegs weithin bekannte Tatsache, dass eine ungewöhnliche architektonische Brücke die drei Städte miteinander verbindet. Diese – imaginäre – Brücke deutet auf ihre multireligiöse Vergangenheit hin. Es geht um die zwischen 1895 und 1909 errichteten Synagogen, die alle vom jüdisch-ungarischen Architekten Leopold/Lipót Baumhorn (1860–1932) entworfen wurden.

Nur in Neusatz und Temeswar ist dieses architektonische Erbe noch sichtbar, und in keiner der beiden Städte dient das Gebäude noch seiner ursprünglichen Funktion. Die Synagoge in Rijeka wurde 1944 zerstört.

Leopold Baumhorn, Architekt jüdischer Sakralbauten

Der am 28. Dezember 1860 im ungarischen Beer (ung. Kisbér) geborene Leopold/Lipót Baumhorn war einer der bekanntesten und meistbeschäftigten zentraleuropäischen Synagogenarchitekten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nach seinem Studium an der Technischen Hochschule in Wien bei namhaften Architekten arbeitete er von 1883 bis 1894 im Architekturbüro der herausragendsten Vertreter des ungarischen Jugendstils, Ödön Lechner (1845–1914) und Gyula Pártos (1845–1916), in Budapest. Zudem führten ihn mehrere Studienreisen durch Italien.

Unter den zahlreichen Synagogen, die nach seinen Entwürfen im Königreich Ungarn erbaut wurden, seien an dieser Stelle diejenigen in Gran (ung. Esztergom, sk. Ostrihom, 1888), Szeged (dt. Szegedin, kr./sr. Segedin, rum. Seghedin), heute die zweitgrößte Synagoge in Ungarn, die auch als Baumhorns Hauptwerk gilt (1900–1903), Sollnock (ung. Szolnok, 1899), Großbetschkerek (sr. Veliki Bečkerek, ung. Nagybecskerek, heute Zrenjanin, 1896), Kronstadt (rum. Brașov, ung. Brassó, 1898–1901) und Olsnitz (sl. Murska Sobota, ung. Muraszombat, 1907–1908) erwähnt. Insgesamt zwölf der von ihm entworfenen Synagogen stehen heute noch. Der auf Sakralbauten und jüdische Gemeindeeinrichtungen sowie ihren Umbau spezialisierte Baumhorn entwarf jedoch auch Wohn- und Firmengebäude, die meisten in Szeged und Temeswar.

Baumhorn profitierte von den positiven Entwicklungen am Ende des 19. Jahrhunderts, die der jüdischen Bevölkerung der Doppelmonarchie zugute kamen. Die Emanzipation der Juden führte zu erhöhter sozialer Mobilität und Wohlstand, was wiederum durch die allgemeine Urbanisierung und wirtschaftliches Wachstum zur Eingliederung zahlreicher Juden in das Kleinbürgertum führte. Die jüdische Präsenz wurde im öffentlichen Leben und in der Kultur deutlich sichtbarer, und in beiden Reichshälften lebten jüdische Bürger (Wissenschaftler, Industrielle und Financiers, vor allem), die großes Ansehen genossen. Trotzdem gab es immer wieder vereinzelte antisemitische Äußerungen und Ausschreitungen. Im Königreich Ungarn konnten starke Assimilierungsprozesse unter den liberalen Juden beobachtet werden, die sich als ungarisch-jüdisch verstanden und auch in den Synagogen die ungarische Sprache verwendeten. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts waren drei große Glaubensströmungen (das liberale neologe Judentum, die konservative Status-quo-ante-Gruppe sowie das orthodoxe Judentum) in Ungarn zu finden. Diese übten ihren Einfluss nicht nur auf das Alltagsleben ihrer Mitglieder aus, sondern prägten auch das architektonische Erscheinungsbild ihres Glaubens.

