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Kai Brodersen: Dacia felix | Rezension

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Kai Brodersen: Dacia felix. Das antike Rumänien im Brennpunkt der Kulturen. Darmstadt: wbg Philipp von Zabern 2020. 240 S.

Von Tobias Weger

Wandelt man auf den Spuren der römischen Kaiserzeit durch Italiens Hauptstadt, das einstige Machtzentrum des Imperium Romanum, begegnen sie einem auf Schritt und Tritt. Sie bevölkern das lange Reliefband der Trajanssäule oder existieren in Gestalt unzähliger, zumeist bärtiger Skulpturen in den diversen Antikenmuseen, mal als stolze Krieger, mal als Kriegsgefangene – die Daker, die antiken Bewohner des Karpatenraumes. In diesen Artefakten haben die römischen Bildhauer ihre künstlerische Sicht, die der Eroberer, zum Ausdruck gebracht. Nach mehreren erfolglosen Anläufen beherrschten die Römer im 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert das Gebiet der Daker und verleibten es als Provinz Dacia ihrem Imperium ein. Mit diesem Gebiet vor und während der römischen Herrschaft, aber auch seinem Nachleben bis in die Gegenwart befasst sich Kai Brodersen in einem eingängig geschriebenen Band mit dem Titel Dacia felix. Er hat ihn, das erfahren die Leser zum Ende des Buches, den Aufschriften römischer Münzen entlehnt.

Kai Brodersen, der seit 2008 eine Professur für Antike Kultur an der Universität Erfurt innehat, zählt gegenwärtig im deutschsprachigen Raum zu den besten Kennern der griechischen und römischen Geschichte und ihrer Quellen. Hervorzuheben ist dabei sein ausgeprägtes Interesse für die antiken Verhältnisse im westlichen Schwarzmeerraum, einer ansonsten von heutigen deutschen Althistorikern etwas vernachlässigten Region. Das für einen breiteren Leserkreis geschriebene Buch soll dabei zugleich das Interesse für die Gegenwart wecken – so zumindest ist der Untertitel zu verstehen, in dem der Autor zur besseren Orientierung die Wendung „das antike Rumänien“ gebraucht, umfasste doch die römische Provinz Dacia im Wesentlichen das heutige Staatsgebiet Rumäniens und Teile des heutigen Ungarn. Rumänien, ein „europäisches Land“ (S. 7), präsentiert der Verfasser einleitend vorurteilsfrei. Als Nationalstaat ist Rumänien ein Produkt des 19. Jahrhunderts, entstanden durch die Vereinigung der beiden Donaufürstentümer Walachei und Moldau, doch in seiner Selbstbezeichnung wie auch in seiner Geschichtspolitik spielen die Bezüge zur Antike eine zentrale Rolle.

Brodersen skizziert zunächst die materiellen und immateriellen Quellen, die heutigen Forschern zur Verfügung stehen: die Befunde der Archäologie, Inschriften, die auf dem Territorium des antiken Dakiens gefunden wurden, antike Münzprägungen, literarische Zeugnisse der Historiografie und Landesbeschreibung, aber auch Traditionen. Unter diesem Begriff fasst Brodersen das Fortleben einer „dakischen“ Sprache in Toponymen und Pflanzennamen zusammen (S. 29). Unterschiedliche Zugänge zur Geschichte des antiken Dakiens offenbart das Kapitel „Modelle“, in dem Brodersen die Sichtweise der römischen und der rumänischen Geschichtsschreibung kontrastiert. Die eine reflektiert eine Außenperspektive, die von den eigenen Erfolgen oder Misserfolgen bestimmt war, die andere diente im 19. und 20. Jahrhundert der Sinnstiftung für die rumänische Nationalstaatsbildung, die gern als eine Symbiose von „dakischer“ und römischer Kultur in ungebrochener Kontinuität angesehen wurde.

Wer waren aber in der Realität die antiken Daker? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig klären, handelte es sich doch bei diesem Kollektivbegriff um eine Fremdzuschreibung und nicht um die Selbstbezeichnung der betroffenen Bevölkerung. Mehrere Autoren gaben an, dass die Daker sprachlich mit den Geten und den Thrakern verwandt gewesen seien. Kai Brodersen nennt zunächst für das Gebiet zwischen dem Unterlauf der Donau und dem Schwarzen Meer – dem antiken östlichen Bereich Moesiens, der heutigen Dobrudscha – fremde Einflüsse kultureller und militärischer Art. Griechen, Perser, die Makedonierherrscher Philipp II. und Alexander der Große sowie dessen Nachfolger Lysimachos – sie alle waren in diesem Raum präsent und interagierten auf unterschiedliche Weise mit den dort lebenden Menschen.

