Start » Online-Artikel » Ausgaben » Ausgabe 2020.2 » Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt | Rezension

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt | Rezension

PDF-Download

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Roman. Stuttgart: Verlag Klett-Cotta 2020. 215 S.

Von Klaus Hübner

 

Nur noch selten geht es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ums Ganze: Wie kann man das Leben überhaupt aushalten, wie kann man es sinnvoll und gut führen in einer Welt, in der die Geschichte so lief, wie sie lief, und die Politik so ist, wie sie ist? Eine Literatur von existenzieller, oft verzweifelter Dringlichkeit – dazu fallen einem vielleicht einige Romane und Erzählungen aus der Spätphase der DDR ein, sogar über 1990 hinaus. Aber sonst? Kulturpessimistisch gesprochen: ein sprachlich oft deplorables, im besten Falle unterhaltsames Büchermeer voller Gestalten, die wie selbstverständlich in materiellem Luxus leben und ihre seelische Leere mit mehr oder weniger beliebigen Belanglosigkeiten zu überdecken suchen. Wo gibt es heute Romanfiguren, deren Schicksal mit der Geschichte ihrer Heimat und der Politik ihrer Zeit so fest verzurrt ist, dass sie deren Spielball und Ausdruck zugleich werden können? Und genau deshalb die Lesenden in Atem halten? Klar, es gibt sie, immer noch und immer wieder. Aber man muss sie suchen. Oder man liest gleich die Bücher von Iris Wolff. Der vierte Roman der 1977 im siebenbürgischen Hermannstadt (rum. Sibiu, ung. Nagyszeben) geborenen, heute in Freiburg lebenden Autorin ist gerade erschienen und sofort für drei renommierte Literaturpreise vorgeschlagen worden: Die Unschärfe der Welt.

Der Klang der Sprache fasziniert von der ersten Seite an, der Rhythmus, die Musikalität dieser Prosa. Das ist der unnachahmliche Wolff-Sound, der schon die Leserschaft ihrer vorausgegangenen Romane begeistert hatte. Erzählt wird, über vier Generationen hinweg und durch sie hindurch, die Geschichte einer Familie aus den Karpaten und dem Banat, die sich den Stürmen des 20. Jahrhunderts ausgesetzt sieht. Die viel Schönes erlebt und noch mehr Schreckliches, die sich, der Not gehorchend und der Sehnsucht folgend, letztlich in alle Winde verstreut, manches verliert und manches aufgeben muss – und die dennoch, mehr oder minder hartnäckig, immer wieder neu anfängt, in Deutschland oder anderswo. Sieben Hauptfiguren, die zusammengehören und immer zusammengehören werden, über geografische und andere Grenzen hinweg. Nicht umsonst ist der Wind, der erbarmungslos durch die Banater Ebene pfeift, ein zentrales Motiv des Textes, und die Vögel, die er durch die Lüfte und über die Grenzen trägt, sind es auch. Diejenigen Menschen, die sich selbst in der Volksrepublik Rumänien ihre persönliche Würde, ihre ganz eigenen Wünsche und Sehnsüchte nicht zerstören lassen, haben es schwerer als die Vögel – Freiheit gibt es keine, Grenzen gibt es viele. „Die Bahnhöfe im Banat waren so eingerichtet, als gäbe es keine Notwendigkeit, irgendwo anzukommen.“ (S. 20) Ankommen? Zukunft? Ziele? Zeit? „Es gab eine Zeit, die vorwärts eilte, und eine Zeit, die rückwärts lief. Eine Zeit, die im Kreis ging, und eine, die sich nicht bewegte, nie mehr war als ein einzelner Augenblick.“ (S. 41) In diesem Roman muss man aufmerksam auf die Zeiten achten, denn sie gehen oft fast unmerklich ineinander über – das schöne Grass-Wort von der „Vergegenkunft“ liegt nahe. Das Pfarrhaus auf dem Lande, in dem Florentine, Hannes und bald auch der kleine Samuel leben, ist manchmal Anlaufstelle für Reisende, die um ein Nachtlager bitten und dann drei Wochen bleiben, so wie es Bene und Lothar tun, zwei angehende Lehrer aus der DDR, die einen Rom-Reiseführer und „eine Kassette mit dem letzten Album der Beatles“ zurücklassen, „in doppeltem Sinn das letzte, die Band hatte sich inzwischen aufgelöst“ (S. 32). Hoppla, wann war das denn? Nicht so wichtig, man lebt mit den Jahreszeiten und den Schafen, mit dem Schweigen und der Omnipräsenz der Gewalt, mit den in der Marosch Ertrunkenen, den Selbstmördern und dem Dorfspitzel. Und mit der in Sprache kondensierten Lebensweisheit von Generationen – eine Spezialität von Iris Wolff, deren dritter Roman gar eine Redensart zum Titel hatte: So tun, als ob es regnet (2017). Wie in diesem Buch, das die Autorin erst so richtig bekannt machte, erzählt sie auch in Die Unschärfe der Welt sprachtrunken und träumerisch, zugleich aber äußerst präzise und angenehm ruhig. Achtsames Erzählen könnte man das nennen. Iris Wolff poetisiert und verrätselt, durchaus im Sinne der Frühromantik und des von ihr besonders verehrten Friedrich Schlegel. Aber sie kann auch anders.