In den Groß- und Kleinstädten wurden zahlreiche Synagogen neu errichtet oder umgebaut. Die großen jüdischen Sakralbauten waren einerseits notwendig, um die Bedürfnisse der – zum Teil durch ständige Einwanderung – rasant wachsenden jüdischen Gemeinden zu erfüllen. Andererseits dienten die imposanten Gebäude dazu, die Präsenz und den Wohlstand der Juden als gleichberechtigter Bürger in der Gesellschaft zu zeigen. Synagogen gehörten nun zum Stadtbild, sie waren von den meisten Orten nicht mehr wegzudenken. Nicht selten wurden in unmittelbarer Nähe der Synagoge auch weitere Gemeindeeinrichtungen erbaut: Büros für die Gemeindeverwaltung, Schulen, Gebäude fürs Schächten, rituelle Bäder oder soziale Einrichtungen.

Synagogen schossen überall aus dem Boden. Viele von ihnen wurden in einem ähnlichen Baustil errichtet – nicht zuletzt, weil sie zum Großteil von denselben, relativ wenigen Architekten entworfen wurden. Der durch Baumhorn vertretene eklektische, von neumaurischen Elementen dominierte Stil war für den damaligen Synagogenbau nicht nur in Ungarn, sondern in ganz Zentral-, Ost- und Südosteuropa charakteristisch. Dieser Stil erinnerte an den mittelalterlichen andalusischen Mudéjar-Stil, der Elemente islamischer Architektur in die regionale Bautradition integrierte. Synagogen wurden aber auch im ungarischen Jugendstil projektiert, unter anderem durch Marcell Komor (1868–1944) und Dezső Jakab (1864–1932).[1] Ödön Lechner übte auch großen Einfluss auf Baumhorn aus, was unter anderem in Baumhorns Vorliebe für Bögen aus Ziegelsteinen, in seinen eklektischen Kompositionen und in der Verwendung weiterer Dekorationselemente zum Ausdruck kam.

Orientalische Merkmale dominierten die durch die berühmten Architekten Ludwig Förster (1797–1863, Synagoge in der Dohánystraße in Budapest, Leopoldstädter Tempel in Wien, Synagoge in Miskolc), Otto Wagner (1841–1918, Rumbach-Straße-Synagoge in Budapest) und Wilhelm Stiassny (1842–1910, Jerusalemsynagoge in Prag sowie zahlreiche weitere Synagogen vor allem in Böhmen und Mähren) projektierten Synagogen sowie zahlreiche weitere Synagogenbauten in der Habsburgermonarchie, wie die Große Synagoge in Pilsen (tsch. Plzeň, Architekt: Emanuel Klotz, 1844–1908).

Rijeka: Die „Große Synagoge“

Die frühesten Spuren sephardischer Juden in Rijeka, die vor allem aus den Marken (it. Marche) und aus Pesaro kamen und vorwiegend als Händler tätig waren, stammen aus dem 15. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert wurde sogar ein Stadtteil mit dem Namen Zudecca/Zuecha erwähnt. Das Privileg Kaiser Karls VI. von 1719, das Rijeka als Freihafen bestätigte, lockte erneut jüdische Händler in die Stadt. Am Ende des 18. Jahrhunderts gab es bereits eine organisierte jüdische Gemeinde, zu welcher auch neu zugezogene Mitglieder aus Dalmatien, besonders aus Spalato (kr. Split) und Ragusa (kr. Dubrovnik), gehörten. 1832 schenkte Moses Halevi der Gemeinde ein Gebäude im Stadtzentrum, in dem sich im Erdgeschoss ein nach sephardischem Ritus eingerichteter Gebetsraum und in den oberen Etagen Büros für die Verwaltung der Gemeinde befanden.

Ab den 1850er-Jahren und zunehmend nach dem ungarisch-kroatischen Ausgleich 1868 kam es zu neuen Einwanderungswellen aus Österreich, Mähren, Böhmen, Italien, Galizien, Russland, Griechenland und Rumänien, durch welche überwiegend aschkenasische Juden nach Rijeka kamen. Besonders zahlreich waren die aschkenasischen Zuzügler aus den östlichen Teilen Ungarns.

