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Auf die Lehrenden kommt es an | Rezension

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Agnes Klein, Éva Márkus, Jörg Meier (Hgg.): „Auf die Lehrenden kommt es an“. Konferenz zum 200jährigen Jubiläum der deutschsprachigen Primarschullehrerbildung in Ungarn (Beiträge zur Fachdidaktik, Bd. 5). Wien: Praesens Verlag 2020. 224 S.

 Von Márta Müller und Viktória Nagy

Im Mittelpunkt der Beiträge stehen die Entstehungsgeschichte sowie die aktuelle Lage der deutschsprachigen Grundschullehrer/-innenausbildung in Ungarn. Dem Konzept des Bandes liegt jene Tagung zugrunde, die anlässlich des 200-jährigen Bestehens der deutschsprachigen Bildungsstätten 2019 an der Fakultät für Grundschullehrer/-innen- und Erzieher/-innenbildung der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest (ELTE) veranstaltet wurde.

Die Beiträge wurden drei Schwerpunkten zugeordnet: Das erste Kapitel behandelt die Geschichte jener Primarlehrer/-innenausbildungsstätten, die auch heute noch (in Budapest, Gran, ung. Esztergom, Baja und Seksard, ung. Szekszárd) bestehen. Das zweite fokussiert auf die modernen (digitalen) Hilfsmittel und ihre Einsetzbarkeit im Primarunterricht, schließlich umfasst das dritte jene Aufsätze, die die aktuelle Lage des ungarndeutschen Schulwesens schildern.

In der einleitenden Studie widmet sich Éva Márkus, Dekanin der Grundschul- und Kindergartenpädagogischen Fakultät, den wichtigsten Wendepunkten der deutschen PrimarschullehrerInnenausbildung von der ersten Lehrerbildungsanstalt im Zipser Kapitel bis zur heutigen Ausbildung in Budapest. Es wird zunächst auf die Gründung 1819 der ersten (römisch-katholischen) Lehrerbildungsanstalt Österreich-Ungarns eingegangen. Die Autorin beschreibt nach einigen weiteren Bildungsanstalten im Königreich Ungarn schließlich die Ofener (Budaer) Bildungsanstalt, später Grundschulpädagogische Hochschule, zurzeit Grundschul- und Kindergartenpädagogische Fakultät der ELTE.

Márta Juhász überblickt die Entstehungsgeschichte und die derzeitigen Tendenzen in der Ausbildung von deutschsprachigen PrimarschullehrerInnen an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität. Aus dem Beitrag erfährt man unter anderem, dass der Erwerb der Qualifikation für den deutschsprachigen Unterricht an der Hochschule in Gran bereits vor dem Zweiten Weltkrieg möglich war; nach einer politisch bedingten Zwangspause konnte die deutschsprachige Lehrer/-innenausbildung erst nach der Wende wieder gestartet werden.

Nach der Schilderung der öffentlich-politischen Umstände in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts behandelt Adelheid Manz die Staatliche LehrerInnenausbildung für die Minderheit in der Donaustadt Baja von den Anfängen bis heute. An der Eötvös-József-Hochschule werden zurzeit Volksschullehrer/-innen, Kindergärtner/-innen sowie Erzieher/-innen für Krippen für die deutsche und kroatische Minderheit sowie für Roma in Ungarn ausgebildet. Diesbezüglich fordert Manz Curricula, die vorschreiben, dass die didaktisch-methodischen Fächer in allen von ihr erwähnten Studiengängen in beiden (Staats- und Minderheiten)Sprachen unterrichtet werden sollten.

Ágnes Klein fasst die Geschichte der deutschsprachigen LehrerInnenausbildung in Südtransdanubien zusammen und erläutert den gesetzlichen Hintergrund sowie die Zäsuren der Etablierung von Bildungsstätten, angefangen bei dem Bischöflichen Lehrerbildungsinstitut 1831 in Fünfkirchen (ung. Pécs) über die gymnasiale Volksschullehrerausbildung (Csurgó 1969, Fünfkirchen 1895) bis hin zum Staatlichen Blanka Teleki Institut (1955 Fünfkirchen), der Eötvös-József-Hochschule (1960 Baja) und der Illyés-Gyula-Pädagogischen Hochschule (Seksard 1990).

Tünde Sárvári geht in ihrem Beitrag darauf ein, über welche (Lehrer)Kompetenzen die Schlüsselfiguren des frühen Deutschunterrichts verfügen sollten und wie der Erwerb dieser durch die Deutschsprachige PrimarstufenlehrerInnenbildung in Szeged vonstattengeht. Die Arbeit erläutert ausführlich die grundlegenden Lehrerkompetenzen, das Europäische Profilraster für Sprachlehrende (EPR), das Europäische Portfolio für Sprachlehrende in Ausbildung (EPOSA) sowie die Nürnberger Empfehlungen zum frühen Fremdsprachenlernen.

Das zweite Kapitel zur Methodik des Unterrichts beinhaltet Beiträge aus der pädagogischen Praxis aus Österreich, Deutschland und Ungarn. Durch die Studie Reflektierter Einsatz „neuer“ Medien im (Sprachen-)Unterricht: Chancen und Risiken, Aufgaben und Perspektiven von Jörg Meier wird das Kapitel mit einem hochaktuellen Themenbereich eröffnet. Neue Medien und dementsprechend auch die Medienkompetenz sind ein wichtiger und fester Bestandteil des Bildungswesens geworden. Die Integration der Medien brachte auch neue Begriffe wie den „symmedialen Unterricht“ in der Pädagogik hervor. Meier führt aus, dass die Medien im Unterricht allen Beteiligten eine innovative Chance bieten, und geht auch auf die Risiken ihrer Verwendung ein.

