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Arthur Steinacker, Bankier und Fabrikant aus Rijeka/Fiume

Das Leben Arthur Steinackers (1844–1915) ähnelt wegen seines ungewöhnlichen und spannenden Lebens einem Roman. Er war ein bekannter Bankier, Fabrikant und eine einflussreiche Person, die zum Ausbau der Stadt Rijeka (it., ung. Fiume; ehem. dt. Sankt Veit am Flaum) einen großen Beitrag leistete. Heute ist Arthur Steinacker aus mehrfacher Sicht bedeutend, vor allem aber hinsichtlich der Kulturgeschichte Kroatiens, Ungarns, Österreichs, Italiens, der Slowakei und Deutschlands. Eine komplexe Identität zeichnet diesen Menschen aus. Seine Neigung zur ungarischen, aber auch deutschsprachigen Kultur ist ihm und seiner Familie eigen. Man kann in der Tat über eine echte Familiensage sprechen, da jedes Familienmitglied ein interessantes und vielfältiges Leben führte.

Arthur Steinacker entstammt einer deutsch-evangelischen (lutherischen) Pastorenfamilie. Er kam am 21. Oktober 1844 in der Stadt Göllnitz (sk. Gelnica, ung. Gölnicbánya) auf die Welt – in der Region Unterzips, unweit von Kaschau (sk. Košice, ung. Kassa) in der heutigen Ostslowakei. Steinacker wurde als drittes Kind der Familie geboren. Sein Vater, Gustav Wilhelm Steinacker (1809–1877), war eine interessante, literarisch talentierte und seinerzeit einflussreiche Persönlichkeit: Er war Theologe, Pastor, Dichter, Prosaist, Übersetzer und enger Freund von Friedrich Fröbel (1782– 1852) und Franz Liszt (1811–1886). Die Familie entstammt Quedlinburg im Harz, dem heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt. Diachron und im Rahmen von zehn Familiengenerationen betrachtet, bezog und verzweigte sich die Familie auch auf andere Gebiete Deutschlands – bis in das benachbarte Österreich und Ungarn. Gustav Steinacker wurde als einziger Sohn des Kaufmanns Christian Friedrich Wilhelm Steinacker und seiner Frau Katarina in Wien geboren. Als Kind kam er nach Ungarn, weil seine Eltern im Jahre 1822 nach Pest übersiedelten. Eine wichtige Rolle dabei spielte sein Onkel, Christian Josef Malvieux, der als Bankier und Großhändler dort lebte. Er spielte unbestreitbar auch eine wichtige Rolle im Leben seines jungen Neffen. Gustav besuchte die Volksschule, danach die Mittelschule, und anschließend besuchte er das evangelische Lyzeum in Preßburg (sk. Bratislava, ung. Pozsony) und das Gymnasium in Rosenau (sk. Rožňava, ung. Rozsnyó), nicht weit von Kaschau entfernt. Diese Region war im Mittelalter ein an Gold-, Silber- und Eisenminen reiches Bergbauzentrum gewesen.

Gustav Steinacker wuchs zweisprachig auf: Er sprach sowohl Deutsch als auch Ungarisch gleich gut. Nach dem Abitur beschloss er, in seiner Heimatstadt Wien das evangelische Theologiestudium aufzunehmen. Es gelang ihm sogar, eine gewisse Zeit an der Universität in Halle zu studieren, da er als Lehrling des bekannten Buchhändlers Otto Wigand (1795–1870), die Grenze ohne Reisepass überqueren konnte. Nach dem Abschluss seiner universitären Ausbildung kehrte Gustav Steinacker nach Pest zurück, wo er eine erfolgreiche Karriere im Bereich Theologie, Pädagogik, Translation und Publizistik begann.

