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Sigrid Katharina Eismann: Das Paprikaraumschiff | Rezension

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Durch Zeit und Raum

Sigrid Katharina Eismann: Das Paprikaraumschiff. Ulm: danube books 2020. 160 S.

Von Eszter Stricker

Vor einem guten Jahr erschien Sigrid Katharina Eismanns neuestes Buch. Die Autorin schreibt über Kindheit und teilt Erinnerungen mit den Lesern und Leserinnen, die eine Reise durch Zeit und Raum ermöglichen und dank der lebendigen Dialoge sowie Beschreibungen die erzählte Geschichte zum unmittelbaren Erlebnis werden lassen: Man riecht den Duft von traditionellen Mittagessen, spürt die Kälte des kontinentalen Klimas und hört jedes Geräusch mit. Wenn jemand die Geschehnisse um den erstrebten Kommunismus und den Kontrast zur westlichen Welt der 1970- und 1980er-Jahre (wieder-)erleben möchte, darf er an diesem Buch nicht vorbeigehen.

Katharina Eismann baut von Seite zu Seite eine Welt auf, die nur sie sehen konnte: Ein kleines Mädchen, das zwar nicht genug von den Ereignissen um sich herum verstand, um sie zu kommentieren, aber genug, um mit seiner ehrlichen Kinderseele Ungerechtigkeit zu begreifen. Die Autorin lässt das Lesepublikum gekonnt durch die kindlichen Augen die Welt betrachten und dabei auch kleinste Details mitbeobachten und mitdenken. Jedes einzelne Kapitel bietet Eindrücke, die unweigerlich zum Nachdenken anregen. Es erstaunt, wie viel zwischen den Zeilen schlummert und ohne große Anstrengung bildlich erscheint.

Dieses Buch ist kein traditioneller Roman, der uns chronologisch von A bis Z führt; Sigrid Katharina Eismann schafft ein Meisterwerk durch schnelle Wechsel aus dem Jetzt in ein kindliches Damals und zurück. Wie ein Mosaikstück zum anderen an verschiedenen Ecken eingefügt wird, ergibt sich am Ende ein beeindruckendes Bild. Eindrücke und Gefühle bilden eine schnell vorankommende Einheit – ein Raumschiff – und überbrücken damit die Zeit und geografische Entfernungen.

Themen wie Immigration von Ost nach West, Bürokratie und Korruption unter dem Diktator Ceauşescu, soziale und finanzielle Unsicherheit der Familien in Osteuropa in den 1970er-Jahren, generationenübergreifendes kulturelles Erbe und die Spuren einer kommunistisch geprägten Kindheit werden in Das Paprikaraumschiff thematisiert. Diese Begriffe fallen so nie, doch sind die Schlussfolgerungen immer eindeutig. Es sind wichtige Themen, die in der heutigen Gesellschaft viele Menschen betreffen und doch zu selten auf eine so ehrliche, persönliche und fast kindliche Weise erzählt werden. Obwohl dieses Buch zum größten Teil eine Sammlung von persönlichen Erfahrungen ist, schafft es die Autorin, den Lesenden den Freiraum zu lassen, sich ein eigenes Bild über die Geschichte zu machen. Dies gelingt dadurch, dass die Geschichten meist ohne interpretierende Erklärungen mitgeteilt werden und damit die Lesenden motivieren, selbst den Moment zu Ende zu denken. Fast wie bei einem nächtlichen Spaziergang auf einer Straße mit offenen, hell erleuchteten Wohnungsfenstern, wo man kurz Teil der Geschehnisse wird, aber nicht länger hinsieht: Es bleiben Eindrücke, die man vielleicht nie mehr vergisst.

Die Autorin wuchs in Temeswar (rum. Timișoara) auf und lädt durch ihren Roman auf eine Reise zu berühmten Sehenswürdigkeiten, durch geheimnisvolle Sackgassen, leere Geschäfte und laute Lokale ein. Jeder erwähnte Ort in Temeswar gewinnt eine neue Bedeutung durch die dort lebenden Menschen und deren Gespräche, die oft das Schicksal Hunderter bestimmten. Die Rückkehr der Ich-Erzählerin in die Heimatstadt weckt Assoziationen und lässt Geschichte lebendig werden. Kindheitserinnerungen treffen auf eine gekonnte Erwachsenenwahrnehmung.

Lässt man sich auf die Reise mit dem „Paprikaraumschiff“ ein, vergeht die Zeit sprichwörtlich im Fluge. Die Protagonisten sind meist Durchschnittsbürger, die viel Qual und Trauer im 20. Jahrhundert erlebten. Es gibt aber auch Charaktere, die mit ihrer leichten und positiven Natur die Schwierigkeiten der Zeit zu vergessen schienen und die kleinen Segnungen der Gegenwart wie ein leckeres Stück Kuchen aus der besten Konditorei in Temeswar genießen konnten.

Es werden die Geschichten der Großeltern der Ich-Erzählerin gesammelt, und diese Episoden eröffnen eine vierte Zeitdimension im Roman: Die erste ist die der Ich-Erzählerin als kleines Mädchen in Rumänien während des kommunistischen Regimes, die zweite beschreibt die Reise und Ankunft der Teenagerin auf dem Weg nach Deutschland. Hierauf folgt die Perspektive der Erwachsenen, die die Darstellung der Reisestationen abrundet. Wie in einem Flutlicht blickt man also auf fast jede Lebensstation der beschriebenen Gesellschaft in einer Zeit zurück, die wie keine Millionen von Menschen geprägt hat.

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 235–236.

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