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Elazar Benyoëtz: Ein Porträt aus Briefen | Rezension

Friedemann Spicker (Hg.) unter Mitarbeit von Angelika Spicker-Wendt: Beziehungsweisen. Elazar Benyoëtz: Ein Porträt aus Briefen. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag 2019. 381 S.

Von Klaus Hübner

 

Am 10. Januar 2013 schreibt Elazar Benyoëtz an die Lektorin Riccarda Tourou: „[…] unleugbar spielten die Briefe in meinem Leben und Werk eine entscheidende Rolle“ (S. 20). Genau das betont auch Friedemann Spicker, ein langjähriger Freund und Förderer des Dichters und Verfasser des Standardwerks Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert, in seiner Einleitung zu diesem umfangreichen Band, der signifikante Auszüge aus einem Korpus von fast 700 Briefen von dem und an den wohl bedeutendsten deutschsprachigen Aphoristiker der Gegenwart versammelt. Die Briefe stammen aus den Jahren 1966 bis 2016. Unter den auf nicht weniger als vierzehn Seiten vorgestellten Briefpartnern sind bedeutende Gelehrte wie Alexander von Bormann, Hans Otto Horch, Stefan Kaszyński, Jürgen Manthey, Friedrich Pfäfflin, Ulrich Sonnemann, Jürgen Stenzel, Harald Weinrich oder Conrad Wiedemann, aber auch Dichterkolleg(inn)en wie Erika Burkart, Walter Helmut Fritz, Albrecht Goes, Ingeborg Kaiser, Michael Krüger, Manfred Sturmann oder Silja Walter. Runden sich die in diesem Buch zusammengestellten, in ganz unterschiedlichen Kontexten stehenden Texte zum angestrebten „Porträt aus Briefen“?

Der 1937 als Paul Koppel in Wiener Neustadt geborene und Ende 1939 mit seinen Eltern nach Palästina gelangte Dichter, der mit dem literarischen Schreiben in seiner „Muttersprache Hebräisch“ angefangen hat und seit 1969 meistens in seiner „Vatersprache Deutsch“ publiziert, gilt als einer der großen jüdischen Philosophen, Theologen und Literaten unserer Zeit. „Wäre ich nicht Dichter, ich wäre längst untergegangen“, schreibt er am 15. Februar 2007 an den Herausgeber. „Vom Überleben abgesehen, verdanke ich alles in meinem Leben der Poesie.“ (S. 136) Die Hauptthemen seines umfangreichen dichterischen Werks, das im Anhang bibliografisch erfasst ist, sind Sprache, Vergänglichkeit, Erinnerung und Glauben – nach der Shoah. Spicker verweist auf Benyoëtz’ „Konzept der Verbindung hebräischer Weisheitslehre und deutscher Aphoristik“ (S. 8) und stellt heraus, dass die Briefe „integraler Bestandteil seiner Vorstellung der Gattung ‚Buch‘ als einer Komposition von Mischtexten aus Aphorismus, Tagebuch und Gedicht, aus Zitaten und eben Briefauszügen“ sind (S. 11). Benyoëtz hat einen emphatischen, absoluten, manchmal wie aus der Zeit gefallen erscheinenden Begriff von Dichtung. Das Wichtigste an seinen Texten ist der Denkraum, den sie oft mit nur wenigen Worten öffnen. Das gilt auch für seine Briefe.