Diese Entwicklung führte nicht nur dazu, dass die Aschkenasim in Rijeka am Ende des 19. Jahrhunderts die statistische Mehrheit unter den Juden bildeten – sie veränderte auch die Sprachgewohnheiten und schließlich auch die liturgische Orientierung der bisher von Sepharden dominierten jüdischen Gemeinde, die zum aschkenasischen Ritus wechselte. Unter den neu Angekommenen befanden sich – im Gegensatz zu den Judeo-Spanisch sprechenden Sepharden – Italienisch-, Deutsch-, Iwrit- und Ungarischsprachige. Die Zuwanderung veränderte auch die soziale Zusammensetzung des Judentums in Rijeka, denn die neu Hinzugekommenen stammten teilweise aus sehr armen Verhältnissen. Während 1870 insgesamt 89 Juden in Rijeka gezählt wurden, stieg ihre Zahl bis zum Jahr 1900 offiziell auf 1167. Die Juden wurden – mit einem Wachstum von 1211 Prozent innerhalb von 30 Jahren (zwischen 1870 und 1900) – zur am schnellsten wachsenden Religionsgemeinschaft in der Stadt. Mit einem Bevölkerungsanteil von 3,4 Prozent und mit einer Mitgliedschaft von mindestens 1700 Personen (gemeindeinterne Daten sprechen von 2500–2600 Juden in Rijeka) um 1910 bildete die jüdische nach der römisch-katholischen die zweitgrößte religiöse Gemeinde in der Stadt.

Unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde waren neben den bereits länger in Rijeka ansässigen Händlern und Industriellen auch zahlreiche Angehörige der intellektuellen Elite sowie Beamte in der Verwaltung, bei der Eisenbahn sowie bei Finanzinstitutionen vertreten.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich die Gemeinde aus neologen und (zum kleineren Teil) orthodoxen Juden zusammen, die jedoch als Einheitsgemeinde, La Comunità israelitica di Fiume, gegenüber der städtischen Verwaltung auftrat. Die ungarische Sprache gewann mit der Zeit an Bedeutung: 1880 meldeten noch weniger als die Hälfte der Juden Rijekas (47,7 Prozent) Ungarisch als ihre Muttersprache, 1900 bildeten die ungarischsprachigen Juden mit 62,9 Prozent bereits die absolute Mehrheit. Die offizielle Sprache der jüdischen Gemeinde blieb Italienisch; die Riten an hohen Feiertagen wurden auf Italienisch und Ungarisch gehalten.

Im späten 19. Jahrhundert gab es kein jüdisches Ghetto oder jüdisches Viertel in Rijeka. Die Juden durften sich überall in der Stadt ohne Einschränkung niederlassen. Einer möglichen Ghettoisierung der nicht-italienischsprachigen Juden stand auch das städtische Schulsystem entgegen, denn in Rijeka war es Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht erlaubt, Schulen zu gründen. Aus diesem Grund besuchten die jüdischen Kinder die städtischen oder staatlichen Schulen, zusammen mit Angehörigen anderer Religionen.