Nachdem der Vater 1846 zum evangelischen Pastor in Triest (it. Trieste, kr., sl. Trst) benannt worden war, zog die Familie Steinacker aus Ungarn in diese nordadriatische Hafenstadt. Zwischen den Jahren 1854 und 1857 lebte Arthur Steinacker mit seiner Familie in Weimar. Diese an Kultur reiche Stadt war der einstige Sitz des Herzogs von Sachsen-Weimar. Gustav Steinacker war damals Leiter der evangelischen Mädchenschule und hatte dort einen großen Freundeskreis. Zu den Familienfreunden zählten unter vielen anderen beispielsweise der berühmte Pianist Franz Liszt und der Pädagoge Friedrich Fröbel. Aufgrund seiner offenen, liberalen Lebensansicht war es für ihn unmöglich, nach Ungarn zurückzukehren, das in der Zwischenzeit dem dunklen Absolutismus Bachs verfiel. Gustav Steinacker und seine Ehefrau Amalia, ansonsten Liebhaber von Kammermusik, wurden ihrer Geselligkeit wegen enge Freunde des Komponisten Franz Liszt und seines engen Freundeskreises. Die Familie Steinacker wohnte eine gewisse Zeit auf dem Grundstück Goethes: Sie bewohnte das Gartenhaus im Park an der Ilm. Hervorzuheben sei an dieser Stelle, dass die Familie, zu Zeiten, als sie in Weimar lebte, auch zu engen Bekannten der Familie von Goethe wurde. Dank des Großherzogs erhielt Gustav Steinacker Ende des Jahres 1857 eine feste Anstellung als evangelischer Pastor in Buttelstedt, einer nahe Weimar gelegenen Kleinstadt. Zwanzig Jahre lebte und arbeitete er bis zu seinem Lebensende in dieser Kleinstadt als Pastor. Arthur Steinackers Ausbildung erfolgte bis zum 17. Lebensjahr erst in Triest und danach in Weimar. Schon sehr früh entschloss er sich für eine Bankkarriere. Zunächst arbeitete er in der Bank Benedict in Stuttgart als Banklehrling, um einige Jahre später Stuttgart zu verlassen und nach England zu reisen. Dort setzte er seine Berufsausbildung fort und nahm die Arbeit in einem Londoner Bankhaus als Angestellter auf. Er verließ in der Folge England und verbrachte, bevor er nach Rijeka kam und in dieser Stadt sesshaft wurde, einige Jahre in Indien, Triest und Budapest. Ende Juli, im Jahre 1880, zog Arthur Steinacker als britischer Vizekonsul von Budapest nach Rijeka – ein Amt, das er bis 1914 ausübte. Kurz bevor er nach Rijeka reiste, wurde er auch zum belgischen Vizekonsul in Budapest ernannt. Ende April 1880 gründete er eine Zweigstelle der Ungarischen Allgemeinen Kreditbank aus Budapest in Rijeka. Steinacker wurde zu einem der Vorsitzenden dieser Bank ernannt.

Im Jahre 1881 wurde in Rijeka eine Reisschälfabrik (Pilatura di Riso), deren Ko- Direktor Steinacker war, und eine Stärkefabrik gegründet. Diese waren die größten Fabriken dieser Art in ganz Österreich-Ungarn. Danach folgte – unter Steinackers Beteiligung – die Gründung einer Erdölraffinerie in Rijeka und einer Zellulosefabrik in Kronstadt (rum. Brașov), Rumänien.

Arthur Steinacker gehörte zum elitären Bürgerkreis der vornehmen ungarischdeutschen Gesellschaft in Rijeka, wo Mitarbeiter des Gouverneurs wie hochrangige Beamte und ihre Familien, wohlhabende Großbesitzer, Vermieter, Kreditoren und Fabrikanten zusammentrafen. Viele waren überwiegend ausländischer Herkunft. Dieses hatte seine Vor- und Nachteile. Steinacker war ein Mann mit guten Beziehungen und Empfehlungen. Er galt für die ungarische Verwaltungsbürokratie als Person des Vertrauens, denn er kannte einflussreiche und mächtige Akteure aus Budapest, Wien, Triest und aus anderen Städten. Im Jahre 1883 wurde Steinacker als aktives und sehr geschäftstüchtiges Ratsmitglied in die Fiumaner Handelskammer aufgenommen. Er war ein genialer Finanzier und Gründer (auch Förderer) der größten Industrieunternehmen, Fabriken als auch Gründer von öffentlichen Einrichtungen für Kultur und Sport. Zwischen den Jahren 1896 und 1897 wurde er zum Vizepräsidenten der Handelskammer ernannt, zuständig für den Handelsbereich.

1895 wurde auf Betreiben und mit Hilfe des Kapitals der Kreditbank Rijeka beziehungsweise der Ungarischen Allgemeinen Kreditbank in Rijeka die Ziegel- und Keramikfliesenfabrik GmbH (Fabbrica di mattoni a vapore ed oggetti ceramici s. a.) gegründet. Die Gründung erfolgte, weil die erwähnte Bank erkannte, dass jedes Jahr vierhundert Zentner Ziegeln aus Italien über den Hafen von Rijeka importiert wurden. Es wurde festgestellt, dass sich die Produktion von Ziegeln auch in Rijeka auszahlen würde. Diese Fabrik war ungefähr zwanzig Jahre lang im Betrieb. 1896 wurde in den Stadteilen Rijekas, zwischen Turnić und Zamet, die Fiumaner Kakao- und Schokoladenfabrik gegründet. Diese wurde ebenfalls seitens der Fiumaner Kreditbank finanziert. Es ist bezeichnend, dass diese Fabrik sowie die Ziegel- und Keramikfliesenfabrik und das Dock-Unternehmen ihren Hauptsitz in der Via Albergo Vecchio 2 beziehungsweise an der offiziellen Adresse der Fiumaner Kreditbank hatten. Als eine von wenigen Privatpersonen in Rijeka hatte Steinacker schon damals, um das Jahr 1895, eine eigene Telefonverbindung.

