Editorial 1/2020

Wir haben es wieder einmal geschafft: Unser Heft platzt aus allen Nähten. Und wir freuen uns darüber, denn das zeigt, welche Fülle an Themen und Zugängen unsere von Donau und Karpaten geprägte, europäische Großregion bietet. Pünktlich zum kontroversen hundertsten Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrages von Trianon am 4. Juni 1920, der das Ende des historischen Königreichs Ungarn besiegelte, können wir mit einer aktuellen Bestandsaufnahme zur deutschen Minderheit in Ungarn aufwarten. Und blickt man auf das letzte Jahrhundert (und noch weiter) zurück, lässt sich nüchtern feststellen: Das Verhältnis zwischen dem ungarischen Staat und „seinen“ Deutschen war schon schlimmer. – Was angesichts der bewegten Zeiten jedoch noch keine Jubelmeldung darstellt.

Die Aufsätze des Schwerpunktthemas „Ungarndeutsche heute – Sprache und Zugehörigkeit“, die sich mutatis mutandis in allen Ressorts dieser Ausgabe der Spiegelungen finden, bieten vornehmlich endogene Perspektiven auf die Geschichte und Gegenwart der deutschen Minderheit in Ungarn. Mit Elisabeth Knipf-Komlósi (Budapest) und Claudia M. Riehl (München) konnten wir zwei absolute Expertinnen für die Herausgabe des wissenschaftlichen Schwerpunktthemas gewinnen – dass beide auch über die Gremien des Instituts eng mit dem IKGS verbunden sind, hat die Zusammenarbeit, angeleitet von Ressortchef Tobias Weger, zu einem besonderen Vergnügen gemacht.

Ein Grund, warum die aktuellen Spiegelungen ausgesprochen gehaltvoll geworden sind, liegt auch im zweiten Themenfokus dieses Heftes. Unter der Federführung von Angela Ilić nähern wir uns der Europäischen Kulturhauptstadt 2020 an: Rijeka (ital. und ung. Fiume, dt. Sankt Veit am Pflaum) wird es unter den gegebenen Umständen nicht leicht haben – umso wichtiger, sich dieser geschichtsträchtigen Hafenstadt an der Kvarner-Bucht zumindest „aus der Ferne“ anzunähern und ihr den Platz einzuräumen, der ihr gebührt. Der „Fokus Rijeka“ wird in der Ausgabe 2/2020 weitergeführt. Ein Aufsatz über den siebenbürgisch-rumänischen Philosophen Lucian Blaga, dessen originelles Denken auch vom deutschen Fachdiskurs geprägt wurde, ergänzt die Vielfalt der thematischen und methodischen Zugriffe.

Unsere Literatur-Redaktion unter der Leitung von Enikő Dácz bietet uns wie gewohnt Lesegenuss auf hohem Niveau. Mit Lucian Hirsch, Christian T. Klein, Angela Korb und  José F. A. Oliver finden sich wieder einige in den Spiegelungen „neue“ Gesichter! Und noch eine weitere „Premiere“ dürfen wir publizistisch flankieren, nämlich den für 2020 erstmals ausgelobten Rolf-Bossert-Gedächtnispreis. In „Kleines Neurotikon“ meint das lyrische Ich des Preisträgers Alexander Estis, es bliebe lieber „in der Fruchtblase“, denn es „habe ja gar nichts zu berichten“. Wir finden: Gut, dass er/es doch ‚hervorgetreten‘ ist. Das meinen auch Hellmut Seiler, der Spiritus Rector des Preises, und die Juryvorsitzende Nora Iuga.

Im Feuilleton, das von Angela Ilić betreut wird, tauchen wir noch einmal in die Mythologie von Fiume/Rijeka ein und nehmen en passant auch noch Triest mit, werfen einen Blick auf die Notkirchen der Nachkriegszeit, die auch Vertriebenen und Flüchtlingen zu einer spirituellen Heimat geworden sind. Bevor noch einmal das Schwerpunktthema aufgegriffen wird und die beiden bedeutenden Dialektforscher Katharina Wild und Karl Manherz zu Wort kommen, wenden wir uns erneut der Literatur zu: Klaus Hübner interviewt unsere treue Spiegelungen-Autorin Iris Wolff, nicht zuletzt anlässlich ihrer jüngsten Auszeichnung, des Marieluise-Fleißer-Preises. Ein schöner Aspekt dabei: Klaus Hübner fungiert auch als ihr Laudator im Rahmen der Preisverleihung in Ingolstadt. Und noch eine Art von „Crossover“ scheint sich in den Spiegelungen zu etablieren: Personalia, ob nun aus festlichen oder traurigen Gründen, finden ihre Ausdrucksform zunehmend in literarischen Beiträgen. Eine schöne Form, Mensch und Werk zu würdigen.

Viel Freude beim Lesen wünscht
Ihre
Spiegelungen-Redaktion

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2020), Jg. 15, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 7–8.

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