Ende des 19. Jahrhunderts verfügte die jüdische Gemeinde über jährliche Einnahmen in Höhe von rund 4000 Forint, die aus der Mitgliedersteuer stammten; ihre Ausgaben betrugen 3800 Forint. Dadurch war es möglich, ein wenig für den geplanten Bau einer „richtigen“ Synagoge zu sparen. Der Großteil des Baus der Synagoge wurde jedoch durch Spenden finanziert. Bereits 1891 rief die Gemeinde ein Gremium für den Synagogenbau ins Leben, dessen Mitglieder sich der Einwerbung und Sammlung von Spenden widmeten. Sogar Gouverneur László Szapáry (1864–1939, im Amt vom 24. November 1897 bis zum 2. August 1903) hat einen Betrag von 2000 Kronen gespendet, und die Stadt stellte das Grundstück zur Verfügung.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte die jüdische Gemeinde in Rijeka endlich ihren Traum verwirklichen. Im Jahr 1900 beauftragte das Baugremium den damals in Wien tätigen Architekten Wilhelm Stiassny mit der Erstellung der Pläne. Ein Jahr später, aus nicht mehr nachweisbaren Gründen, wurde das Projekt Leopold Baumhorn anvertraut. Die von dem damals bereits berühmten Baumhorn 1902 entworfene große Synagoge wurde am 22. Oktober 1903, dem jüdischen Neujahrstag Rosch Haschana, eröffnet. Für die jüdische Gemeinde war es ein wichtiges Anliegen gewesen, die Aufträge an lokale Firmen zu vergeben. Die Bauarbeiten waren unter der Leitung des in Rijeka ansässigen, aber aus Triest stammenden Bauingenieurs Carlo Alessandro Conighi (1853–1950) für die damaligen Verhältnisse sehr schnell durchgeführt worden, nachdem die Stadtverwaltung die Baugenehmigung am 8. Oktober 1902 erteilt hatte.

Das informell als Großer Tempel (it. Tempio grande) bezeichnete Gebäude vereinte Merkmale des Späthistorismus mit neumaurischen und neugotischen Elementen. Es trug die für Baumhorns Œuvre typische Zentralkuppel; zwei Türme flankierten den Haupteingang. Sie war unmittelbarer Vorläufer von Baumhorns krönendem Werk, der Synagoge in Szegedin. Der Innenraum wurde im rein neumaurischen Stil gestaltet und reich verziert, mit goldenen Akzenten auf den Tragesäulen. Die Synagoge lag auf der innenstädtischen Straße Zagrad, heute Pomerio, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt.

Während der Bauzeit der Synagoge war der aus Budapest stammende Moshe Adolf Gerlóczi/Goldstein (ca. 1850–1922, in Rijeka 1882–1904) Oberrabbiner und Religionslehrer der jüdischen Gemeinde. Als Vorsitzender amtierte der in Zagreb geborene polyglotte Händler und Industrieller, Enrico/Hinko (Nehemia) Sachs de Grič (kr. Gorički, 1859–1916), der sich bei der Sicherung der Baufinanzierung große Verdienste erwarb.

Wenige Monate nach der deutschen Besetzung Rijekas am 8. September 1943 wurde die Synagoge am 25. Januar 1944 niedergebrannt und komplett zerstört – mit ihr auch die schriftliche Dokumentation der jüdischen Gemeinde, die sich im ebenfalls zerstörten Nachbargebäude befunden hatte.

Heute benutzt die inzwischen zahlenmäßig deutlich geschrumpfte jüdische Gemeinde in Rijeka die „kleine“ orthodoxe Synagoge, deren Bau im Jahr 1932 vollendet wurde.

Neusatz: Die Synagoge

Die gegenüber der habsburgischen Festung Peterwardein (ung. Pétervárad, sr. Petrovaradin), entlang des Donauufers entstandene Zivilsiedlung erhielt im Jahr 1748 unter dem Namen Neoplanta das Privileg einer königlichen Freistadt. Die damals 4620 Einwohner zählende Kleinstadt wuchs in den folgenden Jahrzehnten rasant.

Die sprachliche und religiöse beziehungsweise konfessionelle Vielfalt der Einwohner schlug sich auch in der städtischen Architektur nieder: Die zahlreichen Sakralbauten dominierten das Stadtbild Neusatzʼ. Neben Orthodoxen hatten sich hier auch Katholiken römischen und griechischen Ritus, Lutheraner, Calvinisten sowie armenische Christen – ihre Kirche stand bis 1963 im Stadtzentrum – niedergelassen und ihre eigenen Gotteshäuser errichtet.