Was es bedeutet, nach dem brutalen Einschnitt des Holocaust im 20. und 21. Jahrhundert Jude zu sein, kann man aus den Briefen von Elazar Benyoëtz vielleicht noch intensiver erfahren als aus seinen Aphorismenbänden. Vor allem verdeutlicht dieses Buch, dass der Dichter auch ein äußerst kenntnisreicher Philologe und Literaturhistoriker ist, der die deutschsprachige Literatur nicht nur seiner Zeit mit jüdischen Augen betrachtet. „Ich bin Jude und will als Jude wahrgenommen werden“, schreibt er am 20. Oktober 2002 an die Theologin Johanna Erzberger, „aber ich schreibe darum doch nicht als Jude und nicht nur für Christen, obwohl ich für sie möglicherweise erst als Jude interessant bin“ (S. 131). Welchen Gewinn seine ungewohnte, bisweilen vielleicht sogar fremd anmutende Sicht auf die deutschsprachige Geisteswelt darstellt, wird vor allem dort deutlich, wo es – nachdem man zunächst einige seiner Briefe über den Brief als „gerichtetes Wort“ gelesen hat (Teil I) – um das „Netz der Beziehungen“ geht (Teile II–V). Das Bild von Annette Kolb, deren Israel-Reise Benyoëtz mitorganisiert und begleitet hat, gewinnt an Prägnanz. Seine Einschätzungen so unterschiedlicher Literaten und Gelehrter wie Ludwig Strauß, Max Rychner, Werner Kraft, Marcel Reich-Ranicki, H. G. Adler, Peter Handke oder Ludwig Hohl sind allemal nachdenkenswert, wie vertrackt-dialektisch sie manchmal auch daherkommen. Über den Schweizer Schriftsteller und Theologen Kurt Marti äußert sich Benyoëtz in einem Brief an Hans-Jürg Stefan vom 14. Dezember 2015 folgendermaßen: „Du weißt, dass ich ihn schätze und nun auch liebe, ich bin ziemlich blind für ihn, aber ich bin nicht blind gegen seine Schwächen, auch in den ‚Notizen‘ gibt es Entbehrliches, das ‚man‘ nicht gern entbehrte, weil dies sein Charme ist: sich möglichst viel vorzunehmen und nicht nachzulassen.“ (S. 92) Beeindruckend ist die immer wieder auf neue Art und Weise lebendige Auseinandersetzung mit Georg Christoph Lichtenberg, Annette von Droste-Hülshoff, Conrad Ferdinand Meyer, Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Elias Canetti und anderen Großen der deutschsprachigen Literatur. Immer wieder Edelsteine aus Sprache: „Gottfried Benn ist ein Stein des Anstoßes, kein Stolperstein der Poesie.“ (S. 61) Immer wieder auch differenzierte und zugleich klare Urteile, zum Beispiel über den Germanisten und Schriftsteller Ernst Bertram: „Er hatte etwas zu sagen, immer auf einer Leiter stehend, hochgreifend, während seine Seele sümpfelte. Er war von Rang und hatte kein Niveau – wie so viele Nazigelehrte aus Kaiserzeiten.“ (S. 72) Viele heute fast vergessene Künstlernamen tauchen auf – die Belesenheit des Autors scheint unendlich zu sein. Niemals steht die Person im Mittelpunkt, immer ist es das dichterische Kunstwerk, die dichterische Sprache – „eine zu genaue Kenntnis der Biographie ist immer eine schlimme Voraussetzung zur literarischen Würdigung“ (S. 84). Welchem Kosmos des Geistes Elazar Benyoëtz verpflichtet ist und aus welchen Quellen er schöpft, gerät niemals aus den Augen – manchmal evoziert ein einziger Satz längst versunkene, von der Mordmaschinerie des 20. Jahrhunderts radikal ausgelöschte Geisteswelten: „Ich war keinem jüdischen Intellektuellen begegnet, dem Jean Paul nicht von Kindheit an vertraut und also geliebt war.“ (S. 116)

Der zweite große Textblock (Teile VI–X) versammelt Briefe, die sich in engerem Sinne auf das poetische Werk und das Selbstverständnis des Dichters beziehen. „Der Leser muss aus meinen Büchern sein Bestes machen, mein Bestes machte ich schon“, heißt es in einem Brief an den Freiburger Romanisten Hans-Martin Gauger vom 24. Januar 2008 (S. 181). Im Briefwechsel mit Gauger erörtert Benyoëtz auch die Situation der deutschen Sprache nach dem Holocaust: „Nimmt man’s aber genau, dann war es die deutsche Sprache, die den Krieg, nein – den Sieg für immer verloren hat. Ich weiß nicht, wie groß ihre Aussichten waren, Weltsprache zu werden, aber sie war eine ehrliche Kandidatin, und gerade die Juden, mit, durch, aus ihrem Jiddisch und sonstigen Sympathien hätten ihr dazu gern verholfen. Jetzt schreiben die Germanisten englisch und ‚Deutsch als Fremdsprache‘ wird nur schüchtern großgeschrieben […] Man kann nicht den Menschen, das einzige Sprachorgan, vernichten und die Sprache heil für sich behalten. Was man an Menschen vernichtet, geht auch als Sprache verloren.“ (S. 187f.) Elazar Benyoëtz’ Briefe über sein Verständnis von Arbeit mit Sprache, über seine Präferenz für den Aphorismus – „Aphoristik greift an und weicht zurück, sie ist eine Gattung nicht unter anderen, sondern zwischen anderen, sie eignet sich von allem etwas an“ (S. 205) – und über die wichtigsten eigenen Publikationen geben zahllose intellektuelle Anregungen und runden das Bild des in Deutschland noch immer wenig bekannten israelischen Dichters aufschlussreich ab. Ein kurzes, aber wichtiges Kapitel (Teil IX) gilt dem Stellenwert, den öffentliche Lesungen für Benyoëtz haben – „Meine Lesungen sind Werke für sich“, betont er gegenüber Friedemann Spicker (S. 305). „Die Lesungen sind mein wichtigstes Werk, sie wirken nach; noch wirken sie.“ (S. 307)

In seinem luziden Nachwort rechtfertigt der Herausgeber auch den Titel, den er seinem wunderbar gelungenen „Porträt aus Briefen“ gegeben hat – der Titel stehe für „Beziehungs-Weisen“ mehrfacher Art, „zunächst für Benyoëtz’ Beziehung zur Gattung Brief selbst, sodann zur Literatur in Vergangenheit und Gegenwart sowie zu ästhetischen, poetologischen und (nicht zuletzt) religiösen Fragen, schließlich zu den Partner(inne)n wie auch zum eigenen Werk“ (S. 336). Beziehungsweisen öffnet Zugänge zu einem geistigen Kosmos, den kennenzulernen ein Geschenk ist.

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