Mit unserem Schwerpunktthema „Ästhetik der Mehrsprachigkeit – Südosteuropäisch-deutsche Sprachkunst“ zeigt sich einmal mehr, wie produktiv und zukunftsweisend die Auseinandersetzung mit den großen Sprachthemen unserer Zeit – Multilingualität, Interkulturalität und Übersetzung – sein kann. Die beiden Herausgeberinnen, Prof. Dr. Gesine Lenore Schiewer, eine der führenden Persönlichkeiten im Bereich der Interkulturellen Germanistik, und unsere Kollegin Dr. Enikő Dácz, ebenso eine ausgewiesene Expertin für vielsprachige Literatur, präsentieren hier keinen „Reigen“ wissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit der Thematik, sondern ein kohärentes Paket von aufeinander bezogenen und sich ergänzenden Beiträgen zu „unserem“ Donau-Karpaten-Raum. Es handelt sich um eine kritische Auseinandersetzung mit Aspekten (naturgemäß auch inszenierter) literarischer Mehrsprachigkeit und Interkulturalität, deren „konstruktiver Charakter“ (Roman Mikuláš) jedoch stets ein zentrales Thema bleibt. Christina Rossis neues Projekt zu Herta Müllers früher Lyrik, das sie in der „Projektwerkstatt“ vorstellt, fügt sich in diesen Zusammenhang lückenlos ein. Im wissenschaftlichen Ressort wird außerdem mit dem Beitrag Natalia Masijans zu den Beständen im Staatsarchiv des Czernowitzer Gebiets unsere Reihe zu Archiven im Donau-Karpaten-Raum fortgesetzt. In der Rubrik „Quellen“ werden Claus Stephanis vielschichtige „Marginalien für einen Werkstattbericht“ weitergeführt und abgeschlossen.

Nur selten gelingt es, wissenschaftliches Schwerpunktthema und Literatur so in Einklang zu bringen wie in dieser Ausgabe. Während sich die Analysen zur Mehrsprachigkeit wie Gebrauchsanweisungen zu den Texten von Maja Haderlap, Barbi Marković, Thomas Perle und den weiteren Autoren lesen lassen, sind die literarischen Beiträge wiederum geeignet, die Forschungsergebnisse anschaulich zu machen. Sie stehen jedoch gleichzeitig, wie eben seriöse Literatur sein kann, für sich allein. Auch Ilse Hehns Titelbild – inklusive zugehörigem Gedicht „Palimpsest II“ – trifft thematisch ins Schwarze. Dass wir darüber hinaus die Autorinnen und Autoren Dimitré Dinev, Robert Balogh, Ilma Rakusa (Kleist-Preis 2019!), Robert Gabriel Elekes, Kristiane Kondrat, Carmen Elisabeth Puchianu (die Horst Samson zum Geburtstag gratuliert), Hellmut Seiler und Alexandru Bulucz (der wie Hellmut Seiler und viele weitere Werner Söllner gedenkt) gewinnen konnten, zeugt nicht nur vor der großen Vielfalt des Schreibens an den und über die Sprachgrenzen hinweg, sondern erinnert auch an die Färbungen, die das Deutsche, sei es Mutter-, Wahl- oder Herzenssprache, annehmen kann (und soll): mit schweizerischem oder österreichischen Einschlag, mit rollendem ‚r‘ oder ohne.

Gerhild Wächter hat sich von diesen Texten zu einem Zyklus von Scherenschnitten inspirieren lassen. Und die slowenische Germanistin Mira Miladinović Zalaznik fasst im Feuilleton ein heißes Eisen an. Hinter dem harmlos anmutenden Titel „Barone von Maasburg in Slowenien“ rollt sie eine bislang meist verschwiegene Geschichte von Flucht, Vertreibung und Enteignung auf. Mehr davon bitte, es ist an der Zeit.

Anregende Lektüre wünscht
Ihre
Spiegelungen-Redaktion

 

Zuerst erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2019), Jg. 14 (68), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 7–8.