Das zentrale Kapitel „Makromolekular“ berichtet von einer spektakulären Republikflucht per Propellerflugzeug, und hier wird die Autorin ganz konkret. Die perfiden Repressionen des Regimes werden schonungslos geschildert, der Diktator und seine Frau werden mit Namen genannt und in Grund und Boden verdammt – eine derart scharfe und gnadenlose, eine derart sprachgewaltige Abrechnung mit dem „Genie der Karpaten“ (S. 130) gab es bisher nicht. Iris Wolff ist, das zeigt diese vom Drachen-Motiv getragene Fluchtgeschichte, eine eminent politische Autorin. Das belegt auch das „Jupiter“-Kapitel, in dem es um den Herbst und Winter des Jahres 1989 geht und in dem sich einige Familienfäden neu verknüpfen und manche Wahlverwandtschaften sichtbarer werden. „Die Nachrichtensprecherin gab bekannt, dass der Diktator und seine Frau auf der Flucht waren. Samuel fragte, ob er telefonieren könne.“ (S. 171) Am 24. Dezember 1989 hält ihn, die schweigsame und souveräne, seit vielen Jahren im Westen lebende Hauptfigur des Romans, nichts mehr – Dresden, Brünn, Szeged, die Grenze bei Nădlac. „Die Straßen des Dorfes waren verlassen. Alles sah aus wie immer. Und war nicht wie immer.“ (S. 175) Es gibt ein ergreifendes Wiedersehen mit den alt gewordenen Eltern – und mit Samuels Jugendliebe, die ein kleines Mädchen an ihrer Hand hält, Livia, Liv, die nächste Generation. Iris Wolff kann auch Sentiment und Pathos. Sie kann das Fremdeln älterer Rumäniendeutscher in der bundesdeutschen Konsumwelt auf den Punkt bringen – über Livs Urgroßmutter heißt es einmal: „Von bestimmten Dingen ließ sie sich nicht überzeugen, etwa, dass Schwarzkopf-Shampoo nicht nur von dunkelhaarigen Menschen verwendet werden durfte und sie von Tiefkühlkost nicht sterben würde.“ (S. 199f.) Man darf Iris Wolffs Bücher zur interkulturellen Literatur rechnen: Fremd sein, sich fremd fühlen, als fremd betrachtet werden, das ist immer wieder ihr Thema. Fremde Deutsche im Wirtschaftswunderland. „Dazu ihre Kleidung, Strickwesten und Kopftücher, ihre Sprache, immer leicht abweichend vom Hochdeutschen. Das Jackett hieß Rock, der Kühlschrank Eiskasten, der Backofen Rohr.“ (S. 201) Was Iris Wolff auch kann, ohne dass es im Geringsten stört: innehalten, den Erzählfluss unterbrechen, poetologische und philosophische Reflexionen einschalten, Fragen erörtern wie die nach dem Funktionieren von Gedächtnis. Vor allem aber kann sie zaubern, durch traumsichere, taghelle Sprachmagie bezaubern. Am Ende wird nicht alles gut, aber es geht weiter. Immer weiter.

Der russische Gelehrte Jurij Tynjanov hat die Bewertung eines literarischen Werks einmal mit der Bewertung einer Kanonenkugel verglichen: „Die Kugel kann vorzüglich anzuschauen sein – aber nicht fliegen; dann ist sie gar keine Kugel. Oder sie kann ungelenk und hässlich wirken – und fliegen. Erst dann ist sie wirklich eine Kugel.“ Die Unschärfe der Welt ist vorzüglich anzuschauen – und kann fliegen. Die kluge, reflektierte, genaue, dezente und ganz außergewöhnlich sprachsensible Iris Wolff führt uns vor, was Literatur, die ihren Namen verdient, heute sein kann.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments