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Edit Király, Olivia Spiridon (Hgg.): Der Fluss. Eine Donau-Anthologie der anderen Art. Salzburg, Wien: Verlag Jung und Jung 2018. 491 S.

Von Klaus Hübner

Die Donau sei „ein ungewöhnlicher Fluss“, und „ungewöhnlich“ seien auch „die Kategorien, in denen er verhandelt wird“, heißt es in der Einleitung zu einer „Donau-Anthologie der anderen Art“, der die mit allen Wassern der Diskurstheorie gewaschenen Literatur- und Kulturwissenschaftlerinnen Edit Király und Olivia Spiridon die Überschrift „Der Fluss als Textfluss“ gegeben haben (S. 7). „Ein Fluss, mit dem sich die unterschiedlichsten Agenden, Erzählungen und Traditionen verbinden.“ Man müsse die Donau eben nicht nur als Strom, sondern als „Textfluss“ betrachten, als einen Diskurs, „der aus verschiedenen Wahrnehmungen, Vorstellungen und Narrativen als Projektionsfläche vielfältiger Gesichtspunkte hervorgeht“ (S. 7). Das leuchtet ein, und wenn man diese Grundvoraussetzung vorbehaltlos akzeptiert, folgt daraus fast zwanglos, dass hier, verglichen mit den kaum noch zu zählenden bisherigen Textsammlungen zum Thema, eine „Anthologie der anderen Art“ entstehen musste. „Die Auswahl der Texte, die unterschiedlichen Zeiten und Literaturen entstammen, zeigt nicht nur das Überlappen verschiedener Blickwinkel und Deutungen, sondern auch die Vielfalt der Zusammenhänge, in denen die Donau intensiv reflektiert wurde“ (S. 8). Die umfangreiche, mit originellen und durchwegs interessanten Fotos und Abbildungen garnierte Anthologie, entstanden im Rahmen des von der Baden-Württemberg Stiftung über zwei Jahre finanzierten Forschungsvorhabens „An der Donau. Ein europäisches Literaturprojekt“, lädt nicht nur zu einer mittel- und südosteuropäischen „Lesereise“ ein, sondern auch zu kulturhistorischen Diskurs-Reflexionen aller Art. Dafür sorgen die oft anspruchsvollen, doch immer eingängigen Einleitungen der Herausgeberinnen in die insgesamt 23 Kapitel. Zwischen den erwartbaren Abschnitten „Quelle“ und „Mündung“ finden sich weit weniger vorhersehbare Kapitel, „(Imaginierte) Geografien“ etwa, „Farben“ oder auch „Die große Klammer“.

Anthologien sind immer leicht zu kritisieren: Der fehlt und jene fehlt auch, diese Autorin ist überrepräsentiert und von jenem Autor hätte man andere Texte auswählen sollen, auch hier sind Frauen in der Minderheit, das 17. Jahrhundert kommt gar nicht vor – und überhaupt. An dieser Anthologie ist wenig zu kritisieren. Sollte sie manchem Leser ein bisserl „österreichlastig“ erscheinen, so geht das nirgendwo wirklich zu Lasten der anderen Länder und Sprachen im Donau-Karpaten-Raum. Dass gerne aus den Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Donau-Büchern des aus Bremen stammenden Johann Georg Kohl zitiert wird, liegt an deren grundlegender Bedeutung für die Diskursgeschichte der Donau – nicht etwa an einer Vorliebe der Herausgeberinnen für Schriftsteller des vorvorigen Jahrhunderts, auch wenn Autoren aus der Epoche der Doppelmonarchie nicht zu knapp vertreten sind. Johann Georg Kohl und Claudio Magris bestreiten das Anfangskapitel „Quelle“, prägnante Auszüge aus literarischen Texten von Algernon Blackwood und Andreas Okopenko führen „Auen, Ufer, Weichbilder“ vor Augen, und andere Passagen aus dessen Lexikon-Roman wurden, neben einem Ausschnitt aus Danubius Pannonico-Mysicus von Luigi Ferdinando Marsigli und Texten aus dem nicht genug zu rühmenden Donau-Buch des wunderbaren Pavao Pavličić, für das Kapitel „Fische und Fischer“ zusammengestellt. Dann das Kapitel „Hochwasser“! Im dritten Teil von Hundert Tage auf Reisen in den österreichischen Staaten (1842) berichtet Johann Georg Kohl über das schlimme Hochwasser, das im März 1838 die Stadt „Pesth“ heimgesucht hatte: „Die leise, allmähliche Gewalt des Wassers hatte in drei Tagen mehr geschadet, als ein hunderttägiges Bombardement gethan haben würde“ (S. 72). In Franz Grillparzers Erzählung Der arme Spielmann (1847) erscheint die Flut als Ausdruck menschlicher Gemütsbewegungen, Arnolt Bronnen macht aus dem verheerenden Hochwasser vom Juli 1954 eine packende Erzählung über menschliche Abgründe, und auch Pavao Pavličić zollt der unheimlichen Gewalt der Fluten seinen schriftstellerischen Respekt. „Groß und unberechenbar war die Donau, doch im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde sie in eine Straße umgedacht, auf der Dampfschiffe verkehrten“, schreiben die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung zum Kapitel „Abfahrt und Ankunft“ (S. 99) – und das erinnert natürlich an Edit Királys instruktive Monografie Die Donau ist die Form![1] In seinem Tagebuch auf der Reise nach Konstantinopel, das Ende August 1843 anhebt, notiert Franz Grillparzer, dass eine seiner Bekannten „ganz außer sich“ war über seine „gefahrvolle Reise“ (S. 101), und nicht ohne Grund heißt das folgende, mit beeindruckenden Texten des großen Heimito von Doderer bestrittene Kapitel „Schiff und Wrack“. Wie verschieden „Karten“ dieses Stroms aussehen können, verdeutlicht der Abschnitt „(Imaginierte) Geografien“ am Beispiel von Andreas Okopenko, Mircea Eliade und Nick Thorpe. Den nostalgischen und pathetischen, aber auch den skeptischen und ironischen Umgang mit dem viel diskutierten Thema „Donau und Mitteleuropa“ führen ein bezwingender Auszug aus Gerhard Fritschs wiederzuentdeckendem Roman Moos auf den Steinen (1956) sowie Literarisches von Péter Esterházy und István Kemény vor Augen. Ein äußerst ergiebiges kulturwissenschaftliches Thema sind die „Brücken“, die schon immer „Angelegenheiten von Träumern, Mythenerzählern, Historikern, Kriegsstrategen und Konstrukteuren“ waren (S. 151) – Texte von Gert Jonke, János Arany, Péter Nádas, Mircea Cǎrtǎrescu, Nicolae Iorga und Johann Georg Kohl tragen zu diesem wichtigen Kapitel bei.