Die ersten schriftlichen Quellen zur Anwesenheit jüdischer Einwohner gehen auf das späte 17. Jahrhundert zurück. Die jüdische Gemeinde in Neusatz wurde im Jahr 1751 offiziell gegründet, obwohl die örtliche Chevra Kadischa (Beerdigungsbruderschaft) bereits seit 1729 existiert hatte und um 1743 über einen örtlichen Rabbiner und jüdischen Lehrer berichtet worden war. Die Juden von Neoplanta genossen seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts eine Art Autonomie, die bis zur Revolution 1848 anhielt. Ihre communitas judaeorum war dafür zuständig, ihre zivilen und religiösen Angelegenheiten durch einen selbstgewählten und durch den Stadtrat bestätigten Richter zu regeln. Eine jüdische Schule funktionierte spätestens ab 1800, ebenso ein jüdisches Spital, das 1849 in den Wirren des ungarischen Volksaufstandes zerstört wurde.

Um 1819 wohnten bereits mehr als 700 Juden in Neusatz, die damals 4,5 Prozent der Stadtbevölkerung ausmachten. 1816 wurde eine Synagoge erbaut; diese brannte im Jahr 1849 nieder. Ein neues Gebäude wurde einige Jahre später am gleichen Ort errichtet. 1880 stieg die Zahl der Neusatzer Juden auf über 1100, und dank ständigen Wachstums – zum Teil durch Zuzug – überschritt sie bis 1900 2000, was 7,1 Prozent der Stadteinwohnerschaft entsprach. Um die Jahrhundertwende waren zwei Drittel der Juden ungarischer, ein Drittel deutscher Muttersprache. Das jüdische Leben konzentrierte sich auf die Judengasse (sr. Jevrejska ulica), wo ein jüdisches Ghetto eingerichtet wurde.

Die von Baumhorn entworfene Synagoge im Jugendstil und der ganze Komplex um sie herum, mit Volksschule, Hauptsitz der neologen aschkenasischen Gemeinde, Wohnhaus und Kulturraum, wurde zwischen 1905/06 und 1909 errichtet. Für den Synagogen- und Schulbau stellte die Stadt 20.000 Kronen zur Verfügung. Die Gesamtkosten für die Synagoge erreichten 170.000 Kronen, dazu kamen für die Schule mit Ausstattung und Rabbinerwohnung 140.000 Kronen. Die Nebengebäude standen auf beiden Seiten der Synagoge, die etwas von der Straße zurückgesetzt erbaut wurde. Da die neu erbaute Synagoge bereits etliche Vorgänger an demselben Ort gehabt hatte, wurde sie im Volksmund noch mehrere Jahrzehnte lang „Neue Synagoge“ genannt. Auch diese Synagoge hatte, typisch für Baumhorns Stil, eine Zentralkuppel und zwei Türme an der Vorderseite. Drinnen auf der Empore wurde eine Orgel der schlesischen Orgelbaufirma Rieger, die seit 1894 auch eine Werkstatt in Budapest hatte, eingebaut.

Der Gebäudekomplex mit der Synagoge wurde zum Mittelpunkt des florierenden jüdischen Lebens in der Zwischenkriegszeit, das nicht nur die Schule, sondern auch eine Lehrerbildungsanstalt, Kindergarten, Musikschule, soziale Einrichtungen (Waisenhaus, Armenküche, Altersheim) und Kulturhaus umfasste. Ein Dutzend jüdische Zeitungen und Zeitschriften in deutscher und ungarischer Sprache erschienen in Neusatz. Unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten ungefähr 4000 Juden in der Stadt.

Die seit 1991 unter Denkmalschutz stehende Synagoge wird heutzutage als Konzertgebäude benutzt, obwohl die jüdische Gemeinde das Recht hat, das Gebäude zu religiösen Veranstaltungen zu nutzen. Über dem Haupteingang steht auf Hebräisch das Zitat „denn mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker“ aus Jesaja 56,7. Die Synagoge ist nicht das einzige Gebäude, das Baumhorn in Neusatz plante: Sein im Jugendstil erbauter Sparkassenpalast (1904) und der „Menrath-Palast“, der im Auftrag des Tischlers Lorenz Menrath 1908 erbaut wurde, schmücken das Stadtzentrum noch immer.

Temeswar: Die Synagoge in der Fabrikstadt

Die Synagoge in der Fabrikstadt (rum. Sinagoga din Fabric, ung. Gyárvárosi Zsinagóga) wurde als erster der hier besprochenen drei Synagogenbauten Baumhorns errichtet. Sie war eine von insgesamt sechs Synagogen in der Stadt, von denen heute noch drei stehen.

Die frühesten materiellen Spuren der jüdischen Gemeinden Temeswars sind auf dem Alten Sephardischen Friedhof zu finden, dessen ältester Grabstein aus dem Jahr 1636 stammt, obwohl eine dauerhafte jüdische Siedlung bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts existierte. In der Mitte des 17. Jahrhunderts organisierten sich die Sepharden, „spaniolische Juden“ genannt, als religiöse Gemeinde, die Anfang des 18. Jahrhunderts 144 Personen zählte. Durch weitere Einwanderungswellen sephardischer und vermehrt auch aschkenasischer Familien – letztere kamen vor allem aus Ungarn, Österreich und Mähren – entstanden zwei separate Religionsgemeinden, die beide wuchsen. Die ersten Synagogen der beiden Gemeinden wurden um 1762 in der Altstadt erbaut. Im 19. Jahrhundert zogen zahlreiche Juden in die 1718 ursprünglich als selbständige Ortschaft gegründete und 1782 in Temeswar eingegliederte Fabrikstadt um, die damals einen Boom erlebte. 1848 weihten sie dort eine Synagoge ein.

Auch in Temeswar war die in der Bevölkerung vertretene religiöse und konfessionelle Vielfalt groß: Bürgermeister Johann Nepomuk Preyer (1805–1888, Bürgermeister 1844–1858) verzeichnete im Jahr 1853 über fünf Hauptglaubensbekenntnisse und dreizehn Kirchen in der Stadt. Zudem hatten die Juden ein Oberrabbinat und drei Synagogen. Im Verlauf der Zeit wurde die Fabrikstadt zum demografischen Mittelpunkt der Temeswarer Juden.

Im Jahr 1870 machten die Juden in Temeswar nach den römisch-katholischen und orthodoxen Christen die drittgrößte Glaubensgemeinschaft aus, mit einem Bevölkerungsanteil von 12 Prozent. Ihr Anteil blieb unverändert auch 20 Jahre später, als sich die aschkenasische Gemeinde in der Fabrikstadt entschloss, eine neue Synagoge zu bauen. Ähnlich wie in Rijeka wurde im 19. Jahrhundert auch in Temeswar ein Wandel von der sephardischen zur aschkenasischen Mehrheit vollzogen. Anders als in Rijeka blieb hier die sephardische Gemeinde jedoch separat erhalten. Wie in Rijeka und Neusatz wuchs auch in Temeswar der Anteil der ungarischsprachigen gegenüber den deutschsprachigen Juden. Ihr Verhältnis stand im Jahr 1900 bei 60 zu 40 Prozent. Die Gemeinde in der Fabrikstadt gehörte erst zur Glaubensrichtung status quo ante, bevor sie sich um 1879 dem neologischen Judentum anschloss. Aufgrund des Gemeindewachstums beschloss sie, eine neue Synagoge zu errichten, deren Bau durch Spenden und Sammlungen in der Gemeinde sowie durch eine öffentliche Lotterie finanziert wurde.