Im nächsten Beitrag des Kapitels beschreibt Réka Miskei-Szabó in ihrer Studie IKT-Mittel im Volkskundeunterricht zehn digitale Tools, die in der pädagogischen Arbeit erfolgversprechend integriert werden können. Die behandelten digitalen Hilfsmittel (Learning Apps, Redmenta, Kahoot, Mentimeter, Quizlet, Mysimpleshow, Storyboardthat, Tiki-Toki, Mindmup, Wordart) sind Web-2.0.-Applikationen und beschränken sich nicht nur auf den Medienkonsum durch die Benutzer, sondern basieren auf Interaktionen.

Teréz Radvai stellt in ihrer Studie die Problematik des Faches Deutsch als Minderheitensprache im Grundschulbereich dar und stellt dabei fest, dass die deutsche Minderheitenschule in Ungarn ursprünglich das Ziel hatte, den Schüler/-innen mit (ungarn-)deutscher Muttersprache die Standardsprache und die Sachfachinhalte auf Deutsch beizubringen. Gegenwärtig kommen aber Kinder mit völlig unterschiedlichen, meistens minimalen Deutschkenntnissen in die erste Klasse. Das erfordert laut Radvai einen DaF-Unterricht, in dessen Rahmen auch Methoden des DaMi-Unterrichts (Deutsch als Minderheitensprache) eingesetzt werden (sollen).

Sabine Zelger befasst sich mit Geschichten in der Grundschule und plädiert für eine forschungsgeleitete Lehre mit der Narration und Narrativen von Geschichten. Zelger geht auch auf die grundlegende Frage der Erzählforschung ein: ob die Geschichten die Wirklichkeit und dadurch Identität und Werte beeinflussen und verändern oder Wissen generieren. Diese performative Kraft der Literatur ist auch im Unterricht bzw. bei der Auswahl der Werke vor Augen zu halten.

Im Beitrag Buchstabenbad. Zusammenhänge zwischen emergent literacy und dem frühen Spracherwerb setzt sich Eszter Gombocz mit Literacy-Prozessen im Vorschulalter auseinander. Sie geht von der Auffassung von Montessori aus, wonach es eine für das Schreiben und Lesen sensitive Periode im Alter von dreieinhalb Jahren gäbe, die mit dem Begriff „emergent literacy“ bezeichnet wird. Ausgehend von dieser Ansicht, sollten Kinder schon im Vorschulalter eine gewisse Lesekultur erleben. Die einzelnen Phasen der Förderung werden mit authentischen Belegen illustriert. Gombocz führt zahlreiche Beispiele für mögliche Förderungsmethoden in den Kindergärten an und nennt bereits vorhandene, gute Praxisbeispiele aus Ungarn.

Das dritte Kapitel eröffnet der Beitrag Ungarndeutsches Bildungssystem – Überblick und Zukunftsperspektiven von Ibolya Englender-Hock, der Vorsitzenden der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU). Nach dem gesetzlichen Hintergrund des Bildungswesens werden die drei Schultypen vorgestellt, die sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart die grundlegenden Schulformen der Minderheiten in Ungarn sind. Nach der politischen Wende wurden zahlreiche deutsche Nationalitätengymnasien in Ungarn gegründet, jedoch gab es jahrzehntelang keine umfassenden Richtlinien für den Unterricht. Um dieses Desiderat zu beheben, wurde 2010 das Projekt „Wurzeln und Flügel“ (Leitbild, Kompetenzmodell, Rahmenlehrpläne) von der LdU initiiert.

Krisztina Kemény-Gombkötő untersucht die Rahmenbedingungen, Tendenzen und Herausforderungen des ungarndeutschen Nationalitätenunterrichts. Nach einem Überblick der Geschichte der Ungarndeutschen stehen das neue Nationalitätengesetz, die drei Schultypen im Bildungswesen und das Leitbild des Bildungswesens im Fokus, wodurch die Bestandsaufnahme zur gegenwärtigen Lage des ungarndeutschen Bildungswesens gelingt.

Im Beitrag von Mira Gölcz geht es um die Traditionspflege in den Schulen der ungarndeutschen Minderheit, insbesondere um die Weitergabe und Pflege jener Volkslieder, -tänze, Reime sowie Trachten, die in den jeweiligen ungarndeutschen Siedlungen indigen (das heißt durch gegenwärtige und fremde Modetendenzen nicht beeinflusst) und relevant sind. Gölcz geht ferner und anhand einer von ihr durchgeführten Umfrage der Nützlichkeit und Beliebtheit des Volkskundeunterrichts bei Schüler/-innen und Eltern nach.

Der den Konferenzband abschließende Beitrag von Helmut Herman Bechtel, Mythos, Ethos und Realität: Variationen zum donauschwäbischen Ursprung in ungarisch- und deutschsprachigen Narrativen, belegt unter anderem auch durch Zitate, wie die deutsche „Kolonisation“ Ungarns in literarischen Werken dargestellt wird, inwieweit die Mythosbildung wirksam wird und wie die Lebenseinstellungen und die Mentalität der Figuren geschildert werden.

Das Novum des Bandes ist, dass er Vergangenes (Geschichte der Bildungsstätten für Volksschullehrer/-innen, Traditionspflege, literarische Darstellung der Ansiedlung) mit Aktuellem (Entwicklungstendenzen im Schulwesen und im Deutschunterricht) verbindet. Das Einbeziehen arrivierter Expert/-innen und des wissenschaftlichen Nachwuchses erhöht die Qualität des Bandes, der für jeden lesenswert ist, der sich mit dem Primarbereich der ungarndeutschen Schulen auseinandersetzen möchte.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 100–103.

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