Die durch den jeweiligen Schwerpunkt plausibel gemachte Bündelung literarischer Texte aus ganz verschiedenen Epochen und Sprachen überzeugt auch beim Thema „Grenzen“. Die Donau, erläutern die Herausgeberinnen, sei ein Fluss, „der Grenzen überquert, zugleich aber auch Grenzen bildet und selbst zwischen Gegenden, die er miteinander verbindet, immer wieder in eine Grenze umgewandelt werden kann“ (S. 181) – Ferenc Herczegs Erinnerungen I. Der Burgberg und Richard Wagners Gedicht Tulcea, sonntags stehen dafür. Dass und wie man Grenzen überqueren kann, wenigstens in der Dichtung, machen die Beiträge von Dániel Varró, Alexander William Kinglake und vor allem Mircea Cǎrtǎrescu anschaulich – wobei der Ich-Erzähler von Kinglakes Über die Grenze (1898) kurz vor Belgrad „für viele Tage Abschied von der Christenheit“ nimmt (S. 204) und seine nun osmanischen Diener so einschätzt: „Sie schienen zu denken, dass sie viel nützlicher, ehrenvoller und frommer beschäftigt gewesen wären, unsere Kehlen durchzuschneiden, als unsere Handkoffer zu schleppen“ (S. 205). Dass das Babylon der Donauregionen ein „Raum notwendiger Übersetzungen“ ist, versteht sich von selbst, weil „das Neben- und Ineinander verschiedener Kontexte und Sprachen“ zu den markantesten Eigenschaften der Donau gehört (S. 217); prägnante Textstellen aus den Büchern von Kohl und Kinglake und endlich auch aus Elias Canettis Die gerettete Zunge unterstreichen es. Eigene Kapitel erhalten das Eiserne Tor – mit Texten von Mór Jókai, Lothar-Günther Buchheim und Patrick Leigh Fermor – sowie die versunkene Insel Ada Kaleh, über die neben Kohl, Jókai und Cǎrtǎrescu auch der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch geschrieben hat, der die über Jahrhunderte die Wasserstraße beherrschende Inselfestung das „Gibraltar der Donau“ nennt (S. 264). „Städte sind faszinierend“, beginnt das umfangreiche Kapitel „Stadtlandschaften“ (S. 279). „Die mind map dieser europäischen Großregion ist von diesen Orten sowie der zwischen ihnen sichtbaren Vernetzung zutiefst geprägt“ (ebd.). Algernon Blackwoods Schilderung einer wilden Kanufahrt in und um Ulm, Einschlägiges über Regensburg aus Eva Demskis Mama Donau, Linz bei Adalbert Stifter und László Márton, kraftvolle Wien-Passagen aus Doderers Dämonen, Geschichten vom Donau-Fischen vor Bratislava von Michal Hvorecký, Lajos Parti Nagy über Budapest und Mihajlo Pantić über Belgrad („Die Donau ist kein Fluss, die Donau ist Gott“, S. 317), dann der unvermeidliche Karl-Markus Gauß über bulgarische Donauhäfen, der mit seinem Buch Im Bannkreise des Balkans (1926) hervorgetretene Karl Sokolowsky über Brăila und Galatz, Catalin Dorian Florescu über Tulcea und schließlich Klaus Hensels Gedicht verkehr über Sulina – mehr geht im Rahmen einer Anthologie wirklich nicht. Diesem wohl längsten Kapitel folgen ein Abschnitt zum „Krieg“, wobei der Zweite Weltkrieg (Arno Geiger, Szilárd Rubin) und die Jugoslawien-Kriege der 1990er-Jahre (Horst Widmer, Peter Handke) naturgemäß im Vordergrund stehen, sowie einer zum damit eng verwandten Thema „Niederlagen“ (Bettina Balàka, Géza Ottlik, Péter Nádas, Mircea Cǎrtǎrescu).