Die Synagoge wurde 1897–1899 nach Plänen Leopold Baumhorns von dem örtlichen Baumeister Josef Kremmer ausgeführt. Eingeweiht wurde das neue Gebäude am 3. September 1899 in Anwesenheit des Temeswarer Bürgermeisters Karl Telbisz (1854–1914). Die im neumaurischen Stil erbaute Synagoge besitzt einen quadratischen Grundriss und eine zentrale Kuppel. Fenster und Türen sind mit Rundbögen versehen. Die Synagoge hat zwei Eingänge, einen für Männer und einen für Frauen. Auf der Empore befindet sich eine Orgel, die die 1893 in Temeswar-Elisabethstadt (rum. Elisabetin, ung. Erzsébetváros) gegründete Orgelwerkstatt Leopold Wegenstein & Söhne im Jahr 1900 herstellte.

Im 20. Jahrhundert wuchs die Anzahl der Juden in der Stadt weiter. 1918 wurde eine jüdische Schule mit Abteilungen für Jungen und Mädchen eröffnet. In der Zwischenkriegszeit wurde Temeswar zu einem wichtigen Zentrum des Zionismus, den auch die zionistische Zeitschrift Neue Zeit – Új Kor (1920–1940) vertrat.

Die im Jahr 1941 noch 11.788 Personen zählende jüdische Gemeinde schrumpfte auf 367 im Jahr 2002. Da sie keine finanzielle Möglichkeiten für die Erhaltung und Renovierung des 1985 geschlossenen Gebäudes hatten, stellten sie 2009 die Synagoge für 35 Jahre dem Rumänischen Nationaltheater von Temeswar (rum.Teatrul Național Timișoara) für Aufführungen zur Verfügung. Die Synagoge steht auf der Strada Ion Luca Caragiale Nr. 2 und befindet sich unter Denkmalschutz. Bis heute gilt sie als eines der markantesten Gebäude der Stadt.

Zu den weiteren von Baumhorn entworfenen Gebäuden in Temeswar gehören der Temesch-Bega-Palast (1900–1902), die gemeinsam mit Jakab Klein (1869–1934) projektierte höhere Mädchenschule (1902–1904) sowie der Lloyd-Palast (1912).

Fazit

Die drei hier behandelten Städte zeigen auf exemplarische Weise den gesellschaftlichen Aufstieg der Juden am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts im Königreich Ungarn. Meistens sehr heterogen in ihrer Zusammensetzung, zählten die jüdischen Bevölkerungsanteile in diesem Zeitraum zu den am schnellsten wachsenden demografischen Segmenten. Einwanderung, innerstaatliche Mobilität und natürliches Wachstum machten die Errichtung neuer und größerer Sakralbauten notwendig. Die um die Jahrhundertwende errichteten Synagogen dienten dazu, die Ansprüche von nicht nur zahlenmäßig wachsenden, sondern auch sozial aufsteigenden Gemeinden zu erfüllen.

In allen drei Städten konnte ein Übergang von historischen sephardischen Traditionen zur aschkenasischen Mehrheit beobachtet werden, obwohl er nicht überall zu einem allgemeinen Rituswechsel führte. Wie in Rijeka wurde auch in Neusatz und Temeswar Ungarisch zur am stärksten vertretenen Sprache unter den Juden, aber auch die deutsche Sprache spielte häufig eine wichtige Rolle.

Die drei Synagogen Baumhorns waren nicht identisch, trugen jedoch unverwechselbar seine Handschrift. Die Zentralkuppel war ein zentrales Element im Erscheinungsbild aller drei Synagogen, die durch ihre imposanten Maße auch die jeweilige Straße, an der sie lagen, dominierten. Die von Baumhorn entworfenen Synagogen wurden zum wichtigen Bestandteil des Stadtbildes in allen drei Städten und waren vor allem ein beliebtes Motiv auf Ansichtskarten.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2022), Jg. 17, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 63–78.

[1] Ihre bekannteste Synagoge steht in Maria-Theresiopel (sr. Subotica, ung. Szabadka), nördlich von Neusatz.

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