Arthur Steinacker war langjähriges Mitglied der Stadtverwaltung Rijekas, Vorstand der Reisschäl- und Reisstärkefabrik, Vorstand der Handelsbörse, Vorstandsmitglied der Kaffee- und Schokoladenfabrik, Begründer und langjähriger Präsident des Arbeitgeberverbands, Vorstand der Aktiengesellschaft Rijeka, Gründer des Docks in Rijeka, Vorstand der Handelsgesellschaft Fluminense, Leiter der Kreditbank, Präsident des Handels-Casinos Fiumaner Lloyd, Finanzberater des Sailors Home, Mitglied des naturwissenschaftlichen Klubs, Unterstützer und Förderer von See- und U-Boot-Dampferkonstruktionen, Präsident des Freundschaftskreises für Jugend, Vorstandsmitglied des Reiterklubs und Sponsor von Wohltätigkeitsorganisationen. Zusammen mit dem Anwalt Dr. Stanko/Stanislao Dall’Asta und dem Großhändler Armin Neuberger (ca. 1847–1911) unterstützte er die Entwicklung und Gründung von Kinderferienkolonien.

Steinacker war sowohl Hauptkurator (Vorsitzender) der evangelischen Kirchengemeinde in Rijeka als auch venerabilis der Freimaurerloge Sirius. Als Mitglied einer kleinen evangelischen Gemeinde, zu deren Presbyterium einflussreiche Geschäftsleute, Intellektuelle, Beamte und Privatpersonen gehörten, hob er sich in erheblichem Maße auch von der örtlichen Gemeinde ab. Die in der Regel wirtschaftlich einflussreichen Lutheraner formten gemeinsam mit der zahlenmäßig größeren Gruppe der Calvinisten eine unierte evangelische Kirchengemeinde, die sich – von Jakob Schmidt (geb. 1857), dem evangelischen Pfarrer deutscher Herkunft geleitet – im Jahr 1887 von der Triester Gemeinde trennte und sich an den Innersomogyer Kirchenbezirk des Kirchensprengels der reformierten Kirche in Ungarn jenseits der Donau anschloss.

Am 9. März 1901 wurde die Freimaurerloge Sirius auf Dolac (in Torpedofabrikdirektor Robert Whiteheads Haus) in Rijeka formal gegründet. Dieses geschah in Anwesenheit von fünfzehn Gründungsmitgliedern unter der Schirmherrschaft ihres Hauptquartiers, der Großloge von Ungarn in Budapest mit Sitz in der Podmaniczky Straße. Arthur Steinacker wurde zum Großmeister der Loge Sirius ernannt. Steinacker war ein Kunstliebhaber und Kunst- und Kulturmäzen sowie Präsident der Konzertgesellschaft. Er bewohnte die Villa Belveder (in der Via del Pomerio), wo er oft Konzerte organisierte.

Steinacker und seine Schwester Irma (1847–1895) traten bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung, die den Erdbebenopfern von Zagreb zugedacht war, beim Grafen Géza Szápáry (1828–1898), dem Gouverneur von Rijeka, in den Räumlichkeiten des alten Gouverneurspalastes und in der Nähe des Elisabethplatzes (it. Piazza Elisabetta) auf. Irma Steinacker war zu der Zeit bereits renommierte Pianistin und Musikpädagogin. Arthurs ältester Bruder, Edmund/Ödön Steinacker (1839–1929) zeichnete sich als bekannter deutsch-ungarischer Politiker, Publizist und Journalist aus – und war Vertreter der deutschen Minderheit im ungarischen Parlament in Budapest.[1]

Mit der Transsibirischen Eisenbahn unternahm Arthur Steinacker 1903 eine viermonatige Reise nach China, über Moskau, Irkutsk und Wladiwostok, um Handelsoptionen mit Ungarn zu erkunden. Als einer der einflussreichsten Bankiers, Finanziers und Großindustriellen in Rijeka verstarb er 1917 dort, wo er seine Karriere einst begonnen hatte: in Stuttgart.

Eine angenehme Atmosphäre führte Steinacker als großen Musikliebhaber dazu, in die Stadt und das kulturelle Leben von Rijeka zu investieren, es auszubauen und zu verbessern. Rijeka bildete einen Raum, in dem es möglich war, zu Gunsten aller kreativ zu handeln. Steinacker mochte den toleranten und angenehmen Umgang der Gesellschaft. So schloss er viele neue Freundschaften, die zu einer offenen Zusammenarbeit führten und einen großen Beitrag zum Gemeinwohl der Stadt leisteten. Anregende Gespräche, die Steinacker im Freundeskreis führte, bewirkten Fortschritt, Geselligkeit und die Gründung zahlreicher Institutionen, die in diesem Beitrag bereits erwähnt wurden. Hervorzuheben sei dennoch die Konzertgesellschaft, eine Institution, die als Ergebnis seiner regen öffentlichen Tätigkeit im kulturellen Bereich zu sehen ist und die einst eine entscheidende Rolle im Kulturbereich der Stadt spielte.  

Irvin Lukežić 

Aus dem Kroatischen von Petra Žagar-Šoštarić

 

Irvin Lukežić ist Professor in der Abteilung für Kroatistik an der Universität in Rijeka (it., ung. Fiume). Er ist zudem Autor zahlreicher Monografien und Aufsätze über die Geschichte Rijekas.

 

[1] Vgl. den Beitrag zu den Karpatendeutschen von Tobias Weger im vorliegenden Heft, in dem Edmund Steinacker erwähnt wird.

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