„Mehr oder weniger freiwillige Migrationen prägen die Bevölkerungszusammensetzung im Donauraum, sodass die Geschichte dieser Großregion gleichzeitig eine der Migration ist“, betonen Edit Király und Olivia Spiridon zu Beginn des Kapitels „Flucht und Vertreibung“ (S. 377). Auf welch großartige und kluge Weise die Literatur historisches Elend in sprachlichen Glanz verwandeln kann, zeigt der Ausschnitt aus Reise ins Gelobte Land von Ladislav Fuks; Donau-Klage von Mihály Kornis und Kalte Tage von Tibor Cseres machen mehr als deutlich, mit welch brutaler Gewalt man Mitte des 20. Jahrhunderts in Ungarn konfrontiert war. In anderen Ländern und zu anderen Zeiten war es nicht viel anders, wie das nächste Kapitel durch Texte von Herta Müller, Ilija Trojanow und Hans Bergel drastisch vor Augen führt. „Von den Straflagern und Gefängnissen, die das vergangene Jahrhundert in erschreckendem Maß hervorbrachte, sind zahlreiche auch an der Donau zu verorten“ (S. 401). Und dass der Fluss zu jeder Zeit „als Verhandlungsraum für die unterschiedlichsten Anliegen und Begehren“ fungierte, wird in der Einleitung zu „Die große Klammer“ herausgestellt (S. 419), einem Kapitel, das neben Auszügen aus Werken von Okopenko, Kohl, Grillparzer, Esterházy, Márton und Bergel auch Verse von Attila József, einige Sätze von der Donau von Franz Tumler sowie Passagen aus Fluss der Erinnerung von Andrzej Stasiuk bietet. „Die Donau“, so Stasiuk, „fließt gegen den Strom der Zeit. Sie wälzt ihr Wasser aus der Neuzeit in die Vergangenheit, aus der Aktualität ins Vergangene. Je länger sie wird, desto älter wird sie. In ihrer Mündung leben tausendjährige Welse und Scharen von Pelikanen, die aussehen wie fliegende Reptilien. Hier sammelt sich der Schlamm aus dem Innern Europas“ (S. 426). Nach Lektüre des zunächst durchaus verwirrenden, weil inkonsequent gesetzten „Farben“-Kapitels, in dem Moritz Rinke, Claudio Magris, Péter Esterházy, Franz Tumler, Mila Haugová, Ivan Vasov, Vladimir Zarev, Franz Hodjak und manch andere Dichter ihre Auftritte haben, ist klar, dass Johann Strauss zwar 1867 mit An der schönen blauen Donau eine Art „Welthit“ gelungen ist, dass die Donau aber dennoch weiß, schwarz, braun, gelb, grünlich oder grau sein kann – und manchmal leider auch rot. Mit Texten zum „Delta“ (Oscar Walter Cisek, Ştefan Bǎnulescu, Jean Bart) und zur „Mündung“ (Ludwig Bechstein, Carmen Sylva, Jean Bart) endet diese wunderbare Anthologie, die selbstverständlich auch ihre Bild- und Textquellen nach- und auf ein paar wenige weiterführende Bücher, Aufsätze und Filme hinweist (S. 481–491). Der Fluss ist einem breiteren Publikum ebenso zu empfehlen wie der Fachwelt. Überwältigt ob der Fülle der Texte und der Originalität ihrer Zusammenstellung wird der vielleicht erschöpfte, in jedem Fall aber glückliche Leser nur noch Ingeborg Bachmann zustimmen können, in deren Malina-Fragment es heißt: „… ich weiß, dass die Donau ins Schwarze Meer münden wird. Ich werde münden wie sie“ (S. 467).

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2020), Jg. 15, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 275–278.

[1] Edit Király: „Die Donau ist die Form“. Strom-Diskurse in Texten und Bildern des 19. Jahrhunderts. Wien 2017. Vgl. Klaus Hübners Rezension des Bandes in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas 13 (2018) H. 1, S. 104–107.