Gern wird in der rumänischen Historiografie und in Schulgeschichtsbüchern eine Abfolge dakischer Könige präsentiert, von „Burebista“ bis zu Decebal. Wie Brodersen überzeugend aufzeigt, stützt sich diese Chronologie vor allem auf den spätantiken Autor Jordanes, dessen Darstellung allerdings aus mehreren Gründen als wenig zuverlässig gilt. Aus den Texten zeitlich näherer oder zeitgenössischer Chronisten sowie aus erhaltenen Inschriften aus den griechischen Schwarzmeerkolonien gelingt es ihm jedoch, die Gestalt eines Herrschers namens „Byrebistas“ plastischer werden zu lassen. Nach dessen Regierungszeit scheint sein Königreich in mehrere Teilfürstentümer zerfallen zu sein, die zu römischen Klientelkönigreichen wurden. Caesar verfolgte wohl noch vor seinem gewaltsamen Tod militärische Pläne in Südosteuropa, Augustus scheint durch Bevölkerungsverschiebungen und militärische Aktionen die Grenze des Imperiums an der unteren Donau gesichert zu haben. Dessen unmittelbare Nachfolger waren aufgrund anderweitiger innerer und äußerer Probleme des Imperiums ganz offensichtlich nicht an dessen weiterer Expansion jenseits der Donau interessiert, sondern vor allem bestrebt, die bestehenden Außengrenzen gegenüber militärischen Angriffen zu sichern und zu halten. Widersprüchlich sind die Angaben zu Domitian, in dessen Regierungszeit es allerdings gelang, das Klientelkönigtum unter den Dakern zugunsten der Römer weiter zu etablieren. Es ist die Zeit des Königs Decebal, dessen Auseinandersetzung mit Kaiser Traian aufgrund ihrer großen Bedeutung Gegenstand eines eigenen Kapitels ist. Am Ende der Kämpfe stand die Errichtung der Provinz Dacia, die rasch mit der für die Römer üblichen Infrastruktur durchzogen wurde – Straßen, Städten und Militärstützpunkten. Traian verstand es aber auch, sich für die Nachwelt als Heroe der Dakerkriege zu inszenieren: durch die in Rom aufgerichtete Trajanssäule und das Tropaeum Traiani (bei Adamclisi) in der Dobrudscha.

Dacia, das belegen antike Texte, aber auch die Archäologen, hatte für das Imperium Romanum eine hohe strategische und wirtschaftliche Bedeutung, letztere vor allem dank der Gold- und Salzvorkommen in der Region. Dakien wurde – wie auch andere römische Provinzen – zum Ansiedlungsgebiet für Menschen aus unterschiedlichsten Gebieten des Reiches und erfuhr unter Kaiser Hadrian eine Reorganisation. Als 271 n. Chr. die römischen Truppen diese Provinz räumen mussten, wurde allerdings Dacia nominell nicht aufgegeben: Der Name wanderte aus dem Karpatenraum in zwei Bestandteile Moesiens, wo mit der Dacia Ripensis und der Dacia Aureliana eine extraterritoriale Kontinuität suggeriert wurde. Möglicherweise wurde ein Teil der Bevölkerung der ursprünglichen Provinz Dacia in diese Gebiete umgesiedelt, aber dazu sind die Erkenntnisse aus den Quellen spärlich. Sicher ist jedoch, dass erst dort die für das Buch titelgebenden Münzen mit der Aufschrift „Dacia felix“ geprägt worden sind.

Gerade die Frage der ethnischen Kontinuität ist für die rumänische Geschichtsbetrachtung seit dem 19. Jahrhundert zu einem zentralen Motiv geworden. Außer Zweifel steht jedoch die Kontinuität der lateinischen Sprache, die den vielen zugewanderten Menschen als lingua franca diente und Rechtsstandards normieren half. In seinem „Ausblick“ (S. 201–203) betont Brodersen die damit erfolgte Integrationsleistung, die auch über das Imperium Romanum hinaus Bestand hatte. Die Darstellung vervollständigen ein Anhang mit Hinweisen zu archäologischen Stätten der Daker im heutigen Rumänien, ein Quellen- und Literaturverzeichnis und ein ausführliches Register.

Kai Brodersen bewältigt die schwierige Aufgabe, mit einer beachtlichen sprachlichen Leichtigkeit komplexe Sachverhalte darzustellen, komplementäre oder widersprüchliche Quellentexte und archäologische Erkenntnisse zueinander in Beziehung zu setzen, um so eine möglichst exakte Annäherung an die historische Realität im Karpatenraum zu unternehmen. Durch die Gegenüberstellung antiker Quellenzitate erreicht seine Präsentation eine Multiperspektivität, die anstelle einer stets eindeutigen Interpretation an vielen Stellen Alternativen zulässt, wo es kein gesichertes Wissen gibt. Der besseren Lesbarkeit halber verzichtet der Autor auf einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat; Originalquellen werden unmittelbar mithilfe einer durch kleinere Schriftgröße abgesetzten Zitation nachgewiesen und in der Bibliografie aufgeschlüsselt. Für die Orientierung in dieser Darstellungsform erweisen sich die zahlreichen in den Text eingestreuten Querverweise als hilfreich. Im Ergebnis ist so ein gut lesbares Buch entstanden, in dem Dakien in seinen vielfachen glücklichen und unglücklichen Verflechtungen vorgestellt wird.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 94–96.

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